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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 6
(2005), Heft 5
„...nur war es ihm manchmal unangenehm, dass er nicht auf dem Kopf gehen konnte“, heißt es von Lenz zu Beginn von Büchners gleichnamiger Erzählung.
Wer auf dem Kopf geht, sieht den Himmel unter sich – als Abgrund, so wie die Ballonfahrer in Stifters Erzählung „Der Condor“: „...zu diesem Himmel nun floh der Blick - aber das Himmelsgewölbe, die blaue Glocke unserer Erde, war ein ganz schwarzer Abgrund geworden, ohne Maß und Grenze in die Tiefe gehend - das Labsal, das wir so gedankenlos genießen, war hier oben ganz verschwunden, die Fülle und Flut des Lichtes auf der schönen Erde. Wie zum Hohne wurden alle Sterne sichtbar - winzige ohnmächtige Goldpunkte, verloren durch die Öde gestreut - und endlich die Sonne, ein drohendes Gestirn, ohne Wärme, ohne Strahlen, eine scharf geschnittene Scheibe, aus wallendem, blähenden, weißgeschmolzenen Metalle glotzte sie mit vernichtendem Glanze aus dem Schlunde - und doch nicht einen Hauch des Lichtes festhaltend in diesen wesenlosen Räumen“.
Lenz beim Gang durchs Gebirge:
„Es war als ginge ihm was nach, und als müsse ihn was
Entsetzliches erreichen, etwas das Menschen nicht ertragen
können, als jage der Wahnsinn auf Rossen hinter ihm.“
Abdias - in Stifters gleichnamiger
Erzählung - beim Ritt durch die Wüste:
„ und manchmal, wenn er durch die Öde ritt, fiel es ihm
rätselhaft auf´s Herz, als müsse er eilen, als drücke ihn
etwas, als sei zu Hause Entsetzliches geschehen“
„So lebte er hin.“ - Lenz.
„So schleifte nun die Zeit hin.“ - für Abdias.
Danton und Julie in „Danton´s Tod“ von Georg Büchner:
„Julie Glaubst du an mich?
Danton Was weiß ich? Wir wissen wenig
voneinander. Wir sind Dickhäuter, wir strecken
die Hände
nacheinander aus aber es ist vergebliche Mühe, wir reiben
nur das grobe Leder einander ab, -
wir sind sehr einsam.
Julie Du kennst mich Danton.
Danton Ja, was man so kennen heißt. Du
hast dunkle Augen und lockiges Haar und einen feinen
Teint und sagst immer zu mir: lieb Georg. Aber er
deutet ihr auf Stirn und Augen da da, was liegt
hinter dem? Geh, wir haben grobe Sinne. Einander kennen?
Wir müssten uns die Schädeldecken aufbrechen und die
Gedanken einander aus den Hirnfasern zerren.“
Aus Stifters Erzählung „Prokopus“:
„Wenn sie schwieg, wenn er in sie drang zu sagen, was ihr fehle, und wenn sie es nicht sagen konnte, wenn er noch stärker drang, es unbegreiflich hieß, warum sie nicht rede – und wenn er nach geraumer Zeit endlich abließ, sie fragte, ob sie gut sei, und sie durch Tränen antwortete, dass sie gut sei: so suchten beide die Einsamkeit, und meinten das Herz müsse ihnen zerspringen.“
„Dann drückten sie die Lippen so heiß zusammen, dann hielten sie sich so fest in den Armen, und das Drücken an das Herz war so liebeversichernd, dass sie meinten, sie könne ja doch kommen, die schöne selige Zeit, - es wäre so leicht, und, ach mein Gott, es besitzen sie so viele.“
„Ich fühle mich wie zernichtet unter dem grässlichen Fatalismus der Geschichte“ - schreibt Georg Büchner (Januar 1834) aus Gießen an seine Braut Wilhelmine Jaeglé.
Stifters Erzählung „Abdias“ beginnt so:
„Es gibt Menschen, deren Leben eine solche Kette von Ungemach ist, das aus wolkenlosem Himmel auf sie fällt, dass sie endlich betäubt werden, und dastehen, und den Hagel auf sich ergehen lassen: so wie es auch wieder Andere gibt, die ein unverschuldetes Glück mit so ausgesuchtem Eigensinne begünstiget, dass es scheint, als kehrten sich in einem gegebenen Falle die Naturgesetze um, damit es nur zu ihrem Heile ausschlage. Auf diesem Wege kamen die Alten zu dem Begriffe des Fatums, dem selbst die Götter unterworfen, und wir zu dem milderen des Schicksals. Wirklich liegt auch in der gelassenen Unschuld, mit der die Naturgesetze wirken, etwas Schauerndes, wenn mit derselben holden Miene, mit der sie Segen spenden, nun auch das Grässliche geschieht, und man kann sich des Gedankens nicht erwehren, als greife ein unsichtbarer Arm aus tragischer Wolke, und tue vor unseren Augen das Unbegreifliche - - und dann ist Alles still und unbefangen wie vorher. Dort, zum Beispiele, wallt ein Strom im schönen Silberspiegel, ein Knabe stürzt hinein, das Wasser kräuselt sich lieblich über seinen blonden Locken, er verschwindet, und wieder wie vorher wallt der Silberspiegel an der Stätte“.
Ich will den Vergleich zwischen den Zeitgenossen Adalbert Stifter (1805 – 1868) und Georg Büchner (1813 – 1837) nicht überstrapazieren - Unterschiede wären genug zu nennen - , erstaunlich bleiben diese Ähnlichkeiten schon. Stifters Suche nach dem vielzitierten ´sanften Gesetz´ - „Wir wollen das sanfte Gesetz zu erblicken suchen, wodurch das menschliche Geschlecht geleitet wird“, schreibt er in der Vorrede zu den ´Bunten Steinen´ - diese Suche lässt ihn in schwarze, maß- und grenzenlose Abgründe, in wesenlose Räume blicken. Stifter stellt sich solchen erschreckenden Blicken und Bildern, gestaltet sie, unerbittlich, in ´gelassener Unschuld´, in seiner Erzählkunst. Auch wenn eine Erzählung den Titel „Feldblumen“ trägt, ein harmloser, naiver, biedermeierlicher ´Blumenpflücker´ ist Stifter nicht. Nelly Sachs´ Vergleich - „Wie muss das Dichten früher einmal wie Blumenpflücken gewesen sein ... Stifter ... „ - ist natürlich ungerecht. Nur: Selbstverständlich wollte Nelly Sachs dem früheren Dichter nicht Unrecht tun, sie wollte vor dem Hintergrund dieses Vergleichs das ganz Neue, Andere der Anforderungen an ihr Schreiben hervorheben: „Heute soll gewiss jeder der schreibt, das Geschriebene durchsterben“. Dennoch: Wenn ich bedenke, wie Stifter seinem Leben ein Ende macht, mit einem Rasiermesserschnitt durch die Kehle (Am 26. Februar 1868) - war es ein ´grässlicher´, war es ein ´sanfter´ Schnitt? - , ist es dann ganz und gar abwegig, auch bei ihm an ein ´Durchsterben´ seines Geschriebenen zu denken? Beim Lesen von Stifters Texten gewinnt man den Eindruck, dass ihm um so mehr das ´sanfte Gesetz´ abhanden kommt, je intensiver er danach sucht; dass er den Leser um so mehr in einen ´Abgrund´ metaphysischer Ungesichertheit blicken lässt , je mehr er nach Sinnhaftigkeit menschlichen Tuns sucht, dies erzählerisch gestalten will – gerade dann, wenn er sich einfach dem Erzählen überlässt. „Es ist nicht mehr viel zu sagen“, so beginnt der letzte, kürzeste, am stärksten die Zeit raffende Abschnitt („Der Abend“) der Erzählung „Prokopus“, „Die natürlichen Dinge gehen ihren Lauf, wir mögen noch so großen Schmerz empfinden. Es ist aber in unsere Macht gegeben, die Wesenheit dieser Dinge zu ergründen, uns sie nach derselben zu gebrauchen. Dann gehorchen uns die Dinge.“ (1102) Je mehr Stifter die ´Wesenheit der Dinge zu ergründen´ sich abmüht, um so mehr entgleiten sie ihm, um so weniger ´gehorchen´ sie ihm, seinen Figuren. Je intensiver Stifter nach einem ´transzendentalen Obdach´ sucht, um so brutaler zeigt er, zeigt sich die ´transzendentale Obdachlosigkeit´ (so die Charakterisierung des modernen Romans durch Georg Lucács).
„Alle lagen sie in todesähnlichem Schlummer befangen, und die kalte Sternenglocke stand brennend und einfach über dem ganzen Wald, der dunkel und ohne Regung unter ihr ruhte, und in dessen Größe das Haus, in dem wir den ganzen Tag zugebracht hatten, nicht zu sehen und zu erkennen war, oder so winzig und klein, als hätte man kaum mit der Spitze einer Nadel in das Waldland getupft. –“ So endet eine erste Hälfte des ersten Teils („Am Morgen“) der Erzählung „Prokopus“.
„Clarissa hatte inzwischen das Rohr befestigt und gerichtet. Auf einmal aber sah man sie zurücktreten, und ihre Augen mit sonderbarem Ausdrucke hefteten sich auf Gregor. Sogleich trat Johanne vor das Glas, der Würfel stand darinnen, aber siehe, er hatte kein Dach, und auf dem Mauerwerke waren fremde schwarze Flecken. Auch sie fuhr zurück - aber als sei es ein lächerlich Luftbild, das im Momente verschwunden sein müsse, drang sie augenblicklich ihr Auge wieder vor das Glas, jedoch in derselben milden Luft stand dasselbe Bild, angeleuchtet von der sanften Sonne, ruhig, starr, zum Entsetzen deutlich - und der glänzende, heiter funkelnde Tag stand darüber - nur zitterte es ein wenig in der Luft, wie sie angestrengten Auges hineinsah, dies war aber daher, weil ihr Herz pochte, und ihr Auge zu wanken begann“. Aus der Erzählung „Der Hochwald“. „...in derselben milden Luft ... angeleuchtet von der sanften Sonne ... und der glänzende, heiter funkelnde Tag stand darüber...“. Je milder, sanfter, heiterer die Natur, um so kälter, unerbittlicher ihre ins Herz schneidende Gleichgültigkeit gegenüber dem Schicksal der Menschen. Ich sagte oben: zeigt er (Stifter), zeigt sich: Stifter erzählt, was ist, und unter der lieblichen Oberfläche des sanften Gesetzes wird das schauernd Grässliche sichtbar.
„Und immer größer ward die Wüste“ (554) - aus der Erzählung „Brigitta“ - um Brigitta.
„Rindfleisch, geback, Kizl, gebrat. Huhn, Haselhuhn, Taube, Kalbsbraten, Schinken, saure Leber, Schweinsbraten, Sardinen, Paprika-Huhn, geback. Lämmernes und Rebhuhn, viel Rindfleisch (hartes) gegessen, Nudelsuppe, etwas Rindfleisch u. Schöpsernes, dann Reisauflauf, Hirn mit sauren Rüben, eingemachtes Kälbernes, Schnitzel mit Sardellensuß, Jause Tee mit Haselhuhn, Jause Tee Huhn (reichlich), Jause Tee mit Schinken, Jause mit viel Huhn, pappige Kräutersuppe mit Ei“.
Derselbe, der so penibel, geradezu abstoßend, appettitverschlagend Buch führt über seine Fresssucht, über die Methode, wie er sich zu Tode frisst, verfasst im September 1866, ein gutes Jahr vor seinem Tod, bei einem Besuch in seinem Geburtsort Oberplan einen kurzen Text jenseits von aller irdischen Essensschwere.
„Ich bin oft vor den Erscheinungen meines Lebens, das
einfach war, wie ein Halm wächst, in Verwunderung geraten.
Dies ist der Grund und die Entschuldigung, dass ich die
folgenden Worte aufschreibe. Sie sind zunächst für mich
allein. Finden sie eine weitere Verbreitung, so mögen
Gattin, Geschwister, Freunde, Bekannte einen zarten Gruß
darin erkennen und Fremde nicht etwas Unwürdiges aus ihnen
entnehmen.
Weit zurück in dem leeren Nichts ist etwas wie Wonne und
Entzücken, das gewaltig fassend, fast vernichtend in mein
Wesen drang und dem nichts mehr in meinem künftigen Leben
glich. Die Merkmale, die festgehalten wurden, sind: Es war
Glanz, es war Gewühl, es war unten. Dies muss sehr früh
gewesen sein, denn mir ist, als liege eine hohe weite
Finsternis des Nichts um das Ding herum.
Dann war etwas anderes, das sanft und lindernd durch mein
Inneres ging. Das Merkmal ist: Es waren Klänge.
Dann schwamm ich in etwas Fächelndem, ich schwamm hin und
wieder, es wurde immer weicher und weicher in mir, dann
wurde ich wie trunken, dann war nichts mehr.
Diese drei Inseln liegen wie feen- und sagenhaft in dem
Schleiermeere der Vergangenheit, wie Urerinnerung eines
Volkes.
Die folgenden Spitzen werden immer bestimmter, Klingen von
Glocken, ein breiter Schein, eine rote Dämmerung.
Ganz klar war etwas, das sich immer wiederholte. Eine
Stimme, die zu mir sprach, Augen, die mich anschauten, und
Arme, die alles milderten. Ich schrie nach diesen Dingen.
Dann war Jammervolles, Unleidliches, dann Süßes,
Stillendes. Ich erinnere mich an Strebungen, die nichts
erreichten, und das Aufhören von Entsetzlichem und
Zugrunderichtendem. Ich erinnere mich an Glanz und Farben,
die in meinen Augen, an Töne, die in meinen Ohren, und an
Holdseligkeiten, die in meinem Wesen waren.“
Der Leser mag angesichts von Stifters ´Verwunderung´ über sein ´einfaches´, naturgewachsenes Leben selber in Verwunderung geraten; Stifter beansprucht für sein Leben das sanfte Gesetz und enthüllt im Schreiben, dass dies selbst für die allerfrühesten Anfänge nicht gilt. Zugleich: Wer so behutsam, so unerbittlich, so genau, so tastend, so erschüttert und erschütternd gar nicht in Worte Fassbares dennoch in Worte zu fassen vermag, der hat alles Recht auf ein sanftes Gesetz, denn zugleich kennt und durchlebt er zutiefst das ´gewaltig Fassende, fast Vernichtende´, ´Entsetzliche und Zugrunderichtende´.
Bis zuletzt feilt Stifter an einer Überarbeitung der ´Mappe meines Urgroßvaters´. Als er das unvollendet gebliebene Manuskript aus den Händen gibt, soll er gesagt haben: „Hieher wird man schreiben: Hier ist der Dichter gestorben“. - Also doch ein ´Durchsterben des Geschriebenen´?
Adalbert Stifter stirbt zwei Tage nach dem Schnitt, am 28. Februar 1868, in Linz. Auf dem „Todten-Beschau-Zettel“ stand als „Letzte Krankheit Zehrfieber nach Leberverhärtung“. Am 30. Februar wird er auf dem St. Barbara-Friedhof in Linz begraben, den Trauerchor dirigiert der Domorganist Anton Bruckner; „große Schneemassen fielen unter heftigstem Gestöber fortwährend vom Himmel nieder und umhüllten den Sarg, bis er zur letzten Ruhestätte kam, mit einem dichten weißen Kleide“ – fast eine Stifter-Inszenierung.
Adalbert Stifter wurde vor 200 Jahren, am 23. Oktober 1805, in Oberplan, heute Horni Planá, Tschechische Republik, im südlichen Böhmerwald geboren.
Ein paar Literaturhinweise.
Adalbert Stifter. Sämtliche Erzählungen nach den Erstdrucken. Hrsg. Von Wolfgang Matz. München (dtv), 2005.
Wolfgang Frühwald (Hrsg.): Sonnenfinsternis und Schneesturm. Adalbert Stifter erzählt die Natur. Ein Lesebuch. Köln (DuMont) 2005.
Wolfgang Matz: Adalbert Stifter oder Diese fürchterliche Wendung der Dinge. Eine Biographie. München, Wien (Hanser) 1995. (Jetzt auch bei dtv.)
Ders. : Gewalt des Gewordenen. Zu Adalbert Stifter. Essay. Graz/Wien (Literaturverlag Droschl Verl.) 2005.
Arnold Stadler: Mein Stifter. Portrait eines Selbstmörders in spe und fünf Photographien. Köln (Du Mont) 2005.
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