Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 6 (2005), Heft 6


 

"aufgekratzte blicke"

Michael Blümel: Bilder zu Gedichten von Eduard Mörike

 

 

In der Frühe

Kein Schlaf noch kühlt das Auge mir,
Dort gehet schon der Tag herfür
An meinen Kammerfenster.
Es wühlet mein verstörter Sinn
Noch zwischen Zweifeln her und hin
Und schaffet Nachtgespenster.
- Ängste, quäle
Dich nicht länger, meine Seele!
Freu dich! Schon sind da und dorten
Morgenglocken wach geworden.

 

 

Fußreise

Am frischgeschnittnen Wanderstab
Wenn ich in der Frühe
So durch Wälder ziehe,
Hügel auf und ab:
Dann, wie's Vöglein im Laube
Singet und sich rührt,
Oder wie die goldne Traube
Wonnegeister spürt
In der ersten Morgensonne:
So fühlt auch mein alter, lieber
Adam Herbst- und Frühlingsfieber,
Gottbeherzte,
Nie verscherzte
Erstlings -Paradieseswonne.

Also bist du nicht so schlimm, o alter
Adam, wie die strengen Lehrer sagen;
Liebst und lobst du immer doch,
Singst und preisest immer noch,
Wie an ewig neuen Schöpfungstagen,
Deinen lieben Schöpfer und Erhalter.
Möcht es dieser geben,
Und mein ganzes Leben
Wär im leichten Wanderschweiße
Eine solche Morgenreise!

 

 

 

Frage und Antwort

Fragst du mich, woher die bange
Liebe mir zum Herzen kam,
Und warum ich ihr nicht lange
Schon den bittern Stachel nahm?

Sprich, warum mit Geisterschnelle
Wohl der Wind die Flügel rührt,
Und woher die süße Quelle
Die verborgnen Wasser führt?

Banne du auf seiner Fährte
Mir den Wind in vollem Lauf!
Halte mit der Zaubergerte
Du die süßen Quellen auf!

 

 

 

 

 

Auf den Tod eines Vogels

O Vogel, ist es aus mir dir?
Krank übergab ich dich Barmherzgen-
   Schwester-Händen,
Ob sie vielleicht noch dein Verhängnis wenden;
So war denn keine Hilfe hier?
Zwei Augen, schwarz als wie die deinen,
Sah ich mit deinem Blick sich einen,
Und gleich erlosch sein schönes Licht.
Hast du von ihnen Leids erfahren?
Wohlan, wenn sie dir tödlich waren,
So war dein Tod so bitter nicht!

 

 

 

Heimweh

Anders wird die Welt mit jedem Schritt,
Den ich weiter von der Liebsten mache;
Mein Herz, das will nicht weiter mit.
Hier scheint die Sonne kalt ins Land,
Hier deucht mit alles unbekannt,
Sogar die Blumen am Bache!
Hat jede Sache
So fremd eine Miene, so falsch ein Gesicht.
Das Bächlein murmelt wohl und spricht:
Armer Knabe, komm bei mir vorüber,
Siehst auch hier Vergissmeinnicht!
- Ja, die sind schön an jedem Ort,
Aber nicht wie dort.
Fort, nur fort!
Die Augen gehn mir über !

 

 

Nachts am Schreibepult

Primel und Stern und Syringe, von einsamer Kerze beleuchtet,
Hier im Glas, wie fremd blickt ihr, wie feenhaft her!
Sonne schien, als die Liebste euch trug, da wart ihr so freudig:
Mitternacht summt nun um euch, ach! und kein Liebchen ist hier.

 

 

 

Joseph Haydn

Manchmal ist sein Humor altfränkisch, ein zierliches Zöpflein,
Das, wie der Zauberer spielt, schalkhaft im Rücken ihm tanzt.

 

 

 

Der Kanonier

(Mit einer Zeichnung )

Feindlich begegneten sich auf der Erde die Scharen des Himmels
   Und der Höllen; es kommt eben zur förmlichen Schlacht.
Vorn auf dem Hügelchen steht so ein Bocksfuß bei der Kanone;
     Sein stets rauchender Schwanz dient ihm als Lunte dabei.
(Etwas phantastisch geformt ist das Feldstück; Flügel des Drachen,
   Statt der Räder, stehn hüben und drüben empor:
Denn man braucht dies Geschütz oft über den Wolken mit Vorteil
     Bei Blockaden, da fliegt's mittelst der höllischen Kunst.)
Aber der Kerl ist feige; denn während langsam der Schweif sich
     Nach dem Zündloch bewegt, hält er die Ohren sich zu,
Über die Achsel nur schielend; doch jetzo drückt er die Augen
     Fest zu, krümmt sich und - Tupf! folgt der entsetzliche Knall.

 

 

 

Auf dem Krankenbette

Gleichwie ein Vogel am Fenster vorbei mit sonnebeglänztem
Flügel den blitzenden Schein wirft in ein schattig Gemach,
Also, mitten im Gram um verlorene Jahre des Siechbetts,
Überraschet und weckt leuchtende Hoffnung mich oft.

 

 

 

 

Agnes

Rosenzeit! Wie schnell vorbei
   Schnell vorbei
Bist du doch gegangen!
Wär mein Lieb nur blieben treu,
   Blieben treu,
Sollte mir nicht bangen.

Um die Ernte wohlgemut,
   Wohlgemut,
Schnitterinnen singen.
Aber ach! mir kranken Blut,
   Mir kranken Blut
Will nichts mehr gelingen.

Schleiche so durchs Wiesental,
   So durchs Tal,
Als im Traum verloren,
Nach dem Berg, da tausendmal,
   Tausendmal
Er mir Treu geschworen.

Oben auf des Hügels Rand,
   Abgewandt,
Wein ich bei der Linde;
Auf dem Hut mein Rosenband,
   Von seiner Hand,
Spielet in dem Winde.

 

  

 

 

Josephine

Das Hochamt war. Der Morgensonne Blick
Glomm wunderbar im süßen Weihrauchscheine.
Der Priester schwieg; nun brauste die Musik
Vom Chor herab zur Tiefe der Gemeine.
So stürzt ein sonnetrunkner Aar
Vom Himmel sich mit herrlichem Gefieder,
So lässt Jehovens Mantel unsichtbar
Sich stürmend aus den Wolken nieder.

Dazwischen hört ich eine Stimme wehen,
Die sanft den Sturm der Chöre unterbrach;
Sie schmiegte sich mit schwesterlichem Flehen
Dem süß verwandten Ton der Flöte nach.

Wer ists, der diese Himmelsklänge schickt?
Das Mädchen dort, das so bescheiden blickt.
Ich eile sachte auf die Galerie;
Zwar klopft mein Herz, doch tret ich hinter sie.

Hier konnt ich denn in unschuldsvoller Lust
Mit leiser Hand ihr festlich Kleid berühren,
Ich konnte still, ihr selber unbewusst,
Die nahe Regung ihres Wesens spüren.

Doch, welch ein Blick und welche Miene,
Als ich das Wort nun endlich nahm,
Und nun der Name Josephine
Mir herzlich auf die Lippen kam!
Welch zages Spiel die braunen Augen hatten!
Wie barg sich unterm tiefgesenkten Schatten
Der Wimper gern die ros'ge Scham!

Und wie der Mund, der eben im Gesang
Die Gottheit noch auf seiner Schwelle hegte,
Sich von der Töne heilgem Überschwang
Zu mir mit schlichter Rede herbewegte!

O dieser Ton, - ich fühlt es nur zu bald,
Schlich sich ins Herz und macht es tief erkranken;
Ich stehe wie ein Träumer in Gedanken,
Indes die Orgel nun verhallt,
Die Sängerin vorüberwallt,
Die Kirche aufbricht und die Kerzen wanken.

 

 

 

Einige Angaben zu Leben und Werk Michael Blümels

Michael Blümel, der die hier vorgestellten Bilder zu Gedichten von Eduard Mörike gemalt hat, ist 1967 in Bad Mergentheim geboren, der Stadt, in der Eduard Mörike von 1844 bis 1851 lebte.

Von 1989 bis 1991 studierte Michael Blümel Kunstgeschichte, Malerei und Bilderhauerei in Mannheim, von 1991 bis 1996 in Freiburg Visuelle Kommunikation/Grafik-Design. Er lebt in Leipzig und zeitweise in Cahors (Südfrankreich). Er arbeitet für Autoren, Verlage, Theater, Zeitungen, Kommunen, Firmen.

´Bibliomanisch´ nennt Michael Blümel sein Verhältnis zu Büchern. Er sammelt sie, liebt sie, behandelt sie wie gute Freunde. Sie bilden eine wichtige Inspirationsquelle für seine künstlerischen Arbeiten. Wobei Autoren mit einer ungewöhnlichen Persönlichkeit ihn besonders reizen.

Die Bilder machen neugierig auf eine Wiederbegegnung mit Mörikes Gedichten, sie öffnen die Augen für einen neuen Blick, für ein vertieftes, vertiefendes Lesen. Seinem ersten Künstlerbuch gab Michael Blümel den Titel: „aufgekratzte Blicke“. ´Aufgekratzte Blicke´ fordern und fördern seine Bilder und lassen so  -  nach und nach  -  tiefere Schichten der Gedichte erkennen.

www.michael-bluemel.de

[Zurück zur Startseite]