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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 7
(2006), Heft 1
„Vom Wesen des Menschen können wir nur durch einen
umfassenden Überblick über die Welterscheinungen und deren
Verhältnis zum Menschen etwas verstehen lernen.“
Herbert Witzenmann, Bemerkungen zur Methode (1970)
Wer von uns hat eine klare Urteilsgrundlage über den Zustand der Welt, in der wir uns bewegen? Wer hat ein Bild davon, wo wir uns befinden? Und wer weiß, in welcher großen, wenn auch vielleicht nicht auf den ersten Blick sichtbaren, und im Alltag oft wenig bewussten, Dynamik der Entwicklung wir stehen?
Wer in den großen und kleinen Entscheidungen der kommenden Jahre mitreden will, muß den Zustand und die Entwicklungsperspektiven der Welt als Ganzer kennen. Ein umfassendes Bild ist im Zeitalter der Globalisierung unabdingbar notwendig, um richtig empfinden, aber auch, um mitreden zu können – und zwar sowohl was die globale, als auch, was die regionale und die lokale Ebene betrifft.
Dazu sind Zahlen, Daten und Fakten hilfreich. Obwohl sie in ihrer Wirklichkeitsdimension nur schwer fassbar sind, und nur abstrakte Indikationen gegenüber wirklichem Leid, wirklicher menschlicher Befindlichkeit und wirklicher Tiefen-Veränderung liefern können, geben sie doch wichtige Hinweise, um ein Gesamtbild zu entwerfen – und auch mit dem fühlenden Gewissen die Wirklichkeit des Weltprozesses hier und jetzt in meinem eigenen Bewusstsein und während meines eigenen Lebensaugenblicks wenigstens zu ertasten.
Was also ist der Zustand der Welt am Jahreswechsel 2005-2006 in ganzheitlicher Perspektive, und zwar konkret und pragmatisch: anhand der wichtigsten aktuellen Zahlen in einigen Schlüsselbereichen der Menschheit? Vor allem: Welche Atmosphäre, welchen Geist strahlen dieser Gesamt-Zustand und seine Perspektive aus? Was teilen sie der wahrnehmenden Willensebene jener aufgeklärten Individualität mit, die sich heute in Form eines beginnenden globalen Bewußtseins menschheitlich ausbreiten will?
Zwischen Mai und September 2005 wurden von verschiedenen Institutionen wie den Vereinten Nationen (UNESCO und andere), der Weltbank und der Bank für internationalen Zahlungsausgleich, aber auch von Nichtregierungs-Organisationen wie der Initiative für einen Welt-Marshall-Plan, der Plattform zur Erreichung der Welt-Millenniums-Ziele (MDG), dem Alternativen Weltgesundheitsreport, Global 2000, den fünf deutschen Instituten für Friedensforschung und dem Internationalen Netzwerk der Trägerinnen und Träger des Alternativen Nobelpreises (The Right Livelihood Award Stockholm) neue Statistiken zum Stand der Welt vorgestellt. Diese wurden in Fachwelt und Öffentlichkeit zum Teil lange erwartet, weil sie nicht nur die Situation kennzeichnen, sondern auch Schlüsselelemente der globalen Transformation der kommenden Jahre absehen lassen. Welches große Gesamt-Bild ergibt sich aus diesen Untersuchungen, wenn man sie zusammenfügt? Wie werden die kommenden Jahre aussehen?
Im Juni 2005 ist die Zahl der Erdbewohner auf fast 6,5 Milliarden angewachsen. Sie hat sich damit innerhalb der vergangenen 70 Jahre mehr als verdreifacht. Und sie wächst rasch weiter. Laut einer in der Zeitschrift „Population et sociétés“ veröffentlichten Studie, die auf UNESCO-Zahlen beruht, „lebt die Hälfte der Menschheit in den sechs bevölkerungsreichsten Staaten China, Indien, USA, Indonesien, Brasilien und Pakistan. Vor zwei Jahrhunderten gab es nach heutigen Schätzungen etwa eine Milliarde Menschen. Die Zwei-Milliarden-Marke wurde etwa 1930 erreicht. Die Weltbevölkerung nimmt der Studie zufolge täglich um 210.000 Menschen zu. Die höchste Geburtenrate haben die afrikanischen Staaten Niger mit 8 und Mali mit 7,1 Kindern pro Frau. Die niedrigsten verzeichnet die Studie mit 1,2 und 1,3 für Polen und Italien. Die Lebenserwartung liegt der Studie zufolge mit 82 Jahren in Japan am höchsten, gefolgt von Island und der Schweiz mit jeweils 81 Jahren. Am untersten Ende der Skala befinden sich die afrikanischen Staaten Simbabwe mit 36, Sambia mit 38 und Malawi mit 40 Jahren Lebenserwartung. Von hundert Menschen leben heute 61 in Asien, 14 in Afrika, 11 in Europa, 9 in Süd- und 5 in Nordamerika. Von hundert Geburten entfallen 57 auf Asien, 26 auf Afrika, neun auf Südamerika, fünf auf Europa und drei auf Nordamerika.“[1]
Diese Bevölkerungszunahme zeitigt bereits heute extreme Folgen. Während Sie dieses lesen, stirbt ein Mensch an Unterernährung oder den Folgen mangelhafter Ernährung – und zwar alle 6 Sekunden, 100.000 pro Tag, davon etwa die Hälfte Kinder. Alle 3 Sekunden stirbt ein Kind an den Folgen extremer Armut - zu mehr als 95% in der sogenannten dritten Welt.[2] Dabei könnte die gesamte Weltbevölkerung laut UN-Berechnungen vom Mai 2005 mit der heutigen Nahrungsmittelproduktion bereits 1,5 mal ernährt werden, wenn die Güter gerechter verteilt und nicht aufgrund partialer Interessen von Seiten wirtschaftlicher oder politischer Kreise bewusst vernichtet oder verschwendet würden.[3] Nach Informationen des Netzwerks der Alternativen Nobelpreisträger wurde gleichzeitig 2005 erstmals in der Geschichte die Schwelle von 1 Trillion (1000 Milliarden) US-Dollar Rüstungsausgaben weltweit überschritten. Dabei würde nur 1% dieser Summe ausreichen, um alle Kinder der Welt kostenlos zu erziehen – und damit Armut langfristig und an der Wurzel zu bekämpfen.[4] Doch die Hauptargumentation gegen die Bereitstellung höherer Summen für strukturfördernde Bildung und Entwicklungshilfe der meisten Großbanken und Nationalstaaten ist, es fehle das Geld.[5]
Währenddessen senden jedoch nach Berechnungen der Bank für internationalen Zahlungsausgleich, der Zentralbank der Zentralbanken, vom 4. Juli 2005 Devisenhändler „handelstäglich 1900 Milliarden US-Dollar um den Globus. Und das Geld interessiert sich nicht für gute Taten oder Lehrbuchtheorien, sondern folgt Markttrends, die aus der Stimmung der Akteure gespeist wird.“[6] Das bedeutet: Dieses Geld bewirkt nichts Dauerhaftes auf der Welt, etwa die Investition in langfristige Hungerbekämpfung, weil es sich nirgends niederlässt und nirgends durch Förderung konkreter Arbeitsprozesse mittels Kredit an individuelle und kollektive menschliche Fähigkeiten, die an Zukunft geknüpft sind, statt an Sachwerte, die an Vergangenheit geknüpft sind, eine „Verbindung mit der Erde“ eingeht. Sondern dieses Geld entzieht sich faktisch der arbeitspraktischen Sphäre und schwebt gleichermaßen in einem „luftigen“ Raum über der Erde, ohne sich irgendwo wenigstens so lange niederzulassen, dass es über menschliche Arbeits- und Lebensprozesse gestaltend wirken kann. Seine Geschwindigkeit ist anders als die Geschwindigkeit der menschlichen Arbeits- und Lebensprozesse, und seine Interessen sind andere als die der gestaltenden Bewohner von „Mittelerde“.
Internationale Kapitalgeber und zahlreiche mit ihnen kooperierenden politischen Einflußkreise erklären währenddessen ständig, dass eben kein Geld für die stärkere Bekämpfung von Hunger, Krankheiten oder - eine weitere Schlüsseldimension für die Zukunft - für die Rettung der Umwelt vor der drohenden Biokatastrophe verfügbar sei. So lehnte Anfang Juli 2005 US-Präsident Bush mit dieser Argumentation erneut eine Teilnahme der USA am Kyoto-Protokoll ab. Diese Argumentation ist auf ihre Weise durchaus berechtigt. Das Geld ist tatsächlich nicht da, weil es sich gegenwärtig dem Tun auf der Erde gleichsam auf zweifache Weise entzieht: Weil es einerseits wie eine riesige Blase über der Erde (Kapitalhändler) schwebt und sich andererseits wie eine riesige Ausbuchtung in die Erde hinein (Investition in Grund und Boden sowie Behandlung der faktisch der gesamten Menschheit gehörenden Naturressourcen der Erde als privates Kaufgut) staut. Damit entzieht es sich in der Tat der „Mittelerde“, dem Reich der menschlichen Tätigkeit und ihrer Wirklichkeit, die im Hinblick auf zunächst nur als Fähigkeit anwesende Zukunftswerte stets urtypisch auf fließendes Geld in Gestalt von Krediten angewiesen ist. Und es ist unter den Bedingungen des globalen Neoliberalismus immer mehr Geld, das aus diesem konkreten Zwischenreich nach oben und nach unten ins Abstrakte abfließt.[7]
Ein Vielfaches der Summen, die für Hunger- und Krankheitsbekämpfung, Emanzipation der Menschheit durch Bildung und für die Rettung der Erde notwendig wäre, wird derzeit zugleich für Drogen ausgegeben – mit global steigender Tendenz, was angesichts der sich rasch erweiternden Schere zwischen Arm und Reich kaum verwunderlich ist. Der Umsatz des Drogenkonsums ist gemäß dem jüngsten UNO-Weltdrogenbericht 2004, der am 29. Juni 2005 vorgestellt wurde, weltweit auf 265 Milliarden Dollar gestiegen.[8] Damit ist der Drogenbereich nach der bereits genannten Rüstungsindustrie derzeit der umsatzstärkste Markt der Welt:
„Dem neuen Drogenbericht des UN-Büros gegen Drogen und Verbrechen (UNODC) zufolge nehmen derzeit 200 Millionen Menschen in aller Welt illegale Drogen zu sich. Dabei verstärkt sich der Trend zu ‚natürlichen’ Rauschmitteln. Woher kommen die Drogen? Afghanistan bleibt auch nach dem Ende des Taliban-Regimes 2001 der bei weitem größte Opium-Produzent der Welt. Das Land lieferte im vergangenen Jahr rund 87 Prozent des Roh-Opiums weltweit, das zur Herstellung von Heroin benutzt wird.
Nach den Ermittlungen der Wiener UN-Behörde ist die Mohn-Anbaufläche in Afghanistan in diesem Jahr zwar etwas kleiner als im ‚Rekordjahr’ 2004 ausgefallen, dennoch sei am Ende erneut eine größere Ernte möglich als im Vorjahr. Dagegen zeigt der Kampf gegen den Opiumanbau im so genannten Goldenen Dreieck von Birma, Laos und Thailand Erfolge. In Laos sei der Opiumanbau um 42 Prozent und in Birma um 23 Prozent zurückgegangen. ‚Wir können vielleicht das ganze Goldene Dreieck bis 2007 opiumfrei erklären’, sagte UNODC-Direktor Antonio Maria Costa. Die weltweite Produktion von Roh-Opium 2004 lag nach UN-Schätzungen bei 4850 Tonnen, die zur Herstellung von rund 565 Tonnen reinen Heroins ausreichen dürften. In Südamerika wurde ein Rückgang bei der Kokain-Produktion Kolumbiens durch einen verstärkten Coca-Anbau in Peru und Bolivien aufgefangen. Diese Länder produzieren zusammen noch immer 97 Prozent des weltweit verkauften Kokains.
Insgesamt haben im Jahr 2004 15 Millionen Menschen mehr als im Jahr davor und fünf Prozent der Weltbevölkerung zwischen 15 und 64 Jahren Drogen genommen. Die meisten Drogenkonsumenten rauchten Cannabis (160 Millionen), 26 Millionen nahmen Amphetamine, 8 Millionen Ecstasy und schätzungsweise 16 Millionen Opiate. Von ihnen galten 11 Millionen als heroinsüchtig. Die UN-Drogenfahnder verbuchen es inzwischen schon als Erfolg, dass sie 2004 rund ein Viertel der Heroin-Produktion beschlagnahmen konnten. Die größten Mengen gingen den Fahndern in Iran und Pakistan ins Netz. UNODC-Leiter Antonio Maria Costa meinte in dem neuen Bericht, der auch in New York, Stockholm und Bangkok vorgelegt wurde: ‚Es ist kein kleiner Feind, gegen den wir da kämpfen. Es ist ein Monster.’ Der Umsatz im Welt-Rauschgifthandel sei ‚größer als die einzelnen Bruttoinlandsprodukte von fast 90 Prozent der Staaten in der Welt’.“[9]
Warum aber das offenbar ungebremste Wachstum dieses „Monsters“? Der Drogenkonsum scheint, neben anderen Gründen, nicht zuletzt auch deshalb zuzunehmen, weil der ökonomische Mittelstand auf der gesamten Erde immer schneller nach unten rutscht. Die Reichen werden immer schneller reich, der Mittelstand wird immer schneller arm. Die Ärmsten dagegen stagnieren. Ein paradigmatisches Beispiel dafür ist die Entwicklung im G8-Land Italien, einer der nicht nur bei den internationalen Kapitalgebern höchst verschuldeten, sondern auch produktivsten und wirtschaftlich stärksten Industrienationen der Welt.
„Neue Untersuchungen belegen: Die Schere zwischen Reich und Arm hat sich im G-8-Land Italien in den vergangenen Jahren immer weiter geöffnet. Zehn Prozent der Italiener verfügen mittlerweile über die Hälfte des Vermögens im gesamten Staat. 1989 besaß diese kleine Schicht ‚nur’ 40 Prozent des Güterbestandes. Der Mittelstand hat – relativ gesehen – an Besitz verloren. Im Verlauf von 16 Jahren schrumpfte der Anteil der Mittelschicht am Güterbestand der Nation von 34 auf 29 Prozent. Italien ist reich, aber die meisten Italiener sind arme Schlucker. Das Italien der Kasten schreitet voran. Die Reichen ‚raffen’ immer mehr – und zwar auf Kosten des Mittelstandes, der rasch an Terrain verliert. Markante, im Ausmaß schwankende Reichtumsunterschiede gibt es auch in anderen Ländern – in den USA und in Großbritannien sind sie stärker, in Deutschland und Frankreich etwas und in Skandinavien wesentlich schwächer als in Italien.“[10]
Doch die Tendenz ist überall dieselbe - und zwar weltweit. Sie ist eine prägende weltweite Makro-Tendenz mit Schlüsselcharakter für die kommenden Jahre. Vor allem: Was für das reiche Italien der ersten Welt gilt, gilt in vielfach verstärktem Maß für die Länder der zweiten und der dritten Welt weltweit. Wohin wird diese Entwicklung, im Innern der Staaten der künftigen globalisierten Erde, aber vor allem auch zwischen ihnen, führen - wenn sie, wie bisher, weitgehend ungebremst weitergeht? Drohen neue innere und äußere Konflikte? Um Kapitalflüsse, Ressourcen, Einflusssphären, globale Verteilungsquoten – und zwar nicht nur zwischen Einzelländern, sondern auch zwischen Ländergruppen?
Das am 14. Juni öffentlich vorgestellte Friedensgutachten 2005 der fünf deutschen Friedens- und Konfliktforschungsinstitute weist darauf hin, dass zukunftsorientierte Boden- und Meeresressourcen- sowie Wasserverteilungs-Konflikte (die im Hintergrund nicht nur der zunehmenden Spannungen zwischen China und Japan stehen), die rasch voranschreitende Entwicklung biologischer Waffen, die Ausbreitung von Atomwaffen (nicht nur über Nordkorea und Iran), die fortschreitende Weltraumbewaffnung, die langfristige Nichtbeseitigbarkeit der mittlerweile weltweit erheblichen Plutoniumbestände, die weitgehend ungebrochen voranschreitende Abholzung des Regenwaldes, die Konflikte in Irak und Palästina, Afghanistan, Tschetschenien und Tibet, sowie die gesunkene Hemmschwelle für den Einsatz von Atomwaffen zur Terrorbekämpfung - was derzeit zum Beispiel in die derzeit mit großem finanziellen Aufwand betriebene Entwicklung „anwendbarer Klein-Atomwaffen“ durch die Regierung Bush mündet -, zeigen, dass sich das weltweite Konfliktrisiko für die kommenden Jahre insgesamt eher verschärft als vermindert. Zusammengenommen stellen sich eine nicht zu unterschätzende „Hemmschwelle für die Entwicklung einer kooperativen Weltordnung“ dar. Dazu trägt auch die bisher in dieser Form nicht dagewesene Krise der internationalen Dachorganisation Vereinte Nationen seit ihrer faktischen Außerkraftsetzung im Irak-Konflikt 2002-2004 und den auch damit verbundenen Korruptionsaffären der vergangenen Jahre bei.[11]
Neue Konflikte sind also vor dem Hintergrund der zunehmenden sozio-ökonomischen Verschiebungen und Spannungen auf globaler Ebene nicht unwahrscheinlich. Auch am 60. Jahrestag der Zündung der ersten beiden Atombomben vom 6. August 1945 in Hiroshima und vom 9. August 1945 in Nagasaki mit insgesamt mehr als 500.000 Toten hat die Welt offenbar nur wenig über Hintergründe und „Tiefenfaktoren“ gelernt. Im Sommer 2005 lagerten in den USA 7650, in Russland 8200 und in China 400 nukleare Sprengköpfe. Zahlreiche Staaten, wie der unter konservativ-„spiritueller“ Führung befindliche Iran, haben - direkt oder indirekt - angekündigt, sich aktiv und nachhaltig um Massenvernichtungswaffen bemühen zu wollen, um sie dann an geeignete strategische Partner weiterzugeben. So wird der Iran, wie sein neuer Ministerpräsident, der ehemalige Teheraner Bürgermeister und islamistische Hardliner Mahmoud Ahmadinetschad kurz nach seiner Wahl im Sommer 2005 in ungewöhnlicher Offenheit ankündigte, „jedenfalls alle neuen Technologien freimütig mit allen unseren Glaubensbrüdern teilen“, um „den Islam langfristig weltweit zu einen“ und „als „geistigen Globalisierungsfaktor zu stärken“. Was aber wird dann mit dem ohnehin bereits fortgeschrittenen globalen „Kampf der Kulturen“ geschehen?
In dieses in seinen Wechselbezügen komplexe Bild passt auch der neue Wettlauf ins All, der im Jahr 2005 zwischen Ost und West entbrannt ist. Auf der Suche nach neuen Ressourcen und Machtfaktoren bei weitgehender Ausreizung der dazu verfügbaren Räume auf der Erde hat ein faktisches – wenn auch bislang in dieser Weise unausgesprochenes – Rennen um den Grund-, Ressourcen- und machstrategischen Standortbesitz des Mondes insbesondere zwischen den USA und China eingesetzt. Die bemannten Raumflüge beider Nationen wurden 2005 deutlich intensiviert, mit demonstrativer Offensiv-, Investitions- und Innovationsbereitschaft vor allem Chinas. Ähnliches wird voraussichtlich bei weiteren Trabanten und Planeten der Zukunft geschehen. Eine bemannte Mission zum Mars ist sowohl nach Plänen von NASA wie chinesischer Raumfahrtbehörde nur noch eine Frage der Zeit. Dabei geht es nicht nur um Entdeckergeist, sondern um handfeste Wirtschafts- und Politik-Interessen vor dem Hintergrund der oben aufgewiesenen Makro-Entwicklungen. Doch wem nützen die zu gewinnenden Ressourcen unter den Bedingungen des derzeitigen Welt-Wirtschafts-, Politik- und Sozial-Systems wirklich? Wer wird faktisch von ihnen profitieren, wenn sich die derzeitige Situation in die Zukunft prolongiert?
Das sind offene Fragen. Kaum jemand weiß sie zu beantworten. Doch die Verunsicherung wächst. Man wendet sich wieder an die traditionellen, konfessionellen und mythisch-kollektiv ausgerichteten Religionen. Die globale „Renaissance der Religionen“ ist nach dem Legitimationsverlust der großen Ideologien seit der weltpolitischen Wende 1989-91 der wichtigste immaterielle Kulturtrend weltweit – mit jährlich wachsenden realgesellschaftlichen und –politischen Einflüssen und Folgen. Daneben keimt als Gegenentwicklung aber auch eine neue, erfahrungs- und individualitätsorientierte globale Zivilgesellschaft, die in mehreren Schüben seit Seattle 1999 und Genua 2000 an Selbstbewusstsein, Ausgewogenheit, strategisch-politischer Klugheit, charismatischen Persönlichkeiten und internationaler demokratischer Organisationsqualität gewinnt. Im Jahr 2005 sind die mit Abstand höchstangesehenen Personen der Welt, dem 16. Jahr der globalen „Renaissance der Religionen“ und dem 6. Jahr der Entstehung einer globalen Zivilgesellschaft (seit 1999/2000) weder Politiker, noch Künstler oder Wissenschaftler, sondern zwei Mönche: Der verstorbene Papst Johannes Paul II. und, nach dessen Tod mehr denn je Symbol des Guten für einen großen Teil der Menschheit quer durch alle Konfessionen, der Dalai Lama.[12] In der islamischen und asiatischen Welt gelten die Träger des Alternativen Nobelpreises 2003, Ibrahim Abouleish und Nicanor Perlas, als Hoffnungsträger.[14]
Es ist kein Zufall, dass es sich bei diesen inkarnierten Symbolen der Zukunft in allen Fällen um Männer handelt. Mehr als die Hälfte der Menschheit lebt auch im Jahr 2005 weiterhin in - primitiver bis subtiler - Unterdrückung aufgrund ihres Geschlechts. Frauenfeindliche Praktiken herrschen weltweit weiter vor, besonders auffällig und unverhohlen in den aufstrebenden Schwellenländern und in ärmeren Regionen der Erde, aber auch in den vielen illiberalen Demokratien (Fareed Zakaria[14]), welche in den kommenden Jahrzehnten voraussichtlich die Mehrheit der Gesellschaftsformen der Erde ausmachen werden. Obwohl Fortschritte in Gleichstellung wie Diversifizierung erzielt wurden, zeigen neue Statistiken, dass in vielen ländlichen, in weiten Teilen der Erde kulturell noch immer patriarchalisch und von einer mythologischen Gut-Böse-Kultur dominierten Gegenden, Unterdrückungspraktiken gegen Frauen bis hin zum Mord an der Tagesordnung sind. Das gilt für die islamische Welt nicht weniger wie für andere Kulturen. Ein Beispiel ist die Entwicklung in Indien, das mehrheitlich nicht islamisch geprägt ist. Neuere Untersuchungen zeigen, dass allein in diesem Land in den vergangenen 100 Jahren mindestens 35 Millionen Mädchen und Frauen aufgrund frauenfeindlicher Praktiken (Tötung von neugeborenen Mädchen, Zwangsbeschneidung) verschwunden sind.[15] In Europa und dem Westen (der „großen Familie der angelsächsischen Völker“, Margareth Thatcher) dagegen verdienen Frauen im Schnitt noch immer nur etwa 2/3 des Gehalts von Männern, bei gleicher Tätigkeit und Kompetenz. Viele Frauen bleiben durch ihr Geschlecht in der Entwicklung ihrer Fähigkeiten benachteiligt – was einen enormen Kompetenz- und Fähigkeitenverlust auch in den Ländern der „ersten“ Welt bedeutet.
Diese Benachteiligung gilt jedoch nicht nur für die Frauen. Auch eine weitere, schnell wachsende Gruppe von Menschen auf der Erde ist im Jahr 2005 noch immer massiv unterbewertet: Die Jugend. Wie steht es mit ihr, die die Globalisierung und das weitere Schicksal der Welt mittel- bis langfristig gestalten und bestimmen wird müssen, und die das Ziel aller Bildungsbemühungen ist, ganz nach dem Richt-Satz des österreichischen Philosophen und Sozialreformers Rudolf Steiner (1861-1925) für die globale Entwicklungsdimension: „Wir wissen insgeheim alle: Nichts, was von uns in die äußere Welt projiziert wird, wird bleiben. All dies wird vollständig der Vergänglichkeit verfallen, ohne Ausnahme. So wie wir selbst. Allein das bleibt, was in Menschen angeregt wird“?
Am 12. August 2005, dem 5. Internationalen Tag der Jugend, erklärten die Vereinten Nationen dazu: „Es gibt zum gegenwärtigen Augenblick beinahe drei Milliarden Menschen auf der Welt, die jünger sind als 25 Jahre. Mehr als eine halbe Milliarde von ihnen lebt von weniger als zwei Dollar (1,61 Euro) pro Tag. Täglich sterben fast 30.000 Kinder infolge Armut, 7000 junge Menschen infizieren sich täglich mit dem HIV-Virus. Mehr als 100 Millionen Kinder im Schulalter besuchen keine Schule. Junge Menschen zwischen 15 und 24 Jahren machen 18 Prozent der gesamten Weltbevölkerung aus. 85 Prozent der Jugendlichen weltweit leben in Entwicklungsländern. Zur Zeit leben zehn Millionen Jugendliche mit HIV/AIDS. 130 Millionen Jugendliche sind Analphabeten.“[16]
Diese Unterbewertung und strukturale Nicht-Beachtung könnte sich schon bald rächen. So gilt, um nur ein Beispiel zu nennen, heute für das weit in die umgebende Region ausstrahlende Demokratie-Schwellenland Irak ein Durchschnittsalter der Gesamtbevölkerung von 20 Jahren. Ähnliches gilt für andere in rascher Entwicklung begriffene Schwellen- und Entwicklungsländer. Wer die junge Bevölkerung nicht beachtet, wird in 20 Jahren, wenn die heute Heranwachsenden allmählich die Verantwortung über die Gemeinwesen und deren innere und äußere Beziehungen übernehmen, und dabei unweigerlich ihre bis dahin erworbenen Erfahrungswerte zur Anwendung bringen, unangenehme Überraschungen erleben. Ohne die Jugendlichen kann Demokratie im „Jahrhundert der Demokratisierung“ (Eric Hobsbawm) nicht verwirklicht werden, jedenfalls nicht dauerhaft und mit nachhaltiger Aussicht auf Erfolg. Das gilt auch für die Länder der ersten Welt, in denen, im Gegensatz zu allen anderen Weltgegenden, nicht nur der Anteil der Jugend schwindet, sondern auch eine immer unverhohlenere Politikverdrossenheit um sich greift, die ebenfalls, wenn auch in anderer Dimension, mangelnder Berücksichtigung und eigenständiger Einbindung geschuldet ist.
Soweit einige komplex ineinander wirkende Schlüsselfaktoren der gegenwärtigen Makro-Entwicklung, die zumindest in Teilen der von ihnen eröffneten Perspektiven zu Ernsthaftigkeit und Sorge Anlaß geben. Sie müssen baldestmöglich weit stärker als bisher bearbeitet werden.
Die globale Wirklichkeit wird heute aber durchaus auch von positiven Richtungsvorhaben in langfristiger Blickrichtung bestimmt. Die Frage ist nur, ob sie sich durchsetzen, und welche Einflußkraft sie in den kommenden Jahren auf die Gesamtentwicklung gewinnen werden. Doch es ist bereits gut, von diesen Faktoren zu wissen, und ihre Entwicklung ebenso aufmerksam und kritisch zu beobachten wie die der bisher genannten. Denn diese Faktoren können und sollen uns Mut machen!
So haben sich die Staats- und Regierungschefs aller UN-Mitgliedsstaaten im Jahr 2000 auf dem „Millenniumsgipfel“ der Vereinten Nationen in New York auf die acht dringlichsten Ziele der Welt geeinigt: Die so genannten Millennium-Entwicklungsziele. Diese sollen bis zum Jahr 2015 erreicht werden. Doch wie die Plattform zur Erreichung der Millenniums-Ziele im Sommer 2005 analysierte, sind wir auch noch mehr als fünf Jahre nach der Unterzeichnung von den meisten dieser Ziele weit entfernt. Dazu läuft derzeit eine internationale Aufklärungs-Kampagne, bei der Fakten und Daten veröffentlicht werden, die zwar in einschlägigen Publikationen verstreut bekannt werden, sich allerdings für den einzelnen Bürger gewöhnlich im Informationswust der „Infotainment“-Gesellschaft verlieren - und die vor allem in ihrem Zusammenhang für die Bewusstseinsbildung im Alltag nicht durchsichtig werden. Mittels an Bahnhöfen und öffentlichen Orten aufgehängten Transparenten, die von der Berliner Künstlerin Katharina Mouratidi gestaltet wurden, werden dabei die wichtigsten Schlüsselzahlen der Menschheit zusammengefasst.[17]Darunter sind die wichtigsten (hier um weitere aktuelle Berichte und Bemerkungen ergänzt):
Bei alledem sind natürlich einige Einschränkungen notwendig. Die angeführten Zukunfts-Hochrechnungen ändern und entwickeln sich, gerade was die absehbaren Prognosen betrifft, angesichts der ständig möglichen unvorhersehbaren Ereignisse und Modifikationen der gesellschaftlichen Entwicklungsströme selbstverständlich dauernd. Trotzdem haben wir, so sagen all diese Studien übereinstimmend, insgesamt nur noch etwa 10-15 Jahre Zeit, um nachhaltig wirksame Änderungen und Verbesserungen in den angeführten Parametern herbeizuführen. Das zeigen alle aktuellen Indikatoren und Zahlen in sämtlichen Schlüsselbereichen der Welt- und Menschheits-Entwicklung. Und darin stimmen zum Beispiel auch alle 80 Alternativen Nobelpreisträgerinnen, ebenso wie die wichtigsten Zukunftsforscher der letzten Jahre und der Gegenwart - wie etwa Alvin Toffler, Robert Jungk, Peter Senge, Peter Drucker, Claus-Otto Scharmer oder Jeremy Rifkin - überein.[29]
10-15 Jahre! Das ist eine sehr kurze Zeit. Bedenken Sie, dass die große weltpolitische und weltkulturelle Wende 1989/91, der Fall der Mauer, der Zusammenbruch der großen ideologischen Polaritäten und der Ursprung der globalen Renaissance der Religionen und des Wiederaufstiegs der Kulturen, bereits 15 Jahre zurückliegt! Jener Fall der Mauer, den die meisten von uns direkt mitverfolgt haben - im Fernsehen oder in persönlicher Beteiligung, wie viele meiner Freunde und ich selbst.
Hoffnung machen in dieser Situation einige positive Entwicklungen, die nicht unterschätzt werden dürfen, auch wenn sie erst Segmente des Gesamtbildes betreffen. Darunter ist der Beschluß der reichen Industriestaaten vom Juli 2005, angesichts der zunehmend dringenden Welt-Situation sowie des - nicht zuletzt auch in diesem Zusammenhang - wachsenden internationalen Terrorismus die bisherige Entwicklungshilfe zu verdoppeln:
„Die reichen Industriestaaten und Russland (G8) wollen nach den schweren Anschlägen in London dem internationalen Terrorismus mit einer Verdopplung der Entwicklungshilfe den Nährboden entziehen. Bis 2010 sollen jährlich 50 Milliarden Dollar (gut 42 Milliarden Euro) zusätzlich in die armen Länder der Erde fließen, um vor allem in Afrika Armut und Hunger auszurotten sowie für Bildung und Gesundheit zu sorgen. Zum Abschluss des G8-Gipfels Anfang Juli 2005 im schottischen Gleneagles schmiedeten die Staats- und Regierungschefs eine weltumspannende Allianz, um der akuten Terror-Bedrohung Herr zu werden. Die Attentate auf das Londoner Nahverkehrssystem mit mehr als 50 Toten und 700 Verletzte dominierten das dreitägige Treffen. Premierminister Blair, der den Gipfel zeitweise für Krisensitzungen in London verlassen musste, hatte Entwicklungshilfe und Klimaschutz zu seinen Top-Prioritäten gemacht. Zur G8 gehören die USA, Deutschland, Frankreich, Italien, Kanada, Japan, Großbritannien und Russland.“[30]
Daß diese Beschlüsse im Prinzip positiv sind, daran besteht kein Zweifel. Allerdings bleiben sie ambivalent. Denn während die Entwicklungshilfe verdoppelt wird, bleibt das für die meisten Entwicklungs-Staaten ausbeuterische System der internationalen Markt- und Finanzorganisation unangetastet. Das bedeutet, dass zwar mehr Geld aus der einseitigen globalen Wirtschaftskontrolle seitens der reichen Staaten in die Entwicklungsländer zurückfließt, aber als Geschenk, nicht als grundlegende strukturale Reform des Gesamtsystems. Und das wird letztlich nicht ausreichen, um eine langfristige und ganzheitlich positive Entwicklung zu inaugurieren. Denn die Ungerechtigkeit in der strukturalen Wurzel des globalen Kapital- und Macht-Netzwerks bleibt bestehen.
Was bedeutet das alles nun zusammenfassend: In ein großes Empfindungs- und Bewußtseinsbild synthetisiert?
Zugleich ist aber nicht nur die in den angeführten Daten vor allem zur Geltung kommende Nord-Süd-Spannung wichtig, auf welche die alternativen Bewegungen in Europa traditioneller Weise das Augenmerk legen. Nicht nur der Ausschluß des größten Teils der Menschheit aus der Globalisierung wird für die kommenden Jahre wichtig. Sondern vor allem auch die Umweltfrage, und in deren Kontext insbesondere der Erderwärmungs- und Ölfrage besonderer Stellenwert zukommt. Letzteres sogar immer entscheidender. Siehe die nunmehr akut werdende Gefährdung des bisherigen Verlaufs des Golfstroms durch Abschmelzen der Pol-Eiskappen, was zu weiteren massiven Veränderungen im Welt-Klima in den unmittelbar vor uns liegenden Jahren führen könnte. Und zwar, ohne besonders apokalyptische Befürchtungen zu hegen - sondern aus durchaus bewußtseinsseelenhaft-ruhiger und realistisch-pragmatischer Sicht.[34]
Dazu gibt es viele Beispiele. Nur eines unter vielen, das uns im - scheinbar sicheren und von allen tieferen, inneren Erschütterungen weit abgelegenen - Europa vielleicht unmittelbar näher als die angeführten auf Weltebene liegt?
Die Umweltorganisation Global 2000 stellte Mitte Juni 2005 einen Forschungsbericht vor, der darauf hinweist, dass in Europa die Muttermilch belastet ist. „Die Muttermilch europäischer Frauen ist mit 350 Chemikalien belastet – Weichmachern, Flammschutzmitteln aus Computern, Duftstoffen. Diese Stoffe sind sehr langlebig, setzen sich im Fettgewebe ab und würden von der Mutter weiter gegeben. Dennoch überwiegen noch immer die Vorteile der Muttermilch gegenüber den Nachteilen. Global fordert bei der Reform der EU-Richtlinie für Chemikalien (REACH-Richtlinie), den Schutz der Gesundheit ins Zentrum zu stellen. Die Belastung der Muttermilch mit Dioxin geht nach Verboten in den 1980er Jahren langsam zurück.“[35]
Heißt das, dass wir uns auf eine ökologisch bewußtere, umweltpolitisch auch in der Mikro- und Meso-Ebene vernünftigere Zeit zubewegen? Dafür scheinen einige Entwicklungslinien zu sprechen; andere, wie etwa die neuerdings erstmals erlaubte Patentierung von Klonierungs-Technologien auf europäischer Ebene, scheinen eher dagegen zu sprechen. Beide, ökologisch progressive und regressive Kräfte, scheinen an Engagement und Einfluß zuzunehmen. Beide treten, auch in Europa, auch auf der Mikro- und Meso-Ebene der gesellschaftlichen Entwicklung, offenbar zusehends in ein immer ernsthafteres Ringen ein, je problematischer die Entwicklung auf der Makro-Ebene der globalen ökologischen Entwicklung sich zeigt.
Was bedeutet das, wenn wir dies alles, positive und negative Tendenzen, Übereinstimmungen und Widersprüche zwischen den Symptomen, in eine möglichst inklusive Perspektive zusammenzufassen versuchen?
Es bedeutet zunächst nichts anderes, als dies: Wir brauchen eine ganzheitlich, ständig auf die Jetzt-Zeit und die daraus folgende Zukunft aktualisierte, auf den Menschen, sein Wesen und seine Mission im Weltganzen und im Prozeß der umfassenden kosmischen Evolution bezogene Vision. Wir brauchen eine ganzheitliche Vision, in der alles mit allem endlich in verständlicher und ursächlich-transparenter Weise zusammenhängt. Auch wenn manche Einzelwissenschaftler diesen natürlichen Gesamt-Orientierungs-Instinkt des heutigen Menschen unterwandern wollen durch Leugnung dieser Möglichkeit und durch Überspezialisierung, aus der sich eine Leugnung von allem ergibt - und, vor allem und als uns dauernd über die Medien und die Spaßgesellschaft eingebläuter Grund-Tenor, das Beharren auf dem „Weitermachen wie bisher“.
Diese - im wahrsten Sinne des Wortes - „Einzelwissenschaftler“ können das allerdings nur deshalb so tun, weil eine bestimmte Art von Wissenschaft der heutigen materialistischen Kultur als Religion gilt. Zu Unrecht, denn es dämmert heute in vielen Teilen der Bevölkerung, und quer durch alle Altersschichten, eine neue Spiritualität, die die Dinge wieder ins Lot zu rücken beginnt. Und hier setzen federführend die Initiativen der neuen, globalen Zivilgesellschaft an. So zum Beispiel auch das von Ole von Uexküll 1980 begründete, bewusst weltanschauungsübergreifende, ausschließlich auf die innere moralische Intuition von Einzelpersönlichkeiten zielende Netzwerk der Alternativen Nobelpreisträgerinnen und –träger - wie, um nur einige neuere Vertreter zu nennen, Nicanor Perlas (einer der führenden Vertreter des weltweiten Zivilgesellschaft-Netzwerks CADI mit Hauptsitz auf den Phillippinen, oder Ibrahim Abouleish, der Gründer der 2006 startenden Sekem-Universität Kairo, aber auch von Persönlichkeiten wie Frithjof Bergmann oder Bianca Jagger. Ihnen allen geht es um eine ganzheitliche Vision unter Einbeziehung aller verfügbaren Parameter – insbesondere neuer Sozialkonzepte, wie auch einer neuen zivilgesellschaftlichen Spiritualität mit ihrer charakteristischen Dreigliederungs-Intuition.
Was hier insgesamt als Frage nach der Ganzheitlichkeit und der Nachhaltigkeit, oder in anderen Worten: Nach dem Bestand von Substanz in der Raum-Zeit dämmert, ist in Wahrheit gerade in ihrem seelischen Innen-Bestand eine neue Wissenschaftsfrage. Sie erfordert daher, um in der genuinen Dimension ihrer qualitativ neuen Fragestellung beantwortet zu werden, ein neues wissenschaftliches und zivilgesellschaftliches, genauer: wissenschaftlich-zivilgesellschaftliches Bewusstsein. Wissenschaftlich-zivilgesellschaftliches Bewusstsein, das heißt: ein Bewusstsein, das in zivilgesellschaftlicher Absicht wissenschaftlich funktioniert: Das ist nun das alles Entscheidende!
Dazu soll nun in Kürze eine eigene Universität der Alternativen Nobelreisträgerinnen– und -träger gegründet werden. Dies, um die Zahlen immer aktuell zu halten, sie der Öffentlichkeit in den wichtigsten, kritischen Schlüsselbereichen mitzuteilen, Vergleichswerte zu schaffen, das öffentliche Bewusstsein kritisch zu schärfen, und vor allem: um zu zeigen, wohin die weit verstreuten Einzel-Informationen als Ganzes verweisen. Und dies alles, um das Bewusstsein des heutigen Durchschnittsbürgers der „ersten Welt“ auf eine höhere Stufe zu heben – ein Bewusstsein, das normalerweise gar keine Urteilsmaßstäbe und Informationen besitzt, weil die Informationen zwar immer wieder verstreut veröffentlicht, aber dabei zugleich in der Regel fragmentiert werden, und sich deshalb im modernen Alltag in der Informationsflut verlieren. Aber auch, weil man im allgemeinen nicht weiß, was sie - insbesondere gemessen an der Realität auf globaler und lokaler Ebene - bedeuten. Zu Recht herrscht heute gerade in avantgardistischen Kreisen allgemein starke Skepsis gegen zukunftsprojizierte Statistiken, weil sich diese nur sehr selten als richtig erweisen, wenn die Zeit vergeht und sich die Dinge in ihr verändern. Man muß solche Statistiken und Projektionen aber nun endlich richtig handhaben. Und das heißt: Um - zur Interpretation und zur Erarbeitung von pragmatischen, klaren, kurz-, mittel- und langfristigen Lösungsvorschlägen - eine wissenschaftliche Plattform, einen geeigneten Austauschort, nämlich das Informations- und Forschungs-Zentrum für den gemeinsamen, in letzter Instanz spirituellen Kraft- und Konzentrationsort aller Kompetenz-Trägerinnen und –träger unter sich zur gegenseitigen Bestätigung und Stärkung zu schaffen.
Im Grunde aber bräuchte es, ganz grundsätzlich für die heutige Menschheit gesprochen, eine zentrale Informationsstelle wissenschaftlicher Legitimation mit zivilgesellschaftlichem Charakter und mit herausragenden, öffentlichkeitswirksamen, allgemeinmenschlich glaubwürdigen Trägern-Persönlichkeiten. Eine Institution, in der alle Informationen ständig aktuell zusammenfließen, in ein aktuelles Bild versammelt, auf die kritische Schlüsselbereiche konzentriert und verständlich in die Gesellschaft zurückgespiegelt werden. Eine Institution, in der die Erkenntnisergebnisse in der nötigen Kürze und Prägnanz aufgearbeitet werden, sodass jede Bürgerin und jeder Bürger der Welt den aktuellen Zustand der Welt jederzeit im Kopf hat – das wäre, endlich, Bewußtseinsseelen-adäquat!
Wir brauchen, mit anderen Worten, eine Institution, die jede und jeder kennt, und an die man sich um ein ganzes Bild der jeweils aktuellsten Gesamtlage mit allen entscheidenden Parametern in Jetztzeit jederzeit wenden kann, zum Beispiel im Internet. Die Parameter müssten von einem eigenen Stab in Echtzeit jederzeit aktualisiert werden. Die Vereinten Nationen erfüllen diese Funktion heute nicht oder nur in sehr ungenügendem Maß. Das Ganzheits-Bild ist, statt rein, ungeschminkt und klar zu erscheinen vor dem Bewusstsein des - im positiven Sinne – rein Empfindenden der Gegenwart (und also des postmodernen „Candide“, der wir alle sind: des „naiven“ Einzelnen), durch die Konsumbilder der globalen Werbe-Industrie verstellt. Die Leute folgen den von dieser Para-Institution, die unsere Leben täglich neu an sich bindet, einflussreich ausstrahlenden Verdummungsbildern. Oder sie langweilen sich, während die übrige Welt untergeht. Was sie zugleich zumindest unterschwellig spüren und bereuen. Das beweist jedoch nur erneut: Das Leben in seiner gewöhnlichen Form ist unbefriedigend. Nie war diese Grundeinsicht Buddhas (und des Jesus Christus, Mohammads, der jüdischen Traditionen, der großen hinduistischen Lehrer, aber auch der überwiegenden Mehrzahl der progressiv-spirituellen Zivilgesellschafterinnen und Zivilgesellschafter der Gegenwart) direkter und allgemeiner erfahrbar als heute. Vielleicht kann die geplante - und in Salzburg beim Treffen „25 Jahre Alternativer Nobelpreis“ ins Auge gefasste - Universität der Alternativen Nobelpreisträgerinnen (The Right Livelihood Award International University) sozial- und bewußtseinsrevolutionäre Rolle spielen, die im heutigen Kontext nichts weniger als notwendig geworden ist.
Sicher ist: Wir brauchen eine globale Wende; und wir brauchen sie schnell. Sonst werden die Zeiten sehr ungemütlich werden – und zwar auch noch für uns selbst, doch bereits in massiv gesteigertem Maß für unsere Kinder.
Die einzig entscheidende Frage heute ist letztlich: Wird uns die Wende gelingen? Und: Welche Konzepte und Ideen stehen dafür, diesseits aller schönen Worte, nämlich ganz konkret, in regionaler, überregionaler und globaler Perspektive zur Verfügung? Befinden wir uns in einer Epoche der Apokalypse - oder in einem potentiell neuen Zeitalter?
Das ist, wie immer in einem sich charakteristisch bewegenden Bild, zum gegenwärtigen Zeitpunkt schwer eindeutig zu beantworten. Die Entwicklung kann, wie die obigen Schlüsselaspekte andeuten, vom heutigen Stand an durchaus in sehr verschiedene Richtungen verlaufen. Doch sicher scheint mir
Wie sagte der italienische Philosoph Gianni Vattimo doch vor kurzem? „Ich bin nun alt, nähere mich der Schwelle. Doch ich habe, glauben Sie mir bitte, keine Angst zu sterben. Es tut mir nur leid, nicht mehr mitwirken zu können - jetzt, da alles auf einen entscheidenden Punkt zusteuert. Warum ich, trotz meiner Europa-Parlamentarier-Bezahlung, Kommunist bin? Das ist letztlich ganz einfach. So einfach, dass es jede und jeder schon auf den ersten Blick sehen kann. Weil der Kommunismus in jedem Fall, weil er unausweichlich wird kommen müssen. Denn die Menschen werden es ganz einfach Leid sein, von einigen wenigen Kapitalisten kontrolliert zu werden, die, immer mehr, alles besitzen werden - und alle anderen haben, immer mehr, nichts. Wir sollten alle gleichermaßen mitreden können: Jeder nach seinen Fähigkeiten. Stellen Sie sich doch einmal die Frage: Warum weiß George Bush, der Vertreter der großen Kapital-Ansammlungen der Welt, alles über mich - ich aber letztlich kaum etwas über ihn? Kommunismus, wie ich ihn verstehe, heißt: George Bush weiß alles über mich, und ich weiß alles über ihn. Das ist besser. Das ist in Ordnung. So soll es sein. Dann funktioniert das System vielleicht wieder. Ich nehme es an. Was weiß ich. Es ist zumindest das Beste, was mir einfällt. Schaut ihr doch, was geschehen wird. Ihr seid es doch, die entscheiden! Wisst ihr das denn noch immer nicht?“[37]
Ich persönlich denke nicht, dass Kommunismus die Lösung ist, nicht einmal Sozialismus. Vor allem nicht pragmatisch, und nicht bezogen auf die Realität, in der wir leben - und die wir rational vorhersehen können. Besinnen wir uns stattdessen heute, statt Vattimo zu folgen, gerade im Zusammenhang des heute gegebenen Gesamtbildes des Weltzustandes auf ein - bewusst nur umrisshaftes und freilassendes - Leitbild. Ich schlage statt „Sozialismus“ oder „Diktatur des Proletariats“, trotz aller Sympathien, die ich als linker Liberaler für die Konzeptionen gerade im Zeitalter der Globalisierung hege, und statt einer möglichen „Diktatur der Vielen“ (Vattimo) das positive - und friedliche, ernsthaft verständigungsorientierte - Makro-Leitbild der weltweiten Zivilgesellschaft vor, wie es nicht zuletzt in den pragmatischen Zukunfts-Vorschlägen der Alternativen Nobelpreisträgerinnen und –träger wie Nicanor Perlas oder Ibrahim Abouleish konkret Gestalt annimmt.[38]
Es gibt bessere Vorschläge zur konkreten Zukunftsgestaltung, als auf irgendeinen Idealzustand zu warten - und sei es der Idealzustand des Sozialismus, des Liberalismus oder eines spirituellen Weltstaats der globalen „Renaissance der Religionen“. Es gibt, vor allem, konkrete Alternativ-Wege der Veränderung, die uns im Hinblick auf das Wahre, Schöne und Gute realistischer in die Wirklichkeit hineinführen, hier und jetzt, Tag für Tag – und Schritt für Schritt, doch Schritt für Schritt praktisch, auf Augenhöhe überprüfbar, und im Alltag immer erfolgreicher. Dazu haben insbesondere die Trägerinnen und Träger des Alternativen Nobelpreises (The Right Livelihood Award) bei ihrem Treffen „25 Jahre Alternativer Nobelpreis: Alternativen, die sich rechnen. Arbeit - Kultur - Menschwürde“ in Salzburg vom 8. bis 13. Juni 2005 praktikable Perspektiven, aber auch begeisternde Visionen für das kommende Jahrzehnt aufgezeigt. Sie trugen damit dazu bei, das hier gezeichnete, insgesamt zweifellos tiefenambivalente Bild des Zustands der Welt mit hoffnungsvollen Perspektiven zu versehen. Vor allem: Mit Perspektiven, die nicht nur in oberflächlicher, sondern in begründeter Weise neuen Mut machen. Denn sie vertiefen einen neuen, illusionslosen und allgemeinmenschlich-inklusiven Humanismus in die Praxis, und gewinnen ihn umgekehrt in neuer Weise gerade aus eben dieser unideologischen Praxis für unser kulturelles Selbstverständnis zurück.[39]
Anmerkungen
[1] AFP,
23.06.2005.
[2] Siehe
dazu:
http://www.deine-stimme-gegen-armut.de/aktiv_card.html.
[3]Vgl.
dazu näher J. Ziegler, Das Imperium der Schande. Der
Kampf gegen Armut und Unterdrückung, München,
September 2005.
[4]Bekanntgegeben von Jakob von Uexküll in Anwesenheit
des Autors beim Treffen „25 Jahre Alternativer
Nobelpreis. Alternativen, die sich rechnen: Arbeit -
Kultur - Menschenwürde“ in Salzburg, 8.-13. Juni 2005.
Siehe dazu näher
http://www.rightlivelihood.org/.
[5] Ebda.
[6] Die
Welt kompakt, 05.07.2005, S. 16.
[7] Siehe
dazu näher R. Benedikter, Reihe Postmaterialismus: Die
zweite Generation, 7 Bände, Band 5 – Das Kapital, Wien
2005. Autorenseite und internationale Stimmen zum
Werk:
www.passagen.at/autoren/benedikter.html.
[8] Vgl.
u.a.
http://www.unis.unvienna.org/unis/de/pressrels/2004/unisnar849.html.
[9]
http://www.dw-world.de/dw/article/0,1564,1633185,00.html,
29.06.2005.
[10] B.
Hülsebusch, Reiche „raffen“ immer mehr, in: Dolomiten
Wirtschaftskurier, 20.07.2005, S. 21.
[11] Siehe
dazu das Friedensgutachten 2005, in:
http://www.friedensgutachten.de/2005/fga2005_zusammenfassung.pdf.
[12] Vgl.
Internationale arte-Umfrage vom Juli 2005.
[13] Vgl.
dazu näher meinen Aufsatz Der geheime Kulturkampf:
Postmoderne versus Religion – Progressive gegen
konservative Spiritualität, in: Wiener Zeitung.
Amtsblatt der Republik Österreich, 16.12.2005, S. E4.
[14] F.
Zakaria, The future of freedom. Illiberal democracy at
home and abroad, New York 2003.
[15] Vgl.
dazu u.a. die statistischen Basis-Angaben im Film
„Mathrubhoomi – Ein Land ohne Frauen“,
Indien/Frankreich 2003, Regie: Manish Jha.
[16] APA,
13.08.2005.
[17] Aus:
http://www.armutszeugnis.at/was_sind_mdgs.html.
[18] Ebda.
[19] Vgl.
dazu J. Ruzicka, Reich, reicher, am reichsten, in: Der
Standard Wien, 10. Juni 2005. In:
http://derstandard.at/?url=/?id=2074307.
[20] Ebda.
[21] Aus:
http://www.armutszeugnis.at/was_sind_mdgs.html.
[22]
http://www.zeit.de/2005/24/schuldenerlass.
[23] Siehe
dazu
http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,359530,00.html.
[24] Aus:
http://www.armutszeugnis.at/was_sind_mdgs.html.
[25] Ole
von Uexküll im persönlichen Gespräch mit mir beim
Treffen der Alternativen Nobelpreisträger Salzburg
2005, 11. Juni 2005.
[26] Aus:
http://www.armutszeugnis.at/was_sind_mdgs.html.
[27] Vgl.
dazu näher R. Benedikter (Hg.), Postmaterialismus,
Band 5: Die Natur, Passagen Verlag Wien 2004. Siehe
dazu näher
http://www.passagen.at/autoren/benedikter.html.
[28] Vgl.
zum Beispiel
www.dietiwag.org.
[29] Siehe
zuletzt am überzeugendsten J. Rifkin, Die H2
Revolution. Mit neuer Energie für eine gerechte
Weltwirtschaft, Frankfurt am Main 2005.
[30] DPA,
09.07.2005.
[31] Siehe
zum Beispiel
http://www.umweltjournal.de/fp/archiv/AfA_politik/4939.php.
[32] Vgl.
dazu u.a.
http://www.taz.de/pt/2003/06/21/a0066.nf/text.
[33] Siehe
dazu näher I. Lakatos,
Philosophische Schriften, 2 Bde., Bd.1, Die
Methodologie der wissenschaftlichen
Forschungsprogramme, Vieweg Verlagsgesellschaft
1982.
[34] Ole
von Uexküll im persönlichen Gespräch mit mir beim
Treffen der Alternativen Nobelpreisträger Salzburg
2005, 11. Juni 2005.
[35]
Zitiert nach ORF-Teletext, 14.06.2005. Die Studie
„Endstation Mensch – Zeit für eine neue
Chemikalienpolitik“ ist bei Global 2000 erhältlich:
http://www.global2000.at/index3.htm?/pages/pachemikalien14_06.htm.
[36] Vgl.
dazu u.a. J.-F. Lyotard, Das Erhabene
und die Avantgarde. In: Merkur, Nr. 424, Bd. 38, 1984,
sowie Ders., Immaterialität und Postmoderne, Berlin
1985.
[37] Bei
einer Diskussion über Zukunftsfragen im
italienischen Staatsfernsehen RAI2, 14. Juni 2005.
Übersetzung: Roland Benedikter.
[38] Siehe
dazu näher
http://www.rightlivelihood.org/index.htm.
[39] Vgl.
dazu näher
www.rla2005.org.