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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 6
(2005), Heft 2
Olga Ungurs
namenlos
Ich sitze hier in einer Ecke
nackt und schutzlos
die Beine angezogen und umschlungen
habe die Augen geschlossen
Du kommst
streichelst mein Haar
lächelst
Ich zittere vor Angst und Kälte
Ganz sanft streichelst du
zärtlich und liebevoll
wie Feuer, welches sanft den Wind streichelt
Wie Feuer, deine Finger
Wie Feuer, welches den Wind erwärmt
ihn mit Rauch vermischt
mit dreckigem Rauch
Eiskalt
Mir ist kalt von deiner Wärme
Hör doch auf!
Bitte hör auf!
Ich spüre deine Hand
deine große Hand
wie sie sanft mein Gesicht berührt
Es brennt!
wie sie es hebt
Ich schau dich nicht an
ich will dich nicht sehen
Deine Wärme tut so weh!
Doch ich sehe dich
gleich kommt es
Eine Flamme
riesig und heiß
will in mich hinein
ich lasse sie
Feuer in mir
überall, ohne jede Zärtlichkeit
breitet sich in mir aus
jeden Winkel
gierig und heiß
verbrenne von innen
Sie frisst den letzten Windhauch
Die Flamme zieht sich zurück
wird kleiner
endlich
die Wärme schwindet
endlich
Ich öffne die Augen
Wieder allein
allein in meiner Kälte
allein in meiner Angst
allein in mir
Ein Windhauch weht mir durch das Haar
und ich schließe die Augen
zum letzten Mal...
Wildpferde
Kein Stern leuchtet in der Nacht,
Der Regen tröpfelt vom Himmel sacht,
Und auf der Wiese eine Herde,
Voll pechschwarzer, wilder Pferde.
Samtweiche, gewellte Mähne,
Keine einzige helle Strähne,
Der ganze Körper ist schwarz wie die Nacht,
In ihnen ist der Teufel erwacht.
Sie galoppieren mit dem Wind,
Springen über Bäche geschwind,
An Bäumen und an Flüssen vorbei,
Sie sind für immer grenzenlos frei.
Der Regen hört auf, die Nacht ist hell,
Bei Vollmond glitzert das feuchte Fell,
Schwarze Schatten rennen im Sand,
Die trommelnden Hufe durchs ganze Land.
Sie lieben den Himmel, sie lieben das Meer,
Die Luft und das Feuer, da kommen sie her.
Von der Natur erschaffen, vom Mond bewacht,
Sie galoppieren weiter, durch die ganze Nacht ...
Beide Gedichte stammen von einem dreizehnjährigen Mädchen, Olga Ungurs, das sich selbst so beschreibt:
"Zu mir.. Ich geh auf dem Peutinger-Gymnasium Augsburg in die 7. Klasse. Ich hab zwei Pflegepferde, reite seit zwei Jahren, gehe gern auf Konzerte und hör oft Musik, das wäre das wichtigste von meinen Hobbys. Mit dem Dichten hab ich letzten Sommer wieder angefangen, erst waren es nur Dinge, die ich mochte, oder was mir grad so einfiel, mittlerweile ist es eine Art geworden Gefühle auszudrücken und zu verarbeiten ...
Als ich angefangen hab mit [einem anderen] Gedicht dachte ich an Gefühle, nur sehr bildlich. Dass man wehrlos gegen sie ist... ich kanns einfach nicht erklären. Bei "namenlos" fing es auch an mit Gefühlen, bis ich nach ein paar Zeilen merkte, dass es sehr nach Missbrauch klingt. Weil mich dieses Thema auch beschäftigt, hab ich dann gleich so weitergemacht, und daraus wurde dann meiner Meinung nach ein sehr zweideutiges Gedicht...“
Olga Ungurs hört gerne die Musik von „Rammstein“ und schätzt auch die „harten Texte“ der Band, die sie mit zu ihren Gedichten inspirieren. Auf ihrer Homepage http://www.tala.de.ms erfährt man, welche Filme und welche sonstige Musik für sie wichtig sind, ihre Gedanken und Gefühle beeinflussen. Die Missbrauchsthematik geht - zum Glück - nicht auf eigenes Erleben zurück, sondern steht als Metapher für die Gewalt der Gefühlswelt einer Dreizehnjährigen, in der sich innere Bilder und äußere Einflüsse unlösbar verbinden. Aber die hier wiedergegebenen zwei Gedichte sind mehr als ein für unsere Zeit symptomatisches Psychogramm einer Heranwachsenden – sie enthalten auch deutliche Hinweise auf eine eigenständige poetische Kraft. Wir veröffentlichen die Texte aus diesen beiden Gründen: sie zeigen zugleich, mit welcher Härte Eindrücke aus der Welt – die immer auch eine Medien-Welt ist – ein sensibles jugendliches Inneres bedrängen, und mit welcher Offenheit und Steigerungsfähigkeit es ihnen dennoch, auch heute noch, begegnen kann.
Max Lorenzen