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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 6
(2005), Heft 6
Buch des Monats Dezember 2005
Der ewige Brunnen. Ein Hausbuch deutscher Dichtung. Gesammelt und herausgegeben von Ludwig Reiners, aktualisiert und erweitert von Albert von Schirnding, C. H. Beck Verlag 2005, 1136 Seiten, ISBN 3- 406-53638-7, 19,90 €
Die von Albert von Schirnding besorgte Neuausgabe mit den Vignetten von Andreas Brylka enthält auf 1136 Seiten 1660 Gedichte. Das Buch erschien das erste Mal 1955, damals noch mit dem Untertitel: Ein Volksbuch Deutscher Dichtung. Das Vorwort zur Jubiläumsausgabe informiert darüber, dass "etwa der vierte Teil" der Gedichte ausgetauscht wurde (S. 6); und man kann dem Bearbeiter nur zustimmen, der sich etwa gegen eine Übernahme der "Wacht am Rhein" entschieden hat. Auch die von Reiners aufgenommenen Auszüge aus Dramen, sowie sonst unvollständig abgedruckte Texte, sind nun fortgefallen. Teilweise geändert hat von Schirnding auch die thematischen Rubriken, in die der frühere Band gegliedert war. Da diese Gliederung eigentlich das Grundgerüst des Buches ausmacht und sicherlich nicht unerheblich zu seinem Erfolg beigetragen hat, sollen die Veränderungen ein wenig genauer betrachtet werden.

1902 erschien das erste Mal ein von Ferdinand Avenarius herausgegebenes "Hausbuch deutscher Lyrik", das seinen Inhalt in Zyklen anordnete, zu denen natürlich die Jahreszeiten, aber auch "Meer", "Nacht", "Liebesspiel", "Liebesklage", "Ehe", "Heimweh nach der Kindheit", "Altern" und "Dem Ende zu" gehörten. Avenarius schreibt im Vorwort: " Nicht dem Lernen, dem Leben sollte das Buch dienen. [...] Ein Begleiter sollte dies Hausbuch werden durch die große Welt draußen vom Erblühen bis zum Verschnein, aber auch durch die kleine Welt drinnen vom Reifen der Seele durch Liebesscherz und Liebesernst und Ehe, durch Freude und Trauer und Zweifel und Festigung bis zum Scheiden und bis zu dem Ausblick darüber hin auf das Bleibende." Bereits diese Sammlung wurde ein großer Erfolg, der sich vielleicht nicht zuletzt dem verdankt, dass den Lesern in immer unruhigeren Zeiten das lyrische Bild einer archetypischen Lebensstruktur an die Hand gegeben wurde. Damit soll nicht gesagt werden, die von einer solchen Ordnung angezogene Sehnsucht nach beinahe mythischen Grundfiguren werde hier nur ideologisch bedient. Vielmehr ist es wohl tatsächlich so, dass in uns Schichten überdauern, die von den hauptsächlichen Konstellationen des Daseins geprägt wurden: von Geburt, Kindheit, Reifezeit, geschlechtlicher Verbindung, Glück und Unglück, Krankheit und Tod. Die moderne Welt jedoch zeichnet sich unter anderem dadurch aus, dass in ihr die Beziehung zwischen jenen Schichten und den Situationen der Existenz vielschichtiger und vermittelter wird. Die Lyrik der vergangenen Jahrhunderte kann also, so gesammelt, zum Bindeglied zwischen unserem Oberflächendasein und den Tiefenschichten der Person werden.
Deswegen überrascht es gar nicht, wenn Reiners, ähnlich wie Avenarius, schreibt: " Ein Buch wie dieses hat den Ehrgeiz, ein wenig mehr zu sein als ein Buch, nämlich ein Teil des gelebten Lebens" (S. 10) und auf Goethe verweist, der wohl zuerst den Plan zu einer solchen Gedichtausgabe fasste. Sie müsse, zitiert Reiners, "den Charakter ansprechen" und nach Rubriken geordnet sein; ein solches Volksbuch solle "durch Masse imponieren", nämlich ein "Unteres", ein "Mittleres" und ein "Oberstes" enthalten, also die urphänomenalen Modalitäten selber. Ihnen würde man beim Blättern in einem solchen Band begegnen, der folglich, so darf gefolgert werden, einen Austausch zwischen den unterschiedlichen existenziellen Kreisen der Seele bewerkstelligte.
Betrachten wir nun die alten und die geänderten Rubriken des "ewigen Brunnens". Der erste kleine Unterschied: aus "Vom Alter und von der Vergänglichkeit" wird schlicht "Alter und Vergänglichkeit". An die Stelle einer Aussage über ... tritt scheinbar die Sache selbst. Präposition und Artikel markieren so etwas wie einen abgegrenzten mythopoetischen Bereich des Sagens, der sich in der neuen Überschrift aufgelöst hat. Hieraus ist von Schirnding kein Vorwurf zu machen. Er trägt so nur einem gesellschaftlichen Prozess Rechnung, der scheinbar auch, sie verwandelnd, bis in die Tiefenschichten unserer Existenz hinabreicht. Aus dem "Buch des Todes" wird das "Buch des Abschieds und des Todes". Der Grund für diese Änderung liegt auf der Hand. Wer wollte schon noch ohne Übergang und Vorbereitung dem Tod selbst und nur ihm begegnen? Die Unheimlichkeit des alten Titels wird so nicht nur reduziert, sie fällt schlicht weg. Das "Buch des Vaterlandes" wird zu "Kennst du das Land?" - eine Überschrift als Ausweichmanöver - , und beginnt statt mit "Archibald Douglas" von Theodor Fontane nun mit Goethes "Mignon". Man kann fast sicher sein, dass in späteren Bearbeitungen "Deutschland, meine Trauer" von Johannes R. Becher wieder herausfallen wird, aber was macht man mit dem "Lied der Deutschen" von Hoffmann von Fallersleben, dessen "Einigkeit und Recht und Freiheit" in der Regel mit schlechter Textkenntnis gesungen wird, wohingegen die heutigen Schüler - man ist versucht zu sagen glücklicherweise - doch nicht mehr recht wissen, wo sie die in den Versen "Von der Maas bis an die Memel, / von der Etsch bis an den Belt" genannten Flüsse zu verorten hätten. Und die Zeile "Land der Väter und der Erben" aus der "Hymne" von Rudolf Alexander Schröder hat mittlerweile eine ungewollte Komik bekommen.
Weiterhin wird aus dem "Buch des Kampfes" das "Buch des Mutes und der Tapferkeit", was natürlich weniger martialisch klingt und doch ein wenig unzeitgemäß bleibt. Aus "Mächte des Schicksals" macht von Schirnding die "Stimme des Schicksals", was eher wie eine Verwässerung wirkt, während "Lebensalltag" sicherlich besser ist, und auch damals schon gewesen wäre, als "Glück und Pflicht des Werktags". Wir streben hier keine Vollständigkeit an, deswegen sei nur noch vermerkt, dass die Rubrik "Lustige Begebenheiten" zu "Komische Begebenheiten" wird, "Größe des Lebens" entfällt ganz. Insgesamt spiegeln die Umbenennungen, mit ihrer Annäherung an den heutigen Sprachgebrauch, eine Verdünnung, ja vielleicht gar eine Verflüchtigung der numinosen "Mächte". Dem entspricht, dass nun auch Platz für Gedichte ist, die sich kritisch mit dem "Vaterland", der deutschen Vergangenheit und gesellschaftlichen Gegebenheiten auseinandersetzen. So stehen in "Kennst du das Land?" Erich Kästner, Bertolt Brecht, Rose Ausländer und Yaak Karsunke neben Peter Rosegger, Anton Wildgans, Börries von Münchhausen und den schon genannten Hoffmann von Fallersleben und Rudolf Alexander Schröder.
Aus solcher Gemeinschaft ergibt sich zwangsläufig eine Frage. Die Substanz der Gedichte des 17. bis 19. Jahrhunderts war nicht reaktionär, so dass zum Beispiel ideologische Kriegslyrik zurecht aus ihrem Bestand ausgeschieden werden kann - aber lassen sich etwa Paul Celan und Nelly Sachs einem Kanon einfügen, der sich aus Texten zu "übergeschichtlichen" Grundbefindlichkeiten der Existenz zusammensetzt? Ist nicht ein solcher Kanon mit dem Faschismus zerplatzt? Kann die "Todesfuge" in eine Rubrik "Aus der Geschichte" eingeordnet werden? Und wie verhält es sich mit zeitgenössischer Lyrik, stimmt ihr Ton zur klassischen, kann er standhalten vor dem einer zweiten, nachfaschistischen Moderne, für die Namen wie Günter Eich, Wilhelm Lehmann, Marie Luise Kaschnitz, Christine Lavant und Ingeborg Bachmann stehen? Können Zeilen wie: "Nein, kein Polterabend war, was Volkes spitze Zungen / Die Kristallnacht nannten, jener Glückstag für die Glaser. / Bis zum Aschermittwoch später war da nur ein Sprung. / Narr und Nazi hatten, heißa, ihren Heidenspaß", Durs Grünbein: Porzellan, S. 534, neben "Schwarze Milch der Frühe wir trinken sie abends", S. 535, stehen? Denn ein "Mittleres" und auch ein "Unteres" sind doch gerade kein Missglücktes.
Die neuere, eigentlich nicht mehr lyrische Lyrik - man vergleiche etwa "Ehe" von Günter Grass mit dem gleichnamigen Gedicht von Ina Seidel - wäre vielleicht irgendwo zwischen den beiden goetheschen Kategorien anzusiedeln, missglückt ist sie nicht. Vielmehr reflektiert sie, wie das ebenfalls von Grass stammende "Kinderlied", eine Epoche der deutschen Nachkriegsgeschichte. Das Merkwürdige ist also, dass sich die neuen Epochen den alten angliedern, aber keineswegs nahtlos, sondern indem sie Lücken und Sprünge im vorher scheinbar kontinuierlichen Verlauf der Geschehnisse akzentuieren. Durch die Neuausgabe des "ewigen Brunnens" wird deutlich, wie an die Stelle des alten Kanon-Begriffs etwas anderes getreten ist. Nicht nur unser Geschichtsbild wandelt sich, sondern mit ihm auch unser tieferes Lebensgefühl. So erscheinen auch die Gedichte der Goethezeit in einem anderen Licht. Gerade sie, aber auch diejenigen etwa von Eduard Mörike und Conrad Ferdinand Meyer, verlangen nach einer gewandelten Aneignung.
Eins stört zunächst bei der Lektüre: häufig sind Gedichte mit weniger langen Zeilen eng nebeneinander gedruckt, um Platz zu sparen. Andererseits ergeben sich so überraschende Querverbindungen - rechts vom "Sommerbild" Friedrich Hebbels und dem darunterstehenden "Septembermorgen" von Eduard Mörike finden sich die "Astern" von Gottfried Benn, und gleich auf der nächsten Seite steht links "Verklärter Herbst" von Georg Trakl neben "Oktober" von Heinz Piontek. Und das so ganz Verschiedene schließt sich nicht gegenseitig aus, sondern koexistiert auf beeindruckende Weise.
Der "ewige Brunnen" ist sicherlich Nachschlagewerk und Anthologie gleichermaßen, wie Albert von Schirnding sagt; der Anspruch, "Teil des gelebten Lebens" zu sein, wird, leider, nicht mehr erhoben. Dennoch kann, wer in diesem Buch zu lesen beginnt, eine unerhörte Erfahrung machen. Die Verse der verschiedenen Zeiten lösen wirkliche Freude, wie auch Wehmut und Trauer aus, und schließlich, da man gar nicht aufhören kann mit dem Suchen und Finden, existieren diese Gefühle in einer intensiven Parallelität. Eben sie beinhaltet und ist, was man heute "poetische Stimmung" nennen könnte. Wie früher, auf ihre Weise, so begleitet sie auch jetzt eine Empfindung von Freiheit.
Johannes U. Lechner