Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 6 (2005), Heft 6


 

Schiller-Tage in Weimar

3. bis 6. November 2005

Eingeladen waren wir vom Weimarer Schillerverein zu seiner alljährlichen Tagung im November, die dieses Jahr ein besonders reichhaltiges Programm bot. Eingeführt durch den Vorsitzenden des Vereins, Professor Dr. Hans-Dietrich Dahnke, begann sie mit der Lesung von Thomas Manns Schiller-Rede aus dem Jahr 1955 durch Jürg Wisbach vom Weimarer Nationaltheater. Es erwies sich als glücklicher Griff, gerade diesen Text zurück zu greifen, der über die Jahre nichts von seiner Bedeutung verloren hat, zumal es dem Vortragenden ausgezeichnet gelang, ihn zu vergegenwärtigen.

Am nächsten Morgen standen auf dem Programm zunächst das Schillerhaus und die Marbacher Ausstellung im Schillermuseum: Götterpläne & Mäusegeschäfte. Schiller 1759-1805. Auch wenn man nicht zum erstem Mal im Schillerhaus war: das Arbeits- und Sterbezimmer Schillers mit dem Blatt aus dem Demetrius-Fragment auf der Schreibtisch rührt den Besucher ganz unmittelbar an in seiner unglaublichen Bescheidenheit – Schillers Sorge in der letzten Zeit seines Lebens galt nicht nur dem Werk, sondern auch der Umsetzung des dringenden Wunsches, bis zum 50. Lebensjahr seine Familie gesichert zu wissen. Er starb schon 45jährig…  Durch die große Schiller-Ausstellung führte sachkundig einer der Marbacher Mitarbeiter. Ihre Konzeption, die bewusst Schwerpunkte setzte, so den von Schillers Nachruhm oder seinen kalkulierten Freundschaften, eröffnete überraschende Einsichten. Ein Glanzpunkt: das Dokument, mit dem Schiller zum Bürger Frankreichs ernannt wurde – er erhielt es freilich erst lange nachdem die, die es unterzeichnet hatten, der Revolution zum Opfer gefallen  waren.

Am Nachmittag lud das Friedrich-Schiller-Gymnasium zu seiner Festveranstaltung zur Schillerehrung ein und bot ein reichhaltiges Programm mit dem großen Schulchor, mit Rezitationen und Lesungen. Besonders bemerkenswert für die heutige Zeit war es, wie die Schüler Balladen Schillers nicht nur ‚aufsagten’, sondern sie mit Leben erfüllten, was einem Zwölfjährigen mit Schillers „Der Handschuh“ erstaunlich gut gelang, ebenso wie einem anderen mit dem „Lied von der Glocke“, das er geradezu ‚aufführte’, ernsthaft, aber auch mit ironischer Brechung. Das war sicher nur deshalb möglich, weil in der Schule eine lange Tradition besteht, die alljährlich zu einem Rezitations-Wettbewerb führt. Professor Dahnke überreichte in diesem Rahmen die Preise, die für einen  ‚Illustrationswettbewerb im Schillerjahr 2005’ vom Schillerverein ausgelobt worden waren.

Für den Abend war ‚eigentlich’ die Premiere der „Räuber“ vorgesehen – die musste verschoben werden auf den Januar 2006. Als Ersatz bot das Nationaltheater „die räuber – short circuits vol. II“ an. „text-musik-performance von und mit brock enright, marcus schmickler, felix ensslin und mitgliedern des dnt ensembles“. Entstanden ist die Performance (die in dieser Fassung nicht wiederholt werden wird) im Zusammenhang mit der vorbereiteten Inszenierung von Schillers „Räubern“. Überrascht erfuhren wir, dass Enright in den USA auch „Entführungen“ anbietet; erst nachträglich wurde klar, dass auch eine der Mitwirkenden des Abends Opfer einer solchen Entführung war. Es ging um Gewalt: auf der dunklen Bühne mit drei Projektionsflächen hinter dem Tisch, an dem „Franz“, „Amalia“ und „Karl“ zentrale Texte aus dem Drama in ihre Mikrophone sprachen. Im Hintergrund wurde im Dunkeln eine Frau gequält, eben jene Entführte (rot gekleidet unter dunklen Räuber-Gestalten). Die Bilder auf den Leinwänden – schwer einzuordnen – zeigten unterschiedliche Szenen, die letzten dann nur noch rohe Gewalt.  Ein Chor rezitierte Passagen aus Thomas Manns „Dr.Faustus“, die man aber kaum verstehen konnte. Es war deutlich festzustellen, dass Teile des Publikums verärgert reagierten. Auch der Beifall nach den genau 77 Minuten, in denen die Performance ablief, war dürftig. Versöhnt konnte man sein durch die Kraft der Schillerschen Sprache, die selbst in einer derart unterkühlten Darbietung unverwechselbar nachhallt.

Am Samstag wurden dann die Weimarer Schiller-Tage noch einmal förmlich eröffnet: als die gewohnte Vortragsveranstaltung. Zu Beginn überreichte der Vertreter des Niederländischen Botschafters eine neue Übersetzung von Schillers „Der Abfall der Niederlande von der spanischen Regierung“, der ersten seit 1791, sodann schenkte eine junge japanische Wissenschaftlerin ihre Dissertation über „Schillers untragische Tragödien“ als Zeichen des Danks für all die Förderung, die ihr in Weimar zuteil geworden sei. Thema der beiden folgenden Vorträge war  „Schillers Aktualität im 21. Jahrhundert“. Dazu hinterfragte Friedrich Dieckmann (Berlin) die gängigsten Klischees, die Schillers Bild verstellen, das des ‚Freiheitsdichters’, des ‚Pathetikers’ und seine Ansicht vom ‚Theater als moralische Anstalt’ und gewann damit den Ausgangspunkt für eine neue Betrachtung von Schillers Werk (übers Jahr wird man es nachlesen können in der Jahresgabe des Schillervereins). Das gilt ebenso für die Ausführungen von Professor Dr. Norbert Oellers (Bonn), der die Zuhörer mitnahm auf einen Weg durch die Schiller-Rezeption der Wissenschaft im 20. Jahrhundert., ausgehend von den Schillerfeiern vor 100 Jahren, mit einem besonderen Hinweis auf das damals erschienene Schillerbuch von Franz Mehring, das den Dichter der Arbeiterklasse nahe bringen sollte. Kritisch nahm er die Veröffentlichungen aus dem Ende der Weimarer Zeit unter die Lupe, als   einzige Ausnahme ließ er die Schillerrede Max Kommerells in Bonn 1934 gelten. Nach dem Ansehensverlust Schillers seit 1945 sieht er jetzt eine Wiederbelebung, aber die Zukunft ist offen.  Eigentlich war als dritter Vortrag der des Intendanten des Weimarer Nationaltheaters Stefan Märki vorgesehen – für ihn sprang die Chefdramaturgin des Theaters ein, Frau Dr. Susanne Winnacker, zum Thema „Enthusiasmus“. Ihre Rede stellte in gewisser Weise eine Verbindung her zu der anderen Schiller-Tagung, die gleichzeitig in Weimar stattfand, der internationalen Konferenz zum Thema „Spieltrieb. Was bringt die Klassik auf die Bühne?“, mit ihrem Kurator Felix Ensslin.

Am Abend nun die Premiere von „Maria Stuart“. Ganz Weimar strömte herbei – die Vorstellung war seit langem ausverkauft. Man hatte schon etwas von ‚Chören’ raunen gehört, auch von unzufriedenen Schauspielern, war also durchaus auf besonderes gefasst und sah nun Maria Stuart,   allein zuerst, dann begleitet von einem in gleichmäßiges Grau gekleideten Chor von Frauen, ihr gegenüber der größere dunkle Männerchor. Die Frauen sprachen den Text der Hanna Kennedy, die Männer waren alle zugleich: Leicester, Shrewsbury, Burleigh, Davison, Paulet und Mortimer, Melvil und die französischen Gesandten. Und wie Maria war auch Elisabeth zwischen den Chören allein. Man musste das Werk schon recht genau kennen, um die jeweiligen Gegenspieler aus dem Chor auszumachen – der Regisseur schreibt dazu: „Meine Inszenierung und die Verwendung der Chöre sind der Versuch, politische Strategien als vorwiegend unbewusste, dem alltäglichen Zwang zur Macht unterworfene, aufzuzeigen. Interessant dabei ist, dass beide Protagonistinnen in gewissem Sinne gerade in ihrer Gegensätzlichkeit eine ähnliche Rolle in diesem Drama der Macht einnehmen. Beide besetzen eine Position der Ausnahme. Auch darum sind sie die Stimmen, die nicht mit in den Chor eingehen…“ (Stefan Märki) Die Königinnen sind denn auch durch farbstarke Gewänder herausgehoben. Dennoch erhält das Stück etwas Statisches, Hoch-Formales, Kühles. Der Rang dieser Aufführung jedoch lag in der Konzentration auf die Sprache Schillers. 

Am nächsten Vormittag stand für den Weimarer Schillerverein die Mitgliederversammlung an – die auswärtigen Gäste nahmen deswegen die Gelegenheit wahr, noch einmal ins Theater zu gehen, diesmal zur festlichen Verleihung des Thüringer Literaturpreises an Sigrid Damm. Die hier zu ehrende Autorin hatte mit ihrem Werk „Das Leben des Friedrich Schiller – Eine Wanderung“ dem Schiller-Jahr einen eigenen Akzent gesetzt; der Preis gilt darüber hinaus ihrem ganzen Werk, das unter dem Begriff der „Spurensuche“ gekennzeichnet werden kann. Ansprachen hielten Erich Böhm, Vorstand der E.ON Thüringer Energie AG, als Sponsor des Preises, Dieter Althaus, Ministerpräsident des Freistaates Thüringen, sowie Hans-Joachim Simm, Leiter des Insel Verlags. Die Laudatio „Auf literarischer Spurensuche. Zum Werk Sigrid Damms“ hielt Karl Otto Conrady, Professor emeritus der Universität Köln. Seine Rede kreiste um den Begriff des  ‚dokumentarischen Erzählens’, eine Besonderheit, die Sigrid Damm schon in ihren ersten Büchern über Jakob Michael Reinhold Lenz, Caroline Schlegel-Schelling, Cornelia Goethe und dann vor allem in „Christiane und Goethe“ ausgebildet hat. Er hob auch das Maß an ‚poetischer Phantasie’ hervor, das in ihre Spurensuche eingeht und charakterisierte das häufig verwendete Stilmittel einfachen Benennens – gerade im Schiller-Buch. Es folgten die Übergabe des Preises durch Wulf Kirsten, den Vorsitzenden der Jury, und die Dankrede Sigrid Damms, die sie ihrer Heimat Thüringen widmete: Buchenwald und Weimar als Kristallisationspunkte benennend.

Renate Scharffenberg  

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