Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 6 (2005), Heft 2


 

Albert Ehrenstein – zum Abschluß der Werkausgabe

Autoren wie Albert Ehrenstein haben es schwer im literarischen Betrieb. Zu Lebzeiten bereits unter dem Schlagwort »Expressionismus« abgelegt, das ihrem langjährigen Schreiben und vielfältigem Werk so wenig gerecht wird wie nur je ein Schlagwort es wurde, kommen sie bis heute nicht aus dieser Schublade heraus. Dabei ist das Etikett nicht einmal ganz falsch – auf eine Reihe Gedichte, ein Gutteil der erzählenden Prosa Ehrensteins trifft es mehr oder weniger zu; und diese Charakterisierung hat während der Wiederentdeckung des Expressionismus in den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts auch dazu geführt, daß einige von ihnen in der ein oder anderen Auswahl nachgedruckt und so immerhin der Furie gänzlichen Verschwindens entrissen worden sind. Aber gerecht wurde all das Ehrenstein nicht, den man schließlich ebenso gut als jüdischen Autor deutscher Sprache hätte wiederentdecken, wie man in ihm auch in erster Linie den heimatlosen Exilanten hätte sehen können, der elend und verarmt in der Emigration starb. In Ansätzen hat eine fleißige Literaturwissenschaft schließlich  all das auch versucht, von der Betonung der spezifisch österreichischen Spielart dieser Gesichtspunkte einmal ganz abgesehen.

Genutzt hat es wenig. Ehrenstein wird heute kaum gelesen, sein Werk ist weitgehend unbekannt – nicht einmal der »Tubutsch«, jene bizarr-geniale Erzählung aus dem Jahr 1911, hat es in Reclams Universalbibliothek geschafft. Wie unbekannt, läßt sich allerdings erst jetzt zur Gänze überblicken, da der Göttinger Wallstein Verlag die auf fünf Bände angelegte und seit 1989 in sieben Teilbänden erschienene Ausgabe seiner »Werke« abgeschlossen hat. Sie ist das Ergebnis langjähriger, mühseliger und akribischer Arbeit der Herausgeberin Hanni Mittelmann, die seit nunmehr 16 Jahren den Nachlaß Ehrensteins erschlossen und mit Materialien aus den Sammlungen und Bibliotheken vor allem New Yorks, Jerusalems und Wiens ergänzt hat. Begonnen wurde die Ausgabe seinerzeit im Heidelberger Boer Verlag, der Mitte 2003 das Verlagsgeschäft einstellte, und dem Wallstein Verlag ist doppelt hoch anzurechnen, daß er die Edition übernommen und den ausstehenden letzten Band in der gleichen schönen Ausstattung herausgebracht hat.

Doch vielleicht zuvor die Frage: Wer war Albert Ehrenstein? Die Nachschlagewerke informieren oberflächlich, die dürren Fakten sind schnell referiert: Österreichischer Dichter, Schriftsteller und Übersetzer, geboren 1886 im Wiener Arbeiterviertel Ottakring, aus einer ursprünglich ungarischen, jüdischen Familie stammend. 1910 und 1911 veröffentlicht er in der »Fackel«, entdeckt und gefördert von deren Herausgeber Karl Kraus, mit dem es 1918 zum Bruch und längeren polemischen Auseinandersetzungen kommt. Ehrenstein versteht sich als anspruchsvoller Vertreter der literarischen Avantgarde, muß sich seinen Lebensunterhalt aber als Zeitungsschreiber verdienen und wird wegen seiner respektlosen Angriffe auf die Größen des Literaturbetriebes bald zum völligen Außenseiter. Er lebt abwechselnd in Berlin und Wien, unternimmt gelegentlich  Reisen nach Italien, Nordafrika oder dem Nahen Osten. Langjährige Freundschaften verbinden ihn mit Elisabeth Bergner, Oskar Kokoschka und Stefan Zweig. Im Ersten Weltkrieg kommt es zu einer Politisierung wie bei den meisten Angehörigen seiner Generation, Ehrenstein vertritt seither einen ethisch-ästhetisch ausgerichteten Sozialismus. Als 1933 in Deutschland seine Bücher verboten und verbrannt werden, sieht er für einige Zeit in der Sowjetunion seine politischen Vorstellungen noch am ehesten verwirklicht, spätestens 1937 kommt mit den stalinistischen Schauprozessen die Ernüchterung. Seit 1932 lebt er vor allem in der Schweiz, entweder in Zürich oder Brissago im Tessin, teilweise finanziell unterstützt von Franz Werfel und Hermann Hesse, schließlich droht ihm die Abschiebung und 1941 gelingt ihm mit einem Notvisum des American Emergency Rescue Committee die Emigration in die USA. An die neue Sprache – auch wenn er schon aus dem Englischen übersetzt hat – gewöhnt er sich mehr schlecht als recht, 1948 kehrt er für einige Monate nach Zürich zurück, 1950 stirbt er in einem Armenhospital in New York. Seit den frühen sechziger Jahren erscheinen Auswahlausgaben, die jedoch keine allzu große Resonanz finden. Von den Autoren der Nachkriegszeit beruft sich lediglich Arno Schmidt auf Ehrenstein, attestiert ihm »heilsame Rücksichtslosigkeit« und eine »schneidende Energie des Ausdrucks«.

Wie viele derartige Unternehmungen ist auch die Ehrenstein-Ausgabe nicht frei von Eigenwilligkeiten und Besonderheiten. So begann das Projekt seinerzeit ausgerechnet mit einem umfangreichen Band »Briefe«, der zwar für den interessierten Spezialisten allerlei Interessantes bietet und durch seine chronologische Anordnung zugleich dem Mangel an biographischer Information abhelfen sollte, unter verlegerischen Gesichtspunkten – als strenggenommen eigentlich nicht zum »Werk« gehörig – aber wohl keinen geschickten Auftakt bildete. 1991 folgten die »Erzählungen«, 1995 die »Chinesischen Dichtungen« in zwei Bänden, 1997 schließlich die »Gedichte«, ebenfalls zweibändig. Der jetzt vorliegende abschließende Band »Aufsätze und Essays« schließlich sammelt in fünf thematisch bzw. werkgeschichtlich gegliederten Abschnitten eine exemplarische Auswahl von Rezensionen, Polemiken, Reisefeuilletons, Essays, Aufrufen und autobiographischen Texten. Und ihre Einteilung verdeckt nur obenhin die Schwierigkeiten, vor die Ehrensteins Texte die Herausgeberin stellen: Ihre chronologische Präsentation nach Lebensstationen schließt mit dem Abschnitt »Exil 1932-1948«, ohne daß deutlich würde, warum Ehrensteins Exil bereits 1932 begonnen haben soll.

Was von diesem Leben bleibt, aber selbst in großen Bibliotheken kaum vollständig vorhanden sein dürfte, sind mehr als 25 veröffentlichte Bücher, oft in nur kleiner Auflage und meist schon zu Lebzeiten von geradezu durchschlagender Resonanzlosigkeit, dazu eine Reihe Übersetzungen und herausgegebener Titel. Natürlich enthält auch die umfangreiche Werkausgabe nicht alles davon, auch wenn sie zahlreiche ungedruckte Texte und Fragmente erstmals aus dem Nachlaß in der Jüdischen National- und Universitätsbibliothek in Jerusalem bietet. Die »Aufsätze und Essays« teilen aber auch ein weiteres Charakteristikum von Ehrensteins Schreiben: Viele seiner Texte liegen in mehr oder weniger stark voneinander abweichenden Fassungen vor, da der Autor sie für Nach- und Neudrucke aktualisiert und umgeschrieben hat. Die Herausgeberin entscheidet sich von Fall zu Fall für eine Fassung und teilt im Anhang bedeutende Abweichungen anderer Drucke oder Manuskripte mit. Aber auch diese Sammlung stellt nur eine Auswahl dar, so daß die 1961 von dem mit Ehrenstein befreundeten M. Y. Ben-Gavriel herausgegebenen »Ausgewählten Aufsätze« etwa für den Artikel zum 70. Geburtstag Knut Hamsuns oder den großen Aufsatz über Edgar Allan Poe eine nützliche Ergänzung bleiben.

Die Texte sind als journalistische Gelegenheitsarbeiten, Gedenkartikel oder Rezensionen entstanden, hinzu kommen Reisefeuilletons, die mitunter den Charakter literarischer Erzählungen haben. Sie bilden allesamt eine Fundgrube polemischer Zuspitzungen, um derentwillen Ehrenstein ebenso geschätzt wie gefürchtet wurde. Ob er die preußische Liebe zum Denkmal als »Denkmalitis (oder Denkmalaria)« bezeichnet, von »aperitifsinniger Stimmung« oder der »Demokreditanstalt Schweiz« spricht, die »Kompromißkuität der Berufspolitiker« geißelt oder mit »Durchschnittsschriftstellern und Rundfurzgesellen« (also Rundfunkmitarbeitern) abrechnet, die ihm den literarischen Markt streitig machen: Wer genau liest, dem lohnt es der Autor mit überraschenden Wortspielen, die komplexe Sachverhalte oft prägnanter formulieren, als es lange Beschreibungen könnten. (Lernen Sie schimpfen mit Albert Ehrenstein!)

Und daß Ehrenstein über solche sprachlichen Miniaturen hinaus, die den Lyriker noch in der sachlichen Prosa nicht verleugnen, auch einen eigenwilligen politischen Scharfblick besitzt, wird vielleicht nirgends so deutlich wie in seinen Texten zu jüdischen Themen, die die Herausgeberin unter der Überschrift »Zion und Zionismus« zusammenstellt. Ehrenstein hatte 1929 Palästina bereist und sah danach im Zionismus weniger denn je eine Lösung für die Identitätskrise des europäischen Judentums zwischen Assimilation und »Jüdischer Renaissance« seit der Jahrhundertwende: »Exzessiver Zionismus scheint mir nicht der Weg zur Erfüllung. Ein jüdischer Nationalpark, ein Indianerterritorium, eine Reservation, in der statt wilder Bisons gemäßigte Israeliten verwahrt werden, etwa unter der milden Herrschaft eines mittlerweile zum Dschingiscohn avancierten kaiserlichen Rats und Großrabbiners – das wäre Flucht, Flucht ins Herbarium. Und neue, freiwillige Kasernierung, Uniformierung des Judentums. [...] Man jammere auch nicht allzusehr über die Diaspora. In welcher entsetzlichen Diaspora haben nicht Moses, die Propheten, Sokrates, Christus, Buddho gelebt! Palästina ist nicht die Entelechie, sondern ein entwundener, überwundener Zustand. – Historizismus will neue Inzucht treiben, Blutschande mit dem Mutterlande.«

»Zionismus ist Heimweh nach einem größeren Ghetto.« – Eine solche Position ist durch die Schoa historisch obsolet geworden; für die Archäologie des Palästinaproblems bleibt sie eine sicherlich anstößige, aber dennoch wichtige Stimme. Und stellt man ihr etwa die politische Ein- und Blauäugigkeit gegenüber, mit der Ehrenstein später versuchte, seine Reise in die Sowjetunion zum 1. Unionskongreß der Sowjetschriftsteller in Moskau vom August 1934 in einem halben Dutzend Feuilletons zu verarbeiten (von denen die Herausgeberin leider nur eines aufgenommen hat), so wäre auch die Häufung von Klischees in diesem Text (die klassische Produktion von Kitsch), sein ästhetisches Mißlingen zu deuten als Ausdruck von Verzweiflung und Heimatlosigkeit des Emigranten: Ehrenstein war weit mehr als nur der »Dichter der bittersten Gedichte deutscher Sprache«, den der Zeitgenosse Kurt Pinthus in ihm sah. Die Chance, ihn endlich zu lesen, ist da. Nutzen wir sie.

Rolf Bulang, Marburg

Albert Ehrenstein: Werke, Band V: Aufsätze und Essays. Herausgegeben von Hanni Mittelmann. Göttingen: Wallstein Verlag 2004. 608 S., 15 Abb., Leinen mit Schutzumschlag und Lesebändchen. ISBN 3-89244-719-5, EUR 64.-

(Die Bände I-IV erschienen seit 1989 im Heidelberger Boer Verlag und sind ebenfalls über den Wallstein Verlag zu beziehen.)

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