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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 6
(2005), Heft 4
Catalina – eine wahre Geschichte, eine abstoßende Geschichte. Catalina – die Geschichte einer Frau, die auszog in der Neuen Welt ihren Bruder zu suchen, die log, betrog, täuschte und mordete, um dieses Ziel zu erreichen. Die Geschichte einer Frau, die keine Frau sein wollte, weil die Zeit und ihre Lebensumstände es ihr verwehrten – und vor allem ihr Charakter. Die Geschichte einer Frau, die den Leser das Grausen lehrt und dennoch unverschämt glatt zu lesen ist.

Zumindest dann, wenn man die ersten 28 Seiten Lektüre überstanden hat und somit eine Vielzahl lässig eingestreuter, schließlich aber eher lästiger Anachronismen und umgangssprachlicher Phrasen und Begriffe, die das Geschehen in Schwung bringen sollen. Genauso wie die detailliert beschriebene Hochzeitsnacht von Catalinas Eltern, eine opulente Oralorgie mit einer außer sich geratenen spanischen Jungfrau, die, so der gewitzte Autor, wie alle anderen „spanischen ... Menschen“ - die sich wie die „Wahnsinnigen bespringen - damals in einen regelrechten Begattungstaumel gefallen“ ist“ (S. 19): Vom König bis hin zum Bettler allerorts und jederzeit, bis die Luft „samengeschwängert“ vom „Brunftgeschrei widerhallt“ und sich alle hieran Beteiligten in „Schweiß, Blut und Zeugungsflüssigkeit“ wälzen. (S. 16). Nun denn, der Autor will’s nach umfangreichem Quellenstudium wissen und sieht sich somit nachhaltig zu verbalem Exhibitionismus veranlaßt.
In diese sexualisierte Welt, noch zusätzlich pervertiert durch religiösen Aberglauben, wird (die historisch bezeugte) Catalina de Erauso am 17. April 1585 als jüngstes von sechs Kindern geboren. Ihre Geburt gleicht eher einem Unfall: Die Mutter – empört über ihren Ehemann und dessen Weigerung fleischlich mit der Hochschwangeren zu verkehren – kommt unversehens bei einem Spaziergang am Strand nieder. Ihr 10jähriger Sohn Miguel, einzige Hilfe weit und breit, assistiert ihr selbstredend, und da er eben schon ein ganzer Kerl ist, ist er auch derjenige, der den Säugling aus dem Mutterleib zieht und schließlich sogar die Nabelschnur durchbeißt.
Dieser schicksalhafte Beginn leitet die enge Beziehung zwischen Catalina und ihrem Bruder ein, denn er ist es, der sich von nun an mit aller Hingabe dem Kind widmet; und als Jahre später Miguel in die Neue Welt aufbricht, um die väterlichen Silberminen zu leiten, beschließt Catalina ihm sobald wie möglich zu folgen. Sie hat sogar einen Plan entwickelt – man bedenke sie ist erst acht Jahre alt – im Kloster nämlich, so das gewitzte Kind, will sie „lernen, denken, verstehen, begreifen“ (S. 49). Sie weiß, daß ihr als Mädchen nur dieser (Um)Weg bleibt. In diesem Moment setzt Catalinas große Lebenslüge ein: „mustergültig“ heuchelt sie allen vor, ein ausschließlich ehrbares, sittsames und gottesfürchtiges Leben zu führen. Von keines Gedankens Blässe angekränkelt zweifelt sie keinen Moment an dem Gelingen ihres Vorhabens, und schon gar nicht schämt sich die Protagonistin, alle, die ihr vermeintlich nahestehen, zu betrügen. Zu recht weist ihr Orths von vornherein ein derangiertes Äußeres zu: „Ihre Nase und ihr Kinn waren ein Stück verbogen, ihre Augen verwaschen, ausdruckslos und braun.“ (S. 41) - ein Spiegel Catalinas Inneren und auch ihres Lebens: nachdem sie schließlich aus dem Kloster geflohen ist, sich als Mann verkleidet und bei dem Arzt Juan Bautista de Arteaga als dessen Gehilfe eingeschlichen hat, um für die Überfahrt Geld zu beschaffen – was sie schließlich jedoch stielt, in einem Gefängnis dann aber wieder verliert – natürlich nachdem sie zuvor einen Mann umgebracht hat, schlägt sie sich zur Neuen Welt durch, bis sie schließlich nach langem und zähem Suchen vor ihrem Bruder steht. Doch dieser erkennt sie nicht mehr wieder, und in seiner Erinnerung hat sich die einst enge Beziehung zwischen den beiden längst aufgelöst, ist niemals gewesen, war sowieso nie mehr als die lästige Anhänglichkeit der kleinen Schwester. Und somit ist Catalinas Ziel, das sie über alles andere gestellt hat, das sie ihr eigenes Geschlecht hat verleugnen lassen, genauso wie ihre Familie, durch das sie zur Mörderin und permanenten Lügnerin geworden ist, mit einem Mal völlig sinnentleert.
Leider beendet der Autor den Roman an dieser Stelle nicht. Von nun an taumelt Catalina quasi durch die Neue Welt. Doch sie wird deswegen noch lange nicht zu einem weiblichen Odysseus der frühen Neuzeit, dafür durchsetzen den Roman zu viele Aberwitzigkeiten:
Das Kloster ist bezeichnenderweise mit „lesbischen Triebnonnen“ (S. 44) bestückt und Catalina in der Lage, im völligen Dunkel einer Höhle aus ihrem Nonnenhabit das mehr oder minder gesellschaftsfähige Gewand eines Mannes des 17. Jahrhunderts zu nähen. Die Überfahrt in die Neue Welt findet natürlich auf einem ungewöhnlichen Schiff mit taubstummer Mannschaft statt, und niemanden beschleicht jemals der geringste Zweifel, welchen Geschlechtes der vermeintliche junge Mann namens Francisco Loyola tatsächlich ist: weder Onkel noch Vater - aber auch den Frauen, denen sich Catalina in erotischer Absicht nähert, versagen sämtliche Instinkte – nicht einmal der Tastsinn scheint ihnen zu bleiben, um zu erforschen, was sich sowieso nicht regt; eine Paste stimuliert sinnigerweise den Bartwuchs, die Stimme kann problemlos und vor allem dauerhaft verstellt werden, keine Gebärde, keine Bewegung, keine Verletzung, nichts, was Catalina verraten würde, entstellt ihre Maskerade. Um die Farce komplett zu machen, tritt Catalina in das Militär ein und ersticht schließlich ihren Bruder in einem Duell. Eine weitere Auseinandersetzung wird ihr zum Verhängnis, und der ganze Schwindel fliegt auf, aber auch der Papst will nichts mehr richten - aus Catalina ist dauerhaft Francisco geworden. In der Überwindung ihrer vom eigenen Geschlecht und der Gesellschaft auferlegten Grenzen hat die „Soldatennonne“ selbst vergessen, wer sie in Wirklichkeit ist: „Kontrolle war ihm wichtiger als alles andere.“ (S. 272).
Übrig bleibt ein Mensch, der das Resümee zieht, daß alle Menschen so wie er sind. Ein vernichtendes Urteil, denn Catalina ist all das, was man eigentlich nicht sein möchte – vor allem aber desillusioniert. „Meinst du Liebe?“ fragte Francisco abschätzig. „So etwas gibt es nur in der Vorstellung.“ (S. 306)
Catalina hat zwar die Zwänge, die ihrem Geschlecht im 17. Jahrhundert auferlegt sind, hinter sich gelassen, aber die gewählte Lebensform, die des Vagabunden, Haudegens, Falschspielers, des auf Abenteuer sinnenden Mannes, hat sie in ein nicht minder starres Korsett gezwängt. Es ist fast schlimmer als die ‚Realität ihres eigenen Geschlechtes’ je sein könnte: Catalina hat sich all das, was die Gesellschaft dem Einzelnen abverlangt, selbst angetan.
Schade, daß Orts diesen Gedanken nicht mehr herausgearbeitet hat, die Sprachgewalt hätte er besessen. So ist aus Odysseus eben nur ein Landstreicher und aus Tristan nur ein Francisco geworden.
Tanja v. Werner