Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 6 (2005), Heft 4


 

Hugo von Hofmannsthal und Rudolf Kassner:Briefe und Dokumente“
Mit ausgewählten Briefen Kassners an Gerty und Christiane von Hofmannsthal, Mitgeteilt und kommentiert von Klaus E.Bohnenkamp, Rombach Verlag Freiburg im Breisgau / Berlin, 2005, 337 Seiten, ISBN 3-7930-9401-4, 34,00

Klaus E.Bohnenkamp, der ausgewiesen beste Kenner von Leben und Werk Rudolf Kassners, stellt den Band der „Briefe und Dokumente“ aus der Beziehung zwischen Kassner und Hofmannsthal seinem Rilke und Kassner gewidmeten Buch „Freunde im Gespräch“ von 1997 zur Seite: eine glückliche Ergänzung für die Erhellung des geistigen Klimas im ersten Viertel des vergangenen Jahrhunderts.

In seiner „Editorischen Notiz“ (316) gibt der Herausgeber knappe Auskunft über die im ganzen unbefriedigende Grundlage des Briefwechsels, der nur lückenhaft erhalten ist. Umso erstaunlicher ist es, dass doch ein so aufschlussreiches Zeugnis entstanden ist, das sich der Heranziehung vielfältiger benachbarter Briefe und Dokumente verdankt.

Der erste Teil des Bandes - 1901-1910 – setzt ein mit einer Erinnerung Kassners an seine erste Begegnung mit Hofmannsthal im Dezember 1901: „Jahre also, nachdem ich schon der Bezauberung durch seine Gedichte und einige Aufsätze unterlegen war. Ich sage Gedichte, denn auch seine kleinen Dramen nahm ich für solche ...“ (1929, 7). Von dieser Begegnung heißt es in einem Brief Hofmannsthals an seinen Vater: „Gestern haben wir sehr lebhaften und gesprächigen Besuch gehabt: Herr Kassner, der Verfasser eines sehr guten, geradezu bedeutenden Buches über englische Dichter ...“ (5.12.01, 11)

Verbunden hat die beiden damals ihre gleichzeitige Beschäftigung mit den englischen Dichtern, denen Kassners erstes Buch gewidmet war: „Die Mystik, die Künstler und das Leben. Über englische Dichter und Maler im 19. Jahrhundert“ Leipzig 1901. Wenige Tage nach dem ersten Besuch schreibt Hofmannsthal an Kassner über seinen Leseeindruck und schließt: „Ich freue mich sehr, Sie bald wieder zu sprechen. Besonders darauf, die fruchtbaren, begrifflich kaum faßbaren individuellen Abstracta, die Sie im Text hinwerfen, im Gespräch aufleben und sich bereichern zu lassen. Ich freue mich ungewöhnlich, Sie und das Buch zu kennen.“ (11.12.01, 14) Und am 14.2.02 schreibt er an Rudolf Alexander Schröder: „Von neuen Menschen wird mir Herr Rudolf Kassner immer wichtiger und interessanter, und er [...] ersetzt mir zum Theil meine so weit in die Welt hingestreuten Freunde.“ (19)

Kassners erster Eindruck ist zwiespältig: Hofmannsthal „ist ein merkwürdiger unruhiger unklarer, wohl etwas durch seine Umgebung und seine frühen Erfolge verdorbener Mensch. Wenig Persönlichkeit, aber Lyriker von doch sehr hohem Rang. Literat und doch nicht ohne vornehme Gesinnung. Ich bin mir über ihn noch nicht ganz klar“ heißt es in einem Brief vom 7.1.02 (18) Und an diesen ersten Eindruck erinnert sich Kassner noch unmittelbar nach Hofmannsthals Tod 1929. (ebd.)

Das Gästebuch Hofmannsthals und viele erhaltene Briefe an andere und von anderen aus den folgenden Jahren, dazu die ausführlichen Erläuterungen und Zwischentexte des Herausgebers ermöglichen den Einblick in die vielfältigen Kontakte: etwa zu Stefan George, dem Hofmannsthal Kassners zweites Buch „Der Tod und die Maske“ sendet. Schon auf den ersten Seiten wird das meisterhaft geübte Verfahren deutlich, in einem engmaschigen Netz nicht nur die verstreuten Äußerungen der beiden Protagonisten einzufangen, sondern darüber hinaus Zeugnisse vieler Zeitgenossen zu erfassen. Dabei ergänzt der Autor den Haupttext in den reichen Anmerkungen (die man dankenswerter Weise jeweils am Fuß der Seite findet). Ein Beispiel: Hofmannsthals Chandos-Brief von 1902, den er Kassner Anfang November übermittelt. Da eine schriftliche Reaktion des Empfängers nicht erhalten ist, zitiert Bohnenkamp die Würdigung aus Kassners Erinnerungen von 1929 (30), und ergänzt dies in der Anmerkung 77 (29) durch die Äußerung von 1946. Dort heißt es, hier „kommt alles das zum Ausdruck: die Verzweiflung darüber, in seiner Begabung, im Wort als ein Gefangener zu leben. Im Gefühl dieses Gefangenseins lag für ihn, wenn Sie wollen, ein Problem, das Problem der Seele an der Schwelle des Religiösen.“

Beide, Hofmannsthal und Kassner lassen einander an ihrer Arbeit teilnehmen, sowohl während der Entstehungszeit – was besonders für Hofmannsthal gilt – als auch anlässlich ihren Erscheinens. Kassners Bücher in Hofmannsthals Besitz sind erhalten und weisen deutliche Lesespuren auf. Unter den Abbildungen im Band findet sich Hofmannsthals Widmung des „kleinen Welttheaters“: „Rudolf Kassner / freundschaftlich / H. H. / Rodaun 27 IX. 03“ und als ein Gegenstück Kassners Einschrift in sein Buch „Die Moral der Musik“: „Hugo von Hofmannsthal / in Bewunderung und Freundschaft / Rudolf Kassner / Wien im März 1905“.Im November 1903 erhält Kassner Hofmannsthals „Elektra“, sein großer Dankbrief ist erhalten: „Was haben Sie gemacht, lieber Freund? Ihre Elektra ist ein wundervolles Werk...“ (40/41)

In einem Brief aus dem Februar 1904 an Oskar Bie, den Herausgeber der Fischerschen „Neuen Rundschau“, charakterisiert Hofmannsthal den Freund: „Ich glaube, daß er die Möglichkeit des bedeutendsten literary man, des bedeutendsten Kulturschriftstellers, ist, den wir in Deutschland je hatten. Und ich kenne seinen merkwürdigen Charakter. Er ist vom Schicksal außerordentlich gestellt, hat zwei lahme Füße und die größte Heiterkeit des Geistes. Geht auf Krücken und ist ein leidenschaftlicher Reisender“. (46) Diesen Freund bringt Hofmannsthal mit Stefan George zusammen, am 29. März 1904 in Rodaun. Dieses Tages gedenkt Kassner in seinem „Buch der Erinnerung“: Welch ein Moment! (48/49)

Auch in den folgenden Jahren führen die Freunde das Gespräch über ihr Schaffen – für persönliche Mitteilungen finden sich die zum Glück erhaltenen Briefe Kassners an Frau Gerty von Hofmannsthal, so in einem langen Bericht aus Biarritz (23.6.05), der humorvoll die Stimmung am Meer beschreibt, dann aus der Auvergne (11.7.05). Im Februar 1906 dankt Kassner dem Freund für die Tragödie „Ödipus und die Sphinx“ mit einer eingehenden Erörterung des Textes, die auch Bedenken nicht verschweigt (79/80).

Einen Einschnitt bringt für Kassner der Tod seines Vaters – er schreibt davon an die Fürstin Marie von Thurn und Taxis (Juli 1906, 65); der Beileidsbrief Hofmannsthals ist erhalten, und in seiner Antwort geht Kassner auf das Problematische des eigenen Werkes ein: „Im theoretischen Leben, wie ich es meine, in dem Leben, in welchem es darauf ankommt alles zu sehen, weil alles da ist, gilt es das Problematische in das zu verwandeln, was es wesentlich ist: in Bewegung und wer meine Bücher wirklich versteht und zu empfinden vermag, muß dieses wachsende Streben wahrgenommen haben ...“ (89). Ergänzt werden die Briefe dieser Zeit durch Aufzeichnungen Hofmannsthals über Kassner.

1907 unternimmt dieser eine Reise nach Nordafrika, Gerty erhält Nachricht von dort, Elsa Bruckmann einen langen Brief (die Korrespondenz Kassners mit ihr ist eine wichtige Quelle auch für das Verhältnis zu Hofmannsthal und seinem Werk). Über Sizilien, Apulien und Umbrien (im Automobil mit Fürst und Fürstin Taxis) gelangt er nach Rom, wo ihn er erste Band von Hofmannsthals „Prosaischen Schriften“ erreicht. Über sich schreibt er in seinem Dankbrief: „Ich lebe jetzt in diesen römischen Tagen mein ganzes Leben noch einmal u. indem ich also zurückblicke, scheint mir, daß alles, was ich bisher gethan u. geschrieben habe, in einem Gefängnisse geschehen ist und wie tief immer sie in einem Gefängnisse in die Dinge, in sich gekommen sind, so sind sie doch immer von außen hineingekommen u. ihre Wege sind zufällig gewesen ...“ (100) Er arbeitet an der „Melancholia“

Bohnenkamp erläutert hier: „Zwischen dem Brief Hofmannsthals vom 2. Juni 1907 und dem nächstfolgenden vom 15. Dezember 1917 sind keine Schreiben zwischen beiden Männern erhalten geblieben“, zeigt aber auf, wie sich dennoch die Lücke hat füllen lassen. Aussagekräftig sind auch die hier eingeschalteten Porträts beider aus dem Jahr 1907. Und glücklicherweise gibt es die Briefe an Gerty von Hofmannsthal aus dieser Zeit, der er im Sommer 1907 aus der Toskana berichtet und von den Menschen, mit denen er umgeht.

Für den Winter 1907/08 zieht Kassner nach Wien – es kommt zur ersten von Hofmannsthal vermittelten Begegnung Kassners mit Rilke, Grundstein der lebenslangen, vertrauensvollen Verbindung der beiden. Rilke sendet dem neu „gewonnenen und erkannten Freund“ seine „Neuen Gedichte“ mit einer handschriftlichen Widmung (Weihnachten 1907) Hofmannsthal schenkt Kassner den zweiten Band seiner „Prosaischen Schriften“, wie gewohnt mit einer Zueignung von seiner Hand (110)

Die Briefe Kassners an Gerty kommen 1908 aus England, im Dezember dann aus Indien: „Hatte am 3ten ein Eisenbahnunglück bei dem ich heil durchkam. Nur mein ganzes großes Gepäck ist verloren. Betrete in 3 Tagen Benares wie ein wahrer Pilgrim [...] von da nach Calcutta...“ (10.12.08, 124) „Im Indischen Ocean“ ist der nächste Brief datiert – März 1909. Einige Wochen verbringt Kassner in Ägypten, über Rom kehrt er im September zurück nach Wien. Von Hofmannsthal erscheint „Cristinas Heimreise“, Kassner steht der Komödie kritisch gegenüber.

Der letzte Brief Kassners im I. Teil ist vom April 1910 an Gerty aus Duino, wo er mit Rilke zusammentrifft. Teil II – 1910-1929 - ist umfangreicher als der erste, allerdings nehmen hier die Zwischentexte mit der Fülle zusätzlicher Informationen des Herausgebers erheblich zu, schon wegen der ungünstigeren Quellenlage.

Das Jahr 1910 findet Kassner in Paris, dann in London. Im August sendet er sein Buch „Der Dilettantismus“ an Hofmannsthal. Hofmannsthal äußert sich der Fürstin Taxis gegenüber, er habe „das höchst seltsame Buch von Rilke [Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge] und den Dilettantismus“ von Kassner gelesen; „was für ein vorzügliches Buch eines wirklich von ihm geschaffenen genre, Philosophie im alten Sinne.“ (8.9.10, 140)

Wir können Kassner nicht weiter durch die Jahre begleiten, nur einzelnes hervorheben: Moskau, Samarkand, Petersburg – Stationen von denen Gerty Karten erhält. Ende 1911 erscheint Hofmannsthals „Jedermann“, die Freunde treffen einander in Neubeuern. Im Januar 1912 ruft die Fürstin Taxis sie zu sich, um ihnen Rilkes „Erste Duineser Elegie“ vorzulesen. An Rilke schreibt sie darüber: Beide sind „aufs tiefste ergriffen und würdigen sofort diese gewaltige Kraft.“ (159)

Erst in nächsten Winter begegnet man sich wieder, Kassner schenkt Hofmannsthal sein Buch „Der indische Gedanke“, das als drittes seiner Bücher nun im Insel Verlag erschienen ist, mit einer Einschrift. Anton Kippenberg gegenüber betont Hofmannsthal damals: „Dass Sie einen Geist des höchsten Ranges, noch von wenigen nach seinem Wert erkannt, wie Kassner, an sich zu ziehen, an den Verlag zu binden, ihn dort zu concentrieren wissen, wird Ihnen von der Nachwelt, auch von der bald nachwachsenden, hoch angerechnet werden.“ (173)

Bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs muss Hofmannsthal zum Militär einrücken – auch in Kassners Leben vollzieht sich ein Wandel, am 27.8.14 heiratet er Marianne Eissler. Seine Briefe an Gerty von Hofmannsthal kommen 1915 aus Berchtesgaden; Kassner trifft aber im Winter in Berlin mit Hofmannsthal zusammen, der in „amtlichen Auftrag“ dort ist. 1916 beziehen Kassners eine Wohnung in München. Er und Hofmannsthal bemühen sich mit anderen durch eine vom Insel Verlag initiierte Eingabe, Rilke vom Militärdienst in Wien zu befreien, was schließlich gelingt. Auch Hofmannsthal wird 1917 freigestellt, kann endlich wieder arbeiten. Der dritte Band der „Prosaischen Schriften“ geht sogleich an Kassner, der in dem ersten wieder erhaltenen Briefe an den Freund vom 15.12.17 dankt und durchaus kritisch Stellung nimmt.

Bei Kriegsende arbeitet Kassner an „Zahl und Gesicht“, Hofmannsthal an der „Frau ohne Schatten“ und dem „Schwierigen“. Das Zerbrechen des Vielvölkerstaates Österreich-Ungarn trifft beide in aller Schärfe. Kassners mährische Heimat wird Teil der Tschechoslowakei, Hofmannsthal leidet noch mehr unter den psychischen als den physischen Veränderungen. Er habe „mit dem Zusammenbruch Österreichs das Erdreich verloren in welches ich verwurzelt bin.“ (203). Kassner schreibt im Januar 1920 aus Oberstdorf an Gerty: „Ich fühle mich in Deutschland ein wenig im Exil. Aber wo soll ich hin, da wir Österreicher unser Vaterland verloren haben? In diesem Vaterland hat Mähren zu Wien und Wien zu Mähren gehört. Das ist nun auseinandergerissen...“ (211/12)

Am 18.Mai 1921 ziehen Kassners auf Dauer nach Wien. Überraschend ist, dass Kassner meint, damals zum letzten Mal Hofmannsthal in Rodaun besucht zu haben (221). Denn auch wenn beide in vielen – vor allem literarischen Fragen – ganz verschiedener Ansicht waren (z.B. was Paul Claudels „Tausch“ betraf) so bleibt doch die gegenseitige Hochachtung bestehen. In Hofmannsthals Dankbrief für Kassners „Die Grundlagen der Physiognomik“ aus dem Frühjahr 1922 ist von Entfremdung nichts zu spüren: „Mich hat Vieles ganz persönlich, so zu sagen, gefreut: so die Stelle wo Sie der Dichtkunst ihren Rang zurückgeben gegenüber der Musik...“ (225)

Dagegen geht Kassner eher kritisch ein auf „Das Salzburger Große Welttheater“, das ihm Hofmannsthal im Herbst 1922 mit der Widmung „Rudolf Kassner freundschaftlich und dankbar für seine Bücher“ zukommen lässt. Am 17.10.22 heißt es am Schluss einer eingehenden Analyse dann: „Der Fehler liegt nicht so sehr an Ihnen, an Ihrem Unvermögen wie an der Wahl des Stoffes...“(239)

Unter den Beiträgern zur Festschrift anlässlich des 50. Geburtstags von Hofmannstahl am 1.2.24 ist auch Kassner – Hofmannsthal dankt am 10.2.24: „Sie haben für ein Buch, das die Bremer Presse in der Absicht mir Freude zu bereiten, herausgegeben hat, einen überaus schönen Beitrag gegeben und ich möchte Ihnen dafür danken...“ (255), im ganzen aber ist Hofmannsthal eher betreten über diese „Demonstration“, wie er sagt, die er „nicht geschmackvoll...“ findet.

Beide sind in diesen Jahren der Inflation und Wirtschaftskrisen in Existenzschwierigkeiten – auch wenn etwa die Wiener Erstaufführung des „Schwierigen“ ein großer Erfolg ist. Die Korrespondenz zwischen ihnen ist nun wieder erhalten: herzlich und weiterhin immer um die entstehenden Werke kreisend. Auch Hofmannsthals Tochter Christiane wird mehr und mehr einbezogen. Im Dezember 1924 bricht Kassner mit der Fürstin Taxis zu einer Italienreise auf, Hofmannsthal bereitet seine Nordafrikareise vor. Kassner arbeitet an einer Pascal-Übertragung und seinem Buch „Die Verwandlung“ (1925), Hofmannsthal an seinem Spätwerk „Der Turm“.

Im Dezember 1926 stirbt Rilke: „An der Gedächtnisfeier für Rainer Maria Rilke am 23. Januar 1927 in Max Reinhardts Theater in der Josephstadt nimmt Kassner – zusammen mit Christiane – teil. Anders als Hofmannsthal, der schweigend im Rodauner Abseits verharrt.“ (274/75) Er lehnt auch Kippenbergs Bitte um einen Gedenk-Beitrag ab: „Rilkes Werk gerade um der Nähe und um der Verknüpfung willen durch die Gleich-Zeitigkeit wäre mir eine Materie so problematisch und gefährlich als wenn ich mir selber eine Grabrede halten sollte“.(4.2.27, 275)

!927 erscheint Hofmannsthals große Rede „Das Schrifttum als geistiger Raum der Nation“ im Druck. Kassner dankt am 27.10.27: „Ich liebe sie als große Prosa, als noble Prosa sehr. Der Schluß ist etwas wolkig. Auch mag ich das 'conservative Revolution' nicht. Das ist so neudeutsche 'politisch-philosophische' Ideologie u. stimmt nur an der Oberfläche und paßt nicht zur echten Getragenheit des Anfangs.“ (281/82) Dieser, wie mehrere andere Briefe, ist faksimiliert als Abb.7 zu lesen: in Kassners zierlicher Schrift.

Die nächsten Büchergaben sind 1928 Hofmannsthals Oper „Die aegyptische Helena“ und Kassners „Narciss oder Mythos und Einbildungskraft“, in dem der Autor sich unmittelbar auf Hofmannsthal bezieht (vgl. 289). Dieser geht darauf in seinem Brief an Kassner vom 18.11.28 ausführlich ein und betont: „dieses ganze nun in so vielen Bänden ausgebreitete Œuvre ist im höchsten Mass zeitgemäss, vielmehr es läuft der Zeit voraus, immer um den einen Schritt, den sie so schwer einholt.“ (291) Kassner antwortet am 26.11.28: „Ich muß Ihnen für Ihren guten Brief über den Narciss danken. Es haben sich nicht viel oder kaum welche die Mühe genommen mir darüber oder überhaupt darüber etwas zu schreiben. Der Erfolg, den meine Sachen decidiert nicht haben, könnte ja nie die Eitelkeit nähren, weil Sie davon sprechen, sondern sollte einem wenigstens die Autorität schaffen, die nötig ist, damit das Problem im Jahre 2000 Mk zu verdienen – nachdem 12 Bände aufliegen in bald 30 Jahren hergestellt – nicht zu den absolut unlösbaren gehört...“ (293/94)

Hofmannsthal unterstützt im folgenden Jahr die Eingabe an das Nobel-Komitee mit einem Gutachten über das Werk Rudolf Kassners. Es beginnt: „Das philosophische Lebenswerk Rudolf Kassners gehört unter denen der lebenden europäischen Denker, zu den eigentümlichsten und geschlossensten...“ (304) Den Nobel-Preis für Literatur aber erhält dann 1929 Thomas Mann für die „Buddenbrooks“.

Dies Gutachten ist fast das letzte, was Hofmannsthal geschrieben hat. Am 14.7.29 teilt er C.J. Burckhardt mit: „Gestern nachmittag ist großes Unglück über das Rodauner Haus gekommen. Während eines schweren Gewitters hat unser armer Franz sich durch einen Schuß in die Schläfe das Leben genommen. Die Ursache dieser schweren Tat liegt unendlich tief: in den Tiefen des Charakters und des Schicksals.“ (308) Und als er selbst sich zum Leichenbegängnis des Sohnes aufmacht, trifft ihn ein tödlicher Hirnschlag. Zwei Briefe Kassners – an Christiane und an die Fürstin Taxis - zeugen von dessen tiefer Erschütterung.

Kassner hat schließlich das letzte Wort: 1954 zieht er die Summe seiner Freundschaft mit Hofmannsthal: „Ich darf ihn wohl meinen besten Leser nennen. Mein Werk war, da er starb, kaum zur Hälfte in Erscheinung getreten, ich habe das spätere seinem Urteil im Geiste zu unterwerfen nie ganz unterlassen.“ (315)

Renate Scharffenberg

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