Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 6 (2005), Heft 3


 

Religion, Nazarener und “Avantgarde“ - Dorothea Schlegels Briefe aus Rom

von Christina Ujma

Ein heroischer Aufbruch, ein Ausbruch in die Freiheit gar, war Dorothea Schlegels Romreise des Jahres 1818 nicht. Dem Bild der Mitfünfzigerin, die zu ihren Söhnen in die ewige Stadt fährt, weil Ehemann Friedrich pleite ist, fehlt der romantische Charakter, es hat so gar nichts gemein mit der Flucht des archetypischen Italienreisenden Goethe. Vielleicht ist dies ein Grund dafür, daß die ca. 80 Briefe, die Dorothea Schlegel dem Ehemann aus Rom schrieb, weder in der Frauenforschung, noch in der Erforschung der Reiseliteratur oder der Romantik sonderlich hoch im Kurs stehen. Dies mag auch damit zusammenhängen,  daß Brendel-Dorothea Mendelssohn-Veit-Schlegel mit dieser Reise den von Lukacs und anderen Kritikern als unrühmlich gescholtenen Weg der deutschen Romantik noch einmal nachvollzieht. Zuviel Ambivalentes vereinigt sich in ihrer Biographie, um der Frauenforschung zu gefallen, die zu gern Sympathieträgerinnen, Opfer oder Heldinnen porträtiert. Dabei repräsentiert Dorothea Schlegel die Romantik in allen Widersprüchen wie kaum eine andere ihrer Zeitgenossinnen. Das macht sie vielleicht nicht unbedingt sympathisch, aber interessant. 

Dorothea Schlegel hat lange eine schlechte Presse gehabt, aber spätestens seit den Biographien von Heike Frank und Carola Stern sollte klar sein,[1] daß der immer wieder gegen sie erhobene Vorwurf, sie sei eine charakterlose, ihrem Geliebten und späteren Ehemann Friedrich Schlegel sklavisch ergebene Frau, substanzlos ist. Bei näherer Betrachtung erscheint die Lebensgemeinschaft mit Friedrich Schlegel als geistige Partnerschaft, in der die hochgebildete Tochter des Philosophen Moses Mendelssohn zwar ihrem Mann zuarbeitet, aber auch selber als Autorin und Übersetzerin tätig ist, wofür allerdings Friedrich meist den Ruhm einheimste. In  den späteren Jahren der Ehe, und in diese fällt die Romreise, hatte sich allerdings die innereheliche Machtbalance zu Dorotheas Gunsten verschoben.

Die Eheprobleme mit Friedrich Schlegel gehören zu den vielen Widrigkeiten, die Dorothea letztendlich erfolgreich bewältigte. In einem Zeitalter, in dem unangepaßte Männer wie Frauen nur zu häufig in frühem Tod, Selbstmord oder geistiger Umnachtung endeten, erscheinen Dorotheas Fähigkeiten in feindlicher Umgebung zu überleben, besonders bemerkenswert. Zumal es ihr gelang, immer wieder im Zentrum verschiedener geistiger und kultureller Strömungen zu stehen. Dafür mußte sie allerdings einen hohen Preis zahlen: Um sich von der aufgeklärten jüdischen Salonniere zur sinnlich emanzipierten Frühromantikerin zu entwickeln und dann weiter zur spätromantisch katholischen Reaktionärin, war je nach Lesart zahlreicher Verrat an Ideen wie an Weggefährten oder aber ungewöhnliche Flexibilität erforderlich. Für welche Sichtweise man sich auch immer entscheidet, sicher ist, daß Dorothea nie etwas halbherzig oder ohne Leidenschaft tat.

Für ihre Romreise war jedenfalls ihre letzte politisch-geistige Wendung maßgeblich. Ihre Konversion zum Katholizismus, die auch die Söhne aus erster jüdischer Ehe nachvollzogen, führte sie in Rom zum letzten Mal ins Zentrum einer kulturellen Entwicklung, in die Kreise der Kunstbrüderschaft der Nazarener, in der ihre Söhne Feiffel/Philip und Jonas/Johannes Veit eine wichtige Rolle spielten.

Nicht nur aus diesem Grund fallen ihre brieflichen Beobachtungen aus dem Rahmen der deutschen Italienwahrnehmung, Dorothea Schlegel rezipiert Italien mit einer ungewöhnlichen Agenda, nicht Kunst und Landschaft, wie bei Goethe, prägen die Wahrnehmung, sondern eine recht eigenwillige Mischung aus Politik, Kunst und Religion.

 

Der Weg nach Rom

Ihre eher unkonventionelle Sicht Italiens wird gleich in den Briefen aus Mailand, der ersten italienischen Station, deutlich. Im Unterschied zu den meisten anderen deutschen Reisenden, die dieser Stadt kaum etwas abgewinnen können, gefällt ihr die norditalienische Metropole.[2] Mailand war eine zwar viel besuchte Stadt, aber trotzdem in der Imagination der Reisenden kaum präsent. Was sie freilich in Mailand stört, ist das politisch selbstbewußte und unzufriedene Volk. Dorothea Schlegel erweist sich als eine scharfe Beobachterin, die trotz kurzen Aufenthalts in Mailand die politische Stimmung recht präzise mitbekommt und sich über die allerorts herrschende Napoleonverehrung aufregt. Schließlich hatte der Empereur als erster in der Neuzeit aus dem zersplitterten Mosaik der italienischen Staaten eines bzw. mehrere italienische Königreiche geschaffen, den Code Napoleon eingeführt und die Leibeigenschaft abgeschafft. Die Restauration der Jahre 1814/15 hat die Italiener mindestens so sehr enttäuscht wie die Deutschen, denn auch hier wurde die Fürstenmacht reinstalliert. Besonders in Mailand, das unter direkter österreichischer Herrschaft stand, ist die Wut auf die neuen Herren besonders groß. Die Konfrontation mit der politischen Enttäuschung der Einheimischen ärgert Dorothea Schlegel nicht nur in Mailand, sondern auch in Florenz und Bologna.[3] Gereizt berichtet sie Friedrich von der Popularität, die Napoleon in Italien noch immer besitzt und identifiziert sich so stark mit dem Metternichschen Lager, daß sie die politische Unzufriedenheit persönlich nimmt:

Wir werden förmlich wie die Franzosen hier angesehen, und alles Schlechte uns nachgesagt und zugetraut. Die Stimmung ist wirklich sehr arg gegen uns und zwar nicht allein etwa Kaufleute, sondern das Volk wie der Adel und die Geistlichen, die Kaufleute wie die Beamten.[4]

Ihre Abneigung gegen Napoleon geht so weit, daß sogar die von ihm in Auftrag gegebene und allgemein als technische Titanenleistung bewunderte Simplonpabstraße ihre Zustimmung nicht finden kann, in ihrem Brief an Friedrich Schlegel wird sie zum Symbol der Vergeblichkeit Napoleonischen und allgemeinmenschlichen Tuns. Der modernen Technik setzt sie die romantische Naturauffassung entgegen:

Ich glaube, keine von Napoleons Thaten, trägt so das Gepräge seiner Individualität als dieser Weg über den Simplon. Das schnelle Wachsen ohne gründliche Unterlage, das scheinbar Ideenreiche und Weltverbessernde bei dem eigentlichen eigennützigen Zweck des Moments, denn einem jeden muß es in die Augen fallen, daß, was so aussieht als wär es für Jahrtausende errichtet, vielleicht kein Menschenalter erlebt ... und so wird trotz aller Anstrengungen der ganze Riesenbau ein grausliches Chaos werden, wie der Urheber selbst; und dabei haben die Steine und Baumwurzeln, die hervorragen oft eine solche Ähnlichkeit von wilden Thieren und Ungeheuern, daß man oft nicht glaubt, auf der wirklichen Welt zu seyn, es würde einem gar nicht wundern, wenn einem in dieser Schreckenswelt ganz andere Geister als die unsrigen begegneten.[5] 

Hier klingt noch etwas von der alten Sichtweise an, die die Unwirtlichkeit und Vegetationslosigkeit der Alpen für gräßlich und wenig attraktiv hielt.[6] Dorothea Schlegels Versuch, die ganze romantische Alpenvorstellung gegen die neue technischen Möglichkeiten aufzubieten, war allerdings ein vergebliches Rückzugsgefecht - die Simplonpaßstrasse, die als Weltwunder galt,[7] führte zu einer erheblichen Steigerung des Verkehrsaufkommens, das nachfolgend in der weitgehenden Erschließung der Alpen und damit in ihrer Entzauberung resultierte.

Insgesamt aber findet sich in ihrer enthusiastischen Beschreibung italienischer Schönheiten auch immer Abwehr des sinnlich-ästhetischen Charmes Italiens. So sind die Sehenswürdigkeiten - wie der Dom von Mailand - begeisternd, aber Schlegel kann sie nie beschreiben, ohne zu betonen, daß Deutschland doch schöner, der Kölner dem Mailänder Dom vorzuziehen sei, Sandstein besser aussehe als Marmor, Dürer den italienischen Meistern überlegen sei usw.:

Die Lombardey ist ein sehr reiches Gott gesegnetes schönes Land ... ich habe nie eine solche Fülle und Abstufung und Frischheit von Grün gesehen, welches gegen den sanft blauen Himmel wunderherrlich aussieht. Jedes Feld ist mit grünen jetzt blühenden Hecken eingefaßt; rothe und weiße wilde Rosen, Geißblatt und mehr dgl. ... Wir reisen immerfort in das wunderherrliche Land, gesegnete Gegend, aber noch bleibe ich Deutschland treu; ein Land wie von Heidelberg an bis Basel, und wie die Rheinufer, vertausche ich nicht gegen Italien, so weit ich nun gekommen bin.[8]

Italien verunsichert Dorothea Schlegel und sie ist fest entschlossen, sich vom Charme des Landes vorerst nicht überwältigen zu lassen.

 

Die ewige Stadt

Erst in Rom, umgeben von Romantikern und Reaktionären, wird sie deutlich sicherer, hier findet sie Gleichgesinnte; mehr noch, Friedrich und Dorothea Schlegel gelten den nazarenischen Malern als ideologische Leitbilder. Sie bereiten Dorothea einen triumphalen Empfang, der sie auf einmal alle Skepsis gegenüber Italien vergessen läßt. Charakteristisch sind dafür folgende Zeilen, die Dorothea an Friedrich schreibt:

Gestern Nachmittag um 5 Uhr (deutschen Uhrstyl) bin ich gesund und glücklich in der Porta del Popolo eingezogen ... Die Herz, ihre Reisegefährtin, Nina und Lisa, Johann, Overbeck, Mosler, Eggers und Martin waren uns bis alla Storta, erste Station von Rom, entgegen gekommen und ich hielt einen wahren Einzug in die Stadt. Die Freude und freundliches Willkommen war allgemein. Meine Reise war so glücklich als möglich ... Aber welch schönes Land ist dieses Italien! was habe ich alles herrliches gesehen.[9]

Dorotheas Abwehr ist auf einmal verschwunden, erst in Rom, wo wenig lästiges Volk seine Unzufriedenheit artikuliert, kann sie das Land vorbehaltlos genießen. Sie schwelgt in Beschreibungen der Schönheit der italienischen Landschaft, der Farben, des Himmels, des Lichts, der Sonnenuntergänge, der Abende und des Mondscheins. Dorothea fühlt sich jung, kräftig und ganz in ihrem Element. Die eigentlich kränkliche Frau entdeckt die Stadt und ihre Umgebung in vielen anstrengenden Ausflügen, reitet auf Eseln zu entlegenen Sehenswürdigkeiten, und das bekommt ihr hervorragend. Rom sei nicht nur ein sinnlicher Genuß, sondern auch intellektuell ausgesprochen anregend, schreibt sie an Friedrich, was bei Dorothea Schlegel allerdings auch immer kritische Auseinandersetzung bedeutet, und sie findet in Rom einiges, das zum Widerspruch reizt. Unorthodox ist z.B. ihre Beurteilung der Ruinen aus der Antike, die Winckelmann oder Goethe als Hauptsehenswürdigkeit galten. Die römischen Altertümer empfindet sie manchmal als heidnisch-häßlich und die alten Römer als zutiefst unsympathisch.[10] Ihre ganze Liebe gehört den frühchristlichen Altertümern,[11] auch wenn sie als Kunstkennerin den römischen Kunstwerken ihre Anerkennung nicht gänzlich versagen mag.

Rom erscheint in Dorothea Schlegels Briefen als eine faszinierende, aber keineswegs einfache Stadt. Die Bedeutungsschwere des im Stadtbild präsenten Kulturerbes vergangener Epochen läßt die Stadt manchem als großes Grab erscheinen und macht die Annäherung an sie mühsam und langwierig. An Friedrich, der einen kurzen Besuch in der ewigen Stadt plant, schreibt sie deshalb warnend:

Rom macht bei weitem nicht gleich von Anfang diesen imposanten Eindruck in Ansehung der Gebäude und Plätze; wenige Ausgenommen: so wie der Venezianische Palast, der Farnesische Palast, und noch wenige andre. Die Kirchen scheinen mir ebenfalls grandioser von Innen als von Außen... Anfangs gefällt es einem nicht eben sehr, und daher bin ich ordentlich in Angst, daß es Dir bey Deinem kurzen Aufenthalt nicht den gehörigen Eindruck machen wird. Man bekömmt aber dieses weite Grab, diese bloße Erinnerung der Weltherrlichkeit immer lieber; mir z.B. scheint keine Stadt so herrlich wie Rom.[12]

Deutlich wird aus diesen Zeilen aber auch, daß Dorotheas Annäherungsprozeß an die Stadt ein sehr glückliches Ende gefunden hat, was bei ihr allerdings keineswegs kritik- oder vorbehaltlose Liebe bedeutet.

Ihr Rombesuch erfolgt wirklich zur rechten Zeit, nicht nur kann sie Geschichte bzw. Kunstgeschichte, die Geburt einer neuen deutschen Kunst, vor Ort erleben, auch ihre alten Freundinnen wie Henriette Herz, Karoline von Humboldt und Auguste Klein sowie die Malerin Louise Seidler weilen in der ewigen Stadt. Wie die nazarenischen Männer einst im Kloster St. Isidoro bilden auch die Frauen eine Gruppe, eine „Kommunität“, wie Dorothea an Friedrich schreibt, zuerst in der Sommerfrische in Genzano bei Rom und dann in der ewigen Stadt selbst, in Angelika Kaufmanns früherem Haus. Dies war keineswegs eine Zweckwohngemeinschaft, sondern eine bewußt gewählte Gruppenbildung. Die Frauen leben in beträchtlicher Enge, gehen sich manchmal gegenseitig auf die Nerven, aber die Gemeinschaft ist stabil genug, um dies auszuhalten. Nicht nur Dienstboten und Personal müssen aus Platzmangel außerhalb untergebracht werden, selbst Friedrich Schlegel, der schließlich im Frühjahr 1819 zu Besuch kommt, findet  keine Aufnahme im Haus der Frauen.

Im Unterschied zur malenden nazarenischen Männergruppe wurde diese Zusammenballung von künstlerisch oder schriftstellerisch tätigen Frauen von männlicher Seite eher mit Mißtrauen oder Ironie betrachtet. Diese Mischung spricht auch aus den folgenden Zeilen, die der schwedische Dichter Atterbom an Schelling schrieb, hinzu kommt aber auch ein Quentchen Bewunderung:

Es soll hier in Rom eine ganze Colonie von deutschen Frauen errichtet werden, und alle diese Damen wollen zusammen wohnen, in Einem Hause. Die Minerva dieses wunderlichen Olymps wird wohl die Frau von Schlegel vorstellen; den Platz der Juno wird wohl keine der Frau von Herz streitig machen wollen. Schade, daß die alte Cybele, Frau von Humboldt, bald nach England abgeht! Fräulein Seidler muß sich sputen, damit sie ja ihre Aufnahme in diesen allerliebsten Frauenstaat nicht verfehle. Es sind schon zwei junge Fräulein dort, und Auguste Klein die dritte, die sich mit Malerei beschäftigen.[13]

Im Unterschied zur nazarenischen Gemeinschaft ist die Frauen-Gruppe kaum ausgeforscht, der Vergleich mit klösterlicher oder religiöser Gemeinschaft scheint sich wegen der konfessionellen Heterogenität und Selbständigkeit der Frauen aber zu verbieten. Ohne Vorbild, ohne Vergleichsmaßstab, muß in der Beschreibung auf die klassische Antike zurückgegriffen werden, was die Protagonistinnen sowohl mythisch überhöht als auch irreal erscheinen läßt. War Juno noch eine Allegorie, die die Männerwelt entsprechenden Frauen häufiger zukommen ließ, so findet sich die Zuordnung der Minerva bzw. Athene eher selten und gibt Auskunft über die intellektuelle Kraft der Dorothea Schlegel.

Findet sich in der Forschung auch wenig über die Frauenkommune, so geben ihre Protagonistinnen in Briefen oder nachgelassenen Papieren doch recht ausführlich Auskunft. In ihren Erinnerungen beschreibt die Malerin Louise Seidler Dorothea Schlegel als faszinierenden Mittelpunkt der römischen Geselligkeit und betont immer wieder ihre feuersprühenden Augen, ihre intellektuelle Brillanz und ihren Witz, der angenehmerweise mit Liebenswürdigkeit gepaart war.[14] In Seidlers Aufzeichnungen wird auch deutlich, wie sehr Dorothea das Leben in Rom genießt, wie heiter und bewegt die Geselligkeit in den Künstlerkreisen ist. Die Frauenkommune wird zum geselligen Mittelpunkt des deutschen Lebens in Rom und Dorothea Schlegel, anders als einst in Berlin, wo Henriette Herz die Salongeselligkeit dominierte, zu ihrem Zentrum. Manchmal finden sich 30 bis 40 Besucher pro Tag ein,[15] zu Weihnachten wird für die deutsche Kolonie ein großes Fest mit zu Christbäumen umfunktionierten Lorbeersträuchern gegeben.[16] Die Atmosphäre ist freilich ein wenig anders als einst in den Berliner Salons; statt Freigeistern, beklagen die protestantischen Mitglieder der Kommune, findet sich manchmal ein Übermaß an Monsignores und anderen katholischen Würdenträgern ein, selbst der eine oder andere Kardinal schaute ab und zu vorbei.

Über die überschwenglichen Aspekte, die diese Geselligkeit gelegentlich annahm, schweigt sich Dorothea in ihren Briefen an Friedrich aus, der Herausgeber spricht von absichtlicher Zurückhaltung,[17] wie z.B. darüber, dass Louise Seidler und sie beim Karneval den sicheren Platz am Fenster verlassen und sich unter das Maskentreiben mischen.[18] Vermutlich glaubte Dorothea Schlegel, zu viele Berichte über das amüsante Treiben könnten den Gatten verärgern, der sich in seiner unsicheren beruflichen Situation von seiner Frau die Vermittlung eines neuen Amtes in Rom wünschte.

Friedrich Schlegel hatte im Unterschied zu Dorothea mit seinem Übertritt zum Katholizismus und zur Reaktion seinen Biß und seine kritische Schärfe verloren, das geht aus vielen zeitgenössischen Berichten hervor. Als er dann als Begleiter von Metternich im Frühjahr 1819 nach Rom kommt, fällt nicht nur Louise Seidlers Vergleich der Ehegatten wenig schmeichelhaft für den romantischen Philosophen aus:

Jemehr ich mich darauf gefreut hatte, ihn zu sehen, desto bitterer ward ich durch seine äußere Erscheinung enttäuscht. Wie hätte ich mir einen so lebendigen Geist in einer so schwammigen Fleischmasse denken können! Auch seine Augen sprühten kein Feuer; der Dichter der Lucinde und des Alarkos glich einem sich in Schwelgerei sich behaglich fühlenden Sybariten... Sein Lieblingsthema war Alles, was mit der Kochkunst und mit gastronomischen Genüssen zusammenhing; er redete immerfort vom Essen und aß anscheinend nicht um zu leben, sondern umgekehrt. Seine Frau machte zu allen Zeiten einen bedeutenderen Eindruck als er; ihre Unterhaltungen waren interessant, sie war zu klug, als das nicht jedes Gespräch durch ihre Einmischung hätte Werth erhalten sollen.[19] 

Weder beruflich noch gesellschaftlich war Schlegels Aufenthalt ein Erfolg, denn seinem Dienstherren, Fürst Metternich, blieb Friedrichs Trägheit ebenfalls nicht verborgen. Für das Ehepaar Schlegel war der Aufenthalt allerdings ein lang ersehntes Wiedersehen, das beide in vollen Zügen genoßen. Nachdem Friedrich Schlegel nach kurzem Aufenthalt mit Metternich weiterreisen muß, klingen die sehnsuchtsvollen Briefe, die er Dorothea schreibt, weniger wie die eines langjährigen Ehemanns, als wie die eines jungen Liebhabers, der sich in der Sehnsucht nach der Liebsten verzehrt. Dorothea muß ihre gesamte Überredungsgabe aufwenden, um ihren Gatten davor zu bewahren, sein Amt einfach hinzuwerfen und sich ihr in Rom anzuschließen. Für diesen Wunsch war wohl nicht ausschließlich die Sehnsucht nach Dorothea maßgeblich, sondern auch die ungewöhnliche Atmosphäre und die Freiheit, die es in Rom gab, im Leben, im Denken und im Handeln.

 

Die Nazarener und ihre römische Ausstellung

Dazu trugen auch die Nazarener bei, deren Kunst Dorothea und Friedrich Schlegel energisch propagandierten. Sie waren seltsame Heilige, eine Malergemeinschaft, die sich nach dem Modell einer katholischen Bruderschaft formte und eine religiöse Richtung der Kunst praktizierte. Dabei bildeten sie eine Avantgarde avant la lettre, waren eine Künstlergruppe, die der Gesellschaft den Rücken zukehrte und betont deutschnational auftrat. Durch Leben und Arbeiten in Rom und den universellen Anspruch des Katholizismus hatten die Nazarener aber auch internationalen Einflub, nicht nur auf die religiöse Malerei des 19. Jahrhunderts, sondern auch auf die englischen Präraffaeliten. Der seltsamen nazarenischen Mischung aus Archaischem und Modernem entsprach auch die ästhetische Ausrichtung, an dem, was man damals für mittelalterliche Kunst hielt.[20] Man sonderte sich nicht nur durch die Gemeinschaftsbildung, sondern auch durch eine spezielle, altdeutsch genannte Tracht mit langem deutschem Rock und langem Haare ab,[21] die auf die Römer ebenso wie auf die unbeteiligten Deutschen einen seltsamen Eindruck machte:

Mit langem, in der Mitte gescheitelten Haar, wilden Bärten und Sturmhüten, begleitet von großen Schlächterhunden, trieben sie sich diskutierend in den Strassen an der Piazza di Spagna herum, den einen unheimlich, den anderen lächerlich vorkommend. Was sollte der Römer von Fremdlingen halten, die wie Landsknechte auftraten, aber wie ein Mönchsorden in dem verlassenen Kloster Sant'Isidoro auf dem Pincio lebten, die laut verkündeten, dass sie nicht Geringeres im Sinn hätten, als die christliche Kunst von Grund auf zu erneuern obwohl sie von Haus aus Protestanten und Juden waren.[22]

Paradox ist, dass die Künstler diese Freiheit, die die Einheit von Kunst und Leben propagiert, gerade unter dem Schutz der restaurativen katholischen Kirche praktizieren können. Dabei gelingt es ihnen durchaus, den Determinanten des bürgerlichen Lebens, wie Religion und Herkunft, zu entkommen und sich eine neue, gänzlich selbstgewählte Identität und eine nur ihrer Kunst verpflichtete Lebensweise zu erschaffen. Gerade für Dorothea Mendelssohn-Veit Schlegels Söhne ist dieses Konzept erfolgreich, bietet es doch einen Ausweg aus dem Außenseiter-Dasein, zu dem getaufte und nicht getaufte Juden, seien sie noch so gebildet oder erfolgreich, in Deutschland gleichermaßen gezwungen sind. Immer wieder preist Dorothea Schlegel die Freiräume,[23] die ihr und den nazarenischen Künstlern in Rom zur Verfügung stehen:

Es ist ein sehr schönes Leben hier. Die Freyheit, welche wir uns hier erfreuen, suchen wir jetzt leider überall umsonst! Die nämlich: mitten in der Verworrenheit, Verfinsterung und Verderbniß, eine Gemeinde bilden zu dürfen, die ungehindert und ohne andre Verfolgung als etwa die der feinen Welt und der Abtrünnigen, ein in Gott versammeltes Leben führen.[24] 

An Feiffel/Philipp Veits Biographie, der nach seiner römischen Zeit Direktor der  Städelschen Galerie und des Städelschen Instituts in Frankfurt wurde, läßt sich ablesen, daß die Existenz als katholischer Nazarener ein Ausweg war aus dem von Hannah Arendt beschriebenen Dilemma, das die Juden der Zeit entweder zu einer  jüdischen Paria- oder zu einer getauften Parvenue-Existenz verdammte.   

Lia Secci weist in ihrem Aufsatz ‘Dorothea Schlegel e i Nazareni‘ auf die Tatsache hin, daß sie ihre nazarenischen Söhne Philipp/Feiffel und Jonas/Johannes Veit brieflich in ihrer künstlerischen Entwicklung stark beeinflußt hat. Mit ihrer Ankunft verstärkt sich dies noch und weitet sich auf die anderen Nazarener aus. Sie schafft es, die in ihrem “Hippyleben” versumpften Maler wieder gesellschaftsfähig zu machen, worüber Caroline von Humboldt schreibt:

Die Schlegel hat auf ihre Söhne und auf die ganze deutsche Gesellschaft (Künstlergesellschaft meine ich) den wohltätigsten Einfluß durch ihr liebevolles, verständiges Betragen. Alle sind freundlicher und verträglicher geworden. Die Söhne bedurften das am meisten, bei großem, entschiedenem Talent waren sie nicht glücklich und von vielen nicht geliebt.[25]  

Als die Nazarener, unter ihnen Philipp Veit, den Auftrag bekommen, den Dantesaal der Casa Massimo mit Fresken nach Motiven aus der Divina Commedia/Göttlichen Komödie zu schmücken, liest und diskutiert Dorothea Dantes Werk mit ihrem Sohn. Friedrich berichtet sie brieflich über beider Reflexionen theoretischer und ästhetischer Probleme, in denen sie sich nicht scheut, Friedrich manchmal zu widersprechen und die Partei der Maler zu ergreifen:

So viel ich erkenne, sind seine Compositionen zum Himmel viel klarer und einfacher naiv genommen,  als Du sie Dir vorstellst; denn weder  der Theologe noch der Dichter sind so beschränkt in ihren Darstellungen wie die Maler. Am Ende muß er doch einfach menschliche Gestaltungen auch zu den mystischen Gegenständen darstellen.[26]

Auch in anderer Hinsicht nimmt sich Dorothea Schlegel des unpraktischen, weltfremden Malervolkes an. Sie gehört zu den Organisatoren der berühmten Nazarenerausstellung im Palazzo Caffarelli, dem preußischen Konsulat, die anläßlich des Besuchs von Metternich und dem österreichischen Kaiser im Frühjahr 1819 stattfindet. In der Vorbereitungszeit sind Dorotheas Briefe an Friedrich voll von den praktischen Problemen, die sich dabei ergeben, wie der  Gemäldeauswahl und der Animositäten zwischen den Malern. An Friedrich appelliert sie, Hilfestellung gegen österreichische Versuche zu geben, eine Konkurrenzausstellung zu  veranstalten. Sogar die Maler haben sich bereit erklärt, vorübergehend auf ihre Bohemeattitude zu verzichten und sich in bürgerlichem Aufzug zu präsentieren. An Friedrich schreibt sie:

... ich kann … auch versichern, daß die guten Leute hier alle ihre deutschen Röcke gehorsamst abgelegt haben, und das sie bis auf ein paar arme Teufel, die keinen anderen Rock haben mögen, alle so officiel als immer möglich daher gehen[27]

Die Nazarener waren von Anfang an umstritten und bei aller Mühe, die es kostete, den österreichischen Kaiser zum Besuch der Ausstellung zu bewegen, waren die Rezensionen, die die Ausstellung bekam, nicht sonderlich gut, und auch seiner Majestät gefiel die neue deutsche Kunst nicht. Trotz aller Anstrengungen, die Künstler gesittet auftreten zu lassen, nahm die Kritik an der Bohemexistenz und an den deutschen Röcken der Nazarener so stark Anstoß, daß Friedrich Schlegel schrieb, mancher Kritiker klinge nicht wie ein Kunstbeurteiler, sondern wie ein in seinem Geschmack beleidigter Modeschneider. Scheinheilig stellt er zudem in einer Fußnote klar, er hätte in Rom nur höchst selten Künstler im deutschen Rock gesehen, im übrigen hätten sich alle überaus anständig und gesittet benommen.[28] Friedrich Schlegels Aufsatz ‘Über die deutsche Kunstausstellung zu Rom, im Frühjahr 1819, und über den gegenwärtigen Stand der deutschen Kunst in Rom’ ist eine Reaktion auf das negative Echo, das Dorotheas gesamten Kreis in Rom sehr bedrückte. Schlegels Aufsatz, der als Programmschrift der Nazarener gilt, ist auch das Produkt von Dorotheas Drängen, daß Friedrich mit seiner spitzen Feder den deprimierten Malern Genugtuung verschaffen solle. Über die Ausrichtung des Artikels gibt Dorothea brieflich recht genaue Anweisungen.[29]

Während Dorothea Schlegel sich weitgehend mit den Nazarenern und ihren Positionen identifiziert, findet sich in den römischen Erinnerungen ihrer Freundin und Mitbewohnerin Henriette Herz eine andere Sichtweise. Die Enge und auch die Frauenfeindlichkeit der Klosterbrüder, die trotz Keuschheitsgelöbnisses mehrheitlich dann doch heirateten, wird in Henriette Herz' Bericht sanft kritisiert. Die Kunst der Nazarener interessiert sie durchaus, deren Borniertheit und Konvertiteneifer stößt sie ab.[30] Henriette Herz, die selber nur zögerlich zum Protestantismus konvertierte, scheint die von den Nazarenern herausgestellte religiöse Intoleranz ganz fremd zu sein. So gibt sie in ihren Aufzeichnungen auch Auskunft über deren negative Seiten, z.B. über das Bestreben der Maler, Frauen auch beim geselligen Beisammensein auszuschließen. Mit dem Schutzherren der Nazarener, dem ebenfalls in altdeutscher Tracht herumlaufenden Kronprinzen Ludwig von Bayern, verbindet sie jedoch eine innige Freundschaft, ihre Beschreibung des standeswidrigen und lockeren Verhaltens, das der Prinz gegenüber jedermann an den Tag legt, läßt die utopischen Züge der Nazarenergesellschaft deutlich werden.[31] Insgesamt markiert Henriette Herz in ihrem Festhalten an der Gedankenwelt der Aufklärung den Gegenpol zu Dorothea Schlegel, die die Freundin in einem Brief an Rachel Varnhagen beschuldigt, in der Vergangenheit zu leben.[32]

Im Vergleich zu dem vorhergehenden Klassizismus und zu Künstlerinnen wie Angelika Kaufmann, auf die die englische, die deutsche und die italienische Kunstgeschichte gleichermaßen Anspruch erheben, erscheint das nazarenische Programm seltsam provinziell, und dies wurde durchaus als Vorzug angesehen:

Rom, noch im Klassizismus von Winckelmann bis zum jungen David, ja bishin zu Ingres der Nährboden einer europäischen Bewegung, war inzwischen Provinz geworden, ein auch politisches Vakuum war entstanden, in dem der restaurative Vatikan dominierte ... Das geistig schläferige Rom war sozusagen der Resonanzboden der Deutschen , die innere Erneuerung und historische Anregung, aber keine zeitgenössischen Stimulantien, geschweige denn eine Wettbewerbssituation suchten.[33]  

Nicht nur die Nazarener, auch die gleichermaßen sprachbegabte Henriette Herz und Dorothea Schlegel bekundeten ihr Desinteresse an Kontakten zu den Einheimischen, beide hatten wenig Lust auf Fremdes.[34] Dorothea schimpft zwar auf die Engländer, die sich hartnäckig weigern, sich auf italienische Sprache oder Kultur einzulassen, aber sie selbst ist kaum aufgeschlossener. Die Briefe an Friedrich sind voll von abfälligen Bemerkungen über die Italiener:

Das Volk der Italiener sowohl als ihre Gesellschaft ist mir bis jetzt unbekannt geblieben. Was ich davon weiß, reizt mich nicht zu größerer  Bekanntschaft. Mein erster Gang in Rom war nach St. Peter, über dessen ungeheuern Umfang und unaussprechliche Pracht man allerdings in großes Erstaunen geräth - mir aber hat es mehr den Eindruck eines kaiserlichen Palastes gemacht als den eines Tempels des lebendigen Gottes.... mir war als wenn der große Apostel, wenn er hier her käme, vielleicht sein Gewand zum zweiten Mal zerreißen würde - es ist wie eine heidnische Pracht darin.[35] 

Dorothea Schlegels Rom ist kein Ort italienischer oder europäischer Kunst und Kultur, sondern der der deutschen Kolonie und die war der Meinung: “Rom gehört uns Deutschen”.[36]

 

Kunst, Religion und Kunstreligion

Innovative italienische Maler und Künstler hielten es in der stickig-reaktionären Atmosphäre der ewigen Stadt kaum länger aus, zumal sich das Neue und Interessante sowieso in Mailand, Neapel oder Florenz abspielte. Für die Deutschen scheinen die Einheimischen eher ein störendes Element gewesen zu sein. Während Henriette Herz immerhin wenig gegen diese einzuwenden hatte, fand sich bei Dorothea Schlegel eine massive Abwehr, die bis zur wiederholten Schmähung der Italiener reichte.[37] Dies bezieht sich, wie auch in obigem Zitat, oft genug auf die Praxis der Religionsausübung, auf die sie erbitterter schimpft, als die meisten protestantischen Reisenden. Italien als katholisches Land müßte der fanatischen Neukatholikin eigentlich zusagen, oder zumindest zur interessierten Beobachtung reizen. Schließlich reicht in Italien die Religion in einem starken Maße ins Alltagsleben hinein, strukturiert es geradezu. Aber genau dieser Aspekt  stört sie über alle Maßen, Religion sollte nicht alltäglich sein, sondern festlich und voller Andacht; gerade die öffentlichen Glaubensriten wie Prozessionen, in denen der volkstümliche Charakter des Katholizismus sich Bahn bricht, wo religiöser Ritus und Volksfest sich vermischen, erfahren immer wieder eine fast pietistisch anmutende Ablehnung. Aus einem ähnlichen Motiv werden ihre wiederholten Ausfälle gegen Rom als Zentrale des katholischen Weltimperiums gespeist, die in ihrer Radikalität fast denen Luthers entsprechen. Sie spricht von einer “Wüsteney des Verderbnißes“, “heidnischer Pracht“, allgemeiner Schlechtigkeit, schlechtem Geschmack usw.[38]:

Welch ein furchtbarer, schrecklicher Zustand der Religion auch hier im Mittelpunkte des Christenthums ist; nein, das kann kein Mensch glauben noch begreifen, der es nicht mit Augen sieht.... Der Greuel des verworfensten Heidenthums scheint in mitten des Christenthums herein gebrochen zu seyn, abscheulich, traurig und lächerlich zu gleicher Zeit. Von diesem Aberglauben, Unwissenheit, Geldgier, Trägheit und Sittenlosigkeit bey Geistlichen wie bey Weltlichen, in der Stadt wie auf dem Lande, davon kann man sich keine Vorstellung machen.[39]  

Stille Andacht, innere Einkehr und Herzensrührung sind Werte, die Dorothea Schlegel gegen die Praxis des römischen Katholizismus setzt und die sie zusammen mit einer Gruppe “auserwählter Seelen”, wie den nazarenischen Malern, praktiziert.

Die kunstprogrammatische Schrift des Protestanten Wackenroders, die “Herzensergiessungen eines kunstliebenden Klosterbruders“, scheint Dorothea Schlegel und den Nazarenern allemal näherzustehen als der römische Katholizismus, das wird auch in vielen nazarenischen Bildern deutlich, die von einer pseudomittelalterlichen Motivik und dem Geist idyllischer Herzensrührung geprägt sind, was durchaus in Wackenroders Sinn war:

In dieser Schrift (den ‘Herzensergiessungen eines kunstliebenden Klosterbruders’)  eröffnete sich für die jungen Künstler eine neue Welt des Scheinmittelalters, die jedoch in ihrer romantischen und poetischen  Formulierung ein Bild zeitgenössischen bürgerlichen Wünschens entstehen ließ und mindestens so weit vom Mittelalter entfernt war wie Winckelmann von der Antike. Aber gerade das wird der Grund gewesen sein, sich mit dieser unbekannten Welt auseinanderzusetzen, sie ließ einerseits genügenden Spielraum, eigenes Wollen zu formen, und kam durch religiöse Inhalte der eigenen Frömmigkeit entgegen.[40]

Auch das berühmte Gemälde des Nazareners Overbeck “Germania und Italia“, zeigt anachronistisch-ländliche Gesellschaftsferne, zwei schöne Mädchen des Volkes in archaischer Tracht  die einander stützen, im Hintergrund die Trümmer der römischen Antike auf der Seite der Italia und das mittelalterliche Deutschland auf Seiten der Germania. 

Nicht nur der Mittelalterbegriff, auch der Katholizismusbegriff, dem Dorothea Schlegel und die Nazarener huldigten, hat wenig mit dem real existierenden Katholizismus, wie er in Italien anzutreffen war, zu tun. Er ist ein künstlich zusammengewürfeltes Konglomerat aus verschiedenen religiösen und ästhetischen Versatzstücken der Zeit, die Heide Eilert folgendermaßen zusammenfaßt: 

Die Subjektivierung der religiösen Erfahrung, der ästhetische “Pietismus” eines Wackenroder, prägt das Selbstverständnis der romantischen Künstlergeneration gleichermaßen und bestimmt eine neue “religiöse” Bildersprache auch jenseits des tradierten christlichen Themenkanons ...[41]

Angesichts dieses Hintergrundes wird leicht nachvollziehbar, daß mit der Bilderfreudigkeit, dem extrovertierten Prunk und der barocken Sinnlichkeit des römischen Katholizismus weder die Nazarener noch Dorothea Schlegel viel anfangen können. In ihren Briefen finden sich zahlreiche bösartige Bemerkungen über religiöse Kunst und Architektur in Italien, Kunst und Religion gehen positiv nur zusammen, wenn es sich um die Nazarener handelt. Das Engagement, das Dorothea Schlegel und die Nazarener  für die katholische Kirche zeigen, entspringt einerseits sicher genuinen Überzeugungen, andererseits handelt es sich um eine Kunst-Religion, eine religiös-ästhetische Sektenbildung unter dem schützenden Dach der katholischen Kirche, die gerade in Rom Freiräume ermöglicht, die anderswo undenkbar wären. Angesichts dieser besonderen Ausformung des Katholizismus erstaunt die verbreitete Überzeugung der Romantikforschung, den Übertritt zum Katholizismus immer gleich als Übertritt zur Reaktion zu werten.

In diesem Zusammenhang ist Dorothea Schlegels Rom bemerkenswert als geistiger Ort, als Gemeinde gleichgesinnter Seelen. Dieser Gleichklang, hergestellt durch die Abgehobenheit, die das Leben in Rom besitzt, erweist sich allerdings bald als flüchtiger Traum. Mit dem Mißerfolg der Nazarenerausstellung hat sich die äußere Realität störend wieder zu Wort gemeldet. Danach zerbricht die Gemeinde aus verschiedenen biographischen Gründen, und es ist auch mit Dorothea Schlegels zweiter oder dritter Jugend vorbei, sie erkrankt schwer, kann nach der Genesung das Klima nicht mehr vertragen und muß im Frühjahr 1820 nach Wien zurückkehren. Ihre Briefe aus Rom geben aber Auskunft über eine außergewöhnliche deutsche Kunst-Epoche, die, wie Dorothea Schlegels eigenes Denken, eine seltsame und weitgehend unausgeforschte Mischung aus Romantischem, Progressivem und Reaktionärem enthält, die bei aller mittelalterlichen Rhetorik moderne künstlerische Organisationsformen antizipiert; in der sich schließlich kreative Frauen eigene Zusammenhänge schaffen und sich trotz widerstreitender Loyalitäten neben den männlichen Kollegen behaupten.  

Anmerkungen

[1]     Vgl. Heike Frank, ... die Disharmonie, die mit mir geboren ward, und mich nie verlassen wird ..., Das Leben der Brendel/Dorothea Mendelssohn-Veit-Schlegel (1764-1839), Frankfurt 1988; Carola Stern, "Ich möchte mir Flügel wünschen", Das Leben der Dorothea Schlegel, Reinbek 1990.
[2]     Mailand war in den meisten Epochen eine zwar viel besuchte Stadt, aber trotzdem in der Imagination der Reisenden kaum präsent, galt höchstens als große Stadt, berichtet Peter Burke in Eleganz und Haltung, Berlin 1998, S. 129-143.
[3]     Vgl. Dorothea Schlegel an Friedrich Schlegel, Brief vom 16.3.1819, in: Der Briefwechsel Friedrich und Dorothea Schlegels 1818-1820 während Dorotheas Aufenthalt in Rom, hrsg. v. Heinrich Finke, München 1923,  S. 186/187
[4]     Dorothea Schlegel an Friedrich Schlegel, Brief vom 3.5.1818, in: Briefwechsel, a.a.O., S. 24.
[5]     Dorothea Schlegel an Friedrich Schlegel, Brief vom 3.5.1818, in: Briefwechsel, a.a.O., S. 19.
[6]     Vgl. zur Veränderung der Auffassung der Alpen: Die Alpen: Faszination unwirtlicher Gegenden, in: Mit dem Auge des Touristen, Zur Geschichte des Reisebildes, Ausstellungskatalog der gleichnamigen Ausstellung des Kunsthistorischen Instituts der Universität Tübingen, Tübingen 1981.
[7]     Vgl. Aurel Schmidt, Die Alpen - schleichende Zerstörung eines Mythos, Zürich 1990, S. 183.
[8]     Dorothea Schlegel an Friedrich Schlegel, Brief vom 8.5.1818, in: Briefwechsel, a.a.O., S. 27.
[9]     Dorothea Schlegel an Friedrich Schlegel, Brief vom 22.5.1818, in: Briefwechsel, a.a.O., S. 38f.
[10]    Vgl. Dorothea an Friedrich Schlegel, Brief vom 1.8.1818, in: Briefwechsel, a.a.O., S. 72
[11]    Vgl. Dorothea an Friedrich Schlegel, Brief vom 3.7.1818, in: Briefwechsel, a.a.O., S. 63f.
[12]    Vgl. Dorothea Schlegel an Friedrich Schlegel, Brief vom 20. März 1819, in: Briefwechsel, a.a.O., S. 187.
[13]    Brief Atterboms an Schelling vom 25.5.1818, zitiert nach Henriette Herz in Erinnerungen, Briefen und Zeugnissen, hrsg. von Rainer Schmitz, Frankfurt 1984, S. 468.
[14]    Vgl. Erinnerungen und Leben der Malerin Louise Seidler, aus handschriftlichem Nachlaß zusammengestellt und bearbeitet von Hermann Uhde, Berlin 1874, S. 220f.
[15]    Vgl. Dorothea Schlegel an Friedrich Schlegel, Brief vom 1.1.1819, in: Briefwechsel, a.a.O., S. 161.
[16]    Vgl. Heike Frank, a.a.O., S. 250ff.
[17]    Vgl.  Heinrich Finke, Einführung, in: Briefwechsel, a.a.O., S. XVIIf.
[18]    Vgl. Erinnerungen und Leben der Malerin Louise Seidler, a.a.O., S. 295ff.
[19]    Vgl. Erinnerungen und Leben der Malerin Louise Seidler, a.a.O., S. 253.
[20] Nach heutiger Periodisierung gilt einiges von dem, was damals mittelalterlich hieb, als Frührenaissance.
[21]    Vgl. zu den Nazarenern den Katalog Die Nazarener, hrsg. v. Klaus Gallwitz, Städelsche Galerie Frankfurt, Frankfurt 1977.
[22]    Anton Henze, Deutsche Maler des 19. Jahrhunderts in Italien/Pittori tedeschi del XIX secolo in Italia, in: Raffaele De Grada, Giornale di Viaggio in Italia, L'attività dei pittori europei in Italia nell' 800 occasione e memorie, Azzate 1985, S. 126.
[23]    Vgl. Dorothea an Friedrich Schlegel, Briefe vom 3.7.1818,  25.8. 1818, in: Briefwechsel, a.a.O., S. 62, 80.
[24]    Dorothea an Friedrich Schlegel, Brief vom 11.6.1818, in: Briefwechsel, a.a.O., S. 46.
[25]    Caroline von Humboldt an Wilhelm von Humboldt, 19.8.1818, in A. von Sydow (Hrsg.), Wilhelm  und Caroline von Humboldt in ihren Briefen, Lia Secci, Dorothea Schlegel e i Nazareni, in: Studi Germanici, Anno XXX-XXXI, 1992-1993, S. 164
[26]    Dorothea Schlegel an Friedrich Schlegel, Brief vom 30.12.1818, in: Briefwechsel, a.a.O., S. 158.
[27]    Dorothea Schlegel an Friedrich Schlegel, Brief vom 1.1.1819, in; Briefwechsel, a.a.O., S. 162
[28]    Friedrich Schlegel, Über die deutsche Kunstausstellung  zu Rom, im Frühjahr 1819, und über den gegenwärtigen Stand der deutschen Kunst in Rom, in: Kritische Friedrich-Schlegel-Ausgabe, hrsg. v. Ernst Behler et.al., Bd. 4 Ansichten und Ideen von der christlichen Kunst, hrsg. v. Hans Eichner, Paderborn 1959, S. 251f.
[29]    Vgl. Dorothea an Friedrich Schlegel, Briefe vom 19.6.1819 und 21.8.1819, in: Briefwechsel, a.a.O., S. 200, 269.
[30]    Henriette Herz, Erinnerungen, in: Henriette Herz in Erinnerungen, Briefen und Zeugnissen, hrsg. v. Rainer Schmitz, Frankfurt 1984, S. 132ff.
[31]    Vgl. Henriette Herz, Briefe und Aufzeichnungen, a.a.O., S. 145f.
[32]    Dorothea Schlegel an Rahel Varnhagen, 25.7.1819, in: Caroline Schlegel-Schelling und Dorothea Schlegel in ihren Briefen, hrsg. v. Ernst Wieneke, Weimar 1914, S. 520.
[33] Günter Metken, Rom, der Kirchenstaat, Italien;  Nazarener und Puristen im Klima der Restauration, in: Die Nazarener, Städtische Galerie im Städelschen Kunstinstitut, a.a.O., S. 327.
[34]    Vgl. Henriette Herz, Erinnerungen, a.a.O., S. 136f.
[35]    Dorothea Schlegel an Friedrich Schlegel, Brief vom 3.7.1818, in: Briefwechsel, a.a.O., S. 63
[36]    Vgl. dazu Günter Metken, Rom, der Kirchenstaat, Italien;  Nazarener und Puristen im Klima der Restauration, in: Die Nazarener,  a.a.O. S.   327.
[37]    Vgl. D. Schlegel an Friedrich Schlegel, Brief vom 3.7.1818, in: Briefwechsel, a.a.O., S. 63
[38]    Vgl. Dorothea an Friedrich Schlegel, Briefe vom 3.7.1818, 23.7.1818, in: Briefwechsel, a.a.O., S. 59, 63, 66
[39]    Dorothea Schlegel an Friedrich Schlegel, Brief vom 3.7.1818, in; Briefwechsel, a.a.O., S. 59
[40]    Paul Eich, Das Verhältnis der Nazarener zum Mittelalter, in: Die Nazarener, a.a.O., S. 27.
[41] Heide Eilert, Ästhetisierte Frömmigkeit – religiöse Ästhetik, Zur Dialektik der romantisch-nazarenischen Kunstprogrammatik und ihrer Fortwirkung im 19. Jahrhundert, in: Aurora, Jahrbuch der Eichendorf-Gesellschaft für die klassisch-romantische Zeit, 57, 1997, S. 105.

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