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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 6
(2005), Heft 4
Die „Scheidewege“ erscheinen seit 1971, zunächst als Vierteljahrsschrift, seit 1983 einmal jährlich, finanziert von der Max Himmelheber – Stiftung (Reutlingen). Im Marburger Forum, Heft 6, 2002, wurden sie als „kulturkritisches Gegengift“ zu „verzweifelter Selbstmedikamentierung“ empfohlen und ihr häufigeres Erscheinen angeregt. DIE ZEIT sah in ihnen „die zukunftsklügste politische Zeitschrift in Deutschland“ ( Benedikt Erenz, Jan. 2001 ).

Aus den biographischen Angaben am Schluß und dem letzten Aufsatz, einer Art Laudatio, verfasst vom Schriftsteller O. Jägersberg, erfahren wir über den Stifter, von dem auch der erste Beitrag „Selbsthilfewerkstätten für jugendliche Arbeitslose“( S. 5 – 11) stammt, das Folgende:
Max Himmelheber ( 1904 – 2000 ) war Dipl. Ing. und Unternehmer; 1970 gründete er die oben genannte Stiftung. Jägersberg tituliert ihn „ Erfinder, Philosoph und Pfadfinder“. Tatsächlich wurde er zum Erfinder der Spanplatte, durch die Patentierung von Kunstholz - Herstellungsverfahren 1951. Im Bund Deutscher Pfadfinder rangierte er nach dem 2. Weltkrieg als „Bundesbeauftragter für Führerbildung“. Als Sinn des Lebens sah er „tätig die Schöpfung und uns in ihr zu erleben und in der Einheit von Tun und Erleben die Würde des menschlichen Seins als Auftrag zu erfüllen.“ Stiftung und Zeitschrift sollen keinen Bereich des Lebens aussparen und formal von Essay bis Polemik, Beschreibung bis Mahnung, Rezension bis Bekenntnis reichen, inhaltlich „von der Meditation bis zum Kampf“. - Leise Zweifel melden sich aber schon bei Jägersberg an, wenn er mit himmelsheberschem Kunstholz Kunsthonig und Kunstbutter assoziiert, toxische Folgen der Spanplatten – Produktion beklagt und nach dem ästhetischen Aspekt im Vergleich zum Naturholz fragt. Und dann die Ökologie : „So gesehen ist der Schwarzwald tendenziell Spanplatte“ auf Grund der entsprechenden Fichten – Monokulturen.Trotzdem rühmt Jägersberg Himmelsheber mit einem neuen Kunstwort als „Ökosoph“.
Wenn die „Richtung“ der Stiftung die „Rückkehr zum menschlichen Maß“ sein soll, fragt sich Rezensentin nach dem Maßstab und ob nicht – wie beim Nobel – Preis – der Anblick der Folgen der Erfindung erst die entsprechende Kehrtwendung ausgelöst hat.
Betrachtet man die Geburtsjahrgänge der Autoren des vorliegenden Heftes (soweit angegeben), so ergibt sich ein Altersdurchschnitt von ca. 63 Jahren ( Himmelheber exclusive!), bei einer Altersspanne zwischen 26 und 90. Im Glossen – Stil formuliert : Hier kämpfen größtenteils zahnlose Krokodile. Man kann den 31 verschiedenen Beiträgen anmerken, dass der Großteil ihrer Verfasser in schier endloser Freizeit sein jeweiliges ästhetisch/ethisches oder sonstiges Steckenpferd tummeln darf. Das geschieht streng wissenschaftlich, d.h. mit Literaturangaben bzw. Anmerkungsapparat. Dies befreit den Leser aber häufig nicht vom Verdacht des zwar interessanten, doch +/- subjektiv selektierenden und interpretierenden Dilettantismus mancher Beiträge. Insgesamt dominiert das Pädagogische. Aktuelle Themen der Medien spiegeln sich (z.B. Neue Bestattungsgesetze; Okkultismus; Kannibalismus; Hirnforschung etc.).Die Vielfalt der Themen reicht von ökologischen, allg. philosophischen, ästhetischen und ethischen über anthropologisch – biologisch – medizinische und theologische.
Da beschreibt der emeritierte Pädagogik–Professor Hans- Joachim Fischer metaphorisch den Weg durch die Kathedrale von Chartres als den durch Minotaurus’ Labyrinth bzw. als den christlicher Pilgerschaft ( Lebensreise); von dort liegt der Jakobsweg nahe, aber auch die Begegnung mit den 7 Künsten, den 15 Tugenden usf. Der labyrinthische Weg des Artikels „Wie kommt man in eine Kathedrale?“ endet – für diese Zeitschrift vielleicht charakteristisch – beim Aus - = Eingang, bei den 4 apokalyptischen Reitern aus der Offenbarung des Johannes.
Da untersucht der emeritierte Jura–Professor Peter Cornelius Mayer–Tasch „Gärten der Macht. Die Gartenkunst als Medium der Machtentfaltung“. Ein (mir) angenehmer Beitrag, auch wenn das Eingangsaxiom von der Macht als Implikation der conditio humana angesichts von Naturkatastrophen mit Skepsis zu betrachten wäre. Natürlich fällt das Stichwort vom „hortus conclusus“, vom „Paradies“ als dem freiem Wachstum entgegengesetzten Ort, und wir durcheilen mit dem Autor den „geometrisch durchstilisierten Barock – und Rokokogarten“, den er mittels Thomas Hobbes’ Anthropologie zu erklären weiß und dessen persisch–arabisches Grundmuster der „vier Quartiere“ er bis zu den „ vier Hauptwasser(n)“ im Buch Moses zurückverfolgt. Auch die deutschen Gartenexempel werden neben den französischen nicht vergessen: „Die Gärten des Barock wurden (…) zu Herolden des Absolutismus“. Danach folgt der Englische Garten, als „assoziierte Freiheits – Symbolik“ mit Adam Smith’ Wirtschaftsliberalismus verknüpft und mit entsprechenden Beispielen. Dann werden Assoziationen an den traditionellen chinesischen Garten kurz angespielt: „Abwehr von negativer Lebensenergie und der Förderung positiver“. Allerdings schränkt Mayer–Tasch die Gartenkunst als Geschichte der Macht - oder auch der Mächtigen zum Schluss doch ein in realistischer Vorstellung der Macht der Natur.
Der 40-Jährige Privatdozent der Philosophie, Michael Hauskeller befindet in seinem Aufsatz „Von der heiligen Pflicht, die Toten zu essen, und anderen merkwürdigen Bräuchen“ (angesichts der Diskussion der neuen Bestattungsgesetze) : „Kann es uns denn nicht gleichgültig sein, was nach unserem Tod mit uns geschieht?“ Er zitiert Aristoteles Contradictio in adiecto vom „toten Menschen“ als widersinnige Aussage. Also ist der Tote „formlose Materie“ oder – noch – Mensch? Oder macht der Grabkult den Menschen allerst zum Mensch (Hans Jonas)? Es folgen verschiedene Beispiele historischer Totenehrung aus der Literatur (Homers Ilias mit der Leiche des Patroklos / Anne Rices’ Vampirroman „The Queen of the Damned“). Letzteres als Beispiel für „Kannibalismus als ultimative Form der Ehrerweisung“, wie vor ca. 6000 Jahren bei den Kallatiern, um „zu verhindern, dass der Körper verwest, von Tieren gefressen wird oder verbrannt wird“. – Der Autor kommt jedoch dankenswerterweise zur Erkenntnis: „In unserer Kultur können wir uns nicht vorstellen, unsere Toten zu essen.“ Schließlich plädiert der Autor für einen Kompromiss zwischen altem und neuem Totenkult, ohne die Problematik der Urne im Bücherregal oder die Ursachen der Veränderung von Totenkult näher zu untersuchen.
Heinz Schott, Professor für Geschichte der Medizin, beschäftigt sich mit der „Tradition des ‚Okkulten’ in der Medizin der Neuzeit“ in seinem Beitrag über „Natürliche Magie“. Seine „Arbeitshypothese“ lautet, dass sich wissenschaftliche Medizin und ‚magische’ Heilkunde immer schon wechselseitig beeinflussten. Dabei ist der Begriff des Magischen sehr weit und nicht pejorativ zu verstehen. Schott exemplifiziert die historisch magischen Heilpraktiken an den magnetisch–sympathetischen Kuren des Paracelsus und seiner Schüler. Der Mesmerismus der Romantik und seine Lehre vom animalischen Magnetismus samt ihrer Wirkung bis zur Mitte des 19. Jhs. sind ein weiteres Beispiel für das Grenzgebiet Volksmedizin/Schulmedizin. Die im frühen 20. Jh. angenommene „Krise der Medizin“ führte zur Auseinandersetzung zwischen als unzulänglich betrachteter Universitätsmedizin und Heilpraktik. Schließlich fragt der Autor nach „verborgene(n) magische(n) Momenten“ „in der modernen Biomedizin und ihren Apparaturen“. Er bezweifelt, ob ein Verzicht darauf überhaupt möglich bzw. sinnvoll wäre zugunsten der Therapie (Placebo–Effekt und ‚Droge Arzt’). Dabei erscheint die Person des Arztes ihm als ganz wesentlich für den Heilerfolg.
Unter dem paradoxen vielversprechenden Titel „Körper ohne Leib – Phänomenologische Betrachtungen“ erleben wir in einem weiteren Artikel mit und an Ziad Mahayni eine Operation unter Teilnarkose. Als Chemiker und Philosoph unterscheidet er zwischen Leib = subjektiv von sich selbst Erspürtes und Körper = bloße objektiv vorhandene Materie. Er berichtet von seinem Gefühl, als „ein höriges Stück Fleisch“, nicht als „mündiger Patient oder überhaupt nur als Mensch behandelt worden zu sein“. Durch einen Sichtschutz behindert, kann der Patient die Operation am Fuß optisch nicht mitverfolgen; er schläft ein und träumt. Danach: „Materiell existierender Körper und gespürter Leib scheinen jetzt ohne Bezug zueinander vorzuliegen.“ Er fühlt sich reduziert auf 2 Arme, Körpermitte und ein Gesicht – solange bis die Narkosewirkung aufhört. Dies der „leibphänomenologische“ Bericht. Interessant?
Wenn wir jetzt nicht noch mit Ulrich Grober (Journalist u. Publizist) eine „Wanderung am Darß“ mit dem Titel „Urphänomene“ mitmachen wollen, die in seinen Gedanken bei C.D. Friedrichs „Mönch am Meer“, dem „Sinnbild der Apokalypse“ endet (vgl. das Ende von „Wie kommt man in eine Kathedrale?“), schlage ich vor, lieber das 3 einhalbseitige „Loblied auf die Mobilität“ vorzunehmen, von Ilse Onnasch, Dipl. Pädagogin, einer der 3 (bei 31 Beiträgen!) weiblichen Autoren der „Scheidewege“. Das Loblied der Mobilität ist ironisch zu verstehen, als Glosse, hinauslaufend auf Blaise Pascals Zitat: „So fand ich, dass alles Unglück der Menschen einem entstammt, nämlich, dass sie unfähig sind, in Ruhe in ihrem Zimmer zu bleiben.“
Nun, wenn schon keine Reisen, dann vielleicht noch etwas „Pädagogik im Wald“ gefällig, angeleitet von Henning Schüler, Pädagoge und Hartmut von Hentig–Schüler (60). Er versucht Kindern im Grundschulalter „Walderlebnis(se)“ mit Unterhaltung und Information zu vermittteln. Aber: Das haben wir auch schon recht lange hier als Möglichkleit in und um Marburg (s. Waldlehrpfad am Ortenberg u.a.m.).
Zum Schluss daher lieber noch ein kurzer Blick in Ludger Lütkehaus’ (62-j. Freiburger Literatur–Prof.) „Auf der Suche nach der vergeudeten Zeit“, Untertitel; „Die Zeitverschwendungsgesellschaft“! Nur 9 Seiten!!! Und ausnahmsweise ganz ohne Literaturverzeichnis und Anmerkungen!!! (Ha, die sind z.T. eingearbeitet!) Auch eine Glosse. Zunächst amüsant zu lesen, dann aber durch Wiederholung ermüdend. Das Ziel, dialektisch gesehen, dem die Zeitspargesellschaft, die umgekehrt eine Zeitverschwendungsgesellschaft ist, in rasendem Stillstand zustrebe, sei der Kollaps. Die „zeitphänomenologische Feldforschung“ ein „Kreuzweg der Leidtragenden der Zeitverschwendungsgesellschaft“. Nicht Wartezimmer und Verkehrsstaus sind die Kreuzwegstationen, sondern - laut Lütkehaus – in parallelisierter Kritik die privatisierte deutsche Post, die deutsche Bahn und die deutsche Telekom als „Fossilien der Kommunikationsgesellschaft“. Da landen die anachronistischen Schlangestehenden schließlich bei der bekannten „Warteschleifenmusik“. Aber als noch schmerzlicher entlarvt Lütkehaus beim TV die „Reklame (…) der multiplizierte, ewig währende Coitus interruptus, der die finale Befriedigung annonciert, um sie nie zu gewähren.“ Der Autor entlarvt mit seiner Glosse die „Dialektik der Rationalisierung“: sie spart „ihrem Management zwar Geld, aber sie kostet unsere Zeit“, ist sein Resümee.
Fazit der Rezensentin: SCHLUSS !!!
P.S. Ketzerische Frage einer Skeptikerin des gleichen Geburtsjahrgangsdurchschnitts: Da wir das alles aus eigener schmerzlicher Erfahrung kennen, wäre es nicht gescheiter, die eigene bemessene Lebenszeit auf Besseres zu verschwenden als auf die Lektüre der „Scheidewege“ und ihrer Rezension? (Auf die Besprechung des undatierten, heute unsäglich blauäugig erscheinenden Aufsatzes von Max Himmelheber zu Beginn wurde verzichtet.)
„Scheidewege – Jahresschrift für skeptisches Denken“, 34.Jg. 2004/05, Hirzel Verlag , Reutlingen, 424 S., kart., ISBN 3–7776–1316–9, 23,50 €
Hannelore Schmidt - Enzinger