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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 6
(2005), Heft 4
Marburger Forum: Frau Rospert, Sie haben ein in jeder Hinsicht bemerkenswertes Buch über Nelly Sachs geschrieben: "Poetik einer Sprache der Toten. Studien zum Schreiben von Nelly Sachs". Würden Sie uns bitte berichten, wie Sie zu Nelly Sachs gefunden haben - einer heute keineswegs vergessenen, aber doch viel zu wenig beachteten Dichterin?
Christine Rospert: Meine Liebe zu Paul Celan führte mich zu Nelly Sachs. Auf der Suche nach einem interessanten Arbeitsgebiet für meine Dissertation merkte ich bald, dass zur Dichtung Paul Celans, die mir sehr am Herzen liegt, bereits sehr fundierte Deutungen vorliegen. Die innere Notwendigkeit, dem Gesagten etwas hinzuzufügen, schien mir gering. So las ich in der Germanistik-Bibliothek der TU Berlin weiter und entdeckte die schönen Gedichtbände von Rose Ausländer - und Nelly Sachs. Es waren insbesondere einige späte Gedichte der Nelly Sachs, die mich in ihren Bann zogen. Ich erinnere mich an die Art und Weise, wie mich das überaus Ernste, aber auch visionär Klare dieser Gedichte beeindruckte.

MF: Vielleicht geben Sie uns einige Angaben zu Ihrer Biografie: Woher stammen Sie, welches war Ihr Ausbildungsgang, wo sind sie Sie jetzt tätig?
Christine Rospert: Ich bin in Marburg an der Lahn geboren, aufgewachsen in Stadtallendorf (bei Marburg). Ich studierte in Hamburg Erziehungswissenschaften, Germanistik und Anglistik und ein Jahr in Edinburgh (Schottische und englische Literatur, Philosophie, Politologie). Im Anschluss an das Studium kam mein Sohn Yves zur Welt. Parallel zu seiner Säuglings- und Kleinkinderzeit schrieb ich an meiner Dissertation zu Nelly Sachs (bei Prof. Dr. Marianne Schuller, Universität Hamburg). Gefördert wurde mein Promotionsvorhaben von der Heinrich-Böll-Stiftung. Nach Beendigung der Arbeit an der Dissertation begann ich mit dem Referendariat für das Lehramt an Gymnasien (Studienseminar Gießen). Zur Zeit bin ich Lehrerin (noch in der „Babypause“ für mein zweites Kind) an der Gesamtschule Gießen-Ost.
MF: Welches sind für Sie persönlich die wichtigsten oder beeindruckendsten Dichterinnen und Dichter des 20. Jahrhunderts und der Gegenwart?
Christine Rospert: Dies kann nur eine subjektive Auswahl sein: Abgesehen von Celan und N. Sachs liebe ich besonders Rilke, Trakl, Ingeborg Bachmann, Sylvia Plath, W.B. Yeats. Aber auch Ernst Jandl.
MF: Natürlich wird niemand Nelly Sachs die große Bedeutung absprechen; trotzdem konzentriert sich das Interesse in ganz anderer Weise etwa auf Paul Celan. Wir wollen hier keineswegs fragen, ob etwa seine, oder die Dichtung von Nelly Sachs "größer" sei. Trotzdem: wie kommt es, dass Nelly Sachs heute so wenig wahrgenommen wird?
Christine Rospert: Hierüber habe ich selbst viel nachgedacht. Auch hier sollte man nicht vergessen, dass auch das Erinnern und Vergessen Moden bzw. Trends unterworfen ist. So wurde Nelly Sachs 1966 mit dem Nobelpreis für Literatur geehrt. In den 60er Jahren gab es einen richtigen Nelly-Sachs-Kult. Sie wurde geradezu verklärt zur Dichterin der „Versöhnung“ zwischen „Deutschem“ und „Jüdischem“. Das schmerzlich Unversöhnliche, von dem ihr Schreiben doch auch kündet, wurde hierbei einfach ausgeblendet. Vielleicht hat diese frühere, instrumentalisierende Nelly-Sachs-Rezeption Vorurteile genährt und den unvoreingenommenen Zugang für die Leserinnen und Leser heute erschwert.
Ich möchte die beiden Dichter nicht gegeneinander ausspielen. Daher sind die folgenden Anmerkungen unter Vorbehalt zu lesen. Möglicherweise ist die Dichtkunst der Nelly Sachs weniger ‘intellektuell’ als die Celans. Sie ist meines Erachtens in gewisse Weise widersprüchlicher in der Anlage und doch folgt sie einer zwingenden Notwendigkeit. Die Lesenden sehen sich „Glühende(n) Rätsel(n)“ gegenüber, deren Hermetik sich von der des Celanschen Oeuvres grundlegend unterscheidet und doch mit ihr im Zwiegespräch steht.
Ein wichtiger Unterschied liegt meines Erachtens im ganz eigenen Pathos der Sachsschen Gedichte, das Celan so nicht zueigen ist. Hingegen findet sich, wie ich meine, eine Leichtigkeit im (todernsten) Spiel mit Sprache bei Celan, die auf den ersten Blick keinen Platz im Schreiben der Nelly Sachs zu haben scheint. Vielmehr ist die Leserin wesentlich stärker gefordert, eine Leichtigkeit auch bei Nelly Sachs auszumachen. Die Selbstreflexivität der poetischen Sprache ist dabei in der Tat auch für Sachs ein wichtiger, wenngleich untergründiger Aspekt des Schreibens, doch hat noch kaum jemand das Augenmerk hierauf gerichtet .
Ich denke, nur wenige Leserinnen und Leser halten heute jenem zerbrechlichen Pathos der Nelly Sachs stand. Vielleicht ist es nicht mehr zeitgemäß. - Nur wenige sind offen für das Andere, das aus ihrer Dichtung spricht.
MF: Wäre ein wichtiger Grund für die heutige geringe Rezeption also gerade die Hermetik des Spätwerks, dessen Unzugänglichkeit ja von manchen Interpreten auf die psychische Erkrankung der Dichterin zurückgeführt wird?
Christine Rospert: Die psychische Erkrankung der Dichterin spielt ohne Zweifel eine Rolle für die Rezeption ihres Werkes. Ist es doch gerade das späte Schreiben der Nelly Sachs, welches heute zum größten Teil nicht mehr im Handel erhältlich ist. Auch in Universitätsbibliotheken fehlen allzu oft Gedichtbände aus den 60er Jahren, jener Zeit der psychischen Erkrankung. Dabei sind es aber gerade auch die späten Gedichte, die eindrucksvoll Zeugnis ablegen vom Sprechen eines Anderen, ohne im Wahnsinn unterzugehen. Im Gegenteil, die späte Lyrik ist hochverdichtet und sie rührt an.
Die späte szenische Dichtung hingegen zeugt stärker von den seelischen Qualen der Nelly Sachs. Als ich das Kapitel über „Der magische Tänzer“ schrieb, war ich aufs Äußerste gefordert. Es war, als ob in diesem dramatischen Werk die Metaphern des Leidens der Dichterin Fleisch geworden wären. Die Grenze zwischen Wahnsinn und Kunst war hier spürbar porös. Dem standzuhalten, ist nicht immer leicht. Doch auch in der szenischen Dichtung ist Beeindruckendes zu entdecken. Hier fasziniert besonders die Fülle an Referenzen, die komplexe Textur bei gleichzeitiger emotionaler Tiefe. Diese Literatur will das Unauslotbare ausloten.
MF: Wie findet man einen Weg in dieses Werk - wie haben Sie Ihren Weg gefunden?
Christine Rospert: Ein wichtiges Stichwort in diesem Zusammenhang ist Offenheit. Ich habe mich den Gedichten geöffnet, ihren Stimmen und auch ihrem Schweigen. Auch war ich offen für die Heterogenität der Dichtungen und die Tatsache, dass nicht jeder poetische Text mich gleichermaßen berührte. Doch wäre dies nicht auch ein Unmögliches? Ich erlaubte mir, meine „Liebsten“ genau, so genau wie möglich zu lesen. Die „Stiefkinder“ der Leserin, meine Stiefkinder, legte ich beiseite - und erfand Nelly Sachs für mich neu. Oder anders gesagt: Ich erfand den Leser/die Leserin für Nelly Sachs neu.
MF: Mit der Lektüre welcher Gedichte sollte eine Leserin oder ein Leser beginnen?
Christine Rospert: Diese Frage kann ich nicht beantworten, da jeder Leser, jede Leserin ein Individuum ist - wie die Gedichte selbst. Ich persönlich fand meinen Weg über das „Spätwerk“. - Natürlich möchte ich den Lesern hier aber auch die Gedichte, die in meinem Buch zusammengestellt sind, ans Herz legen, zumal einige von ihnen unveröffentlicht bzw. nicht mehr im Handel erhältlich sind.
MF: Welche Gedichte sind es, die Sie auf besondere Weise ansprechen und erschüttern?
Christine Rospert: Die Auswahl an Gedichten, die sich in meinem Buch findet, war für mich besonders beeindruckend, so beeindruckend, dass ich dazu etwas schreiben wollte. Die gesamte Sammlung später Gedichte „Teile dich Nacht“, die heute nicht mehr im Handel erhältlich ist, spricht mich im tiefsten Innern an. Ein Gedicht wie „Kind Kind im Orkan des Abschieds“ (aus der Sammlung „Flucht und Verwandlung“, in Fahrt ins Staublose, Frankfurt 1988) erschüttert und fasziniert mich.
MF: Sie haben das Nelly-Sachs-Archiv der Königlichen Bibliothek Stockholm besucht. Schildern Sie doch bitte, was Sie dort gesehen haben.
Christine Rospert: In den Kellerräumen des Archivs der Königlichen Bibliothek Stockholm finden sich zahlreiche Aktenordner mit Handschriften und Typoskripten von Dichtungen der Nelly Sachs, sowie auch viele Briefe der Dichterin. Es war mir möglich, diese einzusehen und eingehend zu studieren. Weiterhin hatte ich Zugang zum Nachlass der Dichterin, der zu jenem Zeitpunkt (Ende der 90er Jahre) ebenfalls in einem Kellerraum untergebracht war. Dort, an jenem unterirdischen Ort, befand sich etwas, das wie ein musealer Ort anmutete, der paradoxer Weise nicht der Öffentlichkeit zugänglich war. Eine nicht besonders liebevolle Anordnung der Gegenstände, die Nelly Sachs im täglichen Leben umgaben. Mir ist ihr Bücherregal in Erinnerung geblieben, ihr einfaches Bett, sowie eine Sammlung von Halbedelsteinen. Edelsteine finden sich im Übrigen auch in ihren Gedichten wieder. Auch einige Bilder, eines, so glaube ich, von Gisèle Celan-Lestrange. Doch war dies nur eine Momentaufnahme, da ich nur kurz Gelegenheit hatte, den Raum zu sehen. Es war beeindruckend und befremdend zugleich.
Wie ich hörte, sollte der Nachlass Ende der 90er Jahre aus dem Keller geholt und der Öffentlichkeit in einem eigens zu schaffenden Raum zugänglich gemacht werden.
MF: Was empfindet man, wenn man die Handschriften der Gedichte vor sich sieht?
Christine Rospert: Zum einen Dankbarkeit. Es ist wunderbar, dass es Menschen wie Nelly Sachs gibt und gab. Sie ist mir durch die Papiere, die sie beschrieb und die ich in meinen Händen halten durfte, nähergerückt. Etwas wurde buchstäblich greifbar. Ihre Schrift zu sehen, holte den Menschen Nelly Sachs näher heran. Es war sehr bewegend. Auch ihre Briefe in Händen zu halten, hat mich gerührt.
Besonders erinnere ich mich noch an die Entdeckung, dass einige späte Gedichte auf kleinen Zetteln aufgeschrieben waren, geradezu aufgekritzelt. Sie sind im Krankenhaus entstanden, wo Nelly Sachs vielleicht zum nächsten besten Fetzen griff, um etwas zu Papier bringen zu können. Die kurzen Gedichte auf den kleinen Zetteln wirkten so fragil und zugleich hatten sie eine unerhörte Intensität.
MF: Nelly Sachs schreibt in einem ihrer Briefe (an Margit Abenius, v. 17.3.1958), sie habe "eigentlich jede Nacht den Tod neu gelernt" (Briefe, hrsg. von Ruth Dinesen und Helmut Müssener, Frankfurt 1984). Was geht in einem selbst vor, wenn man sich einer solchen Zone des Todes nähert?
Christine Rospert: Vielleicht nähert man sich dem Erlebnis, das Nelly Sachs in ihrem Brief schildert, eher indirekt, das heißt vermittelt durch ihr poetisches Schreiben. Aus den Gedichten spricht Tod, spricht etwas, das ich „Poetik einer Sprache der Toten“ genannt habe. Die Gedichte nähern sich einer solchen Zone des Todes mit poetischen Mitteln. Sie machen ein Anderes erfahrbar. Das beunruhigt, trifft - manchmal ins Herz. Doch haben die Dichtungen auch eine Strahlkraft und Leichtigkeit, die Hoffnung gibt.
MF: In einem anderen Brief (an Elisabeth Borchers und Peter Hamm, v. 7.1.1958) heißt es: "Zuweilen erhalte ich Anfragen über unverständliche Metaphern. Habe doch nicht "gemeint", sondern wurde aufgerissen. [...] Es ist doch nichts Willkürliches, der Mensch erlebt, was der Kosmos erlebt, ich habe das immer nur im Bilde gesehn." Bedeutet das - schrecklich, das auch nur zu denken - , der Holocaust selber sei gleichsam die wahrste, reale Metapher dafür, wie es insgesamt im Kosmos zugehe?
Christine Rospert: Die Briefestelle ist wohl nur im Kontext anderer Äußerungen der Nelly Sachs zu verstehen. So schreibt sie in einem Brief an Rudolf Peyer (vom 5.10.1959) über ihre szenische Dichtung „Vergebens an einem Scheiterhaufen“:
„Habe keine Gedichte in letzter Zeit mehr geschrieben. Sehnsucht nach dem Du - läßt mich Monolog oder Dialog über die Dunkelheit hinweg führen. „Vergebens an einem Scheiterhaufen“ - so soll dieser Monolog mit zwei fernen Antwortstimmen heißen. Aber dies „Vergebens“ ist „da“. Es scheint nur hiesig vergebens. Ich glaube doch an ein unsichtbares Universum, darin auch das „Vergebens“ aufgehoben ist. - Ich hatte eine schwere Zeit, nachdem Du fort warst. Fühlte doch wieder, wie schwach ich bin, wenn der Schmerz mich angreift - immer bis an die Spitze - immer bis an das Aufhören von Zeit und Raum. Immer nur kreisend um das Weltall des Schmerzes.“
Der Schmerz, die Wunde, welche Auschwitz geschlagen hat, hat für Nelly Sachs mithin universelle Bedeutung, ist allgegenwärtig als „Weltall des Schmerzes“. Das subjektive Trauma ist untrennbar mit dem Leiden, dem Verwundetsein aller Schöpfung, allen Daseins verquickt. Dies ist in der Tat die wohl realste Metapher für den Zustand dieser Welt. Darüberhinaus deutet sich hier auch das Erbe der jüdischen Mystik an, welches im Schreiben der Nelly Sachs tiefe Spuren hinterlassen hat: Denn auch das „Exil der Schechina“, „jener Riss, der eine ständige Verbindung Gottes mit der Schechina verhindert“ (Gershom Scholem: Die jüdische Mystik in ihren Hauptströmungen. Frankfurt 1996, S. 253) kündet von einem alles übergreifendem Verlust.
Zugleich jedoch spricht die Dichterin von einem „Vergebens“, welches „nur hiesig vergebens“ sei. Das Scheitern einer Kommunikation mit einem unnennbaren Du über den - gewaltsamen - Tod hinweg, welches sich im Titel der szenischen Dichtung abzeichnet, ist nicht nur Scheitern. Eine zentrale Aussage ist hier: „Ich glaube doch an ein unsichtbares Universum, darin auch das „Vergebens“ aufgehoben ist.“ - Auch hier deutet sich an, dass die Vision der Nelly Sachs letztlich utopische Züge trägt, Raum lässt für Trost angesichts des Schrecklichsten.
MF: Wenn man sich einer solchen Wahrheit nähern will, muss man sich, sagt Nelly Sachs, in den Schmerz der Welt selbst hineinbegeben. Ist also das Schreiben dieser Lyrikerin selber ein existenzieller Vorgang?
Christine Rospert: Dem möchte ich uneingeschränkt zustimmen. Aus ihrer Aussage „Habe doch nicht ‘gemeint’, sondern wurde aufgerissen.“ spricht genau jenes basale Verwundetsein. Nelly Sachs schreibt in einem Brief (an Elisabeth Borchers vom 15.9.59): „Ich selbst bin kein literarischer Mensch (...) - ich nehme, was ich liebe, so in mein Blut auf, daß es in mich hineingewachsen ist, sich mit meinem Leben vermischte. (...) Wir werfen doch unser Leben in Flammen und stammeln dann dahin in äußerster Not.“ Sie ist nicht „literarisch“, nicht kopfgesteuert - und sei es auch im besten, künstlerischen Sinne. Sie erfährt ihr Schreiben - es stößt ihr zu, unausweichlich, bis aufs Blut. So wie den Lesenden die Lektüre gleichsam zustößt.
MF: In einem Brief an Gisela Dischner schreibt Nelly Sachs: " "Der Tod war mein Lehrmeister. Wie hätte ich mich mit etwas anderem beschäftigen können, meine Metaphern sind meine Wunden. Nur daraus ist mein Werk zu verstehen" (Brief vom 12.7.1966). Was ist hier mit "Wunden" gemeint, und was lehrt einen der Tod, wie lernt man ihn (s. das obige Brief-Zitat)?
Christine Rospert: Ich möchte diese bewegende Textstelle eigentlich nicht „übersetzen“. Das wäre auch vermessen. Vielleicht nur soviel: Die Rede von den Metaphern als Wunden gibt der Metapher der Wunde selbst eine ungeheuerliche Wendung. Sie ist nicht mehr nur „metaphorisch“ zu verstehen. Nelly Sachs, und nicht nur sie, ist im Innersten verletzt durch die Geschehnisse der Shoah. Das Trauma aber geht über eine übertragene Redeweise hinaus, ist real, trägt sich am eigenen Fleisch zu. Die ungeheure Leistung der Dichterin liegt darin, sich jener Verwundung buchstäblich geöffnet zu haben. Hier aber rückt die poetische Praxis jenseits der Verdrängungsmechanismen in die Nähe des Todes. Vom Tod zu lernen heißt vielleicht, sich für den Verlust zu öffnen. Es hieße dann, das Unmögliche, das Unerträgliche zugleich versuchen.
MF: Sie sprachen bereits von den "utopischen Zügen" der Gedichte. Kann man also sagen, dass die dichterische Intention von Nelly Sachs darüber, Zeugnis abzulegen, noch hinausgeht und letztlich sogar auf eine ungeheure, noch und gerade dem Genozid, dem unauslotbaren Schrecken abzuringende Utopie zielt?
Christine Rospert: Wie alle Literatur hat auch die Dichtung der Nelly Sachs eine utopische Dimension. Indem sie dem Trauma Sprache zukommen lässt, stößt sie sich ab vom Bodenlosen. Ja, die Worte haben zuweilen eine Transparenz, sind zart und unglaublich schön. Sie entwickeln ein Eigenleben, das, obschon es vom Schrecklichsten berührt ist, Anderes sagt als nur den Schrecken. Ja, es spricht vom Anderen gerade aus dem Loch des Unsagbaren, aus der klaffenden Wunde heraus. Poetik einer Sprache der Toten meint gerade jenes Paradoxon.
MF: Sie sind als Lehrerin tätig und Mutter von mittlerweile zwei Kindern. Verlangt das nicht eine viele "positivere" Lebenseinstellung, als sie das Werk von Nelly Sachs eigentlich zulässt - oder lässt sich beides - zu lehren und zu erziehen und der angsterfüllte und doch standhaltende Blick ins Schreckliche des Daseins - doch vereinbaren?
Christine Rospert: Kinder sind Hoffnung. Poesie ist Hoffnung.
MF: Zum Schluss: abgesehen von der Lyrik des 20 Jahrhunderts, nach der wir schon gefragt haben, welche Autorinnen und Autoren der Vergangenheit und Gegenwart schätzen Sie besonders?
Christine Rospert: Ich liebe Franz Kafka sehr, auch Kleist, Büchner, Hölderlin, Novalis. Im englischsprachigen Raum sind es vor allem Geoffrey Chaucer, Shakespeare, romantische Autoren wie John Keats, William Blake, Shelley sowie Emily Bronte, Samuel Beckett, James Joyce, Virginia Woolf . Sehr beeindruckt haben mich Jorge Semprun und Imre Kertesz, aber auch Edmond Jabès.
Das Gespräch führte Max Lorenzen