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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 6
(2005), Heft 6
Thomas Gil: Argumentationen. Der kontextbezogene Gebrauch von Argumenten. Berlin: Parerga 2005, kartoniert, 134 Seiten, ISBN 3-937262-19-9, 12,90 €
In seinem aktuellen Buch Argumentationen. Der kontextbezogene Gebrauch von Argumenten verarbeitet Thomas Gil seine gleichnamige Vorlesung an der Technischen Universität Berlin.

Die Struktur ist demnach gestaltet: Der Text besteht aus zwei Teilen, einem allgemeinen theoretischen und einem kontextbezogenen praktischen; der erste Teil umfasst sieben, der zweite vier Kapitel.
Im ersten Kapitel beschreibt Gil in Anlehnung an Toulmin die grundlegenden Eigenschaften von Argumenten als Organismen, die ebenso wie diese über eine grobe anatomische und eine feinere physiologische Struktur verfügen. Er führt mit Kienpointer eine Typologie ein, die neun Klassen von Argumenten enthält, zu deren kritischer Prüfung Gil jeweils Fragen formuliert, welche die korrekte Verwendung von Aussagen als Argumente in den jeweiligen Klassen sicherstellen soll.
Sodann weist er in Kapitel zwei auf die zehn Argumentationsregeln hin, die van Eemeren und Grootendorst zur richtigen Verwendung von Argumenten in Diskursen aufstellen. Ihr pragma-dialektischer Ansatz fasst Argumentationen konsequent als sprachliche, soziale und rationale Tätigkeiten auf und wird damit ihrem dynamischen Charakter gerecht. Ferner geht Gil auf die sechs Naess-Kriterien für faires Argumentieren ein, die provozierte Missverständnisse, hinkende Vergleiche und Unsachlichkeiten – bekannte Phänomene in Diskussionen! – verhindern sollen.
Dass Argumentationen in einem realen Kontext stattfinden und ein bestimmtes basales Verständnis voraussetzen, welches den Diskurshintergrund bildet, expliziert Gil im dritten Kapitel unter Verweis auf Searles „Background“, Bourdieus „Habitus“ und Wittgensteins „System von Überzeugungen“, sprachanalytische Konzepte, denen Gil seinen Begriff der „kollektiven Vorstellungen“ hinzufügt. Aufgrund dieses Evidenzbodens unseres gesunden Menschenverstandes (illustriert anhand Wittgensteins „Felsen-Metapher“ aus den Philosophischen Untersuchungen), der gleichwohl historisch zu verstehen und damit prinzipiell veränderbar ist, wird die im folgenden angeführte kontextualistische Klassifikation von Argumentationsstrategien nach Perelman und Olbrechts-Tyteca verständlich, die zwischen „quasi-logischen“, „auf einer Wirklichkeitsstruktur gründenden“ und „eine Wirklichkeitsstruktur begründenden“ Argumentationen unterscheiden.
Für das Gelingen bzw. Misslingen von Argumentationen – so Kapitel vier – gibt es unterschiedliche Kriterien, die zum Teil bereichsunabhängig sind, etwa die Einhaltung bzw. Verletzung von formalen und logischen Regeln, zum Teil aber auch bereichsspezifisch Anwendung finden, was Gil an dem Modelterm „nicht können“ verdeutlicht, dessen Erfüllungs- bzw. Widerlegungsbedingungen durch den Verwendungskontext bestimmt werden. Für den Bereich ethischer Argumentationen führt Gil die Gerechtigkeitstheorie Walzers an, der in Sphären der Gerechtigkeit auf die Notwendigkeit unterschiedlicher Beurteilungskriterien und Bewertungsmaßstäbe im Rahmen einer differenzierten und heterogen strukturierten Gesellschaft eingeht, deren „Maß an Gerechtigkeit“ sich nicht anhand weniger Prinzipien (Rawls) oder abstrakt-formaler Präferenzanalysen (Entscheidungstheorie) ermitteln lässt, sondern – wenn überhaupt – nur mit Blick auf ihre unterschiedlichen Bereiche, da „gerecht“ im Zusammenhang mit Fragen der Sicherheit etwas anderes bedeutet als im Zusammenhang mit Wohlfahrt, Arbeit und Lohn und dies wieder unterschieden werden sollte von Gerechtigkeit beim Zugang zu Ämtern und Institutionen.
Argumentationen kommen nur dort zur Austragung, wo die soziokulturelle Entwicklung die friedliche Konfliktlösung an die Stelle der Gewalt setzt. Zugleich stabilieren Argumentationen eine Kultur des Friedens und der Verständigung. Um die soziokulturellen Bedingungen und Folgen darzustellen, verweist Gil in Kapitel fünf auf Senghaas „Hexagon“ und greift zwei herausragende historische Situationen auf, in denen diese Wechselwirkung deutlich erkennbar ist: die griechische Polis und die Aufklärung. Diese Epochen markieren durch diskursive Öffentlichkeitsbildung neue Zivilisationsniveaus, weil sie auf der Agora und im Salon jene Diskussions- und Argumentationsstile prägen, welche die Menschen befähigen, ihre Konflikte nicht mehr (ausschließlich) gewaltsam zu lösen.
Im folgenden Kapitel geht Gil der Frage nach, was Argumentationen über ihre zivilisatorische Rolle hinaus wertvoll macht, und kommt zu dem Ergebnis, dass sie neben dem instrumentellen Wert als notwendiges Mittel zur Orientierung in Sachfragen auch einen intrinsischen Wert haben, als kreatives Sprachspiel, das an sich bereits im Vollzug Orientierung bietet. Auch hier verweist Gil in Analogie zum vorherigen Abschnitt erstens auf die Bedeutung der attischen Philosophie, die in der Paideia jenen reflexiven Erziehungsdiskurs prägte, der das „gute Leben“ einerseits als Zweck, andererseits aber schon als Methode begreift sowie zweitens auf die Aufklärung, die ebenfalls als Prozess und als Ergebnis argumentativer Tätigkeit zu verstehen ist.
Schließlich äußert sich Gil im siebenten Kapitel kurz zur Differenz von absoluter und praktischer Rationalität, welche in Argumentationen als kontextsensitive Akte eine entscheidende Rolle spielt, und setzt dem Begriff der Vernunft den der Vernünftigkeit entgegen, die mit dem „Stabilitätsmythos“ (Toulmin) der frühneuzeitlichen Wissenschaft bricht und keine kartesische oder newtonsche Abstraktion vom Inhalt intendiert, sondern kontextual angepasst ist, eingebettet in den konkreten sozialen Zusammenhang. Zu dieser Rationalität des Handelns äußert sich Gil im übrigen ausführlich in seinem gleichnamigen Buch aus dem Jahre 2003.
Dem allgemeinen Teil folgen vier Kapitel, in denen Gil das Erläuterte in den Zusammenhang einzelner Disziplinen stellt. Um im Kontext ästhetischer Urteile (Kapitel acht) die komplexe Dialektik von Subjektivem und Objektivem in der Erfahrung des Schönen zu erläutern, geht er auf Humes Of the Standard of Taste ebenso ein wie auf Kants Kritik der Urteilskraft. Zur Stuktur juristischer Argumentationen (Kapitel neun) beschreibt Gil den fünfschrittigen Syllogismus normbezogener Rechtfertigungen, wobei er auch hier abseits der formalen Überlegungen auf den Praxisbezug rechtlicher Argumentationen eingeht, denn diese sind keine idealen Sprechakte, sondern reale Dispute um Einsicht in reale Lebensverhältnisse. Im zehnten Kapitel widmet sich Gil der Politik, einem Bereich, in dem dieser Praxisbezug paradigmatisch vorgeführt wird - und damit auch manches Mal die Mängel eines zu wenig an formalen und logischen Regeln und zu viel an Durchsetzungsinteressen orientierten Diskursstils. Gil untersucht das Wesen politischer Stellungnahmen einerseits im institutionellen Bereich des staatlichen Handelns (wobei der Bezug zu seinem 2003 erschienenen Buch Staatsaufgaben deutlich erkennbar ist) und anderseits im erweiterten Bereich des Politischen, der dort beginnt, wo der Bereich des Privaten endet. Ethische Argumentationen, so Gil im Schlusskapitel, sollten nicht moralistisch, sondern rational-aufgeklärt stukturiert sein. Was „gutes“ Handeln ist – und dies zu klären ist ja Aufgabe der Ethik – kann nur internalistisch-kontextuell ermittelt werden, es ergibt sich nicht aus externalistisch-dogmatischen Vorgaben, d. h. das „Gute“ ist nicht das, was man wollen sollte, aber eigentlich nicht will, sondern das, was man nach gewissenhafter Prüfung aller relevanten Faktoren tatsächlich will. „Verantwortung“, ein Schlüsselbegriff neuerer Ansätze in der Ethik, wird auf diese Weise vom moralistisch belasteten Begriff der „Schuld“ abgekoppelt. Einem zu starken Subjektivismus, der immer die Gefahr relativistischer Beliebigkeit birgt, wird dabei durch den rationalen Diskurs um ethische Positionen abgeholfen, wie ihn etwa Helvétius, Hume und Bentham führten, deren ethischen Internalismus Gil exemplarisch zeigt.
Mit Argumentationen. Der kontextbezogene Gebrauch von Argumenten legt Gil ein Kompendium der Argumentationstheorie vor, dessen Stärke in der klaren Struktur liegt, die den Zugriff auf Informationen zu einzelnen Fragen erleichtert. Gil analysiert antike Lebensstile, neuzeitliches Ideengut und Strömungen der Gegenwartsphilosophie und versteht es, durch Komposition systematischer Konzepte mit historischen Positionen seine These von der Argumentation als Übung praktischer Rationalität im sozialen Kontext zu untermauern. Das Überblickswerk - und als ein solches muss der Text verstanden werden - führt die Thesen einschlägiger Autoren und Arbeiten allerdings nur kursorisch auf, es verweist auf die Quellen, ohne sie detailliert zu interpretieren. Studierenden der Philosophie wird der Text die Orientierung erleichtern und Anregungen für die weitere Forschungsarbeit geben, Praktikern der vier besprochenen Disziplinen – also insbesondere Juristen, Politologen, Kunstkritikern und Ethikern - wird er Einsicht in die eigene argumentative Arbeit verleihen und Anlass geben, diese kritisch zu prüfen.
Josef Bordat