Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 7 (2006), Heft 1


 

Eine kurze Schwellenkunde zur Globalisierung

von Byung-Chul Han

Da die deutsche Sprache nicht meine Muttersprache ist, habe ich ein besonderes Verhältnis zu ihr. Häufig nehme ich die Wörter zunächst morphologisch wahr. Bevor sie ihre Bedeutung offenbaren, zeigen sie mir also ihr Gesicht, das normalerweise in der Selbstverständlichkeit ihrer Bedeutung ganz verschwindet. Wenn ich etwa das Wort "Schwellenland" höre oder lese, denke ich zunächst, daß es sich wohl um ein Land handle, das voll meterhoher Schwellen ist. Ich stelle mir also einen Märchenwald aus Schwellen vor. Ich male mir, nicht ohne Vergnügen, dieses märchenhafte Land aus. Hier muß ich hohe Schwellen überklettern, um zur Nachbarschaft oder zur nächsten Ortschaft zu gelangen. Ich bin vom Anderen ganz isoliert und die Kommunikation findet nur durch ein kleines Loch in der Schwelle statt.

Schwellen gibt es nicht nur im Raum. Es gibt auch Zeitschwellen, die die Vergangenheit von der Gegenwart trennen. Es gibt Immunschwellen, die mich vor dem Anderen, vor dem Eindringen des Unbekannten bewahren. Diese Immunschwellen schützen das Eigene, das Haus gegen das Fremde. Die Schwellen trennen. Sie können auch so scharf sein wie Messer. Sie können schmerzen. Sie können auch töten. Aber sie können ebenso beglücken und bezaubern.

Die Schwelle ist jedoch kein Kennzeichen der Welt von heute. Weder räumlich noch zeitlich fühlen wir uns als Bewohner eines Schwellenlandes. Immer mehr Schwellen oder Intervalle werden niedergerissen. Etwa vor 100 Jahren bemerkte der Gründer des Weltpostvereins Heinrich von Stephan, der Brief sei das "Schiff des Geistes auf dem Ocean der Entfernungen". Diese ozeanische Schwelle kennt der Geist von heute nicht mehr. Die Post muß nicht die meterhohen Wellen oder andere Unwägbarkeiten überwinden, um ans andere Ufer des Ozeans zu gelangen. Es gibt keine Schwelle als Zwischen oder als Zwischen-Raum, in dem jener postalische Heroismus des Geistes Platz hätte. Online ist die Gegenfigur dieser ozeanischen Schwelle. Die Schwellen weichen den Netzen. Der Geist von heute muß nicht in See stechen. Das Meer von Netscape ist nicht mehr jener "Ocean der Entfernungen", dem der Geist entgegengestellt wird. In Netscape sticht man nicht. Man surft darin. Offensichtlich entspricht die Schwelle nicht mehr dem Raum- oder Weltgefühl von heute.

Im Zuge der Globalisierung erfaßt uns ein ganz anderes Raumgefühl, ja ein ganz anderes Weltgefühl. Die Globalisierung ist vor allem ein Ereignis des Raumes. Das Raumgefühl, das ihr zugrundeliegt, ist kein Schwellengefühl, sondern ein Gefühl der Schwellenlosigkeit. Die Hyperkulturalität[1] bringt gerade dieses Gefühl der kulturellen Schwellenlosigkeit zum Ausdruck. Der Idee der Hyperkulturalität liegt nämlich die Erkenntnis zugrunde, daß weder Inter- noch Multi- noch Transkultur die Kultur von heute passend auf den Begriff bringt. Die kulturelle Globalisierung erzeugt nun einen Fundus kultureller Ausdrucksformen. Sie wirkt akkumulierend und verdichtend. Heterogene kulturelle Inhalte drängen sich dicht in einem Nebeneinander. Die Kulturen, man könnte auch so sagen, implodieren zur Hyperkultur. Die Kulturen werden gleichsam ent-grenzt, ja ent-schwellt zu einer Hyperkultur. Anders formuliert: Die Hyperkulturalität drückt eine allgemeine Promiskuität kultureller Formen aus anderen Räumen und Zeiten aus.

Der "Geist" ist, so hieß es, das "Schiff auf dem Ocean der Entfernungen". Der "Geist" ist auch in seiner postalischen Form eine Figur der Vermittlung und der Verbindung. Hegels Phänomenologie des Geistes zufolge erwacht der Geist dort, wo Ich-Sagen und Wir-Sagen zusammenfallen. So begreift auch Hegel den Geist als eine Figur der Versöhnung und der Vermittlung. Man könnte sagen: Der Geist ist kein Bewohner, kein Ureinwohner des Schwellenlandes. Dem Geist ist immer ein Hang zur Entgrenzung und Entschwellung eigen. Er ist immer dabei, Beschränkungen oder Beschränktheiten zu überwinden. So läßt sich die Freundlichkeit als höchste Form des Geistes begreifen. Wer etwa die >Leitkultur<[2] beschwört, handelt gegen den Geist im emphatischen Sinne. Wer die Leitkultur beschwört, ist der Bewohner eines kulturellen Schwellenlandes.

Die Hyperkultur ist keine Einheitskultur. Sie läßt unterschiedlichste kulturelle Idiome zu. Wichtig ist es nur, das Idiom vom Idiot zu unterscheiden. Idiot ist derjenige, der sich auf ein Idiom versteift, dies zum Einzigen, zum Einzigartigen verabsolutiert. So fehlt dem Idiot jede Freundlichkeit. Freundlich kann dagegen ein Idiom sein, denn ein Idiom schließt sein Anderes nicht notwendig aus. Es läßt ein Nebeneinander, ein Kontinuum von Diskontinuitäten zu. Idiomatische Verbindungen bringen auch Neues hervor. So läßt sich die Hyperkultur zu einer Kultur der Freundlichkeit kultivieren und humanisieren.

Anmerkungen

[1]   Vgl. Byung-Chul Han, Hyperkulturalität. Kultur und Globalisierung, Berlin 2005
[2]   >Leitkultur< ist ein Trug. Kultur ist immer etwas Gewordenes, d. h. immer im Wandel begriffen. Die Leitkultur widerspricht der inneren Dynamik der Kultur, der eine grundsätzliche Offenheit innewohnt.

Diesen Artikel als PDF-Datei herunterladen

[Zurück zur Startseite]