Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 7 (2006), Heft 1


 

Herbert Bannert: Homer lesen. Stuttgart–Bad Cannstatt: Frommann-Holzboog, 2005 (legenda 6), 237 S., ISBN: 3-7728-2370-X, 39,80 €

In griechischer und römischer Zeit waren die beiden Homer zugeschriebenen Werke Odyssee und Ilias Schullektüre und mithin jedem Gebildeten aus frühester Zeit vertraut. Daher konnte Hegel in seinen Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte mit gutem Grund vortragen, Homer sei das Element, worin die griechische Welt lebe, wie der Mensch in der Luft. Von uns Heutigen dürfte dies wohl kaum noch behauptet werden können – was erklärt, warum es Bücher wie das hier zu besprechende von Herbert Bannert gibt, ja geben muß, welches uns – erneut oder vielleicht zum ersten Mal – an die Lektüre der Homerischen Epen heran- und in ihre Welt einführen möchte.

Beides gelingt Bannert in vorbildlicher Weise. Warum Homer lesen? fragt er selbst. Bei der Beantwortung begnügt er sich nicht mit dem naheliegenden Hinweis, daß wir es hier mit zwei der ältesten erhaltenen Texte der abendländischen Überlieferungsgeschichte zu tun haben, die Teil unseres kulturellen Gedächtnisses sind. Nein, für ihn sind jene Werke vor allem aus zwei anderen Gründen auch heute noch von großer Bedeutung. Zum einen handelt es sich bei der Ilias und der Odyssee um die ältesten uns vorliegenden Dokumente, die uns zeigen, wie man eine Geschichte aufbaut, Szenen aneinander reiht und Spannung erzeugt, wie ein Autor eine Figur gestaltet, Personen charakterisiert, eine Rolle anlegt, kurz: die uns „die Grundlagen jeder Darstellungstechnik in Perfektion“ vor Augen führen (S. 14). Daher wird man in ihnen etwas finden, was Homer für alle Zeiten festgelegt hat und was Literatur, Film und andere Medien zu allen Zeiten aufgegriffen und verwendet haben: „die Fähigkeit, die Zuhörerinnen und Zuhörer, die Leserinnen und Leser, und die Zuschauerinnen und Zuschauer zu fesseln und neugierig zu machen auf die Fortsetzung und den Ausgang einer erzählten Geschichte“ (ebd.).

Über diesen mehr literatur-, erzähl- und medientechnischen Aspekt hinaus betont Bannert zum anderen, zwar würden wir in den Homerischen Epen in die Welt einer archaischen Adelsgesellschaft eingeführt; deren Grundstrukturen jedoch zielten auf Fragen und Probleme, die alle Menschen zu allen Zeiten und in jeder beliebigen Gesellschaft betreffen (S. 10). So gesehen wären die Homerischen Dichtungen von zeitloser anthropologischer Relevanz, insbesondere was die Reaktionen der von Leid und Kampf Betroffenen angeht.

Bannert nähert sich der Welt des Homer, indem er zunächst auf die Tradition von Sängern zu sprechen kommt, die, von einem Saiteninstrument, der Phorminx, begleitet, in den Hallen der Burgen während und nach dem Mahl von historischen Ereignissen, von Göttern und Heroen berichteten, bis die etwa um die Mitte des achten vorchristlichen Jahrhunderts für Handelszwecke und aus wirtschaftlichen Gründen von den Phöniziern übernommene Buchstabenschrift die mündliche Tradierung abzulösen beginnt. Daran schließt sich eine Analyse der Anfänge der beiden Dichtungen an, um den Leser mit dem jeweils zentralen Thema bekannt zu machen: dem Zorn des Achilleus in der Ilias, dem Ungewissen in der Odyssee, dem ausgreifenden, in Raum und Zeit Unentschiedenen, das die Rede von dem ‚vielgewandten Mann’ – Odysseus – in sich schließt, mit der das Proömium beginnt.

Dem läßt Bannert dann einen Durchblick durch die beiden Werke folgen, wodurch der Gang der Ereignisse plastisch vor uns ausgebreitet wird. Die Ilias, die den Kampf um Troja schildert, umfaßt im Ganzen nur 50 Tage, von denen vier Kampftage sind, wobei uns der homerische Dichter den Helden unmittelbar vor einem Kampf jeweils in Großaufnahme vorführt. Die Beschreibungen der Kampfhandlungen selbst sind bei Homer sehr häufig vom Unterlegenen her gesehen. Der Kampf an sich wird dabei nie in Frage gestellt; er ist in der frühen Gesellschaft harte Notwendigkeit. Von daher ist die Ilias „auch eine Dichtung über den Tod, über das Plötzliche, Unerwartete des Todes, eine Möglichkeit, sich in Extremsituationen mit dem Tod vertraut zu machen“ (S. 92 f.). Demgegenüber ist die Odyssee, aufs Ganze gesehen, eine Geschichte vom Reisen: hier sind die Menschen zumeist unterwegs von einem Ort zum anderen, sie sind auf der Suche, auf der Heimfahrt, in einem fremden Haus.

Besonders aufschlußreich bei diesem Gang durch die beiden Dichtungen sind Bannerts Erklärungen der Symbolik und der Vorzeichen, die dem damaligen Leser und Zuhörer eine erste Ahnung davon vermitteln, wie die Geschichte weitergehen wird. Ergänzt wird das durch Ausführungen zu zentralen Elementen der poetischen Technik Homers, insbesondere zu seinen Gleichnissen und Vergleichen, die den Zweck verfolgen, schwierige Zusammenhänge zu verdeutlichen und zu veranschaulichen. Zu den poetischen Techniken, Spannung zu erzeugen, gehört zudem als eine Art Grundprinzip, ein Thema ein erstes Mal vorzustellen, es anklingen zu lassen – zwecks Vorbereitung und Ankündigung –, um es dann später wieder aufzugreifen und einsetzen zu können. Dazu kommt das Aufschieben der Darstellung entscheidender Ereignisse durch Exkurse oder eingefügte Kurzberichte. Einer weiteren poetischen Möglichkeit des homerischen Dichters geht Bannert besonders detailliert nach: nämlich „nicht nur ausgeführte Szenen und Szenenfolgen spannend zu erzählen, sondern das Geschehen gelegentlich auf einen einzigen Augenblick, auf eine einzige Geste, auf die Notwendigkeit einer einzigen Entscheidung zuzuspitzen“. Nicht zuletzt hierin beweist sich die „ausgereifte und raffinierte Erzähltechnik des Dichters“ (S. 201).

Natürlich kommt Bannert abschließend nicht umhin, Fragen zu thematisieren, die bis heute von der Homerforschung nicht eindeutig beantwortet werden können, als da beispielsweise sind: die Frage nach der Heimat Homers, der Streit um die als nicht homerisch verdächtigten Verse sowie das Problem, ob die Odyssee vor der Ilias geschrieben worden ist. Mit solchen philologischen Einzelproblemen wird sich die heutige Leserschaft dieser beiden Dichtungen für gewöhnlich wohl nicht herumplagen, sondern lieber in die Welt selbst, die in ihnen geschildert wird, eintauchen wollen. Hierbei kann ihr Bannerts Einführung wertvolle Dienste leisten. Aber auch diejenigen, die davon überzeugt sind, mit der Homerischen Welt bereits gut vertraut zu sein, werden sie mit Gewinn lesen.

Friedhelm Decher

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