Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 6 (2005), Heft 4


 

Gerhard Gamm/Eva Schürmann (Hg.): Von Platon bis Derrida. 20 Hauptwerke der Philosophie, Darmstadt 2005, Primus-Verlag, 391 S., 24,90 €.

Ein oft zitierter Satz aus Kants „Kritik der reinen Vernunft“ besagt, dass man nicht Philosophie, sondern nur philosophieren lernen könne. Die Philosophie befindet sich sozusagen auf dem Weg, auf dem Weg zu sich selbst. Dieser Weg ist unstet, offen, verzweigt und den berühmten Königsweg gibt es nicht. Die Krux ist, nebenbei gesagt, dass man nie ankommt. Anders als in anderen Wissenschaften existiert keine allgemein anerkannte Basis von Wissen und Grundbegriffen, auf die man sich beziehen könnte, gleiches gilt für die Methoden. In der Philosophie ist vielmehr eine hohe Selbstreferenz konstitutiv; die Frage, was Philosophie eigentlich ist und was philosophieren ausmacht, ist eine (notwendig) unabgeschlossene Frage, die im Zentrum verbleibt. Keine andere Wissenschaft scheint ihre Fragestellung in der Art auf sich selbst zurückzurichten und ihr spezifisches Wesen gerade damit zu konstituieren. Wenn insofern kein Weg „von außen“ in die Philosophie hineinführen kann, so bleibt der Weg, die Tätigkeit des Philosophierens, ganz im Sinne der Unterscheidung von Kant.

Wie lernt man also philosophieren? Indem man in das offene Meer philosophischer Texte eintaucht. Eine Vorselektion in diesen Untiefen leistet die Einführungs- und Überblicksliteratur, die heutzutage ihrerseits selbst schon unüberblickbar groß ist. Die Publikation „20 Hauptwerke der Philosophie – Von Platon bis Derrida“, herausgegeben von Gerhard Gamm und Eva Schürmann, zählt zu dieser Einführungs- und Überblicksliteratur, die sich der Schwierigkeit angenommen hat, einen Weg zum Philosophieren aufzuzeigen. Die Herausgeber nehmen hierzu sog. klassische Texte der Philosophie in den Blick, wobei 20 Hauptwerke herausgestellt werden. Eine Vorselektion ist an sich immer problematisch, andererseits bietet sie eben jenen strukturellen, interpretativen und anleitenden Rahmen, der das Charakteristikum von Einführungsliteratur ist. Ihr strukturelles und selektives Vorgehen sollte sie herausstellen und begründen. In ihrem Vorwort: „Auf den Schultern von Riesen" skizzieren die Herausgeber denn auch kurz (vielleicht zu kurz) den Weg, den sie für die „20 Hauptwerke" veranschlagt haben. Ihr Weg geht über die Interpretation sog. klassischer Texte und orientiert sich überwiegend an wohl anerkannten und etablierten Philosophen aus dem Pantheon der Philosophie-Geschichtsschreibung. Dabei ist die Zuschreibung des Status des „Klassikers“ ganz und gar nicht unproblematisch. Gamm und Schürmann führen hierzu knapp aus, dass klassische Texte der Philosophie „ihre Größe über die Häufigkeit und Produktivität der Anschlüsse [erlangen]" (S. 8), und man sie insofern als klassisch bezeichnen kann, als von diesen Texten „immer neue Interpretationen ihren Ausgang nehmen" (ibid.).

Auch wenn im Folgenden dann auf eine gewisse Kontingenz verwiesen wird, was den Status eines „klassischen“ philosophischen Textes betrifft, dass dieser Status ein prekärer ist, immer wieder strittig und umstritten, so ist dies doch ein Gemeinplatz, der zwar immer wieder zu lesen ist, aber darum nicht zwingend zu überzeugen vermag. Anschlüsse und Referenzen generieren sich nicht von selbst und richten sich auch nicht nur nach dem reinen Gehalt eines philosophischen Textes. Anschlüsse und Referenzen werden überwiegend von akademischen Akteuren produziert, die sich in einem spezifischen Milieu akademisch-institutioneller Struktur bewegen, verweisen also letztlich auf Macht- und Ideologieprozesse, auf die Spielregeln machtgesteuerter In- und Exklusion. Das „publish-or-parish“-Phänomen hat mit diesen Zwängen ebenso zu tun wie die mehr oder weniger subtil verteidigten akademischen Gruppenzugehörigkeiten und die Bereitstellung von Karriereleitern und Seilschaften; all dies sind Prozesse, die das Feld des philosophischen Publizierens formal und inhaltlich strukturieren. Schaut man aus dieser Perspektive, so ist die Geschichte der Bestimmung „klassischer Texte“ eine andere. Verborgen bleibt meist eine andere Geschichte philosophischer Texte, die auf die Seite der Exklusion fällt, die jenseits des philosophischen mainstreams qua Ausgrenzung und Nicht-Anschluss auf inhaltlich-angemessene Rezeption warten. Es gibt dort Denker und deren „Hauptwerke“, die hoch originelle philosophische Konzeptionen präsentieren und Probleme aufwerfen, die uns heute durchaus noch viel zu sagen haben, aber oft nicht zum Sprechen kommen, da ihnen nur selten hierfür ein Forum geboten wird. So stellt sich auch die Frage, ob die in Licht getauchten Figuren und Hauptwerke der akademischen Philosophie-Geschichtsschreibung tatsächlich den jeweiligen Zeitgeist repräsentieren, ob sie tatsächlich die „Knotenpunkte“ des philosophischen Denkens darstellen, wenn sich doch zeitlich parallel hierzu Pendants, Antipoden, Widersacher etc. finden lassen, die ebenso mit ihren philosophischen Werken Ausdruck der jeweiligen Zeit sind und beachtenswerten philosophischen Gehalt aufweisen, aber im Schatten der stilisierten Lichtgestalten verweilen. Ganz subjektiv und exemplarisch seien hier genannt: Julien O. de la Mettrie, M. A. Bakunin, Max Stirner, Eduard von Hartmann, Leo Schestow, Ludwig Klages, Theodor Lessing, E. M. Cioran … diese kurze Reihe ließe sich mühelos erweitern. Sind die philosophischen Werke dieser Autoren nicht auch klassisch in dem Sinne, als sie Problematiken formulieren, die keineswegs veraltet sind, sondern in denen hoch aktuelle Fragen gestellt werden, die wir noch längst nicht „erledigt“ (aber möglicherweise verdrängt) haben?  Meist (re)präsentieren diese Texte ein offenes und unkonventionelles Denken, welches sich oft auch grundsätzlich mit Leben und Sterben befasst, anstatt sich in der formalisierten Logik und den Methodenfragen einer verwalteten Schulphilosophie zu ergehen. Anschlussfähig, um im neumodischen Jargon zu reden, sind diese Texte allemal, zumal in einer zersplitterten Nach-Moderne im Modus der Multioptionalität die Möglichkeiten einer philosophischen Integration prinzipiell gegeben sind.

Mit ihrer Auswahl von „20 Hauptwerken der Philosophie“ haben sich die Herausgeber aber  entschlossen, sich weitgehend auf den sicheren und breit anerkannten philosophischen Boden zu begeben (der Beitrag zu Derrida von Gamm stellt hier eine gewisse Ausnahme dar und hat in diesem Programm wohl auch die Funktion, Integration zu demonstrieren).

In den Abhandlungen über Platons Politeia, Spinozas Ethik, Kants Kritik der reinen Vernunft, Hegels Phänomenologie des Geistes u. a. erfährt der Leser einerseits gut aufbereitet die inhaltliche Konzeption des jeweiligen Werkes, andererseits wird diese Inhaltsebene in Zusammenhang mit dem jeweiligen zeitlichen und kulturellen Kontext gebracht. Zudem enthält jede Abhandlung eine kurze Darstellung der Wirkungsgeschichte und schließt mit Überlegungen zur möglichen aktuellen Relevanz. Diese Struktur wird weitgehend durchgehalten und schafft somit Verknüpfungsmöglichkeiten zwischen den einzelnen „Hauptwerken“. Dadurch, dass mit den Abhandlungen jeweils verschiedene Autoren und Autorinnen betraut wurden, gewinnen die jeweiligen Interpretationen jedoch eine unterschiedliche Gewichtigkeit, was Stil, inhaltliche Darstellung und Auflösungsvermögen betrifft. Wohltuend nicht zuletzt aufgrund der stilistischen Kontinuität lesen sich dabei die Interpretationen von Gerhard Gamm und Andreas Hetzel, die drei bzw. zwei Interpretationen beitragen (Gamm über Kant, Hegel und Derrida, Hetzel über Peirce und Arendt).

Im Anhang findet der Leser Kurzportraits der behandelten Philosophen, Hinweise auf Werkausgaben sowie aufgelistet selektierte weiterführende Literatur.

Dem Sammelband gelingt es durchaus, dem Leser einen Weg zum Philosophieren aufzuweisen und bestimmte Orientierungspunkte zu geben. Diese sind allerdings vorwiegend am philosophischen mainstream orientiert. Das ist ein gangbarer Weg, der vielleicht schon etwas ausgetreten ist, der aber Wissensbestände rekapituliert und aktualisiert, die zur gewordenen Identität des Faches zu zählen sind. Um die historisch gewachsene Identität des Faches zu verstehen, ist die Beschäftigung hiermit zweifellos wichtig. Dass diese Identität, ihre Prämissen und ihre Praktiken, selbst zu hinterfragen ist, sollte dabei aber ebenso zur Reflexion des Philosophierens gehören, wie die Einsicht in die Relativität der Titulierungen „klassischer Text" und „Hauptwerk". Der Weihrauchnebel verdeckt allzu oft die Sicht auf die nicht so oft betretenen Pfade der Philosophie. Die dort aufzufindenen philosophischen Wege zu betreten und kennen zu lernen sollte zu einer kritischen Selbstreflexion und einer Neugier gehören, die mit zum Wesen des Philosophierens gehört.

Lars Steinmann

  Diesen Artikel als PDF-Datei herunterladen

[Zurück zur Startseite]