Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 6 (2005), Heft 3


 

Nach Alexandre Dumas: D’Artagnan und die drei Musketiere. Das Hessische Landestheater Marburg – Schlossfestspiele Rauischholzhausen

Premiere 25. Juni 20.30 Uhr

Schauspiel nach dem Roman „Les Trois Mousquetaires“ von Alexandre Dumas (Vater) in der Bearbeitung von Jérôme Savary und Jean-Loup Dabadie

Deutsch von Knut Boeser und Lorenz Tomerius

 

Inszenierung: Peter Radestock
Ausstattung: Axel Pfefferkorn
Fechtszenen: Kurt-Joachim Betz

 

Einen herrlichen Auftakt der Schlossfestspiele Rauischholzhausen erlebten die Zuschauer am Samstagabend mit Peter Radestocks Freilicht-Inszenierung „D’Artagnan und die drei Musketiere“ nach einer Romanvorlage von Alexandre Dumas.

Großes Mantel- und Degen-Theater wurde geboten. Da blieben keine Wünsche offen. Die rund vierzig auf der Bühne Beteiligten gaben ihr Bestes vor der grandiosen Schlosskulisse. Pferdegewieher und -getrappel, Kutschfahrten, große Roben und königliche Gesellschaften, ein Hechtsprung (Peter Meyer als Raoul) ins Wasserbassin, fechterisch perfekt choreografierte Massenszenen und mitreißende Duelle, umrahmten die Geschichte um die drei verwegenen Musketiere Athos (Markus Klauk), Porthos (Christian Hold) und Aramis (Stefan Gille) und eben um den legendären D’Artagnan.

Die vier Musketiere - immer in Aktion „Einer für alle. Alle für Einen.“ 

Sogar das Wetter spielte mit. Ja, es hielt durch, sozusagen. (Andernfalls wären Regencapes verteilt worden.)

Der leuchtende Gesamteindruck - aber auch die gelungenen  Detailperspektiven bei Balkonszenen oder Treppenaufmärschen - resultiert (neben aller Schauspielkunst) zum großen Teil aus der erfreulich wenig aufwändigen Ausstattung. Die farbenfrohe Garderobenkonzeption von Elisabeth Müller und Friederike Beckmann, auch die Beleuchtung (Susann Förster und Jörg Gundrum) und Pyrotechnik (Fred Bielefeld) im zweiten Teil des Stückes verdienen hier besondere Erwähnung. Das Gartenfest bei König Ludwig XIII (David Gerlach, herrlich selbstverliebt) geriet zum Fest für die Sinne: Feuerwerk knallte, die Brunnenfontaine sprühte, das Ganze zu barocker Musik. Die großen Fenster des Schlosses werden mit Lämpchen erhellt... Die Zuschauer, deren Sicht auch von den allerobersten ausverkauften Rängen noch sehr gut ist, rufen „Oh!“ und „Ah!“. (Ich hätte doch die Kinder mitnehmen sollen, denke ich mir.)

Solche Bilder sind es, die man bei so einer Aufführung sehen will. Die könnten sogar länger stehen bleiben, als Radestock es in seiner etwas textlastigen Variante zuließ. So kommt die Gartenfestgesellschaft derart malerisch mit Schmetterlingsfangnetzen ausgestattet den Wiesenhügel rechts neben den Rängen herunter, dass einem das Herz lacht, aber bis der letzte Zuschauer das überhaupt erblickt hat, ist die Szenerie schon wieder abgelaufen.

Radestocks Inszenierung verrät eine Menge Freude am Genre und präsentiert ein spielfreudiges Ensemble. Allein 21 Kleindarsteller, Fechter, Reiterinnen und Kutschfahrer beleben die Szenerie und tragen nicht unerheblich zur Wirkung des Ganzen bei. Die Pferde müssen häufig betreut und beruhigt werden, das geschieht unaufgeregt von erfahrenen Reiterinnen. Die Garde des Kardinals glänzt, weil sie sich aus Sportfechtern rekrutiert (z.B. Theo Ronzheimer, Max Scherer beide Hessenmeister Säbel/Degen u.a.) Das wirkt alles sehr professionell.

Der Held des Abends ist natürlich D’Artagnan. Daniel Kuschewski gibt den Rothaarigen in einer Don Quichotte-Attitüde, beugt sozusagen der immanenten Lächerlichkeit einer solchen Figur schon vor. Das Publikum hat seinen Liebling gefunden, der wirklich Erstaunliches leistet und bei allem Gejagtsein schon mal die Richtung angegeben bekommen muss, um sich im Kreis der Intrigen der männermordenden Milady de Winter (Barbara Kramer sehr schön und sooo böse)  nicht zu verirren.

  Rache! D' Artagnan (Daniel Kuschewski) und  Anne-Milady de Winter (Barbara Kramer)

D’Artagnan ist ein Getriebener. Der dicke Richelieu eiskalt und bigott von Christine Reinhart gespielt, fragt ihn nach seinen Beweggründen: „Was treibt Sie an? Geld? Frauen?“ D’Artagnan: „Nein. Eine Frau!“

Diese Eine ist Constance (Juliane Beier, goldig) aber am Ende wird auch sie gemeuchelt... Ja, es wird überhaupt viel gestorben. Und vorher gefochten! Und das ist schon eine wahre Augenweide. Das hessische Landestheater hat die Zusammenarbeit mit der erfolgreichen Fechtabteilung des Marburger VFL gesucht und in Fechtmeister Betz, selbst ein großer Liebhaber des Theaters und des Theaterfechtens, eine gute Wahl getroffen. Die Szenen wirken zum einen sehr lebendig, haben aber auch den nötigen Witz. Rochefort (Jürgen Helmut Keuchel mit grandioser fechterischer Leistung) hat einen furiosen Abgang und landet in einer riesigen Schatztruhe. Fast kindlich wirkt das Schlussspiel im großen Showdown „So, jetzt bist du tot!“ (Stich!) „Du auch!“ (Stich!). Am Ende sind fast alle tot. Nur wegen eine paar Diamanten... Wie im richtigen Leben halt.

Buckingham (Jochen Nötzelmann) erstochen von Felton (Matthias Steiger)

Einige Aufführungen sind schon ausverkauft. Bis auf den 2. Juli (Samstag) spielt das Hessische Landestheater vom 26. Juni bis zum 6. Juli jeden Abend um 20.30 Uhr im Schlosspark Rauischholzhausen. Parkplätze sind genügend vorhanden. Sektstände auch. Also hingehen und einen Sommerabend vor englischer Gutsherrenstilfassade (Ende 19. Jh.) mit dem duftenden Park im Hintergrund genießen. (Kinder mitnehmen!)

Erika Schellenberger-Diederich

 

Im Anschluss an die Premiere stand Fechtmeister Betz für ein kurzes Gespräch zur Verfügung:

Marburger Forum: Herr Betz, in einem Mantel und Degenfilm kann man ja einzelne Szenen in kleinste Teile zerlegen und schneiden, aber hier lief der „Film“ einfach weiter, man konnte auch nicht auf „schneller“ stellen. Trotzdem sah die Fechterei virtuos aus: Wie haben sie das gemacht?

Kurt Betz: Fechten gehört ja zur Theaterausbildung dazu. Aber einige Schauspieler hatten 15 Jahre lang keinen Fechtunterricht mehr. Wir haben zuerst für alle eine Grundlage (Haltung, Angriffe, Paraden) geschaffen, dann wurden Folgen von 10-12 Aktionen erarbeitet und „zusammengebastelt“, später das Ganze in Szenen mit Kostümen geprobt.

MF: Worin liegt Ihrer Meinung nach heute die Faszination solcher Fechtszenen? Überhaupt des ganzen Genres?

Kurt Betz: Im Zeitalter der Video-, Audio-, DVD-Welten ist das etwas zum Anpacken. Da wird live gefochten, in Kutschen vorgefahren, geritten. Alles echt und keine Virtualität.

MF: Hilft einem das Kostüm mit Hut und Federn, „der Mantel“ also, um besser in eine solche Mantel- und Degen-Rolle hineinzufinden?

Kurt Betz: Zunächst mal stellte sich heraus, dass die Kostüme alle zu eng waren. Die mussten dann weiter gemacht werden, damit man die nötige Bewegungsfreiheit hatte. Die Bewegung spielte nämlich eine wichtige Rolle. Die stand zuerst fest, erst danach haben wird der Text sozusagen unterlegt. Das hat ungefähr sechs Wochen gedauert.

MF: Herr Betz, das klingt nach sehr viel Arbeit. Würden Sie das noch mal so machen?

Kurt Betz: Ja! (lacht) Hat Spaß gemacht.

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