Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 6 (2005), Heft 3


 

Autoren stellen Autoren vor (1):

Christine Marendon zu Sylvia Geist

Die Gedichte von Sylvia Geist zu lesen, bedeutet, in hochsensibles Sensorium einzutauchen. Äußerste Anspannung im Hineinfassen. Das Sezieren und Trennen von Fleisch und Nervensträngen, Muskelfasern: das Gedicht arbeitet von innen nach außen. Die Wunden: unsichtbar auf der Haut, Widerhaken, die an Synapsen zerren. Das Ausbreiten und Kartographieren: hier ist das Sichtbare, das Benennbare. Darüber hinaus?

Darüber hinaus Bleibendes, Schmerz als Konstante:

"Dem Gedächtnis ist zu misstrauen. Es kann sein, dass ein verlorenes Bruchstück durch ein anderes ersetzt wird. Sobald das geschieht, ist nichts mehr sicher." (S. G.)

Christine Marendon

 

Sylvia Geist

Meldungen und ihre Gedichte

(aus DER SPIEGEL vom 10.05.04:"(...) Nacktmulle verspüren keinen Schmerz, zumindest nicht in dem Ausmaß wie andere Säugetiere. Der Grund dafür ist, dass ihnen ein als Substanz P bezeichneter, für das Schmerzempfinden wichtiger Botenstoff fehlt.")

Stoffwechsel

Sicher ist der Schmerz
ein Maß, das du von Mal zu Mal
erwiesen glaubst: Amalgame, Prothesen, Erfahrung
ersetzen ihn fast, wenn es schlimm kommt
nur erscheinst du dir
noch unversehrt. Vom hässlichsten Tier

weißt du, es fühlt
nicht wie du, es nagt
ein nacktes, tagblindes Ding in den Händen
von Laboranten, die es lieben

weil ihm fehlt, was man dir liebend
gern abzöge. Schmerz, hörst du
ist ein Stoff, der deckt
sich mit deiner Haut
am Ende ganz.

 

Sylvia Geist
lebt in Hannover

Das Gedicht: Stoffwechsel ist zusammen mit anderen Gedichten aus den Zyklen „Meldungen und ihre Gedichte“ und „Periodischer Gesang“ in Die Umgebung des Auges. 8 Gedichte. musilmuseum-literatour-druck werk Nr. 1, Klagenfurt/Dornbirn 2004 erschienen.

Einzelveröffentlichungen:
Morgen Blaues Tier. Gedichte. Edition Postskriptum, Hannover 1997
Nichteuklidische Reise. Gedichte. bonsai typArt, Berlin 1998
Die Umgebung des Auges. 8 Gedichte. musilmuseum-literatour-druck werk Nr. 1, Klagenfurt/Dornbirn 2004

Herausgaben, zuletzt:
Im Garten der Wörter. Orte und Gegenstände slowakischer Literatur (mit U. Macht), die horen Nr. 208, Bremerhaven 2002

Nachdichtungen, zuletzt in:
Leb wohl lila Sommer. Gedichte aus Rußland. Verlag Das Wunderhorn, Heidelberg 2004

Arbeiten für den Rundfunk

Verschiedene Auszeichnungen, zuletzt: Lyrikpreis Meran 2002

 

Beide Autorinnen veröffentlichen auf: www.der-goldene-fisch.de

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