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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 6
(2005), Heft 1
Inszenierung: Rolf Michenfelder / Gavin Quinn
Assistenz: Dylan Tighe
Darsteller:
Susanna Meyer
Benjamin Sikora
Stefanie Tauber
Manuela Weichenrieder
Claudia Weiss
Site Specific Work (Ortsspezifische Inszenierungen) gehören zu den innovativsten und kommunikativsten, und wie man gestern Abend in der Wiederaufnahme des Stückes Love Stories sehen konnte, überzeugendsten Theaterformen der Gegenwart. Was german stage service da im Foyer und in zwei Doppelzimmern des Marburger Sorat-Hotels zu inszenieren wagt, ist schon allerhand. Wenn man in Marburg wohnt, muss man in der Regel weit fahren, um etwas Vergleichbares zu sehen. Über dem Flur im Sorat-Hotel steht in dicken goldenen Lettern VERANSTALTUNGS-ZENTRUM. Die Coproduktion in bereits bewährter deutsch-irischer Zusammenarbeit liest dies offenbar in buchstäblichem Sinne. Das Hotel wird zum temporären Zentrum theatralen Geschehens.
Die Veranstaltung ist ein Theaterstück mit experimentellem Charakter, denn die Zuschauer und die Hotelgäste werden unversehens hineingezogen in kleine Stücke, die Minisequenzen aus großen Geschichten vom Suchen und Verlieren(wollen) der Liebe zeigen. Auch wenn der eine oder andere Zuschauer sich zu distanzieren versucht, es wird ihm an diesem Abend kaum gelingen. Das Kammerspiel aller fünf Akteure ist so ausnahmslos dicht, dass man aus dem Staunen nicht herauskommt.

Es gelingt dem Ensemble dabei immer wieder, das Publikum zu überraschen, auch Überraschendes zu präsentieren. Die Gesichter der Zuschauer, die sich auf engstem Raum mit den Akteuren aufhalten (müssen) spiegeln echte Faszination und peinliches Berührtsein von den gespielten Stories wider. Virtuos springen die Schauspieler im Alter von 20 bis über 40 Jahren mit der Textvorlage von Michenfelder und Quinn um, die subtil um die Thematik gewünschter Identitätenwechsel kreist.
Eine Szene: Abhauen aus dem Leben. Neu anfangen. Alles abstreifen... Einfach mal so Mann und kleine Kinder verlassen und mit der Schwester im Hotelzimmer eine wilde Party feiern. Zwei junge Frauen im Bikini, in ein Handtuch gewickelt, mit Strandschläppchen an, inszenieren sich selbst mit Hilfe eines digitalen Camcorders. Auf dem Bildschirm des Fernsehers ist die Szene im Bad zu sehen. „Wir wollen was Neues ausprobieren.“ Die Schwestern wollen sich auch selbst dabei zusehen. Der junge Mann, der als Zuschauer im Bett Platz nehmen darf - alle anderen 13 Personen werden auf Hocker, Kofferablagen, Sessel, Toilette und an der Garderobe platziert – muss den Roomservice anrufen. Auch die Stimme der Dame an der Rezeption wird per Lautsprecher ins Zimmer übertragen. Dies sind gekonnte Verstärkungsmodi. Der Zuschauer im Bett liest einen vorbereiteten Zettel ab. Champagner soll er bestellen, ordert Jacky, und Trauben, alles auf Zimmer 314. Nein keine weißen, blaue, so will es Jacky. Die Zuschauergruppe, die eben noch neben der Badewanne abgestellt wurde, wird hereingebeten, nachdem der Zimmerservice mit dem Tablett anrückt. „Alle herkommen! Wir feiern eine Party!!“ Jacky und ihre Schwester Alita schenken jetzt Sekt aus. Trauben werden herumgereicht. Partymusik. (Die Freundin des Mannes im Bett, der etwas hilflos dreinschaut, bekommt einen Lachanfall.) Die Schwestern springen nun aufs Bett. Die Matratze wird hochgerissen. Jacky schreit: “Jetzt alle Tanzen!!“ ...
Dieses ganze absurde Theater ist einerseits unglaublich komisch. Die Zuschauer lachen Tränen. Andererseits kennt man solche, einen Moment lang aus den Fugen geratenen Situationen ja selbst, aus denen man möglicherweise nicht herausfindet... Doch dies erledigen hier die Schauspieler für einen. Und das ist sehr angenehm. Deshalb ist die Groteske nie unerträglich, sie wird für einen aufgelöst. Dem Zuschauer begegnen die Akteure trotz dieser befremdlichen Intimität respektvoll.
Die Zuschauergruppe I verlässt die erste Love Story, die mit völlig ungewissem Ausgang endet (man denkt an den Film Thelma & Louise und traut den Schwestern zu, am nächsten Tag auch noch eine Bank zu überfallen, oder Ähnliches ). Dann wird man von einer jungen Dame mit VIP-Karte am Schlüsselhalsband (herrliches Requisit) abgeholt und in die nächste Story geschickt, die in der Zwischenzeit von der Zuschauergruppe II schon gesehen wurde. Wechsel auf allen Ebenen also.
Zwischenspiel: Eine junge Frau lehnt lasziv vor der verschlossenen Hotelzimmertür. Sie weiß ganz genau, was sie will, aber die Zuschauer erfahren nicht, ob sie es kriegt. Der begehrte Mann macht nicht auf. Sie meint: „Wenn deine Frau da mit dir drin ist, macht das auch nichts. Dann weiß sie es jetzt eben.“
Andere Szene: Ein neues Zimmer. „Ich könnte Ihre Mutter sein!“, kokettiert die Frau und lässt sich vom jungen Mann erst das blutende Knie und dann die blutende Nase versorgen. 24 Jahre kenne sie ihren Ehemann, aber jetzt verlasse sie ihn. Das habe sie sich schon mal überlegt. Jetzt wo sie ihr Auto nicht findet... Günstige Gelegenheit. Die Frau wirkt fahrig und verunsichert: „Soll ich Ihnen einen Witz erzählen oder meine Titten zeigen?“ Der junge Mann stellt Fragen zum Leben der Frau. Er will es genau wissen. Er sei auch „extrem zuverlässig.“, sagt er. Die Antworten erzeugen Nähe. Diese wiederum macht die zunächst geplante schnelle Sex Story schon wieder unmöglich. Claudia Weiss spricht akzentuiert und freundlich, dann wieder zischt sie die Texte, dass es einen schaudert: “Am besten, man ist immer ganz weit weg. Aber Liebe lässt sich nur aus nächster Nähe erleben. Das ist ja die Scheiße.“

Die Zuschauer bilden in dieser Szene das Interieur im Interieur, was mitunter, je nach Sitz- oder Stehposition äußerst unbequem sein kann. In der Enge des Hotelzimmers entsteht eine Spannung, die mit der sich entwickelnden Story korrespondiert. Auch hier bleibt der Ausgang offen. Keine Richtungsangabe, die bekommen wiederum nur die Zuschauer, die abziehen sollen, gewiesen. „Was machen Sie denn als nächstes?“, fragt die Frau den jungen Mann noch.
Über die Gänge und Flure geht es zurück in Richtung Hotellounge. An einem Tisch sitzt ein Hotelgast mit seiner Tochter. Sie spielen auf dem Notebook ein Spiel. „Was is’n das hier?“, fragt der Vater. „Theater.“, antwortet eine Zuschauerin und kichert im Vorbeigehen.
Das Theater endet, wo es angefangen hat. Die beiden Zuschauergruppen begegnen sich wieder. Die eine kommt aus dem Fahrstuhl, die andere ist schon da und schaut dabei zu. Eine merkwürdig entspannte Atmosphäre hat sich jetzt unter den Zuschauern eingestellt. Manuela Weichenrieder, die nicht erhörte Geliebte, telefoniert nicht mehr, sie spielt und singt den Blues auf dem weißen Bar-Piano. Jetzt könnte man da sitzen bleiben und sich etwas zu trinken bestellen, denn die Musik ist gut.
Am Anfang war da doch so ein Mann mit einem langen Kaschmirmantel. Der checkte gerade ein, als das Stück begann und ging dann zum Aufzug. Er suchte die Tasten mit den Stockwerknummern und war erleichtert, als die Tür endlich zuglitt. Es wirkte – im Nachhinein betrachtet - so, als habe er eine Art Schleuse betreten. Diese Assoziation wird man nicht los: Hotelzimmer fungieren in der aktuellen Produktion des german stage service als Schleusen für einen potenziellen Identitätswandel. Ein diffuses Anderssein wird von den Figuren der Schwestern, der Frau und dem jungen Mann angestrebt.
Es geht um die Löschbarkeit, um Auflösung von Identität. Aber was ist Identität eigentlich, fragt dieses neuartige Stück unaufhörlich seine Zuschauer.
Erika Schellenberger-Diederich
Nächste Aufführungen: 27./28./29./30. Januar 2005, Beginn 20.00 Uhr Sorat Hotel, Pilgrimstein 29. (Treffpunkt Eingangsbereich)