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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 6
(2005), Heft 2
Fiesco – so das Ende der Marburger Aufführung – steht als müder Held einer Revolution auf der Bühne. Er weiß, dass die Verschwörung gegen den korrupten Gianettino Doria gescheitert ist. Aller Aktionismus und jedes Pathos sind von ihm abgefallen. Er erzählt, unbeteiligt, resigniert, eine Fabel aus dem zweiten Akt des Texts vom kläglichen Versuch der Tiere, ein funktionierendes Gemeinwesen zu organisieren, bei dem am bitteren Ende wieder das stärkste Tier, der Löwe, die Macht über alle anderen erhält. Und Fiesco tritt ab, nicht durch die Kulissen, sondern durch die Reihen der Zuschauer, als könnte das Theaterstück nicht zu Ende geführt werden, als sei ein wirklicher Schluss unmöglich. Verrina, der alte Republikaner, eilt nach vorn und beschwört Fiesco zurückzukehren: vergeblich. Verrina gibt auf; er wird – „Ich gehe zum Andreas“ – dem Dogen von Genua die Verschwörung verraten und das Rad der Geschichte einmal mehr aufhalten: Die Zeit ist noch längst nicht reif für republikanische Freiheitsideen. Zurück auf der Bühne bleibt allein der Mohr Hassan, der heimliche Drahtzieher des Aufstands gegen Genuas Gewaltherrscher, zwielichtig, wankelmütig, keiner, auf den man sich in schwierigen Zeiten verlassen möchte.

Der fast shakespearehafte Schluss der Marburger Inszenierung durch David Gerlach führt vor, dass das „republikanische Trauerspiel“ um Fiesco eigentlich nur noch als Farce auf die Bühne gebracht werden kann, als grotesk-absurdes Spiel mit Ideen und Aktionen um Tyrannei und republikanische Freiheitsideale, das zu keinem Ende, und wäre es ein Ende aus Gewalt und Vernichtung wie im Schillerschen Text, führen kann. Die Marburger Inszenierung zeigt, wie die Verschwörung im Leeren, im Nichts zerläuft. Das Uneindeutige steht im Vordergrund, eine politische Botschaft, wie auch immer, verweigert Gerlach den Zuschauerinnen und Zuschauern in seiner drei Stunden-Version des Schiller-Stücks. Und möglicherweise wird er gerade dadurch der Verschwörung des Fiesco zu Genua in besonderer Weisegerecht.
Schillers Fiesco, 1784 in Mannheim uraufgeführt, scheint auf den ersten Blick ein durch und durch politisches Drama zu sein. Im Mittelpunkt der Handlung steht eine politische Verschwörung, ein Staatsstreich, der den Stadtstaat Genua aus der Gewalt des absolut regierenden Gianettino Doria befreien soll. Das Politische wird dadurch verstärkt, dass Schiller nicht nur den Aufstand der Adeligen gegen einen Tyrannen in Szene setzt, sondern darüber hinaus – Shakespeare hat das Motiv in seinem Drama Julius Cäsar benutzt – demonstriert, wie der Verschwörer Fiesco die „Revolution“ der Befreiung verrät und wie der Republikaner Verrina diesen Verrat an den republikanischen Idealen verhindert. Die Schillersche Verschwörung des Fiesco ist bestimmt von Zufällen und Ungereimtheiten und endet mit einem machtgierigen Helden, fast folgerichtig, in Chaos, Verrat, persönlicher Vorteilnahme und blankem Opportunismus. Die Uneindeutigkeit des Dramenendes und des Helden wie der (zweimalige) Versuch, dem Stück einen anderen Schluss zu geben, belegen, dass Schiller keine eindeutige politische Botschaft im Sinn hatte.

Von daher trifft Gerlachs offener Schluss durchaus den Kern des Stücks von Schiller. Und der Regisseur hat auch gar nicht erst versucht, aus den Ungereimtheiten und Unglaubwürdigkeiten der Schillerschen Handlung eine geradlinige Bühnengeschichte zu konstruieren. Er zeigt im ersten Teil, vielleicht etwas zu verschlungen und ausgedehnt, die korrupte Situation am Hofe zu Genua, inszeniert im zweiten Teil nach der Pause die hektische, emotionalisierte, unangemessen-übereifrige und damit letztlich zum Scheitern verurteilte Verschwörung und den wütenden Aktionismus des Fiesco und demonstriert schließlich am Ende der Aufführung, wie alles hehre Gerede von Freiheit, jede Geste, jede Aktion hohl werden, die Wirklichkeit den Akteuren zwischen den Fingern zerrinnt, weil sie die Wirklichkeit nicht begreifen wollen oder können.
Gerlach gelingen immer wieder eindrucksvolle Szenen, in der die Verschwörung nichts als sinnloser Aktionismus ist, symbolisiert zum Beispiel in den hölzernen Schwertern, die zuerst wohlgeordnet, später zerstreut, wie Kinderspielzeug, auf der Bühne herumliegen, oder sinnfällig gemacht an den fratzenhaften Gesichtern der adeligen Akteure, ihrem geckhaften Gebaren und Auftreten oder ihren lächerlichen Verschwörungsgesten. An einer Stelle werden der falsche Ton und die Gebrochenheit der Handlung besonders deutlich: Fiesco hat den Entschluss gefasst, gegen den Tyrannen Genuas vorzugehen, und monologisiert darüber in „großen“ Worten. Gleichzeitig läuft auf der Leinwand hinter ihm ein Film ab mit Bildern aus dem Aufenthaltsraum der Schauspieler, die auf ihren Auftritt warten. Der Film entlarvt Fiescos Worte als leer, demonstriert, dass sie „gespielt“ werden, ironisiert sie und macht sie zu peinlichen Sprechhülsen.

Dass eine Verschwörung in der Tat nicht mehr gelingen kann, verstärkt Gerlach durch die Figuren seiner Inszenierung. Mit keinem der Adeligen, Verrina (Fred Graeve) eingeschlossen, kann eine Verschwörung gelingen. Peter Meyer, Markus Klauk, Jürgen Helmut Keuchel, Stefan Gille, Bernd Kruse und Matthias Steiger stellen gesichtslose, charakterlose, auf Vergnügen und die eigenen Vorteile bedachte Höflinge dar, mit denen einfach „kein Staat“ zu machen ist. – Barbara Schwarz und Julia Meyer haben imposante Auftritte als Eleonore, Fiescos Gattin, und Bertha, Verrinas Tochter. – Gabriel Spagna ist der gewissenlose Herzog von Genua, der nicht davor zurückschreckt, Morde anzuordnen oder sich seiner Schwester Julia (Barbara Kramer) anzüglich zu nähern. Matthias Steiger ist sein duckmäuserischer, skrupelloser Vertrauter und Gehilfe. – Thomas Streibig verkörpert den windigen Mohren Hassan. Wie immer ist er sehr präsent auf der Bühne und macht den Mohren durch sein intensives Spiel zu einer zweiten Hauptfigur. – Daniel Kuschewski, gekleidet in einem Schiller-Kostüm, beeindruckt als Fiesco. Ihm gelingt die Rolle des vergnügungssüchtigen Adeligen am Hof zu Genua genau so mühelos wie die des übereifrigen Revolutionärs. Durch sein differenziertes Spiel hält er die gelegentlich auseinanderdriftenden Szenen zusammen und ist der wirkliche Mittelpunkt des Stücks. Mit dieser Rolle gehört er zu den Schauspielern in vorderster Reihe des Ensembles des Hessischen Landestheaters.
Der eigentliche Clou der Inszenierung aber ist, dass das Geschehen auf der Bühne gleichzeitig von einer Kamera – Christian Holdt ist der agile, überall präsente Kameramann – auf eine Leinwand an der Bühnenhinterwand übertragen wird. Der Zuschauer erlebt nicht nur eine Theateraufführung über den Verschwörer Fiesco, sondern sieht auch den Film Die Verschwörung des Fiesco zu Genua, beide durchaus verschieden, hier immer die ganze offene Bühne (wohnzimmermäßig eingerichtet von Klaus Weber), dort die Totale manchmal, aber auch Ausschnitte der Bühnenhandlung, Details oder Großaufnahmen von Gesichtern. Der Zuschauer hat beide Medien vor Augen, kann sich nicht einfach für das eine oder andere entscheiden, beobachtet, ob er will oder nicht, die Akteure auf der Bühne und auf der Leinwand.

Dieser Inszenierungseinfall bewirkt eine Intensivierung vieler Szenen, vor allem solcher, in denen die Gesichtszüge des Agierenden hinter oder neben ihm auf der Leinwand in übergroßer Form auftauchen und so dem Bühnenauftritt eine suggestive mediale Doppelung und Verstärkung geben. Gleichzeitig werden die Szenen in ironischer Weise gebrochen, so dass die Zuschauer vom Geschehen auf der Bühne „weggerückt“ werden. Die Verschwörung des Fiesco, so erlebt das Publikum, ist auch oder vor allem ein Historienfilm, gehört zu einer virtuellen Wirklichkeit, ja kann eigentlich nur noch als solche rezipiert werden. Diese Welt medialer Vermittlung aber sperrt sich gegen differenziertere Aussagen und Darstellungen. Es ist daher folgerichtig, dass Schillers Helden eher als Karikaturen, sein Pathos als Farce, seine Ideen als Leerhülsen vorgeführt werden.
Und so ist Gerlachs Inszenierung der Verschwörung in Genua als Farce mit grotesken Zügen auch ein Hinweis darauf, wie Schillers dramatische Texte heute in Bühnenspiele umgesetzt werden können. Den Schiller der großen Gesten und erhabenen, emotionalisierten Sprache, dessen Figuren gerade im Scheitern beeindrucken und sich vor den Zuschauern zu einer beispielhaften Größe erheben, der den Konflikt zwischen Wirklichkeit und Ideen auf die Bühne bringt und den Zuschauer zwingt, diesen Konflikt „auszuhalten“ und sich ihm zu stellen, diesen Schiller des „großen“ Dramas kann ein Regisseur im Gedenkjahr 2005 nicht mehr ohne weiteres, so scheint es, auf der Bühne lebendig werden lassen. Gerlach inszeniert einen Schiller mit Brüchen, ohne Lösungen, bei dem Lächerliches und Ernsthaftes aufeinanderstoßen, ohne dass das eine durch das andere aufgehoben würde. Vielleicht ist das eine mögliche Haltung, sich dem Dichterfürsten aus Weimar zu nähern. – Die Inszenierung in der Stadthalle lädt zum Nachdenken darüber und zu Diskussionen ein.
Herbert Fuchs