![]()
Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 6
(2005), Heft 3
Im Spätherbst, gegen Ende des vorvorigen Jahrhunderts, genauer 1891, erscheint Frank Wedekinds "Frühlings Erwachen", mit dem Untertitel "Eine Kindertragödie". - Erst 15 Jahre später, 1906, gelingt Max Reinhardt die berühmte Uraufführung an den Berliner Kammerspielen. Bei Wedekind stehen die Jugendlichen, 14-15 -Jährige, auch quantitativ im Mittelpunkt des Bühnengeschehens; die erwachsenen "Autoritäts" - Personen (Eltern, Lehrer, Pastor, Arzt usw.) sind eher konterkarierende Randfiguren, deren Machtposition allerdings handlungsvorantreibend und schicksalspielend werden kann. Und wie es einer Tragödie geziemt, bekommen wir mindestens 2 Tote. Jedoch im III. Akt, 1. Szene beherrschen die Erwachsenen das Feld: in der "Konferenz - Szene".

Die Lehrerkonferenz
Bodo Kirchhoff zitiert in seinem Roman, dem zunächst ein Drehbuch für den Film "Die Konferenz" vorausging ( bei Arte Anfang 2005 gesendet), aus dem dann die Bühnenfassung des Hessischen Landestheaters mit dem veränderten Titel "Lehrernacht" entstand, aus Shakespeares "Sommernachtstraum": Die dorthin aus Ovids Metamorphosen (IV) übernommene Liebesszene zwischen dem sagenhaften babylonisch/hellenistischen Pärchen Pyramos und Thisbe, eine Art früher Romeo - und - Julia - Stoff, wird bei Kirchhoff zum Anlaß einer (angeblichen) Vergewaltigungs - Szene der beiden Protagonisten einer gymnasialen Theater - AG. Allerdings treten diese beiden, Viktor ( über 18 Jahre) und Tizia (17 Jahre), auf der Bühne nie direkt auf ( im Unterschied zu Wedekind, der den "zu relegierenden" Schüler Melchior als 'Angeklagten' in der Lehrer - Konferenz wenigstens erscheinen läßt.). Sie bleiben als 'Täter' und 'Opfer', gemeinsam in jedem Fall als potentielle 'Märtyrer' der Konferenz - Empfehlung an die entsprechende Schulbehörde, im Hintergrund des Bühnengeschehens, lediglich im Disput evoziert und in einem fiktiven Mitschnitt der Theater - AG - Probe kurz für das Publikum und ihre Lehrer hörbar gemacht.

Heide Stubenrauch (Christine Reinhardt) und Ehemann Holger (Jürgen Helmut Keuchel)
Kirchhoff zitiert oder erwähnt Wedekinds Stück nirgends. Und doch ist seine Anspielung darauf und Anregung dadurch evident. Wie Wedekind legt er die Lehrer - Konferenz als Satire an : die einzelnen Exemplare dieser Berufsgattung werden als Karikaturen vorgeführt, ihr Verhalten übertrieben, ihre déformation professionelle anatomisch seziert (z.B. die gegenseitige Korrektions - Wut bei der Aussprache italienischer Kulinaria ), ihre Eigennamen als Spitznamen zugespitzt. (Hier: der Sportlehrer Graf zu 'Porno - Graf'; der homo - erotische Philologe Dr. Roman Branzger zur ' Romy ' stilisiert; Frau Kahle - Zenk vom Schülerjargon auf K-Z reduziert). Wie bei Wedekind artet die Konferenz immer mehr in ein Wortgefecht aus, in dem es schließlich auch zu averbalen Übergriffen kommt, wobei am Ende alle Mann am Boden liegen ( ausgelöst durch hartnäckige 'Manipulation' des Dr. B. an Frau Heide Stubenrauch). Wie bei Wedekind symbolisiert Kirchhoff das interne Konferenz - Klima mit der meteorologischen Situation. Hier wird aber keine Frühlingsatmosphäre ausgeschlossen, sondern es herrscht Winter, Eiseskälte, und die Heizung ist defekt; der Pedell, auch eine zeitgemäß veränderte Übernahme von Wedekind, macht sich mehrfach an der Heizung zu schaffen. Und er vermeldet, daß bei der vermuteten Vergewaltigung Tizias durch Viktor im Keller hingegen die Heizung - unregulierbar - auf vollen Touren dort Affenhitze produziert habe. Kälte im übertragenen Sinn macht sich dagegen zwischen den Kollegen bemerkbar, die - wie bei Wedekind - nicht beim einzigen Tagesordnungspunkt, der Relegation Viktors - bleiben, sondern ihre beruflichen und privaten Querelen dort austragen.

Leo Stern (Jochen Nötzelmann) und Cornelia Cordes (Uta Eisold)
So sitzen uns die 9 (bei Wedekind: 7) an ihrem Beruf, ihrem Schüler, aneinander und an sich selbst leidenden Lehrer und auch , anders als bei Wedekind, Lehrerinnen, am langen Konferenztisch gegenüber. Mit modernen Requisiten versehen:
- Sportlehrer Graf (Daniel Kuschewski) parkt sein Fahrrad
auf der Bühne und entblößt als Jüngster bei
fortgeschrittener Debatte seinen Po, um seine Verleumdung
durch ein Foto mit Schmetterlings - Tatoo am
Allerwertesten zu beweisen;
- die Öko - Emanze, Frau Stubenrauch (Physik), treffsicher
durch Afro-Perlenzöpfchen und langen Folklorerock
charakterisiert und authentisch dargeboten von Christine
Reinhardt, serviert, ob man(n) will oder nicht, 'Lebens -
Tee' oder sicher ungespritzte Apfelachtel;
- ihr Ehegespons Holger, ein folgsamer, zahnloser
Alt-68er, sprachlich/gestisch geschickt adaptiert von J.
H. Keuchel ;
- der schier kafkaeske Bio - Lehrer und Protokollführer
(bei Wedekind "Fliegentod") Pirsich (Peter Meyer),
"Tierpfleger oder Lehrer?", der mehrfach an den guten Ruf
der Anstalt appelliert (s. bei Wedekind der Direktor
"Sonnenstich") und bis zuletzt auf seiner Gegenstimme
besteht;
- der Deutsch - und Geschichtslehrer Leo Stern (Jochen
Nötzelmann), der, nomen est omen, an '33 erinnert und mit
- der Direktorin, in rotem Mantel + roten Pumps, darunter
dklgrauem Hosenanzug, Cornelia Cordes (Uta Eisold), mal
ein Techtelmechtel hatte;
- Marlies Kahle - Zenk (Antonia Schnauber), die sich ewig
von Ehe, Familie und Beruf überfordert Fühlende;
- Sophie Kressnitz (Juliane Beier), die junge Theater - AG
- Leiterin, die notwendig für den Erhalt beider Schüler
stimmt, damit ihr "Sommernachtstraum" mit Pyramos und
Thisbe laufen kann;
- Dr. Roman Branzger (Thomas Streibig) wurde schon
vorgestellt (besondere Theater - Dressurleistung, wie die
gesamte Klassenkonferenz augenblicks eisig erstarrt und
stillschweigt, wenn er selbst auf seine Homosexualität
anspielt).
Nun, im Unterschied zu Wedekinds Kindertragödie gibt es bei Kirchhoff keine Toten, sondern für den Schüler Viktor, wie seine Namensgebung erwarten läßt, ein Happyend, fast einstimmig beschlossen soll er bleiben (vielleicht der fortgeschrittenen Tagungszeit und dem allgemeinen Harmoniebedürnis nach so viel Streit geschuldet?). Sophie wird mit Tizia sprechen; Dr. B. geht zu Leysen (Viktor). - So war die Lehrer - Nacht - Konferenz verlorne Liebesmüh?

Dr. Roman Branzger (Thomas Streibig) und Karsten Graf (Daniel Kuschewski)
Vor Beginn der Aufführung - Stimme aus dem Publikum: "Bin ich der einzige Nicht - Lehrer hier?" und eine andere: "Ach, hier ist ja die ganze Schule!!!" - Soweit zum Publikum, das - bei ausverkaufter Vorstellung - freudig mitging und bei manchem offensichtlichen Wiedererkennungseffekt loslachte (da ging es natürlich immer um irgendeinen anderen Kollegen!). Wird das Stück auch bei einem anderen, nicht professionellen Publikum ankommen? Z.B. bei von Lehrern 'hingeschleiften' Schülern? Denn freiwillig ins Theater??? Und dann noch in ein Stück mit dem abschreckenden Titel " LEHRERnacht "? Obwohl ihnen das ganz gut tun könnte, sozusagen als SV (Schülervertretung) der Konferenz beizuwohnen und vielleicht zu erkennen, wie unaussprechlich schwer Leidenschaft, Sex, Liebe, Verliebtsein zu definieren und zu be - sprechen sind, für alle Altersstufen und Geschlechter. (Und schließlich weiß ja niemand so genau, was eigentlich da unten im Keller geschah!)
Das dies Bodo Kirchhoff gelingt, gelingt, auch als eine Art Teil- Aktualisierung des alten Wedekindschen Stücks von 1891, ist vor allem auch ein Verdienst der Regie (Ekkehard Dennewitz) und aller äußerst engagiert mitwirkenden Schauspielerinnen und Schauspieler.
Hannelore Schmidt-Enzinger