Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 6 (2005), Heft 6


 

Peter O. Chotjewitz liest in Marburg

Eine Matinée des Hessischen Landestheaters und des Marburger Literaturforums
  in der Lesereihe „15 Jahre deutsche Wiedervereinigung“

Am Sonntagmorgen um 11 Uhr trafen sich ca. 40 Zuhörer auf der Probebühne des Theaters am Schwanhof zur Lesung des 1934 in Berlin geborenen Autors Peter O. Chotjewitz, den das Internet ausdrücklich als einen ‚deutschen Schriftsteller’ ausweist. Das war an diesem Morgen denn auch deutlich zu spüren – bei aller scheinbaren Leichtigkeit des Vortrags, den ironischen Brechungen und deutlichem Spott scheint doch  das generationstypische  Leiden an den  Geschicken des Landes im vergangenen Jahrhundert immer wieder durch.

Vorgestellt wurde der Autor als ein unruhiger Geist, der nirgends länger sesshaft war als vielleicht in der nordhessischen Kindheit – in Hofgeismar, einem Ort, der in manchen Texten sichtbar wird. Nach Realschule und einer Anstreicherlehre holte er im Abendgymnasium in Kassel das Abitur nach und studierte dann Jura in Frankfurt und München. Nach dem zweiten juristischen Staatsexamen lebte er in Berlin als freier Schriftsteller, erhielt 1967 ein Stipendium der Villa Massimo in Rom und blieb bis 1973 in Italien (sein Werkverzeichnis weist ihn als Übersetzer italienischer Literatur aus, so der Stücke von Dario Fo). Als Anwalt, nach Hessen zurückgekehrt, vertrat er  als Wahlverteidiger Andreas Baader und Peter-Paul Zahl und erregte unliebsames Aufsehen mit seinem Roman „Die Herren des Morgengrauens“ aus den Terroristenprozessen. Seither gilt er als „linker“ Autor.

Aus der langen Reihe seiner Werke brachte Chotjewitz im Laufe der Lesung Proben aus dem Roman „Die Insel“ (1968), den Kurzgeschichten „Kannibalen“ (1997) und besonders seinem autobiographisch gefärbten Buch „Das Wespennest“ von 1999. Er erzählte jedoch zuerst von seiner Mitwirkung an einer Sendung im Westdeutschen Rundfunk mit dem Titel „Das Thema bleibt Deutschland“, die er mit einer Litanei aus allen bekannten Schlagworten zur „Deutschen Frage“ bereicherte – von „Deutschland bleibt Deutschland“ ausgehend. Damit stimmte er sein Publikum auf den Ton ein, in dem er seine Texte vorbrachte: nur keine Feierlichkeit!

Zunächst ging Chotjewitz dann auf die historischen Ursachen der deutschen Teilung ein. In seinem Roman „Das Wespennest“ wird der 1. Mai 1933 thematisiert, der Tag der Arbeit, den damals noch Nazis und Gewerkschafter gemeinsam begingen – bis am nächsten Tag die Gewerkschaften zerschlagen und ihr Vermögen auf die „Deutsche Arbeitsfront“ übertragen wurde. Überhaupt stellt der Autor hier die verworrene Gemengelage der deutschen Nachkriegsgesellschaft dar, die in allen Schichten für Unruhe sorgte.

Im nächsten Teil der Lesung – diesmal aus den Glossen im Kurzgeschichtenband „Kannibalen“ – schob Chotjewitz seine Vater als Erzähler vor, dem er zugehört habe, wenn dieser endlos Geschichten erfand. „Blumenkästen“ heißt die Satire auf die Sorgen des DDR-Politbüros, das sich bekümmert darüber zeigt, dass Reagan die Mauer so hässlich findet. Dabei könne man sie doch nur auf der eigenen Seite verschönern – bis einer auf die Idee kommt, man könne doch Blumenkästen auf die andere Seite hinüber hängen – es sei sowieso eine Lieferung im Vorrat, die sich in diesen Maßen für Balkons nicht gebrauchen lasse… „Sie wollten geliebt werden“.

In „Die Insel“ beschreibt der Autor dann den Besuch des Schahs von Persien in Berlin, 1967, an jenem 2. Juni, an dem Benno Ohnesorg erschossen wurde. Zentrale Szene: der Schah steht auf einer der Aussichtsplattformen, von denen aus man über die Mauer sehen konnte – alle warten auf seine Reaktion und sind tief befriedigt, als er seinen Abscheu bekundet. Die Besichtigung der Teilung als Ritual.

Weniger einsichtig im Hinblick auf das Thema der Lesung, aber symptomatisch für die erste Nachkriegszeit, war dann eine weitere Kurzgeschichte: der Vater erzählt die Geschichte    „Meine erste Hinrichtung“ – als er aus der russischen Gefangenschaft kommend auf endlosem Fußmarsch seine Familie sucht und um ein Haar kurz vor dem Wiedersehen noch erschossen wird, eine Groteske mit ernstem Hintergrund.

Am überzeugendsten dann das Kapitel „Die Wiedergutmachung“ aus dem „Wespennest“. Hier geht es um den "Ausgleich" zwischen Juden (nach dem Krieg nennt man sie lieber Israeliten), einem polnischen Zwangsarbeiter und dem gutmütigen Sozialkundelehrer aus Hofacker, dem Ort in Nordhessen, den man schon zu kennen meint. Dabei büßt der Lehrer die Uhr ein, die sein Großvater von August Bebel überreicht bekommen hat – aber er akzeptiert es, dass der Pole sie ihm abnimmt – ein wenig ausgleichende Gerechtigkeit.

Schließlich der Tag der Maueröffnung, der geschichtsträchtige 9. November 1989, erlebt in Köln – fast wie eine Tagebuchaufzeichnung des Autors, der ihn in einer Kölner, von Griechen geführten Kneipe erlebt. Da wird ein Schild gemalt „Neue Bewirtschaftung“, was den Gast, der noch ahnungslos ist, eher beunruhigt, sich aber als eine Prophezeiung erweist. Zaghaft scheint am Schluss eine Hoffnung auf: nun kann vergessen werden, was sich seit dem 30. Januar 1933 zugetragen hat – kann es das? Dass der Autor stumm diese Frage verneint, ist ihm leicht anzusehen.

Chotjewitz war selbst überrascht, wie vieles in seinen Büchern mit Deutschland und der deutschen Teilung zu tun habe, er hatte einen ganzen Packen mitgebracht und hätte sicher noch manches ergänzen können – meinte aber doch, man solle nun zu den sonntäglichen Rouladen gehen – zu einem Gespräch kam es dann nicht mehr, obwohl manches zu fragen gewesen wäre. Ein wenig gewöhnungsbedürftig war die etwas flapsige Art schon, aber dennoch zog Chotjewitz das Publikum in seinen Bann – Stoff zum Nachdenken wurde genug geboten. Man kann gespannt sein auf die nächste Veranstaltung zum Thema: Es ist dies die ursprünglich für den 20.Oktober vorgesehene, nun später nachzuholende Lesung von Thomas Brussig aus seinem Roman „Wie es leuchtet.“

Renate Scharffenberg

Diesen Artikel als PDF-Datei herunterladen

[Zurück zur Startseite]