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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 6
(2005), Heft 6
„Du bist Deutschland“, damit wirbt eine seit Oktober im Fernsehen laufende Image-Kampagne. „Denn du bist Deutschland“, steht auf einem Spruchband unter einem großen Hitler-Porträt, zu sehen auf einem Foto, das 1933 oder 1935 in Ludwigshafen aufgenommen wurde. Selbstverständlich geht es nicht an, den gegenwärtigen Spruch mit den Nazi-Spruch gleichzusetzen. Den Nazis ging es um die Auslöschung der Persönlichkeit, zunächst mit Worten, dann millionenfach in unvorstellbarer Grausamkeit mit Taten. Deshalb noch einmal, damit kein Missverständnis entsteht, eine Gleichsetzung wäre, so die TAZ, „ahistorisch“ und unverantwortlich.
Nein, ausgelöscht wird die Persönlichkeit nicht; wie denn auch, wenn sie gar nicht erst ernst genommen wird. Was diese Kampagne vorgibt fördern zu wollen, nämlich eine selbstständige, eigenverantwortliche, damit initiativbereite und –freudige, sich selbst übertreffende Persönlichkeit, dies leugnet sie im selben Atemzug, weil Inhalt und Machart – Werbespot – signalisieren, eine solche Persönlichkeit sei mal eben so, durch ein ´am Riemen reißen´, durch einen ´Ruck´, eine Hauruck-Aktion, durch ´Schalter umlegen´ (so einer der Mitmacher, ´Millionärmacher´), auf Knopfdruck hin, herzustellen. Ein komplexer, differenzierter, sensibler Prozess von Persönlichkeits- und Identitätsbildung wird damit in unerträglicher Weise simplifiziert, herunter geholt auf das Niveau von Werbegags. Solches Werbegagniveau ist offenbar ´gut genug´ für die angesprochenen Menschen.
Dass angesehene Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens (Fernsehen) ihre eigene Lebens- und ´Erfolgs´- Geschichte derart undifferenziert und unsensibel sehen könnten - die Teilnahme an der Kampagne könnte einen solchen Verdacht immerhin nahe legen - , man mag es nicht recht glauben; auch nicht, dass sie schon ihre Fernsehwelt mit der Wirklichkeit verwechseln. Öffentlich rechtliche Identifikationspersonen, mit denen sich so viele (alle) Deutsche identifizieren können dürfen, sollen, sind ja eigentlich ´leer´, leere Projektionsflächen; genau so ´leer´ wie alle die, die sich identifizieren sollen, was nur geht, wenn sie identitätslos sind, Nullen, Nichtse.
Unentwirrbar verknotet in dieser Kampagne: Dummheit und Zynismus der Macher. Zynismus auch – bei einem für die Kampagne zur Verfügung stehenden Etat von 32 Millionen Euro - gegenüber vielen Arbeitslosen, die vergeblich einen Arbeitsplatz suchen und dann die Botschaft hören: ´Du hast dich nicht genug angestrengt! Du hast nicht gut genug funktioniert, du hast noch besser zu funktionieren; du hast dich selbst nicht genügend kontrolliert, du wirst noch besser kontrolliert werden! Dein einzelnes konkretes Leben muss vertilgt werden!´ „Und so wird denn allmählich das einzelne konkrete Leben vertilgt, damit das Abstrakt des Ganzen sein dürftiges Dasein friste.“ - So spricht der alte Schiller (´Ästhetische Briefe´), für solche Kampagnenmacher doch fast so etwas wie eine Leitfigur einer ´Leitkultur´.
Diese Kampagne und das, was Oliver Voss, Kreativdirektor bei der zuständigen Werbeagentur, dazu erklärt hat, nämlich: „Unser Spot ist Multikulti vom Feinsten“, also eine Real-Satire? „Schwer, eine Satire zu schreiben“, hat vor 60 Jahren Adorno festgestellt („Minima Moralia“) und dazu scharfsinnig und aktuell angemerkt: „Kein Fels im Bestehenden, an dem der Griff des Ironikers sich zu halten vermöchte. Dem Stürzenden schallt das Hohngelächter des tückischen Objekts nach, das ihn entmächtigte. Der Gestus des begriffslosen So ist es ist genau der, den die Welt einem jeglichen ihrer Opfer zukehrt, und das transzendentale Einverständnis, das der Ironie innewohnt, wird lächerlich vor dem realen derer, die sie zu attackieren hätte.“ Das ´begriffslose So ist es´ der Kampagne - „Du bist Deutschland“ - ist von den Machern ernst gemeint. Ihr ´reales Einverständnis´ mit der heimlichen Botschaft der Kampagne macht sie immun gegen den kritischen Einwand, dass Menschen zynisch auf identitätslose Werbegagautomaten reduziert werden. Immun auch gegen die Kritik, dass sie sich nicht mehr auf dem Boden des Grundgesetzes befinden könnten, wonach (Artikel 1,1) „Die Würde des Menschen ... unantastbar“ ist.
Ich weiß nicht, ob ein Kreativdirektor noch liest, gar „Die Erzählungen der Chassidim“ von Martin Buber. Er fände dort eine weise, wahrhaft ermutigende Geschichte vom schwierigen, weil durch verführerische Angebote zu Fehlidentifikationen leicht zu verfehlenden Prozess der Menschwerdung, eine Geschichte, die das wohlfeile, abgegriffene, längst faulig gewordene Attribut ´multikulti´ nicht nötig hat.
„Die Frage der Fragen
Vor dem Ende sprach Rabbi Sussja: ´In der kommenden
Welt wird man nicht fragen: ´Warum bist du nicht Mose
gewesen?´ Man wird mich fragen: ´Warum bist du nicht
Sussja gewesen?´“