Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 6 (2005), Heft 4


 

Buch des Monats August 2005

Wolfgang Wolters: Architektur und Ornament. Venezianischer Bauschmuck der Renaissance, Verlag C. H. Beck, München 2005, ISBN 3-406-45906-4, 320 Seiten, 259 Abbildungen, 28 €

Der C. H. Beck Verlag legt den 2000 zuerst erschienenen Band nun in einer broschierten, erheblich verbilligten Ausgabe vor - wobei die zahlreichen hervorragenden Abbildungen nichts von ihrer Qualität eingebüßt haben. Wolfgang Wolters ist Professor em. für Mittlere und Neuere Kunstgeschichte an der Technischen Universität Berlin und setzt sich seit vielen Jahren in wissenschaftlichen Publikationen und praktischem Engagement für die Rettung Venedigs ein. In "Architektur und Ornament" wendet er sich den zu Unrecht vernachlässigten architektonischen Details venezianischer Bauten zu und betrachtet u. a.: das Baumaterial, Wandverkleidungen, Kapitelle und Friese, Eisengitter, Türflügel, Kamine, Malereien in Kirchen und Klöstern, Glasfenster und Fußböden. Die zahlreichen Fotos geben herrliche Beispiele dieser Gebäudeelemente und führen damit jedem Venedig-Interessierten, dem Laien wie dem Fachmann, den unvorstellbaren Reichtum kunsthandwerklicher Arbeit, der das Gesicht der Stadt mitprägt, vor Augen: "Sollte es mit diesem Buch gelingen, die meist getrennten Bereiche Architektur und Bauschmuck einander etwas anzunähern und so deren wechselseitige Bedingtheiten und gemeinsame Wirkung zu verdeutlichen, wäre ein Ziel erreicht. Sollte es gar gelingen, für wenig beachtete und oft vernachlässigte Elemente (Fußböden, Eisengitter, Reste von Wandmalereien, farbige Fassungen von Wänden und Steinen) ein Interesse der Forschung zu wecken, wäre ein entscheidender Schritt zu deren Erhaltung getan. Der Reichtum Venedigs basiert auch auf diesen Elementen, deren Beschädigung oder Verlust nicht zuletzt eine Folge der anders gesetzten Prioritäten der kunsthistorischen Forschung ist" (S. 14).

Denn man mag es kaum glauben: "Nur etwa dreißig Prozent der venezianischen Bauten stehen derzeit unter Denkmalschutz; der Forderung der venezianischen Denkmalpflege, die ganze Stadt unter Schutz zu stellen, wurde vom Gesetzgeber nicht entsprochen. Dies hat zur Folge, dass in zahlreichen bedeutenden historischen Bauten, ohne nennenswerte Hürden zu überwinden, tiefgreifende Veränderungen vorgenommen werden können, bei denen alle Spuren ehemals bestehender farbiger Fassungen und wichtige Befunde zu Böden, Wänden und Decken verlorengingen und weiter verlorengehen. Oft sind es gerade diese Maßnahmen, die eine unaufgeklärte Mehrheit, nicht nur unter den Laien, als gelungen akzeptiert. Purifizierungen und radikale Sanierungen werden in Venedig auch in Zukunft zu beklagen sein" (S. 16).

Es ist also von höchster Wichtigkeit, den Blick nicht nur auf die Restaurierung der bedeutenden, jedermann bekannten Kunstwerke zu lenken, sondern gleichermaßen zu begreifen, dass die Schönheit der Stadt sich aus den zentralen architektonischen Formen (Kirchen, Plätze, Paläste) und zahllosen kunsthandwerklichen Arbeiten zu einem Ganzen integriert - es selbst bedarf der Pflege und des Schutzes. Ein wichtiges Fazit einer solchen veränderten Sehweise lautet, "dass es an und in einem Bauwerk fast nichts gibt, was nicht Zuwendung verdiente" (S. 265, Nachwort).

Untergeschoss der Fassade von S. Zaccaria, linke Hälfte (S. 16)

Die Stadt, so wie sich heute dem Besucher zeigt, setzt sich aus den Bauten vieler Jahrhunderte zusammen, wobei in der Regel die unterschiedlichen Epochen ihre Spuren auch an ein und demselben Gebäude hinterlassen haben. Das bekannteste Beispiel ist sicherlich San Marco. Ganze Forschergenerationen waren bereits darum bemüht, Elemente von Wandverkleidungen, Säulen oder den Mosaiken historisch genau zuzuordnen, und die Untersuchungen sind keineswegs abgeschlossen. Woran liegt es aber, dass sie so schwierig sind? Offenbar haben sich die venezianischen Baumeister der Vergangenheit ihrer eigenen Tradition gegenüber anders verhalten, als wir es heute der unsrigen gegenüber tun. Wolters beschreibt dieses Verhalten so: "Der Entwerfer des Kirchleins von S. Teodoro, vermutlich Giorgio Spavento, entschied sich im Innern für hohe, schmale Nischen, wie sie in den mittelalterlichen Atrien von S. Marco zu finden sind, und "restaurierte" damit vermutlich Elemente des Vorgängerbaus. Dieses Erinnern an "verlorene Dokumente" verbindet sich mit einer hohen Bewertung alter Mauern und Steine, welche die Geschichte der Häuser anschaulich dokumentieren. [...] Die Verbindung von alten und neuen Formen macht den Palast oder das Haus zu einem Dokument einer lang zurückreichenden Familiengeschichte. [...] Diese im privaten wie im öffentlichen Bereich immer wieder erkennbare Haltung setzte ein geschärftes Auge für historische Formen und zugleich Reflexionen über die Wiedererkennbarkeit "restaurierter", im neuen Gewand wiedergewonnener Elemente voraus. [...] Aus diesem geschärften Bewusstsein für die Erinnerungen weckenden, Zusammenhänge herstellenden Qualitäten von Bauten und deren Elementen lassen sich Anspielungen verstehen, wie sie immer wieder in Venedig zu finden sind: Die Doppelsäulen der Nordfassade von San Marco wurden am Hauptportal von SS. Giovanni e Paolo [...], das sich zu einem Campo eröffnet, in dem die Scuola Grande di S. Marco liegt, zitiert" (S. 12, weitere Beispiele folgen).

Boden vor dem Grabmal des Dogen Francesco Venier in S. Salvatore (S. 215)

Der Unterschied zweier gesellschaftlicher Verfassungen: der unsrigen, in der sich Traditionslosigkeit und geschärftes historisches Bewusstsein verbinden, sowie einer früheren, die in und aus Traditionen lebt, wird hier nur zu deutlich. Wolters fragt (S. 27), ob die Wiederverwendung auch von Baumaterialien, wie Säulen, Porphyr und Serpentin, nicht "ein Akt selbstbewusster pietas gewesen" sei. Man wird darauf nur eine bejahende Antwort geben können. Solange wie Venedig noch aus der Verbindung mit den eigenen Ursprüngen gewachsen ist, war die Serenissima ein hochkomplexer, räumlich und zeitlich in sich selbst vermittelter Gesamtkörper, dessen Bauten und Plätze unablässig miteinander kommunizierten. Gerade weil jedoch der Bezug auf die Vergangenheit fraglos war, konnten auch "moderne" Formen konzipiert und von den Bauherren akzeptiert werden, die sich zugleich von der unmittelbar gegenwärtigen Geschichte absetzten und sich dennoch nur um so tiefer in ihr verankerten. So finden sich etwa an dem Palazzo Pisani-Moretta heterogene, "gotische" und antikisierende Elemente. "Sollten", fragt Wolters wiederum, "der Bauherr und der leider anonyme Architekt dieses nach der Mitte des 15. Jahrhunderts entstandenen Baus das dominierende, unübersehbare Bekenntnis zur Tradition und die Modernisierung des Formengutes all’ antica als gleich wichtig betrachtet haben?" (S. 14) Mithin mag auch ein solcher doppelter Bezug auf Tradition und Moderne das Kennzeichen einer kulturellen Hochzeit, und besonders der italienischen Renaissance, sein.

Wolters Buch verhilft dazu, mit geschärftem Blick durch Venedig zu gehen und dabei zumindest spüren zu können, wie in der Stadt ein zugleich stummes und beredtes, von dem heutigen gänzlich unterschiedenes Zeitbewusstsein überdauert. Ein kleiner Nachteil von "Architektur und Ornament" soll nicht verschwiegen werden: der Text ist so materialreich und kumulativ, dass eine fortlaufende Lektüre schnell ermüdet und bald aufgegeben wird. Man wird also eher in dem Band blättern und, angeregt durch die Abbildungen, immer wieder einzelne Kapitel vertieft zur Kenntnis nehmen. Insgesamt jedoch ist es Wolters’ Verdienst, dass der Leser und Venedigbesucher sich darin übt, im architektonischen Einzelnen das Ganze und in diesem jenes immer deutlicher wahrzunehmen.

Peter Rhonfeld

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