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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 6
(2005), Heft 1
Gabriele von Bassermann-Jordan: "Schönes Leben! Du lebst, wie die zarten Blüthen im Winter ..." Die Figur der Diotima in Hölderlins Lyrik und im "Hyperion"-Projekt: Theorie und dichterische Praxis, Königshausen und Neumann Verlag, Würzburg 2004, ISBN 3-8260-2550-4, 29,80 €
Anke Bennholdt-Thomsen / Alfredo Guzzoni Analecta Hölderliniana II. Die Aufgabe des Vaterlands, Königshausen und Neumann Verlag, Würzburg 2004, ISBN 3-8260-2713-2, 28 €
Das Buch Bassermann-Jordans ist eine für die Publikation "geringfügig überarbeitet[e]" (Vorwort) Dissertation. Deswegen ist es auch nicht verwunderlich, dass sie sich ihrem eigentlichen Gegenstand erst nach einer 80-seitigen Vorbereitung nähert. Zunächst betrachtet die Autorin "Platons Bestimmung von Liebe und Schönheit", Kants Kritik der Urteilskraft, "Friedrich Schillers Versuche, einen objektiven Begriff der Schönheit aufzustellen" und schließlich Johann Gottlieb Fichtes Grundlage der gesamten Wissenschaftslehre von 1794. Natürlich könnte eine solche Darstellung der geistigen Tradition, in der Hölderlin sich bewegt, äußerst interessant sein. Aber gleich die Resultate von Bassermann-Jordans Platon-Lektüre gehen über einen schul-referathaften Abriss nicht hinaus, der zudem in seltsam unangemessenen Formulierungen vorgebracht wird: "Drittens: Die platonische Bestimmung des Schönen [im Symposion] berücksichtigt das Objekt und das Subjekt gleichermaßen. Das endliche Schöne ist unabhängig von der unendlichen Idee des Schönen, die ihm maximale Stabilität verleiht, nicht denkbar. Das Schöne hat also einen metaphysischen Bestimmungsgrund, es ist ontologisch schön" (S. 36).

Das ist banal, trägt mithin zur Sache gar nichts aus. Es ist, als verharrte die Sprache in bloßer Formelhaftigkeit und gelangte so gar nicht zu dem, worüber sie spricht. Leider ist dieses Beispiel symptomatisch. Betrachten wir kurz, wie Bassermann-Jordan untersucht, in welcher Weise Hölderlin den Begriff der "intellectualen Anschauung", der für die Ästhetik von Klassik und Romantik gleichermaßen wichtig ist, verwendet: "Das Seyn kann jedoch nicht als Objekt der intellectualen Anschauung verstanden werden, zum einen, da es der Spaltung von Subjekt und Objekt vorausliegt, zum anderen, da sich die intellectuale Anschauung nicht auf Objekte richtet [das ist aber dasselbe]. Die Bedeutung der intellectualen Anschauung ist also dahingehend zu präzisieren, daß sie das exzentrische Ich des Gegründetseins im Ganzen des Seyns versichert" (S. 123). Wie präzisiert man eine Bedeutung? Auch hier wieder treten Worthülsen an die Stelle wirklicher Überlegung: etwas ist kein "Objekt der intellectualen Anschauung", weil diese sich "nicht auf Objekte richtet".
Die Diotima-Kapitel der Arbeit zeigen nun drastisch, dass Bassermann-Jordan im Eigentlichen nicht weiß, wovon sie handelt: "Nun ist es Diotima, die Hyperion für seine Stabilisierung instrumentalisieren will - wie er selbst bestätigt" (S. 135); das mag sich auf die Ansichten von Marlies Janz ("Hölderlins Flamme - Zur Bildwerdung der Frau im "Hyperion"", s. Anm. 119) beziehen, es geht in jedem Fall an der Hölderlinschen Intention völlig vorbei. Und was soll man nur zu Sätzen wie dem folgenden sagen: "Der Schwung, der der Platonischen Auffassung der Liebe eigen ist, findet sich noch im Hyperion wieder" (S. 139)? Gemeint ist sicherlich der "Schwung" (du meine Güte!), der nicht der "Auffassung" Platons von der Liebe, sondern der nach der Auffassung Platons der Liebe zukommt. So auch an anderen Stellen: "Diotima verkörpert nun zwar das Schöne, sie ist jedoch textintern ein schöner Mensch..." (S. 138), oder: "Während seiner [Hyperions] Abwesenheit soll sie ihre Schönheit konservieren, die er später unverändert wieder antreffen möchte" (S. 140). Wen wundern nun noch solche Resultate der Bassermann-Jordanschen Untersuchungen: "Aus der Interpretation der Strophen eins und zwei wird nochmals deutlich, daß die Schönheit der Diotima im Gedicht in erster Linie hinsichtlich der Wirkung auf das lyrische Ich von Interesse ist", und: "Die Strophen 13 - 15 thematisieren den neuen Aspekt in der Gestaltung der Diotima-Figur gegenüber der Diotima-Handlung in den Hyperion-Texten" (S. 161)?
So etwas ist erschütternd, umso mehr, als die Verfasserin sich im Vorwort ausdrücklich für die intensive Betreuung ihrer Arbeit durch Prof. Dr. Hartmut Reinhardt (Trier) und Prof. Dr. Gerhard Lauer (Göttingen) bedankt, womit sich die Frage aufwirft, ob die Resultate der Pisa-Studie nicht gleichfalls für Doktoranden und Professoren gelten. In jedem Fall zeichnen die "Ergebnisse" des vorliegenden Buches ungewollt ein verheerendes Bild von dem, was heute "wissenschaftliche Forschung" heißt.
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In den "Analecta" soll der Nachweis erbracht werden, dass "Hölderlin in den Gedichtfragmenten des Spätwerks seine Auffassung von Möglichkeit und Zukunft des Vaterlands radikal ändert" (S. 7). Die Verfasser untersuchen also besonders die Zeit "von 1803 bis 1806" (ebda.). Die Schlussfolgerung des Nachworts lautet: "Mehr und mehr erscheint der Mensch nicht als Subjekt der Geschichte, sondern als Objekt eines Geschehens, das nicht in seiner Macht liegt und das auch seine Einsicht überfordert, dem gegenüber er nur ein passives Verhalten einnehmen kann. Galt das für den Menschen überhaupt, so jetzt nicht minder für den Dichter, der seiner überlegenen Position insofern verlustig gegangen ist, als er nicht mehr über eine Perspektive verfügt, die eine Übersicht ermöglicht" (S. 206). Weder lägen jedoch die Gründe eines solchen Sinneswandels in den "gesellschaftlich-politischen Zuständen" (S. 203), noch etwa in einer "nur persönlichen, subjektiven Enttäuschung" (ebda.). Worin aber dann? Nach den Untersuchungen Bennholdt-Thomsens und Guzzonis beruht diese erhebliche Akzentverschiebung auf einer "Veränderung der Erfahrung"; "dieser Sachverhalt [bedinge] auch in gewisser Weise ein Versagen der bisherigen lyrischen Sprache, der Dichtung selbst" (S. 204).

Wesentliche Themen Hölderlins erführen so eine Verlagerung: "Der Götterkampf als Folie für Bildung und Einrichtung der Erde in natur- und menschheitsgeschichtlicher Hinsicht bleibt in seinem Ausgang offen, denn die betreffenden Gedichtentwürfe brechen da ab, wo der eigentliche Kampf erst beginnen sollte" (ebda.), und es finde sich eine "zunehmende Einbeziehung des unterirdischen Göttlichen, das im Bezug auf die Himmlischen als Widergöttliches auftritt, in das Naturgeschehen. Den abgründigen Gegenkräften im Naturganzen erweist sich selbst der höchste Gott als gewissermaßen ratlos gegenüber" (S. 205). "Die gewisse Desorientierung der oberen göttlichen Sphäre selbst, [...] entspringt der erst jetzt schärfer ins Auge gefassten Dissonanz der göttlichen Natur" (ebda.).
These und Verfahrensweise der Autoren sollen an einem ausgewählten Beispiel überprüft werden, nämlich an ihrer Interpretation von Hölderlins "Der Adler".
Der Adler
Mein Vater ist gewandert, auf dem Gotthard, / Da wo die Flüsse, hinab, / Wohl nach Hetruria seitwärts, / Und des geraden Weges / Auch über den Schnee, / Zu dem Olympos und Hämos, / Wo den Schatten der Athos wirft, / Nach Höhlen in Lemnos. / Anfänglich aber sind / Aus Wäldern des Indus, / starkduftenden, / Die Eltern gekommen. / Der Urahn aber / Ist geflogen über der See / Scharfsinnend, und es wunderte sich / Des Königes goldnes Haupt / Ob dem Geheimnis der Wasser, / Als rot die Wolken dampften / Über dem Schiff und die Tiere stumm / Einander schauend / Der Speise gedachten, aber / Es stehen die Berge doch still, / Wo wollen wir bleiben? / Der Fels ist zu Weide gut, / Das Trockne zu Trank. / Das Nasse aber zu Speise. / Will einer wohnen, / So sei es an Treppen, / Und wo ein Häuslein hinabhängt, / Am Wasser halte dich auf. / Und was du hast, ist / Atem zu holen. / Hat einer ihn nämlich hinauf / Am Tage gebracht, / Er findet im Schlaf ihn wieder. / Denn wo die Augen zugedeckt, / Und gebunden die Füße sind, / Da wirst du es finden. / Denn wo erkennest,
Bei einer ersten Lektüre finden sich wohl immer zwei gegensätzliche Eindrücke beieinander: derjenige einer beinahe völligen Unverständlichkeit und der andere einer unmittelbar gespürten höchsten Bedeutung. Bennholdt-Thomsen und Guzzoni erläutern zunächst: "Da mit dem Gotthard hier nicht nur das Gebirge, von dem die Flüsse entspringen, sondern der Pass, die Passstraße zur Überquerung gemeint ist, bietet die Präposition 'auf' ("auf dem Gotthard") keine Deutungsschwierigkeit. - "Da wo die Flüsse" ist ein Anakoluth; zu ergänzen ist sinngemäß: entspringen. "hinab und "seitwärts" sind keine Richtungsangaben hinsichtlich des Flussverlaufs - das ergäbe den Widersinn, dass alle dem Gotthard entspringenden Flüsse nach Italien führen -, sondern hinsichtlich der Wanderung des Adler-Vaters. - Der Wanderweg nach Etrurien, das für Italien steht, führt von der Passhöhe hinab; er ist insofern als "seitwärts" bestimmt, als er hinsichtlich des Ziels einen Umweg bedeutet im Vergleich zum geraden Weg, der unmittelbar nach Griechenland führt. - Mit Trakien ("Hämos") und den "Höhlen in Lemnos" sind ohne Zweifel Orpheus einerseits und und Philoktet andererseits konnotiert" (S. 62, Anm.).
Diese Bemerkungen sind äußerst hilfreich. Sie erschließen zunächst einige Verständnisvoraussetzungen des Gedichts. Was jedoch ist überhaupt mit dem "Adler" und seinen Wanderungen gemeint? Die Antwort der Autoren lautet: "Es liegt nahe, die verschiedenen Adlergenerationen allegorisch für die Deutschen und deren Herkunft aufzufassen. Nach allgemeiner, unter anderen von Herder vertretener Auffassung stammen die germanischen Stämme aus Asien, der Wiege der Menschheit. Ist Asien, spezifisch Indien, gemäß der Naturgeschichte der Menschheit als Herkunftsort der Deutschen anzusetzen, so entspräche dies der anfänglichen Herkunft der Adler-Eltern "Aus Wäldern des Indus". Ihre Ansiedlung nördlich der Alpen fiele in vorgeschichtliche Zeit. Zur geschichtlichen gehörte hingegen der Flug des Vaters, der vielleicht die Völkerwanderung repräsentierte" (S. 64 f). Aber die Überprüfung der weiteren Angaben ergibt keinen wirklichen Sinn, sodass das Fazit schließlich lautet: "So sehr diese oder ähnliche Vorstellungen über den Prozess der menschlichen Geschichte und Kultur dem Fragment zugrundeliegen, so wenig lässt sich Hölderlin eine plane Allegorese zumuten" (S. 66). Dieser Prozess werde "gelenkt und bestimmt von einer die Menschen übertreffenden Instanz, der allerdings weder Transzendenz noch der Charakter nicht irrender Vorsehung zukommen; vielmehr können sich durch diese Instanz Unvorhersehbarkeit und Kontingenz der Geschichte steigern. Die Rolle des Adlers bei Hölderlin liegt darin, Bote des höchsten Gottes zu sein [...]. [...] Darum aber hören die Adler nicht auf, reale Vögel zu sein; ihr Adlersein behält eine Signifikanz in sich, die nicht mit der Annahme von Allegorese oder Symbolik verschenkt werden darf" (ebda.).
Zunächst will es scheinen, als hingen diese Schlussfolgerungen ("weder Transzendenz...") in der Luft; und inwiefern meint "seitwärts" einen Umweg, wohingegen der "gerade[...]" Weg "auch über den Schnee" führt? Ursprünglich kommen die Götter-Vögel "aus Wäldern des Indus", dem Anfangsort des Geistes, und fliegen nach Westen, bzw. nach Norden; der "Vater" jedoch nimmt den Weg zurück zu den Ursprüngen. Er "ist gewandert" - "auf" dem Gebirge und "hinab", "seitwärts", "und des geraden Weges" und vereinigt solchermaßen schon die ungeheure Verbindung von Gegensätzen, die sich im zweiten Teil des Gedichts findet. Die "Flüsse", die auf dem Gotthard entspringen, sind selber göttlich und fassen in ihrem einmal gehemmten, dann wieder fortströmenden Verlauf (vgl. etwa "Der gefesselte Strom") die Schicksale von Völkern und Kulturen. Der Ort ihres Entspringens ist heilig und eine Ursprungszone, die in unmittelbarer Verbindung mit der früheren, "indischen", steht. Von hier aus kann der Adler "wandern", also einen Weg nehmen, der die geistigen Bereiche der Menschheitsentwicklung - dies und nichts anderes sind ihre wesentlichen Stationen - erneut verknüpft.
"Auf" und "hinab" sind in einem mythisch-numinosen Zugleich, das den normalen Zeitverlauf aufhebt; ebenso führt der Weg gleichermaßen "hinab ... seitwärts": beides steht in Opposition zum "geraden Weg" - nach Italien, wie nach Griechenland. Der gerade Weg nämlich verbindet die Gipfel unmittelbar: "Im Finstern wohnen / Die Adler und furchtlos gehn / Die Söhne der Alpen über den Abgrund weg / Auf leichtgebaueten Brücken. / Drum, da gehäuft sind rings / Die Gipfel der Zeit, und die Liebsten / Nah wohnen, ermattend auf / Getrenntesten Bergen, / So gib unschuldig Wasser, / O Fittige gib uns, treuesten Sinns / Hinüberzugehn und wiederzukehren" ("Patmos") - gegen Beissner, der zu "Die Söhne der Alpen" erläutert: " Sicherlich sind darunter nicht auch die Adler zu verstehn, sondern die menschlichen Bewohner der Alpen" (Kleine Stuttgarter Ausgabe, Bd. II, S. 456), ergibt die Zusammensicht beider Stellen, dass der Adler ebenso dem längeren (geschichtlichen) Umweg "hinab" folgt, wie er direkt "zu dem Olympos und Hämos" fliegt. Eine Erläuterung von Bennholdt-Thomsen und Guzzoni zu "Das nächste Beste" ermöglicht ein Verständnis des von Hölderlin Gemeinten. Zu: "Wohnsitze sind da freundlicher Geister, die / Zusammengehören..." führen sie aus: "Solche Figuren vergangener deutscher Geschichte [damit ist etwa auch der Winkel von Hardt gemeint] hätte Hölderlin an dieser Stelle der ersten Niederschriftstufe als 'freundliche Geister' und deren Wirkstätten als 'Wohnsitze' zusammengefasst..." (S. 159) Die "Gipfel der Zeit", "Hämos", das Gebirge im nördlichen Trakien, in dem Kalliope Orpheus gebiert, sowie der Athos und auch der Olymp und schließlich die "Höhlen in Lemnos", in denen der ausgesetzte Philoktet wohnte, sind heilige Stiftungsstätten des Geistes, miteinander durch einen gemeinsamen Inspirations-Fluss verbunden. Hölderlin entwirft eine Landkarte des Numinosen, deren im Eigentlichen unsichtbare Orte gleichermaßen räumliche und zeitliche Konnotationen besitzen.
Der Weg des Adlers zurück zu diesen Stätten, die "ein groß Schicksal" ("Der Winkel von Hardt") bergen, ist der der Erinnerung, die zu einer höheren Gegenwärtigkeit wird. In ihr erscheint nun das Ursprüngliche schlechthin: "Der Urahn aber / Ist geflogen über der See / Scharfsinnend, und es wunderte sich / Des Königes goldnes Haupt / Ob dem Geheimnis der Wasser". Bennholdt-Thomsen und Guzzoni erläutern hierzu: "Der Urahn [...] flog damals, in einer unbestimmten Vergangenheit, überm Meer und wunderte sich über dessen Zustand [...]" (S. 66). Die Rede sei von der biblischen Sintflut, das "Schiff" also die Arche Noah. Das mag richtig sein, ohne doch das "Geheimnis" der Wasser wirklich in den Blick zu nehmen. Der zweite Teil des Gedichts (wenn es sich denn um dasselbe Gedicht handelt, vgl. hierzu S. 67) spricht noch einmal vom Wasser: "Am Wasser halte dich auf", weil es nämlich das Geheimnis der Existenz und Seinsweise des Geistes schlechthin enthält. Mit "Als rot die Wolken dampften / Über dem Schiff ..." deutet Hölderlin sicherlich nicht, wie Beissner meint, auf die "ersten der rettenden Gottheit dargebrachten Brandopfer[...] (a. a. O. , S. 484); in den "Analecta" steht hierzu: "Denn der Adler erlebt die Überflutung in der Phase, als sich die Wasser schon zurückziehen. Einerseits liegt dies im roten Dampfen der Wolken beschlossen: Die Sonne scheint bereits durch sie hindurch und erwärmt das Wasser, das verdampft; andererseits ragen schon Bergspitzen hervor, die gegen die Bewegtheit der See als 'stillstehend' (V. 22) bestimmt werden" (S. 67). All das mag richtig sein, und ist es doch nicht, wenn man bei der Nachzeichnung eines solchen quasi-realistischen Bildes stehenbleibt und nicht zu seiner geistigen Bedeutung durchdringt.
Betrachten wir zunächst, wie Bennholdt-Thomsen und Guzzoni die Verse der zweiten Gedichthälfte deuten. Die Tiere auf dem "Schiff", der Arche, hätten, als sie "stumm / [...] /Der Speise gedachten", an die "zur Neige gehenden Vorräte" (S. 68) gedacht. Die "Bleibe-Frage" ("Wo wollen wir bleiben?") jedoch werde nicht von ihnen, sondern vom Adler: "sich und seine Zeitgenossen, seine gegenwärtige Sippschaft in "wir" zusammenfassend", gestellt und beinhalte: "Was ist mit uns? Was soll aus uns werden? Wo sollen wir hin? Wollen wir denn bleiben, wo wir sind? Nämlich in Deutschland, wo die Vorfahren ehemals ankamen? [...] Die früheren Wanderbewegungen waren eben Auftragserledigungen im Dienste des höchsten Gottes; wohin weist unser - der Gegenwärtigen - Auftrag? [...] Ist dieses Land der Aufnahme einer göttlichen Botschaft noch fähig? Müssten wir wie die Vorfahren nicht anderswohin aufbrechen, um dort zu bleiben?" (S. 68f)
Sähen die Verfasser richtig, so schlösse sich logisch an: "Nimmt man, wie gesagt, an, dass die Adlergenerationen im Auftrag des höchsten Gottes Boten und Anzeichen einschneidender natur- und menschheitgeschichtlicher Wandlungen gewesen sind, so stellt der letzte dieser Generationskette fest, dass Stillstand eingetreten ist [...]" (S. 69).
Die folgenden Verse: "Der Fels ist zu Weide gut ..." passen jedoch nach Ansicht von Bennholdt-Thomsen und Guzzoni besser zu "Landtieren" (S. 70). Die folgenden Erläuterungen heben nun, wie wir sehen werden, die paradoxen Sprachstrukturen Hölderlins, "die hier aber unserer Meinung nach funktionslos wären" (ebda.) auf. Man höre: "Mit dem 'Felsen' ist nicht Gestein in Form eines einzelnen Blocks oder eines ganzen Bergs gemeint, sondern die Erde als Land, als Festland [...]. So verstanden ist der zur Weide geeignete Fels nichts Paradoxes, sondern für die Tiere, die lange vom Meer umschlossen gewesen, eine tröstliche Feststellung. "Das Trokne" meint ebenfalls den Erdboden, der sich zum Trank eignet, weil auf ihm sich Süßwasser findet. [...] Der dritte Vers scheint allerdings [...] reine, aus der Umkehrung des vorigen sich ergebende Paradoxie zu sein. [...] Nach diesem Deutungsversuch hätte Hölderlin, dessen meteorologische Kenntnisse ohnehin beträchtlich waren, eine bestimmte Niederschlagsart als zur Speise geeignete im Blick gehabt" (S. 71 f). Immerhin schlussfolgern die Verfasser, dass diese Deutung zwar sachlich, nicht aber formal überzeugen könne, weil sie "die offenkundig angestrebte Parallelität der drei Verse" (S. 72) störe.
Das Fazit der beiden Autoren lautet: "Nicht nur das idyllisch anmutende Wohnen am Wasser ist von resignativem Charakter gefärbt, weil es einem Rückzug aus der Öffentlichkeit, einem Verzicht auf Wirkung gleichkommt; auch die empfohlene Konzentration auf das Atemholen bedeutet - wie man auch immer Atem versteht: als Bedingung des Lebens oder auch als Gesang - eine, weil nicht über sich hinaus weisende, ziellose Tätigkeit" (S. 81).
Kurz und gut, die Versuche Bennholdt-Thomsens und Guzzonis, den Gehalt des Hölderlinschen Gedichts zu enträtseln, beinhalten eine bis ins Skurrile gehende Rückführung seiner rätselhaften Sprache auf anscheinend plausible Realien, die das im eigentlichen Sinne Dichterische beiseiteschaffen. Dabei klaffen die Stücke der Analyse auseinander und werden auch nicht recht wieder zusammengefügt. In welchem Zusammenhang stünde denn die Frage der Adler (die Ableitung des Plurals scheint völlig willkürlich) mit dem nun Folgenden: 'das Festland bietet Weide, die Erde Süßwasser ... ' und dem wiederum Folgenden, der "Rückzugsfantasie"? Und warum wählte Hölderlin, um so einfache Sachverhalte auszudrücken, derart paradoxe Sprachwendungen? Damit ist bezeichnet, dass ein Übersehen oder Außerachtlassen der dichterisch-geistigen Struktur, bei aller versuchten Genauigkeit der Interpretation, nur zu nicht überzeugenden Resultaten führen kann. Es mag also sein, dass die Hauptthese der Autoren auf etwas höchst Wichtiges zeigt, nämlich auf eine antithethische Spannungssteigerung der späten Hölderlinschen Lyrik, deren verschiedene Bereiche - etwa der himmlische und der unterirdisch-titanische - sich nicht mehr zu einem Ganzen zusammenfügen lassen. In Hölderlins Spätwerk trüge sich so zu, was zeitgleich auch in Dichtung und Philosophie der Romantik zu einem Zerbrechen der Idee von Totalität führt. Wenn aber dieses Zerbrechen weder aus den objektiven politischen Verhältnissen, noch aus bloß subjektiven Erfahrungen stammt, so resultiert es aus dem inneren Prozess, seiner Logik, der Ganzheits-Imagination selbst, also aus den autonomen Bewegungsgesetzen der dichterischen Inspiration und Reflexion. Auf der höchsten Stufe von Klassik und Idealismus begönne so, und mit Notwendigkeit, die Eigenzersetzung des von ihnen gestifteten Ideals. Für ein tieferes Verständnis geistiger Strukturierungen, ihres Auf- und Abbaus, wäre ein genauer Einblick in die gerade nicht nur inhaltlichen Umschichtungen, die sich in den späten Hölderlinschen Fragmenten zutragen, von großer Bedeutung. Die Lektüre der "Analecta" vermittelt den Eindruck, dass das Ergebnis ihrer Untersuchungen Bestand habe, obgleich sie selbst nicht zu überzeugen vermögen.
Das "Geheimnis der Wasser" - die "heilig-nüchtern" ("Hälfte des Lebens" u. a.) sind - spricht enigmatisch die zuhöchst paradoxe Existenzweise des Geistes aus, der die Einheit der Spannungsbeziehung von Sein und Werden oder Fließen ist. Die "Speise" der Tiere, die "stumm / Einander schauen[...]", wäre dieses Geistige, dessen sie in der Schau gedenken - aus ihr ergibt sich die Frage: "Es stehen die Berge doch still, / Wo wollen wir bleiben?", denn der Stillstand der "fernhinziehen[den] Berge" ("Wenn aber die Himmlischen ..."), der Zeit-Gipfel, böte allerdings, weil er den Stiftungsakt der Inspiration selber aufhöbe, keine Überlebensmöglichkeit mehr. "Bleiben" können die "Tiere" gerade dort nicht, wo ihnen nach gängiger Lesart die Rettung verheißen ist.
Die Antwort auf die gestellte Frage enthält der zweite Teil des Gedichts (auf das im Zwischenraum zwischen den Versen notierte Wort: "Reh" kann ich hier nicht eingehen). Das Steinerne wird zur Nahrung, das Trockene kann getrunken, das Nasse gegessen werden, weil das Sein im Fließen, die Gegenwart im Vergehen, alles Daseiende in den paradox-numinosen Zustand des Geistes verwandelt, in ein Zugleich des Gegensätzlichen (vgl. hierzu Rilkes "Sonette an Orpheus", 2. Teil, XXIX, das letzte Terzett: "Und wenn dich das Irdische vergaß, / zu der stillen Erde sag: Ich rinne. / Zu dem raschen Wasser sprich: Ich bin."). "An Treppen" solle man wohnen, also "Bleiben" und Abstieg - an ihn denkt man wegen des folgenden Verses - in einer Haltung des Nicht-Anhaftens verbinden. "Und wo ein Häuslein hinabhängt" verweist unmittelbar auf den "Winkel von Hardt": "Hinunter sinket der Wald, / Und Knospen ähnlich, hängen / Einwärts die Blätter ..." und andere Stellen, etwa: "Gebirg hänget ..." ("Wenn aber die Himmlischen ..."); dieser Bildverwendung Hölderlins wäre weiter nachzufragen. "Am Wasser halte dich auf" ist nunmehr verständlich. Die nächsten beiden Verse umschreiben in unglaublicher Steigerung das Ausgesetztsein desjenigen - des Dichters - , der sich dem Vernehmen des Numinosen in schrankenloser Unbedingtheit und Einsamkeit öffnet.
"Hat einer ihn nämlich hinauf / Am Tage gebracht, ..." verweist wiederum auf "Wenn aber die Himmlischen ...": "und othembringend steigen / Die Dioskuren auf und ab, / An unzugänglichen Treppen, wenn von himmlischer Burg / Die Berge fernhinziehen / Bei Nacht ..." Die Stelle verdeutlicht die Beziehung von Gipfel ("Gotthard") und Wasser, von göttlicher Höhe und dem Element des Ursprungs. Die "unzugänglichen Treppen" - "... wo ein Häuslein hinabhängt" - hat der zu steigen, dem es aufgetragen ist, die Verbindung des Irdischen und Göttlichen zu stiften; ist diese Aufgabe am Tage, in der Zone des irdisch-überirdischen Geistes, vollbracht, so kann sie auch im Bereich des Nächtlich-Unterirdischen erfüllt werden. Im "Schlaf" (vgl. "Andenken": "denn süß / Wär unter Schatten der Schlummer" - die Stelle ist gänzlich anders zu interpretieren, als Heidegger sie versteht), in dem jene Aufgabe nachhallt, "wo die Augen zugedeckt, / Und gebunden die Füße sind", also die Orientierungs- und Fortbewegungswerkzeuge des Tages stillgestellt sind, öffnet sich der Zugang zum tiefsten Leben des Numinosen: "Da wirst du es finden". Mit "Denn wo erkennest," bricht das Fragment endgültig ab: der Versuch, die Bereiche des "Äthers" und des "Titanischen"in der einen Aufgabe des Geistes, "Atem zu holen", wirklich zu verbinden, kann nicht weitergeführt werden.
Im Scheitern dieses Versuchs jedoch entsteht das Bild einer unaufhebbar fragmentarischen Struktur des Geistes: einer Wahrheit, die nicht gesucht und gerade im Fehlschlagen einer letzten Anstrengung gefunden wird. Dieses Fragmentarische zeigt nicht auf eine in ihm erscheinende "Gelungenheit" (Bloch) oder ein "Nicht-Identisches" (Adorno), sondern darauf, dass der gesuchte Mittelpunkt, die Einheit des vor-zeitlichen Ursprungs, seiner Explikation in der Zeit und der Verschmelzung beider in einem unaussagbaren Telos, sich immer wieder in Stücke zerlegt, die sich nicht zu einem Ganzen integrieren wollen. Die "Tiere" nämlich scheinen, man denke an das "Wild" (etwa in: "Am Quell der Donau"), das für den vor-reflexiven Zustand der Menschen steht, von jenem Ursprung oder Ungrund zu zeugen, aus dem gleichsam selber die Frage auftaucht, wo er, der Geist, in der Geschichtszeit "bleiben" solle. Die Antwort darauf liegt schon im "Geheimnis der Wasser": das Ursprüngliche, vor aller Form Liegende, kann in ihr nur überdauern, wenn sich beide gegenseitig in die Schwebe bringen und solchermaßen eins im anderen erscheint; aber ihre Einheit, deren vorgebliche Momente wieder auf höherer Ebene zu verbinden sich auch Hegel und Schelling vergeblich bemühen, existiert nur gemeinsam mit einem noch Rätselhafteren, als sie selbst ist, nämlich einem Differenzpunkt, der jede Struktur, die sich in sich selber schließen will, auseinanderzieht und in ihr etwas, das zu ihr nicht passen kann, erzeugt. Die späten Fragmente Hölderlins öffnen uns die Augen über die von uns noch kaum wahrgenommenen Grundbedingungen des Lebens in der Nachmoderne.
Max Lorenzen