Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 6 (2005), Heft 6


 

Volker Braun: Das Eigentum  (1990)

 

Da bin ich noch: mein Land geht in den Westen.
KRIEG DEN HÜTTEN FRIEDE DEN PALÄSTEN.
Ich selber habe ihm den Tritt versetzt.
Es wirft sich weg und seine magre Zierde.
Dem Winter folgt der Sommer der Begierde.
Und ich kann bleiben wo der Pfeffer wächst.
Und unverständlich wird mein ganzer Text.
Was ich niemals besaß wird mir entrissen.
Was ich nicht lebte, werd ich ewig missen.
Die Hoffnung lag im Weg wie eine Falle.
Mein Eigentum, jetzt habt ihrs auf der Kralle.
Wann sag ich wieder mein und meine alle.

In: Die Zickzackbrücke. Ein Abrißkalender, Halle 1992, S. 84.

Zwölf Zeilen, im Sommer  1990  entstanden und nicht verschollen im Stimmengewirr einer heißen Zeit, nicht begraben unter den ganz anderen Problemen in der DDR damals, zwischen neuer Währung und bevorstehendem Beitritt zur Bundesrepublik.   Keine Saison für Poesie, sollte man denken. Aber das Gedicht wirkte. Es löste Zustimmung aus und Dankbarkeit - für den Autor Volker Braun, der formulierte hatte, was Leser als genau ihre Stimmungslage empfanden. Es  regte zu Antwortgedichten an. Es provozierte Widerspruch. Und lieferte Stichworte für eine grundsätzliche Kritik am Illusionismus der "Reformsozialisten", an ihrem schwachen "kulturellen Bezug zur Freiheit" der einzelnen. Seine knappe Gestalt wurde umschlossen von einer Fülle an Meinungen  und offenbarte die Gespaltenheit des Publikums, das sich indes einig war in der Wahrnehmung eines wichtigen Textes.

Dass ein Gedicht gleich auf derart vielfältige und starke Reaktionen trifft, ist sicher selten. Wahrscheinlich war auch der Autor überrascht, bei aller Übung, die er besaß  im Herausfordern und Ertragen gesellschaftlicher  Aufmerksamkeit in seinem Land.

Die  aber schien nun gerade zu Ende zu gehen. Schluss mit   der exzeptionellen Rolle von DDR-Autoren, Für- und Vorsprecher einer sprachlosen Mehrheit zu sein. Das Dichterwort als Stellvertretung öffentlicher Meinung  war passé, das Ankommen in der Realität einer freien Gesellschaft angeboten, auch rüde angemahnt. In der ZEIT (26/90) konnte Braun den Satz gelesen haben: "Die toten Seelen des Realsozialismus sollen bleiben, wo der Pfeffer wächst."  Das Ich seines Gedichtes fühlte sich gemeint, denn auch ihm mochte es ergehen wie den Lastenträgern des Afrikaforschers Livingstone, die eines Tages den Weitermarsch verweigerten mit der Begründung, ihre Seelen seien noch nicht nachgekommen. "Da bin ich noch: mein Land geht in den Westen. KRIEG DEN HÜTTEN FRIEDE DEN PALÄSTEN."  Dies in Großbuchstaben wie auf einem Plakat, Umkehrung einer  Parole aus der französischen Revolution, die Büchners "Hessischer Landbote" dann aufnahm: "Friede den Hütten, Krieg den Palästen". Diese Inschrift aber, so hatte Volker Braun seinerzeit, bei der Einweihung des  "Palastes der Republik" in Ostberlin vorgeschlagen, sollte, weithin sichtbar, auf einem Spruchband am neuen  Bauwerk hängen.  Im Gedicht jetzt: das plakative Drohbild vom "Westen", als sei dort die Entwicklung seit 1834 stehen geblieben - so ist die Zeile gelesen worden -  oder vielmehr: ein Spiel mit  gebrauchten  Formeln, Verweis auf die Umarbeitung der Texte durch die Umwälzung der Wirklichkeit selber? Auch so konnte man es lesen, allerdings nur im Vertrautsein mit anderen Arbeiten des Dichters, im Vertrauen auf deren stumme Anwesenheit in Worten, die den Fortgang schlichtweg  zum Rückweg  stempelten. So undialektisch hat  Braun kaum gedacht. Doch sein Gedicht riskiert die Vereinfachung, getragen von Trauer und Zorn, einem Ton, der, wie gesagt, den Gefühlen vieler entsprach. Wo solche Empfindungsnähe fehlte, wurde anders gehört. Da redete der Dichter, der trotzig bekannte, er selber habe seinem Land  "den Tritt versetzt. Es wirft sich weg und seine magre Zierde. Dem Winter folgt der Sommer der Begierde" wie ein verlassener Liebhaber oder wie ein von seiner Schulklasse versetzter Lehrer, den keiner mehr hören noch verstehen mag: "Und unverständlich wird mein ganzer Text."  Bindet man aber diesen Satz an den Zusammenhang der folgenden,  wird der Verlust erkennbar, um den es hier eigentlich geht: Die Enteignung von etwas, das "niemals besessen" und das "nicht gelebt" wurde - das Eigentum (so ja der Titel des Gedichtes) an "der Utopie des wirklichen Sozialismus im  Gegensatz zum 'realen'. Um einen Phantombesitz handelte es sich also, doch der Schmerz ist wirklich." Ich teile diese Deutung von Wolfgang Emmerich und meine, dass von dem Bild "Die Hoffnung lag im Weg wie eine Falle"  die anhaltende  Provokation des Gedichtes ausgeht, wohl auch für den Autor selbst. Aus der verlorenen Epochenillusion vom "wahren Sozialismus", aus dem  - wie Braun an anderer Stelle sagte - "Hoffnungsschrott des Herbstes" 1989 muss nicht die Abfindung mit dem Bestehenden folgen. Nur lässt sich keine Alternative mehr suggerieren mit der verzweifelt sehnsüchtigen Frage, die sich reimt auf  "Falle": "Wann sag ich wieder mein und meine alle?"

Brigitte Burmeister

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