Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 6 (2005), Heft 6


 

CASH – UND EWIG RAUSCHEN DIE GELDER
von Michael Cooney

Das Hessische Landestheater
Premiere: 19. November 2005, TASCH 1

 

Eric Swan                 David Gerlach
Linda Swan              Barbara Schwarz
Norman Bassett      Gabriel Spagna
Mr. Jenkins               Thomas Streibig
Uncle George          Jürgen Helmut Keuchel
Sally Chessington   Laina Schwarz
Dr. Chapman           Carl Pohla
Mr. Forbright             Stefan Gille
Mrs. Cowper             Christine Reinhardt
Brenda Dixon           Joanna Maria Praml

Inszenierung             Manfred Gorr a.G.
Ausstattung               Klaus Weber a.G.
Dramaturgie             Jürgen Sachs

 

Sie wollen mal wieder so richtig lachen? So richtig, so, daß Ihnen die Tränen übers Gesicht laufen? Dann sollten Sie  sich „Cash – Und ewig rauschen die Gelder“ zu Gemüte führen.

Mr. Jenkins (Thomas Streibig) & Mrs. Cowper (Christine Reinhardt)
Ein mittlerweile derangierter Inspektor und seine reichlich ungehaltene Vorgesetzte

Ganz in der Tradition der Satiren Erdmanns und des Gogolschen „Revisors“ hat der britische Bühnenautor Michael Cooney eine haarsträubende Farce auf das englische – und eigentlich europäische – Wohlfahrtssystem des 21. Jahrhundert verfaßt:

Eric Swan (David Gerlach), vor zwei Jahren arbeitslos geworden, hat es nicht übers Herz gebracht, diese niederschmetternde Wahrheit seiner Frau Linda (Barbara Schwarz) mitzuteilen. Wozu auch, denn durch eine gnädige Fügung des Schicksals, das Eric einen nach Kanada auswandernden Untermieter bescherte, konnte er ja in dessen Namen sämtliche der in regelmäßiger Sturheit von der Stütze ausgestellten Schecks einstreichen. Aber damit nicht genug.

Eric Swan (David Gerlach) & Norman Bassett (Gabriel Spagna)
Man macht alles um abzulenken - sich als Mrs. Swan verkleiden und rumtanzen

Der längst ausgewanderte Untermieter mutierte zu einem Holzfäller, im von sauren Regen hart getroffenen Großbritannien zum Glück dauerhaft arbeitslos, dafür aber potent, denn Vater einer sechsköpfigen Familie; auch ein gewisser Mr. Thompson, gichtbrüchig und arbeitsunfähig, wurde ins Leben gerufen, auf den Fersen eine Schar weiterer Mitbewohner mit zunehmend haarsträubenden Lebensgeschichten, so daß schlußendlich für Altersrente, Familienbeihilfe, Kindergeld, Bezuschussung für alleinerziehende Eltern, Zahnersatz, Wohngeld, Invalidenrente, Altenbetreuung, Witwenrente, Mutterschaftsgeld, Reha-Maßnahmen, Frührenten und mehrerer Unfallrenten die satte Summe von 25.000 £ jährlich auf das Swansche Konto wandert.

Dr. Chapman (Carl Pola) & Mrs. Swan (Barbara Schwarz)
Lassen gewisse Artefakte auf gewisse Verirrungen schließen?

Und der Schuldige? Eric Swan? Mitnichten. Entsetzt bekennt er: Eine Falschmeldung habe zur nächsten geführt, nicht weil er so heimtückisch, sondern die Ämter so hilfreich waren. Das Wohlfahrtssystem habe sich ohne sein Zutun zu einer staatlich subventionierten Lawine entwickelt, die wohlwollend über ihn, Eric, hereingebrochen sei.

Doch wie es nun mal kennzeichnend für alle Lawinen ist – man droht darin unterzugehen, und so auch Eric. Aus diesem Grund hat er schließlich beschlossen, einen Schlußstrich zu ziehen und sämtliche Unter- und Mitbewohner nebst Anhang der Reihe nach sterben zu lassen.

Onkel George (Jürgen Helmut Keuchel)
Vermeintlich Norman Bassett und vermeintlich tot

Wieder tätigt er einen Anruf, um den ersten Todesfall zu melden, und wieder löst er eine Lawine an Handlungen und Ereignissen aus; denn  das Schicksal will es, daß ausgerechnet an diesem Tag weder der tatsächlich vorhandene Untermieter Normann Bassett (Gabriel Spanga), dessen vermeintlichen Tod Eric soeben gemeldet hat, noch seine Frau zur Arbeit gehen bzw. verfrüht zurückkommen, daß prompt die Familienhilfe vor der Türe steht,  in der Absicht, den Hinterbliebenen ihr Beileid auszusprechen, daß ein von Mrs. Swan aktivierter „Ehemoderator“  (Carl Pohla) erscheint sowie der Mitarbeiter eines Bestattungsunternehmens (Stefan Gille) und Normans Verlobte (Joanna-Maria Praml), nicht zu vergessen George (Jürgen Helmut Keuchel), der zwielichtige Onkel Erics, – vor allem aber ein gewisser Mr. Jenkins (Thomas Streibig), Mitarbeiter der Sozialbehörde zur Kontrolle und Vermeidung von Mißbrauch. Daß schließlich und endlich auch noch die Chefin der Behörde (Christine Reinhardt) eintrifft, nimmt niemanden mehr Wunder.

Mr. Jenkins, Eric Swan, Norman Bassett & Sally Chessington (Laina Schwarz)

In anderen Worten: Irgendwann hat alles mal ein Ende, und, wie in diesem Fall, auch noch ein ironisches: Anstelle vor Gericht und ins Gefängnis zu wandern, wird Eric Swan als Fachmann für Betrugsdelikte in die Behörde berufen. Oh tempora, oh mores. Aber so ist es nun mal, unser 21. Jahrhundert.

Sally Chessington & Mr. Forbright, der Leichenbestatter (Stefan Gille), Norman Bassett und Onkel George

Den Weg hin zu diesem Ende hat das Ensemble mit beschwingter Leichtigkeit in Szene gesetzt, und dabei das Publikum, das teilweise so laut lachte, daß die Worte auf der Bühne nicht mehr zu verstehen waren, gekonnt in den humorigen Strudel sozialer Abwegigkeiten hineingerissen. Es dankte den Schauspielern mit minutenlangem, streckenweise stakattoartigem Applaus.

Dr. Chapman & Mrs. Swan
Noch mehr Artefakte

Fazit: Einfach und sparsam inszeniert, ein lebendiger Zweiakter, der einen „dieser“ Tage zeigt, an dem einfach alles passiert, was nicht hätte passieren dürfen, eine Abrechnung mit dem Sozialsystem und seinen Tücken, Hintertürchen und Fallgruben, ein launiges Plädoyer für den sogenannten „schlanken Verwaltungsapparat“, ein Schauspiel, das allen Beteiligten, agierenden wie konsumierenden, offensichtlich Vergnügen bereitet hat. Einfach sehenswert.

Tanja von Werner

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