Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 6 (2005), Heft 3


 

Thomas Lang – Sieger im Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb

Thomas Lang ist der diesjährige Gewinner des renommierten Bachmannpreises bei den 29. Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt. Der Preisträger wurde 1967 in Nümbrecht geboren und lebt in München. Einige seiner Veröffentlichungen sind Than (Wagenbach 2002) und verschiedene Texte in Zeitschriften und Sammlungen, u. a. Sex-Monster in der Sammlung neuer deutscher Liebesgeschichten mit dem Titel Wieder vereinigt, hrsg. von Margit Knapp (Wagenbach 2005).

Den Bachmannpreis erhielt der Autor für seine Erzählung Am Seil. In diesem Text geht es um eine Vater-Sohn-Beziehung, aus deren schuldhafter Verstrickung sich weder Bert, der Vater, noch sein Sohn Felix befreien können. Felix wurde vom Vater gegängelt, zurechtgewiesen, unterdrückt. „Vom Schuhbinden bis zu meiner ersten Freundin – immer hast du mich runter gemacht“, schreit der Sohn seinem Vater ins Gesicht. Der Text erzählt den letzten Akt ihres Konflikts als eine Art Show-down-Szene in einer alten Scheune. Sie sind durch ein Seil auf Gedeih und Verderben aneinandergefesselt. Beide haben das Ende des Seils, das über einen Balken gespannt ist, um ihren Hals gebunden. Sie stehen sich, zwischen ihnen nur ein Loch im Heuboden, auf einem Scheunen-Zwischendeck gegenüber und werden vielleicht – der Text bricht vorher ab, er ist nicht ganz eindeutig – in die Tiefe springen und sich erhängen.

Aneinander gefesselt sein, nicht mehr von einander loskommen können – das klingt nach überdeutlicher Symbolik und simpler Bildhaftigkeit. Aber die genaue Erzählweise Langs macht den Text zu einem dichten, komplexen Stück Literatur, das den Leser packt und in seinen Bann zieht. Dabei ist der Text eher konventionell erzählt: Die Geschichte wird fast vollständig aus Sicht des Vater wiedergegeben, eines kranken Mannes, der seinen Sohn dazu bringen will, ihm über eine Leiter auf den Heuboden zu helfen, um dann dort Selbstmord begehen zu können. Die erzählenden Passagen werden durch kurze, aber dramatisch-vieldeutige Dialoge unterbrochen, was den Text strukturiert und ihm einen inneren Rhythmus gibt. Das Drama spielt auf einer Leiter in einer alten Scheune, auf einem Seilaufzug, einem Querbalken über dem „Scheunenabgrund“ – die Assoziation mit Bergsteigerdramen ist gewollt – und auf dem Zwischendeck in der Scheune: enge, überschaubare, leicht klischeehafte, aber auch eindrucksvolle Orte für unlösbare Beziehungskonflikte. Die Konventionalität der Erzählung wird abgerundet durch eine schnörkellose, vorwärtsdrängende Erzählweise, die von detailgetreuen Beschreibungen der Scheunenumgebung und von der Seilsymbolik lebt und sich nicht scheut, mit wiederholten Andeutungen auf die gestörte Vater-Sohn-Beziehung und auf eine Verstrickung des Sohnes in ein Liebesabenteuer mit einem jungen Mädchen, an dessen Tod er bei einem Unfall schuldig geworden ist, und mit Vorausdeutungen auf ein gewaltsames Ende Spannung zu erzeugen.

Es ist die Qualität des Textes, gerade die konventionellen Muster und erzählerischen Techniken handwerklich gekonnt und unprätentiös so funktional zu machen, dass daraus eine geschlossene Erzählung entsteht, deren Sog sich der Leser kaum entziehen kann. Die Juroren lobten bei der Preisvergabe Langs Text als „lückenlos kalkulierten Thriller, der ein Vater-Sohn-Drama als Kammerspiel auf der Tenne inszeniert“, als „Bergdrama“, das „mit außerordentlicher Strenge und mit einer inneren Gewalttätigkeit das Ende eines Menschen und das Ende einer Verstrickung beschreibt.“

Die Klagenfurter Auszeichnung ist nicht der erste Preis, der Thomas Lang verliehen wurde. 2002 erhielt er den Bayerischen Staatsförderungspreis Literatur und den Marburger Literaturpreis für den Debüt-Roman Than. In einem Artikel im Marburger Forum schreibt der Rezensent Manfred Jobst von einer „irritierenden Faszination“ und dem „Sog dieser Prosa“: „Die Irritation, die die Lektüre dieses Buches [Than] auslöst, bewirkt eine Sensibilisierung für eine Wirklichkeit, die jenseits der Kälte des Sprachmülls liegt. Wirkliches Sprechen bedeutet ´More Than Words´. Ein Fax mit diesen Worten erhält Than; hier zeigt sich der Sprachspieler Thomas Lang, der seinen ´Helden´ auch gern mit der Sprache spielen lässt.“ Und die Rezension endet mit einem halb prophetischen Satz, der den Marburger Literaturpreis 2002 aus Klagenfurter Sicht im nachhinein rechtfertigt und bestätigt: „Die Marburger Jury, die Thomas Lang für seinen, wie es in der Urteilsbegründung heißt, ´Roman einer Verstörung´ auszeichnete, hat damit kundgetan, dass mit diesem Autor in Zukunft zu rechnen sein wird.“

Herbert Fuchs

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