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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 6
(2005), Heft 4
Die KarikaturistInnen, die in Marburg ihre Arbeiten zum Thema „Gewalt und Terror“ zeigen, arbeiten zum Beispiel für die FAZ, die Frankfurter Rundschau, Die Welt oder die taz und gehören sicherlich zu den profiliertesten ihres Faches. Die Ausstellung wurde organisiert von Prof. Walther Keim, der in seinem Eröffnungsvortrag auf der Vernissage politische Karikaturen so definiert: sie seien „aktuelle Signale, Botschaften, Röntgenbilder und Akupunkturen mit vielen Komponenten“, […] „in denen sich, ohne Bestandteil der herrschenden Geschichtsschreibung zu sein, das kritische Bewusstsein der Epoche in einer zusätzlichen, vertiefenden Dimension darstellt.“ Keim zitiert Joe Szabo: „Das Betrachten einer politischen Karikatur stellt sich fast so dar, als ob man in einem dunklen Zimmer Licht einschaltet oder bei einer Sehschwäche die richtige Brille aufsetzt. Es ist die Freude über die Aufklärung, die Befriedigung zwischen Karikaturist und Leser, die Entdeckung einer Wahrheit, selbst wenn sie abscheulich ist. Und für viele ist die Karikatur eine Art Haltepunkt im ständigen Fluss der Ereignisse.“ Nach Georg Ramseger „erkennt [die Karikatur] ihren Mann, seine Lüge, seine Wahrheit. Sie liefert das eigentliche Abbild der tausendfach getarnten Wirklichkeit.“ Keim zieht das Fazit: Karikaturen „erfüllen in einer Demokratie die Funktionen der Massenmedien in Politik und Gesellschaft, indem sie informieren, Meinung vermitteln, Kontrolle und Kritik ausüben“ – sie wecken „Emotionalität“, erhöhen so „die Befindlichkeit des Betrachters“ und animieren „zur politischen Meinungs- und Willensbildung“.

Barbara Henniger: "30er Jahre-Show"
Die zweimalige Erwähnung des Begriffs „Meinung“ im Text fällt auf, besonders die Formulierung „Meinung vermitteln“ – wir werden darauf zurückkommen. Die Karikaturisten sehen ihre Arbeit, gegenüber den zitierten allgemeinen Definitionen, durchaus unterschiedlich. Reiner Schwalme, dessen Blatt o. T. (Die Freiheitsstatue spiegelt sich als Abu Ghraib wider) gerade ausgezeichnet wurde, empfindet sich nicht als Künstler, sondern eher als Journalist, dessen „Sprache aber das Bild“ sei. Bis zum Redaktionsschluss um 15:00 Uhr habe er jeden Tag eine Karikatur zu liefern: „die Topmeldung muss kommentiert werden. […] Die nötige Verfremdung [bedeute], um die Ecke zu gehen – wer ist der Nutznießer, den will ich ans Brett nageln.“ Für Burkhard Mohr hingegen ist die Karikatur „ein kleines Kunstwerk – sie atmet einen Geist, der Strich hat eine Signatur, sie ist wie eine kleine Inszenierung, ein Theaterstück.“

Walter Hamel: "Nahostinitiative"
Trotz des unterschiedlichen Selbstverständnisses sprechen beide, Schwalme und Mohr, davon, dass es nötig sei, den „richtigen Gag zu finden“ (Schwalme), bzw. die „Schlagzeile“ mit „Witz oder Esprit“ in ein Bild umzusetzen (Mohr). Wer nun die ausgestellten Arbeiten betrachtet, wird sich dem Ausdruck dieser Bilder kaum entziehen können. Heiko Sakurais gestürzte und zu Tode verwundete Freiheitsstatue, die in der einen Hand, mit der sie sich aufstützt, noch ihre Fackel hält und sich mit der anderen an die Wunden in der linken Brust, der Herzgegend, greift – vor ihr liegt eine Tafel mit der Aufschrift: „September XI MMI“ - , zieht sofort den Blick auf sich. Haltung und Gesicht der Statue zeigen unmittelbar, dass hier kein Individuum, sondern ein Kollektivwesen stirbt. Auch auf Rainer Ehrts: „Mr. Donalds’s Torture Burger“ (Verteidigungsminister Rumsfeld) werden die doch eindeutig identifizierbaren Gesichtszüge des amerikanischen Verteidigungsministers zugleich entindividualisiert. Man begreift, dass weniger eine Person, als ein politischer Zustand dargestellt wird. Die Aussage ist klar: die Weltmacht Amerika exportiert Fastfood und Folter (beides steht im Zusammenhang) und „ernährt“ sich von den Unterworfenen. Die zeichnerische und farbliche Gestaltung des Bildes erinnert an bestimmte Comics, nimmt also die Dominanz der USA auch und gerade auf dem Unterhaltungssektor kritisch in sich auf.

Rainer Ehrt: "Mr. Donalds's Torture Burger"
Auf vielen Karikaturen der Ausstellung finden sich in allegorische Zusammenhänge eingeordnete Personifikationen: am häufigsten taucht die Freiheitsstatue auf, weiterhin finden sich etwa Friedensengel und Tod („Und wieder: MATT!“ von Heiko Sakurai), aber auch mit entsprechenden Konnotationen ausgestattete Tiere wie Wölfe, Krokodile, Raben oder eine Taube. Die dargestellten Menschen, wir sahen es schon am Beispiel von Verteidigungsminister Rumsfeld, sind weniger Individuen, als Typen. Wenn es also beim Betrachten einer politischen Karikatur so scheinen mag, „als ob man in einem dunklen Zimmer Licht einschaltet“, so bezieht sich ein solch herausgehobener Erkenntnis-Augenblick nicht auf das Wesen eines Individuums, wie in der klassischen Malerei, sondern auf das einer Situation. (Auch etwa die bundesrepublikanischen Politiker, die auf Karikaturen zu sehen sind, werden in der entsprechenden Überzeichnung zu Funktionsträgern in einer jeweiligen politischen Konstellation.) Tatsächlich kann auf diese Weise die „tausendfach getarnte Wirklichkeit“ etwas von sich preisgeben. Merkwürdig ist nur, dass sich die von einem Bild schlagartig vermittelte Erkenntnis einer allegorischen Situation schnell wieder verflüchtigt: es gehört geradezu zum Wesen einer Karikatur, nicht länger betrachtet zu werden – man sieht sie in einer Zeitung, begreift mit einem gewissen Vergnügen den Zusammenhang (ob es sich dabei nur um „die Freude über die Aufklärung“ handelt, kann hier nicht untersucht werden) und blättert weiter. Ein solches „Aufnehmen im Vorübergehen“ scheint konstitutiv für Karikaturen, die zur Aufgabe haben, Schlagzeilen zeichnerisch umzusetzen. Hieraus resultiert natürlich auch ihre häufig angeführte „Folgenlosigkeit“. Sie ist dem ihnen entsprechenden Erkenntnis-Akt bereits einbeschrieben.

Heiko Sakurai: "Schachpartie im Nahen Osten"
Wenn Karikaturen jedoch auch „Meinung vermitteln“, so ist offenbar das Flüchtige ihrer Wirkung mit dem, was gemeinhin „Meinung“ genannt wird, zusammenzudenken. Meinungen unterscheiden sich von Wissen, und jeder von uns kann in einer hochkomplexen globalisierten Welt, und sei er noch so informiert, doch auf vielen Gebieten – und gerade dem politischen – eben nur Meinungen haben: „Zwischen den Einzelnen, dessen echter Erfahrungsumkreis […], stets sehr eng ist, und die unübersehbaren, schicksalhaften Vorgänge, die sich aus den sozialen, wirtschaftlichen und politischen Superstrukturen heraus entwickeln, tritt notwendig eine Zwischeninstanz: die ‚Erfahrung zweiter Hand’. Das, was man früher ‚vom Hörensagen’ erfuhr, wird heute zunächst einmal von der Informationsindustrie vermittelt […]. Der Niederschlag aller dieser Vorgänge im einzelnen heißt Meinung, deren Unvermeidbarkeit wir jetzt begreifen, weil solche schematische Inhalte da eintreten, wo das Wissen erster Hand, das aus der selbst erarbeiteten und verantworteten Erfahrung, nicht hinreicht […]“ (Arnold Gehlen: Die Seele im technischen Zeitalter, Hamburg 1957, S. 49).

Heiko Sakurai: ohne Titel
Karikaturen, die „Meinung vermitteln“, sei es eine „kritische“, nehmen damit folglich unweigerlich am Prozess der Meinungsherstellung der, wie Gehlen es nennt, „Informationsindustrie“ teil und unterliegen deren Bedingungen. Ihre nicht nur politische, sondern auch psychische Folgenlosigkeit resultiert eben hieraus: „Auch mit großer Überzeugungsstärke geäußerte Meinungen sind noch keineswegs virtuelle Handlungen“ (Gehlen, a.a.O., S. 51). Vielmehr entlastet das Haben von Meinungen eher von aktiver Umsetzung.

Barbara Henniger: ohne Titel
Damit soll nun keineswegs behauptet werden, Karikaturen seien von vornherein nichts weiter als ein konformer Ausdruck der von Massenmedien produzierten Strukturen. Aber unweigerlich ist, dass sich die ernstgemeinten mit den eigenen Voraussetzungen auseinandersetzen. Die besten der im Marburger Kunstverein gezeigten Arbeiten leisten eine solche Kritik ihres ihnen vorgeschriebenen kritischen Habitus’. Indem sich in ihnen echte Eindringlichkeit und die eigene Vergänglichkeit zu den Allegorien des Politischen verbinden, zeigen sie ihr Gesetz. Sie sind beides gleichzeitig: folgenlose Kleinkunst, die die großen, ihr in Marburg zur Verfügung gestellten Räume nicht füllt – und bildhafte Erkenntnis, die uns berührt. Heiko Sakurai sagt in seinem Vernissage-Beitrag: „Terror als Thema der Karikatur“, diese sei „im Grunde auf ein allgemein verbindliches Wertesystem angewiesen […], um die Verstöße gegen diese Werte sanktionieren zu können.“ Gibt es aber ein solches System noch? Und wenn nicht, ist die Karikatur vielleicht eine aussterbende Gattung? Zumindest haftet ihr, verglichen mit den modernen Medien, etwas beinahe Altertümliches an – und so vermittelt sie uns wohl eine Meinung und ein zu ihr gehöriges Wertesystem, zugleich aber das bestimmte Gefühl, dass man so gar nicht mehr urteilen könne und dürfe.
Max Lorenzen