Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 6 (2005), Heft 2


 

Thomas Manns „Entmonumentalisierung“ für die Voyeur-Gemeinde?

Zur erweiterten Neuauflage von M. Reich - Ranickis „Thomas Mann und die Seinen“. Gesammelte Essays aus fünf Jahrzehnten, DVA, München 2005, 462 S., 22,90 €, ISBN 3-421-05864-4  

Unser aller Literatur - „Papst“ mag triumphieren, denn heute (2005) stellt er in obigem Text fest, daß die „weltweite, internationale Thomas - Mann - Industrie blüht und gedeiht“. Wir können das nur bestätigen: Nach dem Breloer - Film über die Manns im Fernsehen, nach Inge und Walter Jens’ aufschlußreichem Buch über Frau Katia Mann, nach der „Thomas Mann Chronik“ von Gert Heine und Paul Schommer, nach Michael Stübbes „Die Manns. Genealogie einer deutschen Schriftstellerfamilie“ und nach Hildegard Möllers „Die Frauen der Familie Mann“ - von dem Lübecker Hauskochbuch der Familie Mann mit dem vielversprechenden Titel „Taube und Franzbrot“ ganz zu schweigen - zieht Marcel Reich - Ranicki jetzt nach mit der stark erweiterten Neuauflage seines Sammelbands von 1987.

Das war nicht immer so: M. Reich - Ranicki  führt Klage, daß Thomas Mann 1975 - trotz 100. Geburtstag - „zum Gegenstand einer Generaloffensive“ wurde, „die in der Geschichte der deutschen Literatur ihresgleichen nicht kennt: Dutzende von Schriftstellern erklärten, niemand sei ihnen  gleichgültiger als der Autor des ‘Zauberberg’.“ (S.33) Ob Reich-Ranickis Begründung hierfür, nämlich „vor Wut und wohl auch vor Neid“ richtig ist, mag dahingestellt bleiben. Und auch schon in der Weimarer Republik erhielten Thomas Mann und sein Sohn Klaus Mann, von Alfred Kerr (ein ehemaliger Nebenbuhler um die Hand der Katia Pringsheim) und Kurt Tucholsky „mehr als einmal mit höhnischen Seitenhieben bedacht“ (S.49), scharfe und bissige Kritik, so daß Thomas später den Zwang zur Emigration für diese beiden weitaus verständlicher findet als für sich und seine Familie. Hans Mayer sieht in seiner Thomas - Mann - Monographie von 1950 („Thomas Mann - Werk und Entwicklung“.Volk und Welt Verlag Ostberlin, DDR) Thomas Mann zur Zeit der Weimarer Republik als einen in Deutschland „Ungeliebten“: Hofmannthal, George, Rilke, Kafka, Musil, Brecht und Arnold Zweig werden dafür angeführt (S.403/4 bei M.R.-R., a.a.O.). Schon 1986 sieht Reich - Ranicki im Anstieg des Verkaufs von Thomas - Mann - Ausgaben, in neuen wissenschaftlichen  Arbeiten und Monographien über ihn einen Beweis, daß auch die „Generaloffensive aus den Siebzigern seinen Nachruhm nicht schmälern“ konnte (S.429). Er erklärt in dem vorliegenden Buch mehrfach, wie sehr er die posthume Veröffentlichung von Thomas Manns Tagebüchern begrüßte (1918-1921 u. 1933 - 1934 noch durch Peter de Mendelssohn; spätere durch Inge Jens)  als Einleitung vom Prozeß der „Entmonumentalisierung“ Thomas Manns.

Reich - Ranickis wieder neu aufgelegtes Buch enthält Reden, Vorträge, Festschrift - Beiträge, Essays und Zeitungs - und Zeitschriftenartikel (F.A.Z. u. „Der Spiegel“) von 1967 bis 1999. Die „stark(e) Erweiterung“ besteht aus acht Aufsätzen aus den Jahren 1989 - 1999, erschienen bereits entweder 1999 in M.Reich - Ranickis „Mein Leben“ oder 2002 in desselben „Sieben Wegweiser“. D.h. die Neuauflage enthält nichts aus den letzten fünf bis sechs Jahren.

Wenn Reich - Ranicki im Zusammenhang mit seiner im Kapitel „Die Stimme seines Herrn“ (ursprgl. 1975 erstveröffentlicht) erschienenen Kritik  an Peter de Mendelssohns (selig) unvollendeter Monographie „’Der Zauberer’. Das Leben des deutschen Schriftstellers Thomas Mann“. Erster Teil 1875 - 1918 (S.Fischer Verlag Ffm 1975, 2.Aufl. 1997) die verständliche Frage stellt: „Brauchen wir überhaupt eine Thomas - Mann - Biographie?“ (S.411), so läßt sich eine ähnliche Frage auch seiner eigenen Neuauflage gegenüber äußern.- Zumindest erscheint der Rezensentin die viel zu weit ausgedehnte und streckenweise ungerechtfertigt erscheinende Polemik gegen de Mendelssohns Arbeit („“kniend geschrieben(e) „ „Hofchronik“ eines „Hofberichterstatters“ und „Hagiographie“) fehl am Platz und in der Neuauflage - nach P.de Mendelssohns Tod - besser unterdrückt. Denn nicht nur Reich- Ranicki hat von dessen umfangreichem Bemühen profitiert (s. Anm. 3, S. 278/79), sondern aus anderer Perspektive, z.B. der eines Filmregisseurs, könnte angeblich „nur Nebensächliches und Belangloses“ durchaus interessant erscheinen. M.Reich - Ranicki hat „Thomas Mann und die Seinen“ offenbar für all die prospektiven Leser der Th. Mann - Fan - Gemeinde verfaßt und neu aufgelegt, denen eine eigene Lektüre der Tagebücher Manns, „so schnell und schludrig, so schlecht geschrieben“,  und der Briefausgaben Manns und family [und vielleicht auch der Werke?] zu viel Liebesmüh wäre. Ja, er warnt indirekt sogar wiederholt davor, indem die dort in den Tagebüchern  serienweise auftretenden Friseur- und Pedikür- Besuche, Kaffee- und/oder Schokolade - Tränke bei Theaterpausen ohne ein Wort zum Stück, die Pudel-Auftritte und genauen Garderobe - Angaben als von der Lektüre abschreckende Beispiele aufgeführt werden.

Wir müssen M. Reich - Ranicki dankbar sein, daß er uns sozusagen die Essenz aus den posthum veröffentlichten Tagebüchern herausgefiltert hat und damit endlich wesentlich zur „Entmonumentalisierung“ Th. Manns beiträgt. [D. h. Zielgruppe seines Buches ist sicher nicht der Literaturwissenschaftler, der ja auch mehrfach im Text „sein Fett abbekommt“, sondern der sonstige F.A.Z. - Leser, eben „die Gemeinde“.]

Nun, statt Polemik, zunächst besser mehr Informatives zu Aufbau und Inhalt von Reich - Ranickis Buch. Über die Hälfte beschäftigt sich direkt mit Th. Mann selbst; zwei Kapitel gibt es zum Bruder Heinrich bzw. zum Bruderzwist („Der König und der Gegenkönig“), ca. 82 von insgesamt 430 Seiten; ein Kapitel von neun Seiten über Frau Katia, eins (13 S.) über Tochter Erika (Elisabeth Mann - Borgese bleibt unbehandelt.); Sohn Klaus sind 34 Seiten, Sohn Golo 26 Seiten gewidmet; Sohn Michael und Tochter Monika begegnen nur mit sehr wenig Text im Kapitel „Die Familie Mann“ aus Reich - Ranickis Autobiographie „Mein Leben“ von 1999. Daneben gibt es noch das oben erwähnte Unterkapitel „Die Stimme seines Herrn“ über Peter de Mendelssohns Thomas Mann - Monographie. Das Kapitel „Der Ungeliebte“ beschäftigt sich mit Hans Mayers Thomas-Mann - Werk und dessen Behauptungen; „Was halten Sie von Thomas Mann?“ mit der oben bereits erwähnten F.A.Z.-Umfrage. Zur Enttäuschung des Lesers wird dann aber hinsichtlich derem genauen Ergebnis auf den Thomas Mann Sonderband ( hrsg. von Heinz Ludwig Arnold in der  edition „text und kritik“, Mchn 1976) hingewiesen. Die weitaus meisten weiteren Kapitel sind entstanden anläßlich der Edition der Tagebücher und handeln davon.

Fazit: Die Frauen der Familie Mann kommen prozentual zu kurz; es gibt da heute auch andere Informationsquellen (s.o.). Überhaupt zeigt sich Reich - Ranicki unritterlich, um nicht zu sagen unverschämt, den Damen gegenüber. So, wenn er Frau Katia Mann beim Besuch in ihrem Kilchberger Haus wie eine ‘Domina’ oder ‘imposante Stiftsvorsteherin’ beschreibt (eine Mischung zwischen der Schwester des alten Stechlin von Fontane und Frl. Rottenmeier aus Johanna Spyris „Heidi“?) und noch rabiater und gleich zweimal (S.390) Erika Mann, die „militante Tochter“ (S. 310), zunächst mit der „Amazonenkönigin“ - „damit ist nicht gut Kirschen essen“ - vergleicht und darauf folgen läßt:“ aus der Amazone wurde eine Erinnye“(S.302 - 304). Wenn Reich- Ranicki hier die Frau gleichsam zur Hyäne werden läßt, dann findet sein Th. Mann - family - Thriller à la Patricia Highsmith seine Fortsetzung in dem Monika - Mann - Zitat: Sie „beschimpfte Erika als ‘Hexe’ und behauptete, die Schwester habe zum Tod von Klaus beigetragen. Mehr noch: Sie habe diesen Selbstmord wohl verschuldet.“ (S.390) Für diesen gibt M.R.-R. zwar ausführlich eine andere, wahrscheinlichere Detektei, aber dem Leser bzw. der Leserin beginnt es hier vielleicht vor der Journaille zu grauen? - In meinen Notizen zur Lektüre von Reich - Ranickis „Thomas Mann und die Seinen“ taucht bereits auf der zweiten Seite ganz oben die Frage nach V o y e u r i s m u s  auf. Dieses Stichwort fällt dann tatsächlich auf des Buches Seite 158: Da „(...) drängt sich die Frage auf, ob diese Tagebücher ihre Leser in Voyeure verwandeln - ja, das mag schon zutreffen: in Voyeure des Lebens von Thomas Mann. Und zugleich unseres eigenen Lebens.“ (S. 144/45)

Insgesamt entspricht der Aufbau der Rollenverteilung und der Titelgebung: der Herrscher - Attitüde, die Th.Mann von M.R.-R. nachgesagt wird („Dichterfürst“; „König im Reich der Literatur“; „Oberhaupt der Emigration“, der „ Audienz gewährt“ S.37), entspringt die Zugabe des Besitz - anzeigenden Fürworts durch das substantivierte Possessiv - Pronomen „und die Seinen“ schon im Titel.

Es fragt sich, ob eine „Entmonumentalisierung“ heute überhaupt noch notwendig ist. Außerdem widerspricht M.R.-R. diesem Ziel, wenn er ( und nicht P. de Mendelssohn!) mehrfach klischeehaft behauptet:“Was den Briten ihre Windsors, das sind den Deutschen, jedenfalls den Intellektuellen, die Manns.“(S. 389) In die gleiche Richtung  gegen die angeblich erwünschte „Entmonumentalisierung“ spricht der als roter Faden (oder: leit/dmotivartig ) durch das ganze Buch sich ziehende Vergleich bzw. die Parallelisierung Thomas Manns mit Goethe (z.B. S. 32/33; 117, 130, 151, 171 u.v.a.m.). Dies, auch wenn Th. Mann selbst sein „Schielen nach Goethe“ (S.68) vorgibt und das von M.R.-R. dort als „Anmaßung und Überheblichkeit“, Hochmut, Vermessenheit und Größenwahn?“ ein Mal in Frage gestellt wird. So ist Th. Manns „Lotte in Weimar“ für M.R.-R. ein „heimliches Selbstporträt“. Auf Seite 57/58 bezeichnet er den Autor als Goethes „einzigen legitimen Erben und Nachfolger“. Worauf lassen solche Rangordnungsprobleme wie „der erste Schriftsteller des Jahrhunderts“ bei ihm schließen?

Neben Th. Manns Werken, die sämtlich  mehr oder weniger ausführlich zur Sprache kommen, wird sein Verhältnis zum Judentum und zu Juden (s. S.65f u. S.207f) ungeschminkt dargestellt, wie auch das Thema: Th. Mann und die Deutschen (S.147ff); auf Seite 106 ist er ihm „dieser deutscheste aller deutschen Schriftsteller“. Im Kapitel „Der Epiker als Kritiker“ stellt R.-R. fest: “Nein, Literaturkritiker war Thomas Mann - wie auch Goethe - ganz bestimmt nicht.“ Weitere zentrale Themen sind der Tod und die Musik. Und - natürlich - steht Manns „Homoerotik“ (R.-R. vermeidet fast durchwegs euphemistisch das übliche Wort „Homosexualität“) immer wieder im Zentrum (z.B. S.53ff), wobei R.-R. seinen Kommentar nicht unterdrücken kann: “Es gibt immer noch Männer, die den Reiz des weiblichen Geschlechts höher einschätzen(...)“ (S.165).

Mehrfach begegnet uns das folgende Th.Mann-Zitat aus einem Brief von 1917: “Wir finden in Büchern immer nur uns selbst.“(S.192) Da wird den Leserinnen die Lektüre von M.R.-R.s „Thomas Mann und die Seinen“ als Identifikationsangebot  schwer fallen, denn wer hat heute noch fünf Hausangestellte bzw. gleich zwei Butler? Den männlichen Lesern wird das leichter sein: Frau und Kinder sind nur „Statisten“ in Manns Tagebüchern: „sein Geburtstag“ muß gebührend gefeiert werden; er vergißt den seiner im Haus lebenden Kinder (Elisabeth und Michael) und den seiner Frau.                                                                                   

Damit wir zum Schluß nicht ganz auf „Brigitte“ - Niveau landen, zurück zur F.A.Z.: Sie hatte im Jahr 2004 Autorinnen und Autoren nach ihrem „Lieblingsbuch“ befragt. Die Antworten, zunächst als Serie in der Zeitung, sind jetzt in Buchform erschienen („Mein Lieblingsbuch. Fünfzig Liebeserklärungen. Hrsg.Hubert Spiegel. Insel Verlag. Ffm 2005, 142 S., Abb., 7 €). Zweimal ist Thomas Mann der Autor eines Lieblingsbuches: Für Dieter Bartetzko sind es „Joseph und seine Brüder“ (S.49-50); für Harald Hartung „Die Tagebücher“ (S.111-113)! Letzteren möchte ich zitieren: „Er ist mir (...) menschlich geworden“: „die Kälte des Artistischen gegen seine Freunde, ja seine Nächsten.“ „Soviel Indizien für Kälte, Narzißmus und (S.113) Eitelkeit die Tagebücher auch bringen - am Ende sind sie alle peripher.“ Und als Mangel sieht Hartung: „Es fehlen ihm jene Hefte, die Thomas Mann in Pacific Palisades am 21.5.1945 dem Ofen im Garten anvertraute.“- Bartetzko lobt: „Manns Ton, seine suggestiven Bilder und Szenerien beleuchten (...) das Einst und treffen doch, das ist das Wunder dieser Erzählung (s.o.), mitten in die heutige Verwirrung der Gefühle und Gedanken.“

Ein Positives kann Reich - Ranickis „Thomas Mann und die Seinen“ bewirken: alte Th.Mann - Lektüre-Erinnerungen wieder wach -, eventuell Protest gegen die schnöde Besprechung Heinrich Manns durch M.R.-R. hervorrufen und Lust auf erneutes Lesen der Werke beider Brüder, dazu noch intensivere Beschäftigung mit Erika und Golo Mann (ein wirklich schönes Kapitel bei R.-R.) wecken. - In der Hoffnung, daß die Jugend sich weder vom ‘unpolitischen’ Thomas mit seinen ‘schrecklich langen Sätzen’ noch vom ‘politischen’ Heinrich Mann mit seinen kürzeren, ‘einfachen’ abwendet, ganz zu schweigen vom Nachbarn Bert Brecht in Pacific Palisades, mit dem ‘man(n)’ selbstredend absolut nicht verkehrte.

Hannelore Schmidt - Enzinger

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