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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 6
(2005), Heft 2
kjt am Staatstheater Kassel
Inszenierung: Dieter Klinge
Ausstattung Olga von Wahl
Musik: Ulrike Leydel
Zum Inhalt wurde hier ein kleiner Zuschauer befragt, der
mir seinen Text diktiert hat und den ich im Original
zitiere:
„Das kleine wilde Tier“ ist ein Theaterstück
für Kinder. Der Riese hat den Jungen in das kleine Tier
verwandelt. Der Riese waren zwei Menschen übereinander.
Das war toll. Dem kleinen Tier ging’s sehr schlecht. Das
Tier wohnte im verzauberten Wald. Der Förster wollte das
Tier erschießen, da hatte das Tier Angst. Ein Mädchen
musste immer beim Förster arbeiten. Schuhe putzen,
Wasser reinholen, Kartoffeln schälen u.s.w. Das Mädchen
war stumm. Sie hat das kleine Tier gerettet, aber sie war
nachher selbst tot. Wo sie lag, da war noch eine Blume.
Der Junge hat Lebenswasser auf die Pappblume geschüttet.
Und dann war alles wieder gut. Das ganze Stück hat mir
gefallen. (Jasper Diederich, 6 Jahre)
Am Nachmittag des letzten Festivaltages ist das Interesse an der Kinder- und Jugendtheaterwoche immer noch ungebrochen groß. Es herrscht Gedränge vor dem Einlass des ausverkauften Kindertheaterstücks „Das kleine Wilde Tier“ im Theater am Schwanhof.
„Kommen Sie mit ins Theater, .... kommen Sie! Aber - wecken Sie nicht das kleine wilde Tier!“ flüstert eine Schauspielerin den Eltern und den Kindern zu. Ein großes Kuscheltier, in dem offensichtlich ein Mensch versteckt ist, liegt auf dem Boden des Bühnenraumes und atmet.
Die ersten Sitzreihen bestehen aus dicken bunten Polsterkissen, welche die Kleinen sofort für sich erkennen und nach anfänglichem Gewusel dem Stück gebannt zu folgen beginnen. Ein schönes Bild, wie die mitunter gerademal Dreijährigen da auf dem Boden sitzen und sich interessiert im Raum umschauen. Med Reventbergs (geb. 1948 in Nyköping, Schweden)Geschichte ist aber keineswegs ein Heile-Welt-Stück. Von einem Krieg ist anfangs die Rede, in den der Vati nicht ziehen wollte und zur Strafe eingesperrt wurde, auch die geliebte Oma stirbt schon am Anfang. Das Kind, das erst drei Tage und drei Nächte geweint hat, bricht danach in die weite Welt des Zauberwaldes auf. Aber es soll ihm schlecht ergehen. Kristoffer Nowak spielt das Tier, in welches der Junge verwandelt wurde, nicht goldig, sondern armselig, es winselt und kriecht auf dem Bauch, es ist einsam und verzweifelt. Einige Kinder spüren das, vor allem durch die räumliche Nähe und fangen an zu weinen. Die Schauspieler Vera Seemann und Odo Jergitsch verstehen die traurigen Sequenzen aber gekonnt mit Heiterkeit zu brechen. Böse und Gut liegen nahe beieinander. Wie im richtigen Leben, mögen die Kinder denken. Das Spiel ist überhaupt sehr dicht und temporeich. Vor allem Vera Seemann bringt als überkandidelter Hermelin oder als umherspringender Waldschrat Stimmung ins Haus. Odo Jergitsch mimt den General und den Förster mit sparsamer Eindringlichkeit.
Die Bühne besteht aus einer findigen Konstruktion aus Multifunktionselementen, die unterschiedlichste Szenerien wie einen Wald mit Wasserlauf, einen Gartenzaun oder Hauswände markieren. Eine feinsinnige Beleuchtung unterstreicht die warmen Farben und leisen Töne dieser Inszenierung, in der ein Summen oder ein paar Flötentone die Aufmerksamkeit auch dieser ganz kleinen Zuschauer zu fangen verstehen. Und das immerhin 65 Minuten lang.
Erika Schellenberger-Diederich