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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 6
(2005), Heft 6
Seitdem uns die Hirnforschung über ihre jüngsten Ergebnissen informiert hat und uns in Aussicht stellt, man könne die Funktionsweise des Gehirns irgendwann verstehen, tauchen überall, wo die damit zusammen hängenden Implikationen diskutiert werden, Argumente auf, die einem unerschrockenen Beobachter ein Dejá-vu Erlebnis bereiten, dies insbesondere, wenn es um das Problem des freien Willens geht. Man gewinnt den Eindruck, dass alle relevanten Argumente bereits irgendwo schon einmal geäußert wurden, was freilich niemanden davon abhält, die Diskussion erneut zu führen. Denn tatsächlich muss man zugestehen, dass es ja nicht reicht, wenn irgendwann und irgendwo das Gespräch bereits geführt und mangels nachhaltiger Beteiligung wieder abgebrochen wurde. „Es ist alles schon gesagt, aber noch nicht von allen“ wie Karl Valentin einmal bemerkte, was ja auch daran liegt, dass ständig neue Gäste am Tisch Platz nehmen und diese nicht zuerst die Einladungsliste studieren, denn wie könnte man sich dann überhaupt am Gespräch beteiligen, zumal die Beteiligung erstens überall erwünscht und zweitens von keiner zentralen Stelle aus Einladungskarten verschickt werden.
Außerdem ist ja nicht nur die Frage interessant, was es Neues gibt, sondern auch die, ob das Alte schon bekannt ist. Trotzdem reicht es aber nicht, wenn man mittels eines ausgedehnten Fußnotenteils nachzuweisen versucht, wer was wann schon einmal den freien Willen betreffend gesagt, gefordert, erklärt oder zurück gewiesen hat. Auf diese Weise mag man zwar mit der Autorität der Belesenheit argumentieren können, nicht aber mit der Kraft des Argumentes, das auf jede Autorität verzichtet und folgerichtig auch auf die Autorität der eigenen Kraft. Argumente sind nicht überzeugend, Argumente klären nicht die Sachlage, Argumente sorgen nicht für Ruhe, sie beenden nicht das Gespräch. Argumente sind Vorschläge zur Vereinfachung der Kommunikation, Vorschläge, die entweder akzeptiert werden oder nicht, die entweder das Gespräch beleben oder einfach aussortiert werden. Es kommt also nicht darauf an, zu erklären, dass alles längst bekannt ist, denn das ist es offensichtlich nicht; es kommt darauf an, die Gründe für die fortdauernden Irritationen ernst zu nehmen.
Das, was die Ergebnisse der Hirnforschung so interessant macht, liegt eigentlich nicht an diesen selbst. Die Frage, ob es ein „Ich“ wirklich gibt, ob alle Realität die Realität eines Gehirnes sei, ob man vom „freien Willen“ sprechen könne oder nicht – selbstverständlich kann man über all das sprechen, denn es geschieht doch. Deshalb geht es eigentlich nicht um die Frage, was an dem Gehirn so interessant ist, welche verborgenen Geheimnisse man diesem Organ in Zukunft noch entlocken könnte, sondern mehr darum, warum das Gespräch über das Gehirn die Gemüter so bewegt. Es liegt sicher ein schöner Reiz in der Sache, diese Überlegung feullitonistisch zu behandeln, weil man so auf einfache und sympathische Weise Unterhaltungseffekte erzielen würde, welche die Faszination für das Gespräch zu steigern vermögen. Wollte man etwa beim Gespräch über das Gehirn darauf aufmerksam machen, dass hier heikle, ja fast intime Dinge zur Sprache kommen, so wird man leicht einen Publikumserfolg erreichen, wenn man erwägt, dass in Zeiten des sexuellen Liberalismus neue Zonen der Schamhaftigkeit erzeugt werden müssen, dass neue Grenzen für das, was man nicht, oder nur schwer zur Sprache bringen kann, als Prüfstein der zivilisierten Zuverlässigkeit gezogen werden müssen. „Das Gehirn als Argument und Ausrede“ – so oder ähnlich könnten die Überschriften lauten, und die zu erwartenden Beiträge mögen höchst interessant sein. Es wird sicher nicht lange dauern, und das Thema wird von der Gehirnforschung zu den Ergebnisse der KI-Forschung, von dieser wieder zurück zur Humangenetik wechseln, die Frage wäre nur, ob man jeweils auf Gretchens Anliegen zu sprechen käme oder nicht. Im letzteren Fall blieben die Forscher unter sich, sofern sie darauf verzichteten, sich in Dinge einzumischen, die im Methodenteil ihrer Lehrbücher nicht behandelt werden; erfahrungsgemäß ist dieser Verzicht für eifrige Forscher jedoch unzumutbar.
Es geht also nicht ums Gehirn; und sieht man den Hirnforschern zu, wie sie reden, wird man feststellen: auch ihnen geht es um etwas anderes. Praktisch geht es um die Herkunft der Irritation, und niemand kann evident begründen, es sei in dieser Sache ein Gehirn über sich selbst irritiert, ja, ein Gehirn kann nicht einmal irren. So wenig wie die Verdauung oder der Blutkreislauf dies vermögen, so wenig ist ein Gehirn dazu in der Lage, es sei denn, man nimmt an, dass ein neuronales Gewebe ein überleibliches Organ sei. Als säkularer Mensch wird man sich dazu kaum versteigen können, andernfalls könnte man dann mit dem gleichen Recht auch sagen, die feine Pinselkunst eines Dalí sei wissenschaftliche Malerei. Ein metaphysisches Organ gibt es einfach nicht.
Man liegt sicher nicht ganz falsch, wenn man annimmt, dass die strukturellen Determinanten der Irritation weniger in biophysikalischen Vorgängen irgendeiner neuronalen Hinterwelt liegen, sondern eher durch etwas ganz anderes zustande kommen, etwas sehr Vorderweltliches, das etwas kann, was kein Gehirn kann: Themen erzeugen, Beiträge sammeln, Irritation steigern, Argumente sortieren und bei Bedarf das Thema wechseln. Zu diesem Zweck sei hier darauf hin gewiesen, dass die Irritationen über zurückliegendes Thema vielleicht erklärbar werden, wenn man sich fragt, warum auch das Gespräch über das Gehirn über kurz oder lang scheitern und zu gegebener Zeit neu belebt werden wird. Es bezieht sich auf ein bislang nur ungenügend bewältigtes Problem der alteuropäischen Tradition, das uns als metaphysischer Realismus vorliegt. Zwar hat man es schon geschafft, der Tradition mit Gelassenheit zu begegnen, indem man auf Argumente des Konstruktivismus verweist, aber auch der Konstruktivismus hat, soweit ich es überblicke, keine Theorie für das Scheitern einer Theorie, auch nicht für das Scheitern des metaphysischen Realismus und damit keine gute Erklärungsbasis für seinen eigenen Erfolg. Der Konstruktivismus mag Lösungen liefern, aber für welches Problem? Für das Problem der Erkenntnis? Erkenntnis als Problem zu bezeichnen ist doch äußerst ungewöhnlich, wo doch nichts so normal ist wie Erkenntnis. Sie kommt mehrmals täglich vor, beim Rasieren genauso wie beim Computerspiel oder am Telefon; dass das bei Philosophen ebenso vorkommt, macht die Sache aus diesem Grunde noch nicht besonders interessant. Außerdem gibt es auch im philosophischen Gespräch in den meisten Fällen wenig Grund, sich über Erkenntnis zu irritieren, denn das Gespräch müsste sofort zum Stillstand kommen ob der unzählig vielen Anschlussmöglichkeiten. Entsprechend bleibt dann nur die Möglichkeit übrig, Irritationen für die Fortführung des Gesprächs zu nutzen, ohne sich über die Herkunft jeder möglichen Irritation zu irritieren. Auch ein philosophisches Gespräch über Erkenntnis erzeugt Erkenntnis, welche aber zum Zeitpunkt ihres Vorkommens nicht irritieren kann, denn sonst wäre sie unmöglich.
Die Besonderheit, den Normalfall der Erkenntnis zum Problemfall zu machen, ist das herausstechende Merkmal unserer Rezeption der Tradition, welche ihrerseits noch die Möglichkeit akzeptieren konnte, dies nicht zu sehen, weil ihre zu behandelnde Problemlage das noch nicht erforderte. Entsprechend lieferte sie Lösungen, mit denen wir kaum noch etwas anfangen können, weil uns, scheint mir, das Problem der Tradition abhanden gekommen ist. Aber sofern wir eben dies nicht sehen, kann passieren, was durch die von Friedrich Seibold hier im Marburger Forum ausgelöste Diskussion um die Frage, ob es eine bewusstseinsunabhängige Realität gibt, passiert ist. Die Diskussion hat uns anschaulich vor Augen geführt, wie wenig Lösungskompetenz das traditionelle Problem einer wie auch immer gemeinten objektiven Realität außerhalb des Bewusstseins enthält. Denn wir dürfen auf die so gestellte Frage, ob es eine bewusstseinsunabhängige Realität gibt, zwei verschiedene Antworten ernsthaft prüfen. Die eine Antwort lautet: ja, die andere: nein. Die daran anschließende Frage lautet nicht, welche richtig oder falsch ist. Sie lautet: wie ist das möglich? Denn die Prüfung beider Antworten hat zum Ergebnis, dass sie letztendlich unhaltbar sind. Wenn dann aber Beweise, im erweiterten Sinne des Begriffes zwingende Argumente oder auch nur plausible Begründungen in Hinsicht auf Für und Wider ins Gespräch gebracht werden, kann nicht erkennbar werden, dass man durch keinen Beweis beweisen kann, dass Beweise etwas beweisen. Oder auch anders formuliert: wer etwas zu beweisen hat, müsste beweisen können, dass es genau darauf ankommt; aber wir stellen fest, dass es darauf eben nicht ankommt. Im Gegenteil. Das Anführen von Beweisen mag zwar zur Verdichtung von Argumentationskompetenz und zur Steigerung der Irritation beitragen, stellt man aber fest, wie wenig haltbar sie sind, geht man sehr schnell dazu über, Beweise selbst zum Thema des Gesprächs zu machen, man tut also dann im Grunde nichts anderes, als das Thema zu wechseln. Was sollte man auch sonst tun, wenn man logisch erkennt, dass man so nicht weiter kommt?
Nach Einsichtnahme in das Scheitern des Gesprächs um Für und Wider möchte ich als Gegenvorschlag wieder zum Thema zurück kehren, möchte aber auf zwei daraus abgeleitete Fragen aufmerksam machen. Die erste lautet: woher kommt eigentlich das Problem; und die zweite: warum interessiert es uns immer noch?
Beide Fragen möchte ich vorwegnehmend kurz zusammenfassend beantworten:
1. Das Problem, sagen wir besser: die Erwägung der Möglichkeit einer bewusstseinsunabhängigen Realität ist entstanden als Lösungsvorschlag in der frühen Neuzeit für eine historisch, durch das Mittelalter, überlieferte Problemlage, die keinen anderen Ausweg zuließ, als nach der Möglichkeit von Erkenntnis zu fragen. Schon diese Frage, nicht schon eine Antwort, war unter der Bedingung eines Paradigmenwechsels zur Moderne anschließbar zu machen, eine Frage, von welcher man damals aus guten Gründen hoffen konnte, dass sie entscheidend weiter helfen würde.
2. Die Frage nach der Möglichkeit von Erkenntnis hat sich bis heute bewährt und zwar nur insofern sie keine abschließende Antwort geliefert hat. Statt aber heute mit dem Scheitern einer Lösung auch das Scheitern des Problems zu akzeptieren, stellt man das überlieferte Problem auf Dauer, weil man sich, aus welchen Gründen auch immer, nicht oder nur sehr zögernd und umständlich mit einer aktuellen Fassung des traditionellen Problems beschäftigen möchte. Was bleibt denn übrig, wenn man alle möglichen Antworten auf eine Frage verwirft? Nun, die Frage bleibt übrig. Eigentlich müsste man doch dazu übergehen, die Frage zu stellen, wo Fragen herkommen, ganz allgemein formuliert, wie Probleme möglich sind, denn es könnte ja sein, dass eine Antwort auf die so gestellte Frage doppelt nutzbar ist, nämlich auch zur Beantwortung der Frage, wie Antworten, wie Lösungen möglich sind.
Die Beantwortung beider Fragen geht von der Voraussetzung aus, dass Problem und Lösung als Zwillinge, als Brüderchen und Schwesterchen zur Welt kommen. Es ist unmöglich, ein Schloss zu erfinden ohne zugleich die Erfindung des passenden Schlüssels möglich zu machen. Und andersherum. Problemerkenntnis und Lösungserkenntnis sind nicht bloße Komplementärbegriffe, sondern sie sind praktisch sich gegenseitig stützende und korrelierende Ergebnisse von kommunikationsstrukturierten Sinnfindungsprozessen, welche, sobald es gelingt, sie asymmetrisch zu differenzieren, Strukturbildungseffekte zeitigen, die ihrerseits dafür sorgen, dass die Verbindungswege zwischen Schlüssel und Schloss intransparent werden mit dem Ergebnis, dass das Licht jeder möglichen Aufklärung auch als Gegenlicht die Durchsicht blenden kann. Plötzlich hat man es dann mit der Problemerkenntnis der Intransparenz zu tun und entscheidet sich dafür, nach einer Lösung zu suchen, statt danach zu fragen, wie man sie denn nur verlieren konnte. Denn wo sollte das Problem hergekommen sein, wenn es nicht auch eine Lösung gegeben hätte? Aber jeder weitere Versuch, der sich nicht über die Herkunft des Nichtwissens irritiert, steigert nur die Intransparenz und sorgt für Verschärfung der Problemlage. Dass aber auch Nichtwissen - das Ergebnis eines Prozesses des Vergessens - erzeugt werden muss, dass also auch Strukturen der Löschung von Informationen begleitend mitentwickelt werden, kann jedem einleuchten, der sich daran erinnert, dass er etwas vergessen hat.
Nehmen wir Problem und Lösung als zwei Seiten einer Form, die wir dadurch definieren, dass die eine Seite nicht ohne die andere möglich ist und nur durcheinander (in der doppelten Bedeutung des Wortes) überhaupt in Erscheinung treten können, so muss uns zur Herstellung von zwei Möglichkeiten einer zu erzeugenden Wirklichkeit (Problem/Lösung) das Kunststück gelingen, beide Seiten, obgleich zusammengehörend, unabhängig von einander zu betrachten, sie zu separieren, sie zu trennen auch dann, wenn wir Gefahr laufen, uns ein Defizit der paradoxen Widersprüchlichkeit einzuhandeln, und damit konsequenterweise ein Realitätsdefizit. Die Asymmetrisierung beider Seiten bedeutet, eine Entscheidung zu treffen, ob das Problem als Problem oder als Lösung behandelt wird, oder auch andersherum: die Lösung als Problem oder Lösung. Entscheidet man sich nicht, kommt man nicht weiter, denn: ist der Unterschied von Problem und Lösung ein Problem oder eine Lösung? Man erkennt sofort, dass man den Unterschied nur mit Hilfe eines weiteren Unterschieds operativ handhaben kann. Fehlt es am Licht oder will man nach dem Lichtschalter suchen? Es kommt eben darauf an, was man als Problem, was als Lösung nimmt – die Dunkelheit oder die Sicherung? Entsprechend wird man vielleicht nach Machbarkeit/Nichtmachbarkeit fragen und schauen, ob’s geht. Freilich ist die Sache makrotheoretisch etwas komplizierter, wenn man davon ausgeht, dass eine philosophische Tradition nur durch den Staffellauf mehrerer Generationen zustande kommt, zuzüglich der Vermutung, dass die Übergabe des Stabs auch scheitern, dass also Diskontinuität innerhalb einer Kontinuität vorkommen kann. Man könnte es trivial in der Weise formulieren, dass man die Tagesordnung der zu behandelnden Punkte festlegen und dann den Sachverhalt entlang einer Zeitachse auseinander ziehen muss, ohne allerdings kontrollieren zu können, dass die Tagesordnung wie geplant eingehalten wird. Dies ist gemeint mit dem Begriff der Strukturbildungseffekte, welche auftreten, sobald bei unverzichtbaren Konsistenzprüfungen dessen, was haltbar ist oder nicht, Verschiebungen auftreten, die dann die Aufmerksamkeit auch auf anderes richten können. Prinzipiell sind diese Resultate unvorhersehbar und steuern, auch gegen den individuellen Willen der Beteiligten, den Fortgang des Gesprächs, in unserem Fall die kontinuierliche Kommunikation über die Frage nach der Möglichkeit von Erkenntnis. In nicht wenigen Fällen ist es deshalb möglich, dass man im Laufe der Zeit Antworten gefunden hat auf Fragen, die zuvor gar nicht gestellt wurden.
Man hatte nach der Einsicht in die Unhaltbarkeit der mittelalterlichen Ketzerstreitigkeiten nach etwas anderem gesucht, man hatte nach einem Aspekt von Wirklichkeit gefragt, der innerhalb der bekannten Streitigkeiten zwar eine Rolle spielte, dort aber nur latent reflektiert, also nicht oder nur marginal zur Sprache kam, obwohl darüber sehr wohl kommuniziert wurde. Es muss hier nicht weit ausgeholt werden, um kurz begründbar zu machen, warum die Philosophie und in der Folge die mit ihr verbandelte Naturwissenschaft ihren beeidruckenden Emanzipationsprozess einleiten und die Theologie auf die Plätze verweisen konnte. Die scholastische Theologie war erstens mit dem Ausbau der Universitäten und zweitens mit der Erfindung des Buchdrucks zu gefährlich geworden, die Beteiligung am Gespräch war zu riskant, die virulente Verdächtigungsgewalt war außer Kontrolle geraten, weshalb die nachdenklichsten Köpfe, sofern sie ihren nicht verlieren wollten, irgendwann neue Wege suchen mussten. Schon Nikolaus von Kues hatte selbstverdächtigend bemerkt, dass es wohl besser wäre, wenn seine Schriften nicht in jedermanns Hände fielen. Wer weiß, welchen Strick man ihm daraus hätte drehen können? Auch der Fall Martin Luther gehört noch in diesen Problemkreis, was einzig damit zusammenhing, dass es Geistliche waren, die um Geistlichkeit stritten. Vergleichbares liegt vor im Fall Giordano Bruno und Jan Hus. Im Falle von Kopernikus lag sie Sache schon etwas anders. Er war theologisch informiert und inspiriert und letztlich auch der Firmung des Glaubens bedürftig, aber er war Wirtschaftsverwalter von Beruf und Mathematiker in der Freizeit, weshalb es keinen Kleriker wirklich störte, wenn ein Gelehrter aus dem Publikum geometrische Hypothesen, intellektuelle Spielereien ins Gespräch brachte, welche übrigens nicht neu waren, sondern bis Kopernikus als nicht weiterführend galten. Ob ähnliches auch Galilei für sich in Anspruch hätte nehmen können, gemeint ist damit eine Art von Narrenfreiheit für einen Mathematiker, ist müßige Spekulation, aber in seinem Falle zeigte sich, dass das, was bereits währte, auch endlich werden wollte: die Einmischung von Nichtklerikern in Sachen einer zivilisationsfestigenden Letztbegründung – die Würde Gottes, eine Einmischung, die deshalb so frech war, weil sich die Laien an der Rettung dieser Letztbegründung interessiert zeigten, was – welch Verhängnis! – gerade dazu führte, dass die begehrte Letztbegründung endlich fallen musste. Die Geistlichkeit hatte sich für ihr eigenes Versagen an denjenigen gerächt, die nichts weniger wollten, als sich verständig und gehorsam als Rettungshelfer anzubieten. Descartes etwa, dem es als Nichtkleriker gelungen war, einen Gottesbeweis zu formulieren! Die Theologen hatte ja längst herausgefunden, dass Beweise widerlegbar sind, und welcher Geistliche hätte schon den daraus resultierenden Verdacht ertragen können? Die Gelehrten, die sich in der Folgezeit wieder griechisch, wie etwa Melanchthon, also heidnisch, betätigen durften ohne um Leib und Leben fürchten zu müssen. Worum es in all diesen Fällen ging, war die Notwendigkeit, Abweichung zu ermöglichen, und zwar dies durch kritische Affirmation bestehender Autoritäten, dass also Abweichung nicht als Abweichung in Erscheinung treten durfte; oder anders: die Zeit war reif für den Umstand, dass eine Wahrheit genauso behandelt werden musste wie eine Lüge. Man durfte sie äußern, aber man durfte sich nicht dabei erwischen lassen.
Wir sind gewohnt diese Entwicklungen als Renaissance, Humanismus und Reformation zu behandeln, und glauben damit, etwas Relevantes verstanden zu haben. Aber ich halte das für einen Irrtum. Nicht immer dann, wenn Schubladen auf und zu gehen, ist wirklich etwas Wichtiges passiert.
Noch bei Descartes war das natürliche Licht Gottes die Quelle der Erkenntnis und das Bewusstsein die Quelle allen Irrtums, aber spätestens damit war der Paradigmenwechsel – rückblickend betrachtet – unwiderruflich vollzogen. Nun hatte man etwas gefunden, was zwar irgend wie bekannt, aber doch ungenügend erforscht war, ungenügend durchleuchtet, was aus diesem Grunde genügend Anlass bot zu glauben, dass ein Bewusstsein sich für ein anderes durchsichtig machen könnte; eine Möglichkeit, die, wie ich meine, unseren Kant gleichsam magisch fasziniert haben muss. Wenn du dich nur deines Verstandes bedienst, wirst du verstehen, was ich verstehe. Aber das musst du selber tun. Interessant ist, dass die darin enthaltende Paradoxie bis heute unangenehm auffällt: Tue, was ich dir sage, nämlich höre damit auf, zu tun, was andere sagen und fang selber an. Im besten Fall möchte man schmunzeln, aber auch das Schmunzeln ist nur die andere Seite dessen, womit wir nichts Rechtes anzufangen wissen. Entscheidend aber ist, dass dann erkannt wurde, dass es das Bewusstsein ist, welches Irrtum und Wahrheit erzeugt. Das Ergebnis dieses historischen Verschiebungsprozesses war überraschend, weil sich im selben Moment ein neuer, fast unbegrenzter Horizont an Möglichkeiten auftat. Nun konnte man den Menschen als Zurechnungsinstanz für Problem und Lösung in Anspruch nehmen, was gegenwärtig nahezu inflationär geschieht, weshalb man sich doch fragen darf, ob das alles noch weiter führt. Man erwartet hartnäckig und selbstverständlich, ein Mensch könne dafür sorgen, woran es angeblich überall fehlt: Klarheit. Da es nun leider auch keinen klaren Begriff gibt von dem, was man mit Klarheit meint, müsste man doch konsequenterweise den Menschen aus einer Theorie entlassen. Doch scheint eine solche Überlegung viel zu riskant, als dass sie problemfrei (nicht problemlos!) zu besprechen wäre, weshalb man es einstweilen dabei belassen wird, das Problem höher zu schätzen als die Lösung.
Descartes war noch motiviert durch die Überlegung, dass man in die Theologie nur dann Ordnung bringen könne, wenn man dies zuvor in der Philosophie ein für alle mal sicher stellt, entsprechend musste der Irrtum als Problem und Erkenntnis als Lösung in Erscheinung treten. Aber erst nach Kant, seit der Herausbildung eines Spezialdiskurses über Erkenntnistheorie gibt es das Erkenntnisproblem als Spezialproblem von Philosophen, die sich nichts dabei denken, wie merkwürdig ihr Anliegen ist. Warum auch? Denn in einer ausdifferenzierten Gesellschaft macht ja doch jeder, was er will. Warum sollten ausgerechnet Philosophen etwas anderes machen?
Niemand von uns hält heute noch dafür, Bewusstseine (sic!) könnten sich gegenseitig durchschauen, weil erstens unsere Alltagserfahrung uns beständig über das Gegenteil belehrt und zweitens, weil wir den traumatischen Erfahrungen totalitärer Systeme aus guten Gründen mit Abneigung begegnen, hatten diese unzüchtig aus diesem, anfangs unschuldigen Wunsch, doch den Gegenstand einer Terrorideologie gemacht. So wenig wir also an der Hoffnung Kants partizipieren können, so viel möchten wir aber an der Problemlage festhalten, welche ja erst durch den Wechsel zur modernen Industriegesellschaft entstanden ist. Standen am Ende der alten Gesellschaft die Möglichkeiten des Bewusstseins als Lösung für die Probleme der alten Welt, wurde daraus im Übergang diese Lösung selbst zu einem Problem gemacht, weil man eine überlieferte Lösung mit einer neu entdeckten Problemlage koppelte. Dabei handelt es sich um die Entdeckung von Gesellschaft, in deren Entdeckungszusammenhang die Probleme wie folgt gegliedert waren: Erstens die Einsicht, dass es Gesellschaft gibt, wobei die Begriffskonnotation von Gesellschaft die Säkularität schon semantisch eingeklammert hatte, dass diese zweitens von Menschen gemacht wird und gestaltet werden darf, dass diese Menschen drittens Subjekte und hinsichtlich ihrer Subjektivität nicht allein objektiv körperlicher, sondern auch objektiv geistiger, unsichtbarer Natur sind, dass diese Subjekte viertens Rechte haben und schützenswert sind, dass diese Menschenrechte fünftens von einer Gesellschaft sichergestellt werden müssen, deren Bestandsbedingungen sechstens noch zu erforschen und darum ungewiss sind. An dem Projekt der Erforschung der Bestandbedingungen sind seitdem ein Vielzahl Wissenschaften beteiligt: Wirtschaftstheorie, Psychologie, Pädagogik, Jura, selbstverständlich auch die Natur- und Technikwissenschaften, deren Anliegen es ja von jeher war, dem Wohl und Nutzen von Menschen zu dienen. Aber auch Kunst, Religion und Politik haben das ihrige dazu beigetragen, das Programm einer Verbesserung des menschlichen Loses in die Tiefenstrukturen der Gesellschaft zu verankern. Und die Frage wäre, wie tief das Humanprogramm in der Gesellschaft inzwischen eingeschliffen ist. Insofern stellte sich heute Gretchens Anliegen ganz anders dar: „Nun sag, wie hast du’s mit dem Menschheitstraum? Du bist ein herzlich guter Mann, Allein ich glaub’, du gibst nicht viel darum.“ (Zitat verfälscht! Oder besser: aktualisiert.) Ist die Zeit schon angebrochen, in welcher man ähnlich wie Faust es vorsichtig versucht, in diesen Dingen Indifferenz, wenn auch wortreich und differenziert, zu bekunden? Gibt es schon Anzeichen für den dahinscheidende Glauben, Menschen könnten Gesellschaft in den Griff bekommen?
Gibt es für ein Bewusstsein eine Außenwelt? Die Frage ist so interessant wie die Frage, ob es für einen Fisch eine Atmosphäre gibt. Ob wir ein Bewusstsein oder einen Fisch danach befragen, bleibt einerlei, weil alles, was im Anschluss an die Frage geschieht, entweder als Kommunikationsoperation beobachtet wird oder nicht. Dass das Verhalten eines Fisches als Auskunft nicht anschließbar ist, leuchtet ein, von einem Bewusstsein erwarten wir aber, es möge sich anschlussfähig mitteilen; und bitte: vollständig, logisch, widerspruchsfrei, unmissverständlich, vernünftig, kritisch, konsensfähig, realistisch, kenntnisreich, wissenschaftlich, wahrheitsgemäß, differenziert, fehlerfrei, einwandfrei. Warum auch nicht? Aber was geschieht, wenn alle Bedingungen erfüllt wären? Nun, das Gespräch ginge weiter, dies nicht obwohl, sondern weil die Komplexität der Bedingungen nicht erfüllt zu werden braucht. Konsequenterweise müsste man dann zu der Einsicht kommen, dass ein Bewusstsein ständig daran scheitert, mit seiner Außenwelt in Verbindung zu treten, zu kommunizieren, wie man sagt, oder zu akzeptieren, dass es für ein Bewusstsein keine Außenwelt gibt. Aber spätestens dann gibt es keinen guten Grund mehr, dass Gespräch neu zu beleben. Wenn dies aber dennoch geschieht, was wahrscheinlich kommen wird, bleibt die Frage übrig, wie Kommunikation möglich ist unter der Bedingung, dass sie keine weitere erfüllen kann als die, ihre Anschlussfähigkeit sicher zu stellen und nicht etwa die, ein Bewusstsein möge sich verständlich mitteilen.
Soweit ich es überblicke, gibt es für solche Überlegungen in der modernen Philosophie keinen Ansatz, der integrationsfähig wäre. Philosophien orientieren sich zwar linguistisch, soziologisch, psychologisch, ökonomisch, biologisch oder auch historisch, was vielleicht daran liegen mag, dass die Philosophie ihre eigenen Kapazitäten mehr als genug belastet hat, weshalb man in der Nachbarschaft herum schaut, ob man dort noch etwas anderes findet. Aber in allen Fällen, auch in dem Sonderfall, dass eine Philosophie sich nur für Philosophie interessiert, hat sie es inzwischen mit etwas ganz anderem zu tun als dem, was von der Tradition angeschwemmt wurde und als Strandgut überall herum liegt. Dabei handelt es sich um antiquarische Materialien, deren Realität durch keinen Urheber bezeugt werden kann. Man könnte sie archivieren; man könnte ihnen aber auch mit neuen Fragen begegnen, Fragen, die in diesen Materialien selbst nicht gestellt wurden, welche allerdings mit dazu beigetragen haben, dass neue Fragen aufkommen wie etwa die nach der Fähigkeit eines Gehirns, Gehirnforschung betreiben zu können.
Was die gegenwärtige Hirnforschung für einen Philosophen so interessant macht, liegt nicht allein daran, dass Philosophen ihr eigenes Repertoire an Möglichkeiten weitgehend erschöpft haben, auch nicht eigentlich daran, dass Hirnforscher sich in Dinge einmischen, die der Tradition nach in das Gebiet der Philosophie fallen. Freier Wille, Realität, Subjekt – man müsste es andersherum sehen. Auch die Naturwissenschaft hat damit angefangen, Fragen zu stellen auf der Basis ihrer selbst erzeugten Daten, an welchen Philosophen auch ohne eine technikintensive Forschung schon seit geraumer Zeit laborieren. Und schaut man sich die Ergebnisse an, zu denen Philosophen bislang gekommen sind, kann man in Hinsicht auf die zu erwartenden Ergebnisse der Hirnforschung nur optimistisch sein. Auch sie wird irgendwann entweder ihr Thema wechseln, oder erst durch einen zu erwartenden Paradigmenwechsel Anschluss finden an ein Gespräch, zu dessen Möglichkeit sie jetzt schon die relevanten Materialien erzeugt.
Zunächst einmal kann man festhalten, dass auch die Hirnforschung das Problem des metaphysischen Realismus für sich entdeckt hat, ohne dies gleichwohl von sich selbst zu wissen. Deshalb braucht kein Hirnforscher zuerst bei einem schriftgelehrten Erkenntnistheoretiker anzurufen und zu fragen, ob seine Forschung denn auch dem neuesten Stand der philosophischen Erkenntnis entspricht. Denn was sollte der als Auskunft erwarten? Man könnte einem Hirnforscher beispielsweise zur Auskunft geben, dass – theoretisch betrachtet – es unmöglich weiterführend ist, wenn ein Gehirn versucht, ein anderes Gehirn zu beschreiben. Hält man dies dennoch für möglich, so müsste man es auch für möglich halten, dass zwei Gehirne sich gegenseitig beschreiben. In diesem Fall müsste man dazu übergehen, die Beschreibung eines anderen Gehirns als Gegenstand einer Selbstbeschreibung zu beschreiben, weil man dann ja zwei Beschreibungen hat, die jeweils das Ergebnis einer Eigenleistung eines Gehirnes über ein anderes ist. Denn wo sollte die Beschreibung her kommen, wenn nicht durch ein Gehirn, das Gehirnforschung betreibt? Aber warum muss sich dann ein Gehirn für ein anderes interessieren, wenn doch alles, was es beschreibt, nur Selbstbeschreibung sein kann? Die Antwort lautet, dass es sich nicht selbst beschreiben kann, es wäre notwendig darauf angewiesen, dass es immer ein anderes Gehirn braucht, was konsequenterweise für jedes Gehirn gilt. Was aber könnte dann – rein theoretisch betrachtet – ein Gehirn über ein Gehirn wissen, wenn jedes Gehirn stets nach einem anderen Gehirn fragen muss? Man hat zutreffend erkannt, dass es im Gehirn keinen Beobachter gibt, aber solange ein Beobachter sich über ein Gehirn irritiert, von welchem er annimmt, es irritiere sich über sich selbst, solange kann er nicht feststellen, dass es einen Beobachter trotzdem gibt.
Es kommt aber hier nicht darauf an, den Hirnforschern irgendwelche ungebetenen Ratschläge zu erteilen, zumal sie selbst dazu in der Lage sind, die sich aus ihrer Problemsituation ergebenden Umstände eigenständig zu analysieren. Möglicherweise werden es ohnehin die Hirnforscher sein, die schneller und gründlicher als Philosophen zu der Einsicht gelangen, dass in dieser Sache noch etwas anderes im Spiel ist, das kein Gehirn und kein Erkenntnistheoretiker so recht begreifen kann.
Gemeint ist damit die Unhaltbarkeit der Subjekt/Objekt-Unterscheidung, unser Handicap des metaphysischen Realismus. Kein noch so fleißiger Student oder Anwärter auf einen akademischen Titel ist heute dazu in der Lage, die Komplexität der Definitionen zu überschauen, in welchen diese Unterscheidung behandelt wird. Was am Ende eines langen Studiums der Subjekt/Objekt-Problematik auch immer an Erkenntnissen angereichert werde kann, eine Lösung findet sich nirgends, jedenfalls ist es aussichtslos zu glauben, dass der Vielzahl an bereits gefundenen Lösungen noch das eine Element fehlte, mit dessen Ergänzung das Problem verschwinden würde. Noch mit keiner Antwort konnte das geleistet werden, dessentwegen die Frage immer wieder aktualisiert wird, nämlich: den Zweck des Fragenstellens zu erfüllen. Erst in diesem Fall würde die Unterscheidung verschwinden, was aber praktisch gar nicht geht, denn die Unterscheidung kann erst dann fallen, wenn sie nirgendwo mehr anschließbar zu machen ist, wenn man praktisch aufgehört hat, darüber zu reden. Dazu müssten erst die Anschlussmöglichkeiten verloren gehen. Aber wie sollte das gehen, solange das Gespräch weiter geht? Vielleicht sollte man auf den Tag hoffen, an dem der Paradigmenwechsel vollzogen wird, was nur möglich ist, wenn man aufhört, ihn zu fordern; wenn man vergessen hat, worum es dabei eigentlich geht.
Im Falle der alten Naturwissenschaft war es die Gefährlichkeit ihres Geschäftes, welche die Gemüter bewegte. Auch wenn man heute schnell auf den roten Knopf drücken möchte, wenn irgendwo ein Biologe Anlass dazu gibt, Kränkungsroutinen durchzuspielen, so wird doch kaum ihre Gefährlichkeit für das Wanken unserer Letztbegründung – nicht mehr die Würde Gottes, sondern dies des Menschen - verantwortlich zu machen sein. Es ist andersherum. Die Letztbegründung der modernen Gesellschaft ist längst ins Wanken geraten und sucht sich folgerichtig verantwortliche Zurechnungsinstanzen, sie sucht nach Gründen ihrer Selbstgefährdung. Deshalb irritiert man sich über Hirnforschung und Humanbiologie, aber ein Paradigmenwechsel wird wohl nicht durch übermäßige Irritationen erzwungen werden, sondern durch deren Ergebnisse. Man wird anfangen, sich zu langweilen, wenn man erkennt, dass kein wissenschaftlicher, kein philosophischer Skandal skandalöser ist als jeder andere. Und spätestens dann wird man niemanden mehr beeindrucken können mit einer subjektiven Meinung über eine objektive Realität.