Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 6 (2005), Heft 5


Buch des Monats Oktober 2005

Volker Reinhardt: Der unheimliche Papst. Alexander IV. Borgia 1431-1503. Mit 12 Abbildungen, einer Stammtafel und einer Karte, C. H. Beck Verlag  2005, 277 Seiten, ISBN 3 406  44817 8, 22,90 €

Unter diesem Papst geschehen unerhörte Dinge.“ Ein Satz wie ex cathedra gesprochen; der erste Satz über einen ungewöhnlichen Repräsentanten Petri in einem ebenso ungewöhnlichen Buch. Aber - so zwiespältig, wenn nicht gar negativ der eine, so positiv das andere; beide auf alle Fälle gleichermaßen eigenwillig, faszinierend.

Was macht diese Faszination aus?

Bei Alexander VI. dessen Politik des „alles oder nichts“, sein unbedingtes Streben nach Macht, ihrem Erhalt und ihrer Erweiterung. Dies hebt den Pontifex freilich noch nicht über die Anstrengungen so manch anderen Papstes heraus, wohl aber die unbedingte Identifizierung dieser Ziele mit einer im europäischen Machtgefüge wohlsituierten Borgia-Dynastie in selbst für damalige Zeit ungekannten Ausmaß.

In der Beleuchtung der politischen Ereignisse macht der Autor unmißverständlich klar: Wer zwischen 1492 und 1504 von Kirche und Papsttum sprach, der meinte eigentlich die Borgia. Wer Zweifel an dieser Konstellation hegte, der sollte  - zu recht oder unrecht mag dahin gestellt bleiben – um Ansehen, Position und vor allem Leben bangen.

Die Faszination, die Volker Reinhards Buch auslöst, liegt in der Form der Darstellung, die vor allem die politischen Wechselspiele vor und während des Borgia-Pontifikates beleuchtet; weder ergeht sich der Autor – die Thematik hätte sicherlich genügend   Stoff geliefert – wie so manch anderer Kommentator in der Auflistung irgendwelcher pikanten Einzelheiten aus dem Intimleben des Vatikans, noch wird er – was bei der umfangreichen Quellenlage ebenso hätte passieren können – verstiegen im Detail. 

Hieran knüpft sich aber auch Kritik, denn in seinem Bemühen, Aufstieg und Untergang der Borgia in vier Kapiteln, großen, wenn auch vernetzten Übersichten  gleich, darzustellen, muß konsequenterweise eine gewisse Vertrautheit mit der Materie beim Leser als präsent vorausgesetzt werden; wenn nicht, wird so einiges, z.B. das Interesse der französischen Monarchen am heißumkämpften Königreich Neapel, befremdlich erscheinen. Dabei ist der Erzählduktus des Autors jedoch so hintersinnig, nicht zu sagen amüsant, daß dieser Mangel – sofern er überhaupt einer ist – erst auf  den zweiten Blick in Erscheinung tritt.

Ja, und dies ist des weiteren eine Faszination, die von Volker Reinhards Werk ausgeht – die Sprache. So wie er die Hintergründe nachzeichnet, so hintergründig ist auch der Ausdruck, den er pflegt, um die Abgründe, die sich permanent vor den Mächtigen der Zeit auftun, darzustellen und pointiert aus ironischer Distanz, die für eine objektive Berichterstattung notwendig ist, über die Welt eines Renaissance-Pontifikats zu berichten:

über den Aufstieg des Spaniers Alfonso de Borjas, der als Calixtus III. seinem Neffen Rodrigo den Weg in die Kurie ebnet, über die unerschütterliche Meinung der Borja, ein verkannter Zweig des spanischen Königshauses zu sein und ihr Wunschziel, dieses Mißverständnis mit Nachdruck und für alle Zeit aus der Welt zu schaffen; wie sich während der „Lehrjahre der Macht“ dieses Streben schließlich weniger zu einem politischen Programm als zu einer politischen Absicht verdichtet, bis sie endlich, nämlich nach vier durchgeharrten Pontifikaten, mit der Wahl des mittlerweile zum Italiener Rodrigo Borgia naturalisierten Alexander VI. durchgesetzt werden kann, wobei hier weniger von Wahl, denn Ämterkauf und -verkauf die Rede sein sollte. Kaum im Amt, geht das politische Tauziehen weiter. Wie gelingt es dem Papst, sich gegen die schier übermächtigen Sforza, Orsini, de la Rovere und anderer Vertreter des italienischen Hochadels durchzusetzen, die regelmäßig Ableger ihrer Häuser als Kardinäle in die Kurie entsenden, um durch reiche Pfründen nicht nur ihre Familien noch wohlhabender, sondern vor allem einflußreicher zu machen? Welche Mittel werden ergriffen, um den Papst zur Marionette herabzuwürdigen? Wie reagieren die italienischen Stadtstaaten? Wie paktieren sie, was melden und raten ihre Diplomaten? Wie reagiert der Papst? Wie muß er reagieren, um sich und die seinen zu behaupten?

Schrittweise deckt Volker Reinhard die Machenschaften der Beteiligten auf, ganz wie bei einem Kriminalfall, obschon er ausdrücklich im Prolog zu seinem Werk ankündigt, daß die Geschichte der Borgia zwar wie ein Kriminalroman zu lesen sei, daß es sich jedoch um einen unlösbaren Fall handle: Zu viele Fragen müssen offen bleiben, denn aus der Distanz zwischen den Jahrhunderten ist inzwischen Nichtwissen, Fremdartigkeit, Unverständnis geworden. Dennoch will der Autor aufzeigen, daß die Geschichte Alexanders VI. nichts anderes als ein „Lehrstück“ ist, welches „von der Verführung und Verblendung durch unbeschränkte Macht“ handelt und somit letztendlich eine zeitlose Grundwahrheit darstellt. Die von politischen Machenschaften, Notwenigkeiten, aber auch Minderwertigkeitsgefühlen gesteuerte Brutalität eines Cesare Borgia, die enthemmte päpstliche Heiratspolitik, die verschwenderischen und zugleich beeindruckenden Feste im Vatikan, Kriegsführung und Friedensschlüsse, wechselnde Bündnisse, Feind- und Freundschaften, die nicht durch persönliches Empfinden, sondern politische Erfordernisse gesteuert werden – sie alle stellen nur Facetten eines Themas dar, dem sich niemand entziehen kann oder auch entziehen will, dem, so die Ironie der Geschichte und des Schicksals zugleich, aber auch eine Vielzahl neuer Bewegungen und Geistesströmungen, wie die Reformierung des Papsttums oder gar die Reformation selbst entspringen.

Trotz oder auch wegen aller Raffinesse und Heimtücke, trotz allen Egoismus’ ist auch dieser Papst nur ein Geschöpf seiner Zeit und somit wie alle anderen ein Opfer und Produkt der Lebensumstände. Aus ferner Vergangenheit ist er uns unheimlich nah. Aber auch damit ist nur eine alte Weisheit in ein weiteres Bild gekleidet worden.

Tanja von Werner

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