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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 6
(2005), Heft 2
Wilhelm G. Jacobs: Schelling lesen. legenda 3, Verlag Frommann-Holzboog, Stuttgart-Bad Cannstatt 2004, ISBN 3-7728-2240-1, 162 Seiten, 29,80 €
Wilhelm G. Jacobs, Mitherausgeber der Historisch-kritischen Schelling-Ausgabe, hat eine knappe, gut lesbare Einführung in das Gesamtwerk Schellings geschrieben, die jedem am deutschen Idealismus Interessierten, besonders natürlich Studenten der Philosophie und Germanistik, zu empfehlen ist. In 11 Kapiteln gibt Jacobs einen Überblick über die Biografie, sowie über die wesentlichen Inhalte der Schriften eines der Hauptvertreter der Romantik. Die Frage, warum man heute noch Schelling lesen sollte, beantwortet Jacobs so: "Weil Schelling radikal oder anders: von Grund auf, oder nochmals anders: von Anfang an denkt. Was aber kann als Anfang anders begriffen werden als Freiheit. Sie möchte heute und immer des Nachdenkens wert sein. Lesen wir also Schelling!" ( Einleitung, S. 17)

Wer solchermaßen die Freiheit an den Anfang der Reflexion und der Existenz selber des Menschen setzt, bekommt etwas Grundloses in den Blick: "Es ist der Mensch, der sich selbst unbegreiflich wird, der begreift, dass er sich unbegreiflich ist [...]. Was begreiflich sein sollte, das einzige Wesen, das überhaupt begreift, begreift sich selbst als unbegreiflich" (S. 16). Bereits für den jungen Schelling bekommt diese Unbegreiflichkeit einen Namen (ohne sie in solcher Bezeichnung etwa zu verharmlosen): "Die Quelle des SelbstBewusstseyns ist das Wollen. Im absoluten Wollen aber wird der Geist seiner selbst unmittelbar inne, oder, er hat eine intellectuale Anschauung seiner selbst" (zit. nach Jacobs, S. 49). Der Begriff der "intellectualen Anschauung" stammt, wie Jacobs ausführlich darstellt, aus der Kantischen Philosophie (vgl. etwa Kritik der reinen Vernunft, B 72). In der Wende von Aufklärung und Klassik zur Romantik bekommt er, bei Novalis, Hölderlin oder eben Schelling, entscheidende Bedeutung. Bereits in "Vom Ich als Princip der Philosophie oder über das Unbedingte menschlichen Wissen" von 1795 heißt es: "Das Wesen des Ichs ist Freiheit, d. h. es ist nicht anders denkbar, denn nur insofern es aus absoluter Selbstmacht sich, nicht als irgend Etwas, sondern als bloßes Ich setzt" (Schelling: Ausgewählte Werke, Darmstadt 1980, Schriften von 1794 - 1798, S. 59), und: "Das Ich kann durch keinen bloßen Begriff gegeben seyn. Denn Begriffe sind nur in der Sphäre des Bedingten, nur von Objekten möglich. [...] Mithin kann das Ich nur in einer Anschauung bestimmt seyn. [...] Wo also kein Objekt ist, d.i. im absoluten Ich, da ist keine sinnliche Anschauung, also entweder gar keine, oder intellektuale Anschauung. Das Ich also ist für sich selbst als bloßes Ich in intellektueller Anschauung bestimmt" (a. a. O., S. 61).
Jacobs geht der Verankerung dieses Begriffs in der Kantischen Philosophie genau nach: "Schellings Philosophieren beginnt mit Kant und nicht mit Fichte" (S. 38); allerdings hätte gerade Schellings Rede vom "Wollen" gleichermaßen den Fichteschen Begriff der "Tathandlung" in den Blick bringen müssen: "Dieses dem Philosophen angemutete Anschauen seiner selbst im Vollziehen des Aktes, wodurch ihm das Ich entsteht, nenne ich intellektuelle Anschauung. Sie ist das unmittelbare Bewusstsein; dass ich handle, und was ich handle: sie ist das, wodurch ich etwas weiß, weil ich es tue" (Johann Gottlieb Fichte: Versuch einer neuen Darstellung der Wissenschaftslehre. Vorerinnerung. Erste und Zweite Einleitung, Erstes Kapitel).
Beide Stellen stammen von 1797. Es geht hier gar nicht darum, Abhängigkeiten zu konstruieren. Vielmehr scheint es so, als kreise das Bemühen der Philosophen und Dichter jener Zeit darum, mittels des Begriffes der "intellektualen Anschauung" über die Kantische Subjekt-Objekt-Spaltung hinauszugelangen. Man mag also früher die Bedeutung Kants für Schelling unterschätzt haben; warum muss aber nun eine sicherlich angebrachte Korrektur in der Sekundärliteratur, in ebensolcher Einseitigkeit, dazu führen, den Einfluss Fichtes zu vernachlässigen?
Besonders in den Kapiteln über die Philosophie der Kunst, der Freiheit und der Mythologie stellt Jacobs dar, wie sich jener Begriff entfaltet und vertieft, als sei er gleichsam selbst das lebendig-produktive Zentrum des Schellingschen Denkens. In der "Philosophie der Mythologie" spricht Schelling eine radikale Schlussfolgerung aus, die nach wie vor von höchster Brisanz ist. Das reine Bewusstsein sei gerade nicht dasjenige der akzidentellen Akte. "Es ist reine Substanz", erläutert Jacobs (S. 120). Da nun aber der ursprüngliche Mensch "doch Bewusstseyn von etwas seyn muss, [kann er] nur Bewusstseyn von Gott seyn [...], nicht mit einem Actus, also zum Beispiel mit einem Wissen oder Wollen, verbundenes, also rein substanzielles Bewusstseyn von Gott. Der ursprüngliche Mensch ist nicht actu, er ist natura sua das Gott Setzende [...] (Philosophie der Mythologie, Erster Band, Darmstadt 1976, S. 185). Hierin sieht Schelling die monotheistische Basis aller Religion und Philosophie. Jacobs erläutert: "Nun kann die Substanz keine akzidentellen Akte tragen, wenn sie nicht selbst Akt ist; allerdings muss sie als derjenige Grundakt, der alle weiteren trägt, begriffen werden. So verstanden ist die reine Substanz das sich vollziehende Sein des Bewusstseins. [...] Das Sein des Bewusstseins ist - um einen anderen Ausdruck Schellings hier zu gebrauchen - Leben" (S. 121).
Ein solcher Grundakt des Urbewusstseins setzt mithin "den Gott in seiner Wahrheit und absoluten Einheit" (a. a. O., S. 185). Monotheismus sei folglich "die letzte Voraussetzung der Mythologie" (ebda.), "weil der Mensch in seinem ursprünglichen Wesen keine andere Bedeutung hat, als die, die Gott-setzende Natur zu seyn, weil er ursprünglich nur existiert, um dieses Gott-setzende Wesen zu seyn, also nicht die für sich selbst seyende, sondern die Gott zugewandte, in Gott gleichsam verzückte Natur" (ebda.).
Der Satz bietet ein Beispiel radikalen Denkens, dem jeder philosophisch nachdenkende Mensch begegnen sollte: er allein beinhaltet bereits die Notwendigkeit einer Beschäftigung mit Schelling. Natürlich führt jeder konkrete Akt des Bewusstseins aus jener ursprünglichen Einheit heraus, die ihm nun nicht mehr zugänglich ist: "Diese Bestimmung hat daher etwas dem Bewusstsein Unbegreifliches [auf das Jacobs, s. das obige Zitat, sehr zu Recht gleich zu Beginn verweist], sie ist die nicht gewollte und nicht vorhergesehene Folge einer Bewegung, die es nicht zurücknehmen kann. Ihr Ursprung liegt in einer Region, zu der es, einmal von ihr geschieden, keinen Zugang mehr hat" (Philosophie der Mythologie, a. a. O., S. 192). Diese Region ist der Ursprungsort der Freiheit und der Einheit von Sein und Denken vor aller bestimmten Äußerung. Was in ihm geschieht oder ist, nennt Schelling die "Absorption des menschlichen Wesens in das göttliche" (S. 187). Das Hochwichtige, ja Entscheidende liegt also darin, dass der Mensch anfänglich nicht "für sich selbst", sondern als absolute Zuwendung existiert: sein Wesen selber ist "intellektuale Anschauung".
Der "Sündenfall" der Bewusstwerdung initiiert folglich einen Geschichtsprozess, der letztlich die ursprüngliche Freiheit auf einer höchsten Stufe erst wahrhaft realisieren soll. Die romantisch-idealistische Geschichtsphilosophie ist untergegangen; dennoch liefert die Beschäftigung mit ihr nach wie vor tiefste Einsichten in eine Schicht des Ichs, die sich jedem direkten Zugriff entzieht. Hier ist der Ort, wo einmal die von psycho-somatischen Begierden beinahe unberührte "Seele" beheimatet war. Ohne Kommunikation mit ihm bleibt immer noch jede Reflexion über "Individualität" haltlos.
Je ferner heute all diese Bereiche zu liegen scheinen, umso unumgänglicher ist es, sich ihnen durch ein vertieftes Studium derjenigen Schriften, die auf genuine Weise von ihnen handeln, wieder anzunähern. Wilhelm G. Jacobs Einführung kann jungen Menschen den Weg zu Schelling gangbarer machen. Selbstverständlich verteuert eine kleine Auflage ein solches Buch. Bedauerlich ist trotzdem, dass der relativ hohe Preis manchem Studenten die Kaufentscheidung erschweren dürfte.
Johannes U. Lechner