Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 6 (2005), Heft 2


 

Mein Buch des Monats April

 

»Trotz Apokalypse gute Laune«

Wilhelm Genazino: „Die Liebesblödigkeit“. Roman. Hanser Verlag, München 2005. 203 S. ISBN 3-446-20595-0. Geb. € 17,90

Irgendwann 2004 hatte es plötzlich Bilder im Fernsehen gegeben, vom neuen Büchnerpreisträger: Wilhelm Genazino, Jahrgang 1943, geboren in Mannheim, wohnhaft in Heidelberg – der Name sagte mir bis dato nichts, klang ähnlich trivial-exotisch, wie z.B. Leslie Schulze. Mit den anbei genannten Titeln seiner Bücher konnte ich ebensowenig anfangen wie mit seiner Person, und überhaupt machte ihn mir sein Status als Preisträger jetzt erst recht verdächtig (schon als Kind wehrte ich mich dagegen, Michael Endes Momo zu lesen, weil bereits zu viele andere Gefallen daran gefunden hatten).

An Weihnachten öffnete ich dann das Geschenk eines Freundes – hatte schon vorher ertasten können, daß es sich um ein Buch handelte – und fand etwas enttäuscht Genazinos schmalen Roman Ein Regenschirm für diesen Tag (2001) darin. Ich hielt es gleich für einen dieser beiläufigen Notkäufe: Genazino = Büchnerpreis = Weihnachtsgeschenk. Normalerweise hätte ich das Buch sofort ungelesen ins Regal eingereiht, wäre der Freund kein Vertrauter gewesen, der zum Glück oft anrief und nachfragte, ob ich ihn bereits gelesen hätte, den Roman, er wolle endlich mit mir darüber sprechen. Also las ich und tat etwas gegen meinen Verdacht.

Den Satz: „Merkwürdig ist die Stille, die dem Überleben folgt“, habe ich angestrichen und am Rand mit einem dafür vielleicht etwas übertriebenen Ausrufezeichen versehen. Er hat mich überzeugt. Seitdem habe ich Bücher von Genazino nicht nur gelesen, ich habe sie gekauft und gewünscht. Hier möchte ich eines dringend empfehlen.

In Die Liebesblödigkeit, seinem aktuellem Roman, erzählt Wilhelm Genazino die Geschichte eines alternden Mannes im Moment der „Doppelliebe“ zu zwei Frauen. Sein Protagonist liebt die „gescheiterte Konzertpianistin“ Judith, die, nachdem sie sich ihr musikalisches Untalent eingestanden hat, ihr Leben mit Nachhilfestunden in Latein, Englisch, Französisch und mit Klavierstunden finanziert; gleichzeitig liebt er Sandra, Büroangestellte in einer Sanitärgerätefabrik, „Hobbykünstlerin“ mit „guter Figur“ und „ausreichend Bildung“, die in einer Altbauwohnung lebt. Beide Frauen sind Anfang/Mitte Vierzig, also etwa zehn Jahre jünger als ihr gemeinsamer Liebhaber. In ihrem Wesen und ihrer Art sind sie grundverschieden.

Wer ist dieser Polygamist, der zunächst noch von sich selbst sagt, er fühle sich frei, weil er „mit niemandem und nichts abrechnen muß“ und der sein Ideal so formuliert: „Ich wünsche allen Männern zwei Frauen und allen Frauen zwei Männer, wenigstens phasenweise, denn zwei Frauen oder zwei Männer sind die Mindestüppigkeit, mit der wir den Kampf gegen unser armseliges Leben antreten können, ohne uns gleich dem Gesetz der Kargheit auszusetzen“?

Eigentlich ist Genazinos Romanheld ein ganz normaler freischaffender „Apokalyptiker“, der seinen mit den Jahren entwickelten „Prophetie-Zwang“ zum Beruf machte – eben „eine dieser zweifelhaften Existenzen, die vom Reden leben können“. Auf Hotelseminaren nimmt er die Rolle des „Dekadenzpessimisten“ und „Alltagsberaters“ ein. Er erzählt seinen meist gut situierten Zuhörern von Themen wie der „Preisgabe der Diskretion im öffentlichen Raum“ als „Vorstufe zum faschistischen Ordnungsdenken“. Die Seminare haben regen Zulauf und alle Teilnehmer zeigen, daß sie „trotz Apokalypse gute Laune haben“.

Genazino läßt es seiner Hauptfigur dennoch nur dreizehn Seiten wohl ergehen, danach folgt bereits der alles entscheidende Krampf (wenn Sie jetzt „Kampf“ gelesen haben, wäre das sicher im Sinne des Romanautors, schließlich hat er das Verlesen kultiviert: „Endredaktion“ wird zu „Enderektion“, „Internationale Linienverkehre“ werden zu „Infernalischen Liebesverkehren“ etc.). Dieser Krampf ereilt den Protagonisten genau in dem Augenblick, in dem er mit Sandra verkehrt. Sie müssen ihr begonnenes Liebesspiel abbrechen. Der „mißratene Beischlaf“, gerade weil Sandra ihn im anschließenden Gespräch verschweigt und statt dessen besorgt darum bittet, ihr Liebster möge einmal zum Arzt gehen, auch wegen seiner Blutwerte, wird zum Schlüsselmoment. Genazinos namenloser Held muß plötzlich doch feststellen: „Es gibt jemanden, mit dem ich abrechnen muß, und das bin ich selbst. Es plagt mich das Gefühl, daß ich rasch altere und meine Verhältnisse klären muß. Damit meine ich ausschließlich meine Liebesverhältnisse. Immer wieder stelle ich mir die grauenhafte Szene vor, daß ich vielleicht demnächst in einem Krankenhaus liege und gleichzeitig von den beiden Frauen besucht werde, die ich seit vielen Jahren liebe und die voneinander nichts wissen. Diese Konfrontation muß unbedingt verhindert beziehungsweise ausgeschlossen werden: indem ich mich von einer der beiden Frauen trenne“. Der Versuch, sich gegen Judith oder gegen Sandra zu entscheiden wird zur „Lebensentscheidung“, letztlich, auf den letzten Seiten des Buches sogar zur Entscheidung für oder gegen die Sterblichkeit – soviel darf verraten werden. Auf dem Weg dahin mischen sich allerlei seltsame Gestalten ins Geschehen ein: ein Panik-Berater, ein Ekelreferent, eine Staubforscherin, ein Postfeind und ein Empörten-Beauftragter. In ihnen allen spiegelt Genazino den im Protagonisten aufkommenden „Wunsch nach Ordnung (eine Frau, eine Liebe, eine Wohnung, eine Klarheit)“ und die gleichzeitige Angst dabei, diese Ordnung könnte „sowohl die gegenwärtige als auch alle zukünftigen Ordnungen zerstören“.

Genazino folgt in seinem aktuellen Roman konsequent seiner bisherigen schriftstellerischen Marschroute. Er setzt bewußt fort, was in seinen vorherigen  Büchern bereits angedacht ist, bzw. er setzt nur einen anderen Blickwinkel an. Schon Eckard Fuchs, der Protagonist aus dem Roman Die Ausschweifung (1981) träumt einen Moment lang von der Möglichkeit, „daß er ein Mann sei, der zwei Frauen liebte“. Über Fuchs lesen wir auch den Satz: „Er fühlte, daß er sich unklar verhielt, aber wo sollte die Klarheit herkommen? Weil sich kein Problem wirklich lösen ließ, mußte er sich immer unklar verhalten. In dieser Unklarheit war einerseits die Hoffnung auf irgendeine Lösung zwar enthalten, andererseits aber ebensosehr die Gewißheit, daß nicht eine einzige Veränderung, die das Älterwerden mit sich gebracht hatte, noch einmal rückgängig gemacht werden konnte“. Dem Helden der Liebesblödigkeit geht es ähnlich, nur strengt er sich „manchmal sogar an, mir selbst möglicht geschlossen und widerspruchsfrei zu erscheinen.“ Selbst die Frauengestalten Judith und Sandra sind durch Christine und Ruth (Die Ausschweifung) vorgezeichnet. Und natürlich darf Kafka nicht vergessen werden. Zitate aus seinem Werk und Anspielungen auf es finden sich in Genazinos Büchern bereits seit der Abschaffel-Trilogie (1977). Nehmen wir den ständigen Verweis auf Kafka ernst, dann entdecken wir, daß Genazino immer weniger „Angestelltenromane“ schreibt, wofür er oft gerühmt wurde (Abschaffel z.B. ist Angestellter), und immer mehr „Künstlerromane“ zu schreiben beginnt. Auch Die Liebesblödigkeit ist ein solcher Künstlerroman. Inmitten der komfortablen Beischlafszenen, wenn Sandra in der Not erfinderisch wird und mit einer standhaften Weinkistenkonstruktion im Türrahmen einen weiteren Wadenkrampf des Protagonisten beim Geschlechtsverkehr verhütet, oder wenn ihm Judith nach dem Spontankoitus hinter einer Hecke schwört: „Man wird schön belohnt, wenn man dich liebt“, fällt die fragile Existenz des Artisten, der immer auch ein Apokalyptiker ist, kaum auf. Genazino drückt es so aus: „Es muß ein Papageienschwarm her, damit die Leute das Leben sonderbar finden“. Dennoch gibt es auch ohne viel Federlesen Stellen im Buch, die von der ‚Sonderbarkeit des Lebens’ berichten. So z.B. im Gespräch des Ich-Erzählers mit dem verhinderten Maler Morgenthaler, aus dem der Dialog über das Arbeiten stammt: „Du hast es gut, sagt er, du kannst immer arbeiten. Das scheint nur so, sage ich. […] Ich muß lange lauern und warten, sage ich, bis meine Arbeit und ich gut aufeinander zu sprechen sind.“ Erinnert das nicht auch wieder an Kafka?

Wie gehen die beiden Frauen letztlich mit der ‚Sonderbarkeit’ um? „Sandra glaubt nicht an meine Kompliziertheit. Sie hält sie für ein albernes Getue, mit dem ich mich ein bißchen aufspielen will“, erfahren wir vom Erzähler. Auch, daß Sandra dennoch von ihm „verlangt […], von Zeit zu Zeit wie ein Intellektueller“ zu sprechen. Und Judith? „Mit Judith ist es mir möglich, jedenfalls weitgehend, nur über das zu reden, worüber ich Bescheid weiß, es sei denn, ich spreche über Bach, um einen Beischlaf zu verhindern. Deswegen erhält Judith in diesen Augenblicken einen Sonderpunkt für die Ermöglichung von Authentizität“.

Genazinos Held bleibt am Ende unverstanden, aber er „hüpft und springt“ wenigstens nicht über die „Einsamkeitsklippen“ wie seine „Schwester des Scheiterns“, seine Ex-Ehefrau Bettina – übrigens die dritte wichtige Frau im Buch. Sie verstand es nicht, sich zu langweilen, schreibt Genazino und stellt damit noch einmal die Verbindung zu seiner Büchner-Preis-Rede her, in der er dazu aufforderte: „Laßt die Finger weg von unserer Langeweile! Sie ist unser letztes Ich-Fenster!“.

Genazinos Held „steht allein da und hat nichts dagegen“, wie es sich für einen guten Künstler gehört – „Vermutlich sehnt sich meine Sehnsucht nach etwas, was es nicht gibt: Dieses phantastische Moment wäre (ist) der Kern der Liebesverblödung“. Wenn der Erzähler zwei Seiten später aus der „Verblödung“ eine „Blödigkeit“ werden läßt, wird endlich auch der Titel klar. Schließlich wird der Protagonist sich eingestehen müssen, „nicht deine beiden Frauen und nicht die Sexualität sind das Problem, sondern allein die Narrheiten deines Kopfes“. Aber lesen Sie selbst.

Arne Grafe

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