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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 6
(2005), Heft 1
Paul Brand stammt aus der Schweiz, Alex Booker aus Nottingham, Espen Gangvik aus Tromsø und Jostein Kirkerud aus Narvik - alle vier jedoch sind seit längerem an der Technisch-Naturwissenschaftlichen Universität in Trondheim tätig. Als Lehrstuhlinhaber sind sie, wie Øyvind Storm Bjerke in seiner Einleitung zu dem Katalog "Geste und Geometrie" schreibt, unabhängig "vom kommerziell dominierten Teil der Kunstscene" und bewegen sich in einem Umfeld, das "ein reflexives Verhältnis zur eigenen Arbeit erwartet und Rationalität belohnt".

Paul Brand: Sechzehn Quadrat zahlen 1 u. 2
Das Parterre der Kunsthalle gehört ganz den "Magischen Quadraten" von Paul Brand. Allerdings scheinen Zahlenmuster, also eine Form mathematischer Rationalität, den Bildern und der aus Kupfer und Aluminium bestehenden Konstruktion im Vorraum zugrundezuliegen. Zunächst steht man vielleicht ein wenig ratlos vor diesen offenbar ganz abstrakten Strukturen - und geht schließlich in den hinteren Raum, in dem von einer DVD 5 digitale Filme Brands gezeigt werden. Auf einem wechselnden farbigen Hintergrund erscheinen Buchstaben und Zahlen, dazu sprechen eine Frauen- und zwei Männerstimmen einzelne englische Worte wie "new", "love", "wonderful", "universe", "zero", "logic", "mind", und zuletzt "art". Hierauf nehmen dunkle Rechtecke immer mehr einen zunächst hellen Untergrund ein, bis sich der Vorgang wieder umgekehrt. Dann hört man Klaviermusik und sieht komplexe Linienmuster auf- und absteigen.
Geht man nun zu den einzigen beiden größeren Bildern des vorderen Raumes zurück, so ist man überrascht: was beim ersten Anblick ganz statisch schien, wird plötzlich als Wellen-Bewegung, als musikalisches Klangmuster erkennbar. Die dunkleren Flächen markieren im Film Ton-Akzente. Überhaupt erinnern die Linien im Film - und wie ein Nachhall die gemalten - zumindest entfernt an eine Klaviertastatur und zugleich an die Saitenspannung im Inneren des Instruments. Die mechanische Bewegung der Hämmer und ihre Übertragung auf die Saiten wird zum visuellen Klangteppich. - Und schaut man jetzt erneut, sofort an die weißen und schwarzen Quadrate des Films denkend, auf die Kupfer- und Aluminium-Konstruktion, dann treten die ausgesparten Rechtecke gleichsam hervor, und man glaubt, in der statischen Figur eine Bewegung wahrzunehmen. Natürlich bleibt dennoch die ruhige Oberfläche der Bilder erhalten: aber in oder unter ihr ahnt man eine Dynamik, die jene Ruhe erst erzeugt. - Erstaunlicherweise wirkt die Komposition mit den helleren, ja zum Teil grellen Farben weniger dynamisch und dokumentiert so die Gefahr der mathematisch-künstlerischen Rationalität, das existentiell weniger Belangvolle zumindest zu streifen.

Alex Booker: Winter was hard
Die oberen Räume der Kunsthalle sind vielfältiger bestückt (eigentlich ist die Zurückhaltung im Parterre seltsam) und beeindrucken den Besucher unmittelbar. Von den Arbeiten Alex Bookers geht sofort eine merkwürdige Faszination aus. "Winter was hard" zeigt die schwarz-weiß-Fotografie verschneiter Bäume und rechts von dem Bild ein oberes helleres und ein unteres dunkleres blaues Rechteck. Es ist, als drückten die Farben die Atmosphäre der Fotografie aus, oder als kommunizierten sie untergründig - in all ihrer Abstraktheit - mit den schneebedeckten Bäumen (was vielleicht auch daran liegt, dass ein Schatten von Blau, und die entsprechenden Farbnuancen in die anderen Bilder, in den Fotodruck eingearbeitet ist).

Alex Booker: A distance framed
Noch stärker ist dieser Eindruck bei "A distance framed", das links ein schönes und urtümliches Waldstück mit Blick auf einen See und eine weit entfernte, teilweise bebaute Hügelkette zeigt, rechts wieder zwei Farbflächen, die obere leuchtend rot, die untere grünblau. Die Aufnahme wirkt fast, als stamme sie aus länger zurückliegenden Zeiten, etwa der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts, und spiegele so die Vergangenheit oder Zeit als solche; die Gebäude auf dem jenseitigen Seeufer sind jedoch offenbar aus der Gegenwart. Blickt man von der rechten grünblauen Fläche nach links, ist es, als nähme die schwarz-weiße Fotografie etwas von der Farbe an - aber nicht die Tannen werden grün, vielmehr scheint die Farbe auf eine nicht näher bestimmbare Weise direkt unter der Oberfläche des Bildes zu liegen. Waldboden und Bäume beinhalten nunmehr etwas, das nicht unmittelbar hervortritt, eine Art Essenz oder "Seele" der Landschaft, die auf den Farbtafeln, mittels ihrer, wahrnehmbar wird. Aber vom Rot war bisher nicht die Rede? Man verdecke es für das Auge mit der Hand: das Foto verliert an Intensität, ja es wird stumpf. Jetzt erst wird deutlich, wie Booker den Betrachter in den aktiven Aufbau des Bildes mit hineinnimmt. Die eigentliche Bildwirklichkeit jedoch resultiert aus einer Spannungsbeziehung zwischen seiner Oberfläche und dem, was darunterliegt.

Alex Booker: Midnight cloud
Bookers "Midnight cloud" und "Broken forest" variieren die Synthese von Fotografie und Malerei: ein Stück - scheinbarer - Realität wird in Farbsequenzen integriert und verliert so eigentlich den Anspruch, die Bild-Totalität zu bestimmen. Einerseits "sind" die abstrakten Sequenzen die Wolken und Berge, wie vorher Wald und See, andererseits stehen beide Bereiche gleichberechtigt nebeneinander - einmal erscheint eine digitalisierte Folge von Mustern als Grund der Wirklichkeit, dann wieder wird diese zum Teil oder Ausschnitt in einem Universum von Codes.
An dieser Stelle der Betrachtung denkt und schaut man zurück zu den digitalen Bewegungsabfolgen Paul Brands, in denen der Mensch, seine Stimme und Räume, als "Zahl" oder "Buchstaben" begriffen werden; beide Male wird, auf unterschiedliche Weise, dasselbe Thema behandelt, beide Künstler setzen sich damit auseinander, dass unsere Welt sich zunehmend aus Zeichen aufbaut - und sich in sie zersetzt.

Espen Gangvik: Compustruction 22
Demgegenüber erscheinen die Gebilde Espen Gangviks mir ruhiger, zurückgenommener und, in einfacher Wortbedeutung, abstrakter. Auch Gangvik hat sich "in Richtung eines stark mit den Praktiken der digitalen Kunst verknüpften künstlerischen Ausdruckes bewegt. [...] Seine dreidimensionalen Arbeiten nehmen ihren Ausgangspunkt in der Geometrie und Mathematik, die mit Hilfe des Computers bearbeitet werden" (Bjerke). Ähnlich wie das "Magische Quadrat mit den Zahlen 1 - 49" von Paul Brand dokumentieren sie eine Gefahr konstruktivistischer Kunst, nämlich in bloße menschenleere Räumlichkeit oder das nur analytische Hantieren mit Formen zu münden. Immerhin stellen sich angesichts der silbernen, eckig-geschwungenen oder runden, von einem roten Mittelteil gehaltenen Scheiben Assoziationen an Maschinen oder auch Gebäude eines Science-Fiction-Films ein. Interessanter wirken vier kleine Arbeiten, die ebenso an Gehirntumographien, wie an Darstellungen menschlicher Eizellen und Samenfäden, oder auch aus großer Höhe aufgenommene Erd- oder Mondformationen erinnern (Screen evolution 01 - 04). Auch hier aber muss die Frage erlaubt sein, ob nicht ausschließlich computergenerierten, also ganz ohne Einwirkung der menschlichen Hand erzeugten Bildern etwas innerlich Lebloses eigne - das in diesem Fall durch den Siebdruck zumindest einen anderen Akzent erhält.

Espen Gangvik: Screen Evolution 02
Jostein Kirkeruds Arbeiten bilden einen starken Kontrast zu Gangviks Plastiken. Man erkennt in "Strata" gegenständliche Relikte, etwa rechts oben Tang, vielleicht auch Seerosen, eine Monet-Reminiszenz, und glaubt überhaupt, in eine Unterwasserwelt hineinzusehen. Konträr jedoch zu den weichen und dynamischen Formen setzt Kirkerud, hierin seinen Trondheimer Kollegen vergleichbar, Rechtecke in das Bild, oben ein braunes, unten solche, die das Wasser und die dunklen Pflanzenteile wiederholen, dabei jedoch vor die eigentliche Bildebene eine andere setzen. Wie bei Booker dringen digitale Sequenzen in die Arbeit ein und durchlöchern gleichsam ihren ursprünglichen Gegenstand. Auch in "Nachtglut" finden sich diese beiden Arten von rechteckigen Formen: wiederum eröffnet dabei die untere offenbar einen zweiten Bildraum, der vor dem anderen liegt und, paradox genug, dennoch die Einsicht in die existenziellen Tiefen der seltsamen dunklen emotionalen Ballungen, die über schwarze Fäden miteinander kommunizieren, zu ermöglichen scheint. Die Hintergrundsfarbe, ein Rot-Gelb-Orange, glüht geradezu und würde den Gefühlsausdruck der Malerei ins Maßlose steigern, brächten nicht die geometrischen Formen - und auch ein grüner pflanzenartiger Tupfer unten rechts - ein kühleres, eben konstruktivistisches Gegengewicht ins Spiel.

Jostein Kirkerud: Strata

Jostein Kirkerud: Nachtglut
Ganz ähnlich verfährt Kirkerud auf dem einzigen titellosen der in Marburg gezeigten Bilder. Erregte Windungen werden von einem schwarzen Querbalken wo nicht bedroht, so doch zusammengedrückt oder in Schach gehalten. Der "Mahlstrom" jedoch ist anders konzipiert. Das obere Rechteck übersetzt die wilden schwarz-weißen Schlingenbewegungen in Farbe und mäßigt und steigert sie so gleichermaßen. Am durchgreifendsten jedoch ist der Parallelaufbau von Farbformen und Rechtecken im "Großen Restaurierungsbild". Die Streifen der "Restaurierungsarbeiten" zeigen eine vielfach zerstückelte Bild-Realität; ein deutlicher Verweis darauf, dass zunehmend gerade auch unsere Vergangenheit von Versatzstücken der Gegenwart durchsetzt ist.

Jostein Kirkerud: Großes Restaurierungsbild
Auch diese Arbeit erinnert mithin deutlich an die digitalen Sequenzen von Paul Brand. Damit scheint klar, dass alle vier Künstler aus Trondheim sich auf je eigene Weise mit einer Wirklichkeitsstruktur auseinandersetzen, die immer mehr von vornherein derjenigen von Bildern gleicht - sodass Bilder, gerade wenn sie diese Wirklichkeit adäquat darstellen wollen, von sich selber, der eigenen Daseinsart, sprechen müssen. In solcher Selbstbezüglichkeit können sie sich ebenso steigern, wie verfangen. Merkwürdigerweise tendiert, was sich vorrangig auf sich selbst bezieht, dazu, zum Gefüge von Relationen ohne substanziellen Kern zu werden (die aktuelle Medientheorie untersucht solche Vorgänge). Wenn also die Wirklichkeit zum Bild wird, so wird dieses im Gegenzug zum Medium.
Am Ende dieser Ausstellungsbetrachtung angelangt, könnte man somit die "vier aus Trondheim" erneut befragen, wie sich ihre Arbeiten zu den Befunden der Medienanalyse verhalten. Möglicherweise verschöben sich dann die Kriterien der Rezeption noch einmal.
Max Lorenzen