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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 6
(2005), Heft 5
Büchner schrieb Dantons Tod in wenigen Wochen im Sommer 1834 in seinem Elternhaus in Darmstadt. Obgleich Kunstwerke niemals nur Ausdruck biographischer Ereignisse sind, gibt es innere Zusammenhänge zwischen dem Drama und Büchners Erlebnissen in der ersten Jahreshälfte 1834 in Gießen. Briefstellen aus dieser Zeit, in denen vom „gräßlichen Fatalismus der Geschichte“, von der Verhaftung von Mitstudenten, von „gesetzlicher Anarchie“, „Haussuchungen“ und Verfolgung durch staatliche Behörden die Rede ist und in denen Büchner einmal schreibt, dass er sich wie „vernichtet“ vorkomme, wie ein „Automat“, dem die „Seele“ genommen sei, weisen auf innere Lebensbrüche des Zweiundzwanzigjährigen und Erfahrungen voller Resignation und Hoffnungslosigkeit hin, Erfahrungen, die mit der Gründung des revolutionären Geheimbunds „Gesellschaft für Menschenrechte“ zu Beginn des Jahres 1834 in Gießen und mit der Erstellung der berühmten Flugschrift unter dem republikanischen Aufruf „Friede den Hütten, Krieg den Palästen!“ verheißungsvoll begannen und dann schon nach kurzer Zeit mit der Verhaftung einiger der Mitglieder des Verschwörungsbundes in Chaos, Folterungen, Flucht und Verzweiflung endeten.

Robespierre (Roman Kurtz)
Das Drama um Danton inszenierte der Regisseur Titus Georgi auf der fast leeren Bühne des Großen Hauses, eingerahmt von den schwarzen Wänden des Bühnenraums, die sich manchmal etwas heben, um Spieler gebückt auf die Bühne treten zu lassen. Der Bühnenraum von Paul Lerchbaumer gibt den Figuren bewusst wenig Halt; sie sind in der Tat mit sich und dem Text von Büchner allein. Ihre Requisiten, abgesehen von einigen Stühlen auf der rechten und linken Vorderseite der Bühne, sind Perücken und ein Riesenscheinwerfer, der herauf- und herunterbewegt, gelegentlich von den Spielern selbst hin- und hergeschoben wird und immer wieder einen grellen Lichtkegel auf den Bühnenboden wirft, fast so, als wolle er bedrohlich an Verhörmethoden erinnern, aber auch die Figuren zwingen, sich in den Lichtkegel hineinzubegeben, um endlich das entscheidende Wort zu sprechen und die Wahrheit der Schreckensrevolution zu finden, was natürlich nicht geschieht. Die Perücken sind die einzigen historisierenden Kostümteile, unwichtige Kleidungsstücke, wie es manchmal scheint, die wie nebenbei auf- und abgesetzt werden. Die Figuren in ihren Hemden und Jacken, die aus jedem beliebigen Kaufhaus stammen könnten, sollen, das wird schnell klar, keine 1794-Revolutionäre spielen, sondern – auch und vor allem – Figuren von heute darstellen.
Titus Georgi hat vielfältige Ansätze gefunden, einen übergeschichtlichen Bezug in Büchners Drama zu inszenieren. Ihn interessieren vor allem der Lebensüberdruss der Figuren, ihre Einsicht in die Vergeblichkeit und Ziellosigkeit allen Handelns, ihr Wissen um die Sinnlosigkeit der Existenz, weniger ihr revolutionäres Scheitern. Seine Inszenierung konzentriert sich stärker noch, als vom Text vorgegeben, auf Danton, in dem sich diese Haltungen und Einstellungen verdichten. Der Danton in der Gießener Inszenierung und seine Mitstreiter gehören in ihren grauen saloppen Anzügen, ihrer pathetischen Sprache, ihrem unrevolutionären Gehabe, später in ihrem Leiden und in ihren Ängsten und schließlich in ihrem Tod nicht mehr zur Welt um sie herum. Diese Welt, die für Danton, aber auch die anderen längst aus den Fugen gebrochen ist und sich nicht mehr kontrollieren lässt, wird von Robespierre (Roman Kurtz) in weißem Salonanzug, mit weißen Handschuhen, rotem Schal und rotem Sakkotüchlein verkörpert, vom schwarz gekleideten St. Just (Isaak Dentler) und den Ja- und Nein-Schreiern aus dem Volk, wahllos Partei ergreifend einmal für, einmal gegen Danton, und die, ein wirkungsvoller Einfall des Bühnenbildners und der Regie, bei ihren Auftritten wie ein Fremdkörper von unten aus dem Boden in das Bühnengeschehen hineingefahren werden. Mit Dantons Ideen vom Leben, auch von einer Revolution, mit seinem Schicksal und dem seiner Freunde haben diese grotesk-ernsthaften Revolutionäre schon längst nichts mehr zu tun.

Das Volk
Der Danton der Giessener Inszenierung, eindrucksvoll gespielt von Christian Fries, sitzt in einer Szene wie ein armseliges Bündel Mensch ganz allein inmitten der großen Bühne und monologisiert über seinen Tod, der, so hofft er, seine Erinnerung an sein sinnloses revolutionäres Töten auslöschen möge: „Ich kokettiere mit dem Tod; es ist ganz angenehm, so aus der Ferne […] mit ihm zu liebäugeln. Eigentlich muß ich über die ganze Geschichte lachen. Es ist ein Gefühl des Bleibens in mir, was mir sagt: Es wird morgen sein wie heute, und übermorgen und weiter hinaus ist alles wie eben. Das ist leerer Lärm, man will mich schrecken; sie werden´s nicht wagen.“ Um solche existentiellen Situationen und Selbstbefragungen kreist die Danton-Inszenierung von Titus Georgi; die Robespierre- und St. Just-Revolutionäre sind Beiwerk, Staffage, Stichwortgeber, letztlich unwichtige Phrasendrescher.

Danton und Julie (Christian Fries und Barbara Stollhans)
Die Inszenierung lässt nur wenig Raum für die leisen Töne zwischen Danton und Julie (Barbara Stollhans), für das verzweifelte Suchen nach Nähe in der Szene mit Marion (Carolin Weber), für das quälende Aneinandervorbeireden zwischen Danton und seinem Freund Camille (Markus Rührer). Sie stellt immer wieder die Verzweiflungsausbrüche in den Vordergrund, die lauten Selbstzweifel, die Anklagen, das pathetische Gehabe, die vergebliche Sinnsuche, auch die Angst. Alle, Danton früher und stärker als seine Mitrevolutionäre, müssen die Sinnlosigkeit, mit dem Gegner zu argumentieren, um Inhalte und Ziele zu streiten, schließlich auch miteinander zu sprechen, erkennen. Sie weichen in Selbstgespräche, Monologisieren und leere Phrasen, Träumereien und absurd-ironische Gespräche über Gott und das Nichts aus.
Eindringlich wird dieser Inszenierungsschwerpunkt im zweiten Teil nach der Pause in Bühnengeschehen umgesetzt. Aus den salopp gekleideten Revolutionären der ersten Akte sind jetzt ziellos und verzweifelt von Wand zu Wand hetzende Gefangene in roten Gefängniskleidern geworden, die – eine ironische Anspielung – an die rote Jakobinerfarbe der Revolution erinnern; die schwarze Bühne hat sich in einen braun-beigen Gefängnisraum verwandelt. In ihm allein läuft das Geschehen des dritten und vierten Aktes ab. Dantons Auftritte vor dem Revolutionstribunal beispielsweise werden einfach zu Monologen des Gefangenen. Das Gefängnis als „Grab“ für die Revolutionäre um Danton weist dann auch zurück auf Sätze wie „Wie sind alle lebendig begraben“ aus dem dritten Akt oder auf die erste Szene des Dramas, in der Danton zu Julie spricht: „Die Leute sagen, im Grab sei Ruhe, und Grab und Ruhe seien eins. Wenn das ist, lieg ich in deinem Schoß schon unter der Erde. Du süßes Grab, deine Lippen sind Totenglocken, deine Stimme ist mein Grabgeläute, deine Brust mein Grabhügel und dein Herz mein Sarg.“

Robespierre und St. Just (Roman Kurtz und Isaak Dentler)
Der Schluß der Inszenierung demonstriert, wie wirkungsvoll und phantasiemächtig einfache Inszenierungsweisen sein können. Inmitten der sterbenden Revolutionäre im Gefängnis sitzt Julie und trinkt Gift, um mit Danton zu sterben, und Lucile (Rike Schäffer) tritt – nicht geistig umnachtet, sondern sehr bestimmt – in die Mitte der Bühne, die jetzt am Ende des Stücks von Leichen bedeckt ist, um mit fester Stimme den berühmten Schluss des Stücks zu sprechen: „Es lebe der König!“ – noch einmal ein verstörender Akzent einer gelungen Danton-Aufführung.
Die nächsten Aufführungen des Stücks im Großen Haus des Stadttheaters Gießen finden statt am: 14. 9., 23. 9., 1. 10. und 15. 10. (jeweils um 19,30 Uhr).
Herbert Fuchs