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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 6
(2005), Heft 6
Matthias Katzer: Was soll ich tun? Kants Moralphilosophie. auditorium maximum, Gemünden 2005, ISBN 3-938307-02-1, 2 CDs, Spielzeit 154 Minuten, 22 €
Im von Cornelia de Vos neu gegründeten Hörbuchverlag auditorium maximum, der sich in erster Linie philosophischen Themen widmet, sind bisher erschienen: "Selbst-Denken. Ein Hörbuch über Philosophie als Schule des Denkens", "Nietzsche. Ein Hörbuch über Friedrich Nietzsches Umwertung der Werte" und "Was soll ich tun? Kants Moralphilosophie". Der Autor des dritten, Matthias Katzer, Jahrgang 1976, hat Philosophie, Geschichte und Soziologie in Paris, Heidelberg, Tübingen und Berkeley studiert und arbeitet an einer Dissertation zu einem Thema aus der politischen Philosophie. Anders als bei vergleichbaren Produktionen, die in der Regel Lesungen der originalen Schriften bieten, nehmen hier die Kant-Zitate nur einen geringen Raum ein. Hauptsächlich hören wir, vorgetragen von sechs Sprechern und einer Sprecherin, einen Text Katzers, der in 21 Abschnitten auf umfassende Weise in die Kantische Moralphilosophie einführt .
Katzer klärt zunächst den philosophiegeschichtlichen Horizont, in dem die Kantische Ethik angesiedelt ist. Es entsteht ein allgemeines Bild der Aufklärungsepoche und ihrer "Kritik an der Tradition", bevor die "Theorie des moralischen Gefühls" von David Hume referiert wird, der auch der frühe Kant verpflichtet ist. Mit der Ablehnung dieser Position beginnt die genuine Moralphilosophie Kants, die besonders in der "Grundlegung zur Metaphysik der Sitten" und in der "Kritik der praktischen Vernunft" ausgeführt ist. Katzer führt den Hörer nun nach und nach an die Hauptbegriffe dieser Theorie, "Pflicht", "Freiheit", "Neigung", "Wille", "Maxime", "kategorischer Imperativ", heran. Dabei ist es erstaunlich, wie es ihm gelingt, zunächst ganz fremd aussehende Gegenstände durchaus plausibel zu machen. Denn nichts ist uns fürs erste doch ferner, als der Kantische "Rigorismus", der von ethischen Handlungen alle "materialen Bestimmungsgründe" der Neigungen entfernt. Aber wirklich selber zu denken heißt gerade, auf die üblichen Bequemlichkeiten zu verzichten: was "Autonomie" der Person ist, wird nur deutlich, wenn man sie den notwendig fremdbestimmten Neigungen entgegensetzt (Selbst-Verwirklichung wäre in diesem Betracht etwas ganz anderes, als ihnen nachzugehen).
Man muss den Kantischen Standpunkt nicht teilen und kann doch in ihm erspüren, was "Philosophie" im eigentlichen Sinne ist oder was ihr jedenfalls eignen muss, nämlich eine reflektierte Unnachgiebigkeit - gerade keine sture oder bornierte - und Konsequenz der Denkhaltung. Indem die "Grundlegung zur Metaphysik der Sitten" zum ersten Mal alles was zum empirischen Bereich der Neigungen gehört der Freiheit und Autonomie entgegensetzt, entspringt überhaupt erst die Idee der letzteren. Wie kann es in einer vom Kausalgesetz regierten Welt möglich sein, einen Zustand "von selbst" anzufangen - und wie ist es zu verstehen, dass eine solche Möglichkeit das Gegenteil von Beliebigkeit darstellt? Offenbar gibt es eine andere, nicht-empirische Notwendigkeit, nein, es "gibt" sie nicht, wie es eben die uns sinnlich wahrnehmbaren Gegenstände gibt, sondern ihre Möglichkeit anzunehmen, ist der Vernunft unabdingbar. Der Idee des moralischen Vernunftgesetzes zu folgen, ist ein Ausdruck von Freiheit, d. h. "Freiheit [ist] kein Erfahrungsbegriff, und kann es auch nicht sein" (Grundlegung, in: Immanuel Kant, Werke in sechs Bänden, hrsg. von Wilhelm Weischedel, Darmstadt 1970, Band IV, S. 92).
Die Einleitung Katzers in diese Grundstrukturen der Kantischen Ethik ist ebenso präzise wie nachvollziehbar. Sie führt uns bis an eine Grenze, vor der sie verständlicherweise halt macht, weil sie zu überschreiten wahrscheinlich beinhalten würde, auch dem konzentrierten Zuhörer zunächst zu viel abzuverlangen. Denn Katzer bemüht sich, die Parallelität von empirisch-unfreier Welt und autonomem Willen zu beschreiben, ohne beide, wie bei Descartes, zwei grundsätzlich verschiedenen Substanzen zuzuordnen, lässt sie also nicht in solcher Unvereinbarkeit, wie sie sich aus der Konstellation der Kantischen Philosophie ergibt, aufeinanderstoßen. Die Unvereinbarkeit des Denknotwendigen jedoch macht erst die Quintessenz dieser Ethik aus: "Und so begreifen wir zwar nicht die praktisch unbedingte Notwendigkeit des moralischen Imperativs, wir begreifen aber doch seine Unbegreiflichkeit, welches alles ist, was billigermaßen von einer Philosophie, die bis zur Grenze der menschlichen Vernunft in Prinzipien strebt, gefodert werden kann" (Grundlegung, a.a.O., S. 102).
Ohne eine solche rigorose Idee von der menschlichen Freiheit gibt es auch keinen wirklichen Autonomiebegriff. Katzer glaubt, von seiner Strenge etwas abhandeln zu können, indem er etwa darauf hinweist, dass Wille doch auch "von unserer Umgebung geprägt" sei und fragt dann, ob wir "die Freiheit im starken Sinne" wirklich bräuchten. Gegen ein solches Aufnehmen heutiger Diskussionsstränge ist nichts einzuwenden, ganz im Gegenteil; auch, dass in solch angedeuteter Kritik die Kantische Position relativiert wird, ist verdienstvoll. Nur dürfen solche Einwände nicht dazu führen, gleichsam rückwirkend die Darstellung der Beziehung von empirischer und intelligibel-moralischer Welt zu verzerren. Zufolge unserer Vernunftstruktur müssen wir uns als "freie Wesen" denken - und in eben diesem Denken erscheinen wir uns andererseits als gänzlich der Kausalgesetzlichkeit unterworfen. Hier treten mithin die Klarheit und Rätselhaftigkeit unserer Vernunft in gegenseitiger Akzentuierung auf.
Ihre schwierig genug beschreibbare Klarheit tritt im sehr schön gelesenen Text Katzers deutlich zutage. Man lernt sicherlich schon beim ersten Hören, in den ruhig und doch spannend dahinfließenden zweieinhalb Stunden, gewissermaßen die Grundvokabeln der Kantischen und damit der Ethik überhaupt. Beim erneuten Auflegen der CDs wird man verstärkt beginnen mitzudenken. Nicht nur Anfänger der Philosophie werden so unversehens an die großen Fragen der Tradition, die bis heute die Forschung bestimmen, heran- und in sie hineingeführt. Wer sich, gleich welchen Alters, ob junger Student oder älterer Laie, überhaupt mit diesen Fragen beschäftigen will, dem wird hier ein vorzüglicher Einstieg geboten. Zudem wird man neugierig auf die anderen, bereits erschienenen und geplanten Produktionen von auditorium maximum. Wer sich auf der informativ gestalteten Homepage des Hörverlags umtun möchte: www.auditorium-maximum.de - Wir wünschen diesem wichtigen Unternehmen von Cornelia de Vos, das es in der Bestseller-geprägten Landschaft der Hörbuch-Verlage nicht einfach haben dürfte, nicht nur einen guten Start, sondern auch ein beständiges Gelingen.
Peter Rhonfeld