Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 6 (2005), Heft 4


 

Ein gelungenes Kompendium – das Schiller-Handbuch des Metzler Verlages

So ein Gedenkjahr hat auch sein Gutes, etwa wenn einem neben phrasenhaften Politikerreden, zweifelhafter Betriebsamkeit in Funk und Fernsehen und allerhand publizistischem Plunder die Schillergesellschaft als Jahresgabe einen Comic über des Dichters Flucht aus Württemberg und seine Anfänge als Dramatiker ins Haus schickt. Daneben ließe sich sicher auch das ein oder andere weniger gelungene Objekt anführen, das der deutsche Buchmarkt aus Anlaß von Schillers zweihundertstem Todestag ausgestoßen hat, aber wir beabsichtigen hier ja kein Sammelreferat aktueller Neuerscheinungen. Und den Verriß Sigrid Damms oder einen beschränkten Hymnus auf Rüdiger Safranski kann, wer das will, schließlich auch andernorts nachlesen. Daß jedoch der Stuttgarter Metzler Verlag die Gelegenheit nutzt, in der Reihe seiner bewährten Handbücher zu „Leben, Werk und Wirkung“ bedeutender Autoren jetzt einen Band über Schiller vorzulegen, verdient einen ausführlicheren Hinweis.

Die Hürden scheinen erfreulich niedrig, setzt das Handbuch doch „nicht den erfahrenen Leser voraus, der sich bereits bestens in Schillers Werk auskennt, sondern es richtet sich an den interessierten Leser, der dieses Werk erst kennenlernen oder seine Kenntnisse vertiefen will“ (Vorwort, S. VII). Nehmen wir den Herausgeber doch einfach beim Wort: Bleibt also das Stöbern, im Grunde ja nicht die schlechteste Vorgehensweise. Und Schiller – das sind doch in erster Linie immer noch Die Räuber, auch wenn man dafür heute schon ein gewisses Maß historischen Interesses aufbringen muß.

Das Handbuch beginnt umstandslos mit den Dramen, stellt anschließend die Gedichte, die Erzählungen, die historischen, die theoretischen Schriften, Kritiken und Publizistik, Bearbeitungen und Übersetzungen sowie ausgewählte Briefwechsel vor und schließt mit einem Kapitel „Wirkung.“ Gleich zu Beginn also, wie könnte es anders sein, Schillers Erstling, Die Räuber, denen Gert Sautermeister 45 Seiten widmet (die Artikel sind namentlich gezeichnet, auf Bilder verzichtet man ganz). Die Aussicht, einen derart umfangreichen Text über ein Theaterstück zu lesen, daß mir nicht als besonders mitreißend in Erinnerung ist (bei der Provinzaufführung, die ich zuletzt sah, wurde wüst geschrien und aufgestampft, jemand muß dem Regisseur gesagt haben, so halte man’s eben mit dem Sturm und Drang), hatte nichts Verlockendes. Umso größer dann die Überraschung, daß die Abschnitte über „Entstehung und Druck“ und die „literarischen Einflüsse“ angenehm lesbar einen ausgesprochen lebendigen Artikel eröffnen, der so gar nichts trocken Handbuchhaftes hat. Abgerundet wird dieser Auftakt noch durch ein paar Worte über Schillers Quellen, und wenn man dann die ausführliche Skizze der Wirkungsgeschichte des Stückes von der Mannheimer Uraufführung bis in die Theatergeschichte der Bundesrepublik hinter sich hat, fühlt man sich nach 20 Seiten gut bedient und erschrickt unwillkürlich beim Blick auf die nun folgende Zwischenüberschrift „Deutung.“

Begegnet dann auch noch gleich zu Anfang der bedeutungsschwangere Satz: „Auch Dualität kann zu einem Deutungsschema werden, das Orientierungs- und Ordnungsbedürfnissen entspricht, selbst wenn es sich um eine differenzierte Dualität handelt, die sich einem plakativen Pro und Contra widersetzt“ (S. 21), worauf man mit zwei Literaturangaben alleingelassen wird, so beschleicht einen der Verdacht, die Ghettosprache der Germanistik halte jetzt doch noch Einzug und verhindere oder erübrige jedes weitere Eindringen. Klar wird, daß Sautermeister hier aus seiner Sicht überlebte Forschungspositionen angreift, ohne daß er dem Leser allerdings so recht Gelegenheit gibt, wirklich zu begreifen, was da verhandelt wird.

Aber, es sei unumwunden eingeräumt, die Stelle bleibt die Ausnahme. Unmittelbar auf sie folgend beginnt Sautermeister eine derart glänzende, flüssige und lesenswerte Deutung der Räuber, daß man ganz sprachlos bleibt, all das dem Stück nie von selbst angesehen zu haben. Selbst Detailanalysen, die den Charakter der Brüder Moor lediglich aus den Voraussetzungen der ersten beiden Szenen des Dramas entwickeln, liest man mit ungläubigem Staunen über die kompakte Gedrängtheit und den Anspielungsreichtum von Schillers Text. Hier wird mit leichter Hand gezeigt, was alles die Literaturwissenschaft über dieses Theaterstück zu sagen hat und wie gekonnt die Einzelheiten einer stimmigen Interpretation ineinandergreifen. Der Autor breitet die Entstehungs- und Wirkungsgeschichte eines großen Textes aus, um anschließend auf dieser Grundlage in verständlicher Sprache eine Reihe von Gesichtspunkten für seine Deutung bereitzustellen. Monieren ließe sich allenfalls die wiederholte Verwendung des Sprachklischees von der „Outsiderexistenz“ der Räuber (S. 7 und 33) oder daß man bei der Bezeichnung „akademische Paupers“ (S. 7) den korrekten lateinischen Plural dem gewohnteren englischen doch vorgezogen hätte, aber das betrifft stilistische Fragen, nicht inhaltliche.

Blättert man weiter, so überrascht beispielsweise der Artikel zu Wilhelm Tell mit dem lapidaren Beginn: „Im Unterschied zu Goethe ist Schiller nie in der Schweiz gewesen“ (S. 214). Die verblüffend simple Feststellung leitet zu Schillers breitem Quellenstudium aufgrund mangelnder eigener Anschauung über und zeigt einmal mehr, mit welcher souveränen Frische man solche Texte schreiben kann. Natürlich bleibt gerade der Tell als geballte Sammlung – in unseren Ohren – verbrauchter Zitate ein problematisches Stück von allzu optimistisch verschweizerter Gesinnung und man wird es ja auch irgendwann einmal leid, Schillers Freiheitspathos immer wieder vor allem damit gerechtfertigt zu sehen, daß die Nationalsozialisten seine Aufführung untersagten. Es sei hier nicht entschieden, ob gerade in den Jahren zwischen 1933 und 1945 Schiller nicht durch die zustimmende Rezeption seiner Texte größeres Unrecht widerfahren ist, als Gerechtigkeit durch jenes Verbot. Immerhin stellt sich Michael Hofmann in seinem Abriß der Wirkungsgeschichte von Schillers Werk diesem Problem, wenn er betont: „Die in diesem Handbuch praktizierte problematisierende und offene Schiller-Deutung ist also nicht einem modischen Geist einer beliebigen Kritik geschuldet, sondern die Reaktion auf eine Krise des Klassizismus, die in dessen Vereinnahmung durch den Nationalsozialismus liegt“ (S. 577); leider fährt er mit einer Formulierung fort, deren Abgegriffenheit im Kontext politischer Rhetorik ihr viel genommen hat: „Buchenwald liegt bei Weimar – und diese räumliche Nähe ist das Symbol einer Frage nach der ideologischen Affinität zwischen Idealismus, Klassizismus und autoritärer Herrschaft.“ Hofmanns Skizze arbeitet sich dann vor allem an Adornos Einsichten ab und sieht in der neueren Schillerdeutung das erfolgreiche Bemühen, dessen maliziöse Bezeichnung Schillers als „Hofpoet[en] des deutschen Idealismus“ zu widerlegen und in ihm vielmehr den „Vorläufer einer selbstkritischen Moderne“ zu sehen, „die um die Aporien einer Versöhnungsästhetik weiß und der es darum geht, die Widersprüche der modernen Welt auszuhalten“ (S. 580).

Rolf Bulang, Marburg

Schiller-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung. Herausgegeben von Matthias Luserke-Jaqui unter Mitarbeit von Grit Dommes. Stuttgart, Weimar: J. B. Metzler 2005. X, 651 S. Pappband. ISBN 3-476-01950-0, 49,95 €

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