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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 7
(2006), Heft 1
Zum Lazarus
I
Lass die heilgen Parabolen,
Lass die frommen Hypothesen –
Suche die verdammten Fragen
Ohne Umschweif uns zu lösen.
Warum schleppt sich blutend, elend,
Unter Kreuzlast der Gerechte,
Während glücklich als ein Sieger
Trabt auf hohem Ross der Schlechte?
Woran liegt die Schuld? Ist etwa
Unser Herr nicht ganz allmächtig?
Oder treibt er selbst den Unfug?
Ach, das wäre niederträchtig.
Also fragen wir beständig,
Bis man uns mit einer Handvoll
Erde endlich stopft die Mäuler –
Aber ist das eine Antwort? [1]
Aber warum muss der Gerechte soviel leiden auf Erden? Warum muss Talent und Ehrlichkeit zugrunde gehen, während der schwadronierende Hanswurst, der gewiss seine Augen niemals durch arabische Manuskripte trüben mochte, sich räkelt auf den Pfühlen des Glücks und fast stinkt vor Wohlbehagen? Das Buch Hiob löst nicht diese böse Frage. Im Gegenteil, dieses Buch ist das Hohelied der Skepsis, und es zischen und pfeifen darin die entsetzlichen Schlangen ihr ewiges: Warum? Wie kommt es, dass bei der Rückkehr aus Babylon die fromme Tempelarchivkommission, deren Präsident Esra war, jenes Buch in den Kanon der heiligen Schrift aufgenommen? Ich habe mir oft diese Frage gestellt. Nach meinem Vermuten taten solches jene gotterleuchteten Männer nicht aus Unverstand, sondern weil sie in ihrer hohen Weisheit wohl wussten, dass der Zweifel in der menschlichen Natur tief begründet und berechtigt ist und dass man ihn also nicht täppisch ganz unterdrücken, sondern nur heilen muss. Sie verfuhren bei dieser Kur ganz homöopathisch, durch das Gleiche auf das Gleiche wirkend, aber sie gaben keine homöopathisch kleine Dosis, sie steigerten vielmehr dieselbe aufs ungeheuerste, und eine solche überstarke Dosis von Zweifel ist das Buch Hiob; dieses Gift durfte nicht fehlen in der Bibel, in der großen Hausapotheke der Menschheit. Ja, wie der Mensch, wenn er leidet, sich ausweinen muss, so muss er sich auch auszweifeln, wenn er sich grausam gekränkt fühlt in seinen Ansprüchen auf Lebensglück; und wie durch das heftigste Weinen, so entsteht auch durch den höchsten Grad des Zweifels, den die Deutschen so richtig die Verzweiflung nennen, die Krisis der moralischen Heilung. - Aber wohl demjenigen, der gesund ist und keiner Medizin bedarf!
Aus: Heinrich Heine: „Spätere Note“ zu: „Ludwig Marcus. Denkworte.“ [2]
Der Bibel-Kenner Heinrich Heine zitiert die Bibel - Buch Hiob 21,7: „Warum bleiben Frevler am Leben, werden alt und stark an Kraft?“ - und macht daraus sein Gedicht: Kommt mir nicht mit Vertröstungen, mit Ausflüchten ins Gleichnishafte, Biblische, Jenseitige; irdisch und konkret sind alle Ungerechtigkeiten, sind Leid und Elend. Selbst noch mein ´gestopftes Maul´ (wie herrlich doppeldeutig) wird niemals aufhören, nach dem ´Warum´, nach der ´Schuld´ zu fragen..
In seinem Beitrag zu Heinrich Heine (FR 15.2.06) meint Manfred Schneider: „Doch heute, an seinem 150. Todestag, scheint es klar: Heine ist gekommen, die Deutschen mit den Widersprüchen der Moderne zu versöhnen.“ Wäre Heine mit diesem Versöhnungsauftrag ´gekommen´, es lohnte nicht, ihn (noch) zu lesen. Respektlos, umstandslos (´ohne Umschweif´) bringt Heine die Widersprüche, Dissonanzen der Moderne zur Sprache, hält – mit Adorno zu reden – eine ´Wunde´ offen. Das Fragen, der Zweifel, die ´Verzweiflung´ erhalten ihre zutiefst menschliche Berechtigung, ihre allerhöchste Würde. Einzig die Verzweiflung selbst, Gestalt geworden im Gedicht, birgt die Ahnung einer ´Antwort´ auf all die verzweifelten, ´bösen Fragen´. Im klaren, furchtlosen Blick auf die Verzweiflung als ihr eigenes Gegengift, nicht im Versöhnen, liegt die Modernität Heinrich Heines.
Manfred Jobst
[1] 1854 schreibt Heinrich Heine unter dem Titel „Zum Lazarus“ einen Zyklus von elf Gedichten.
[2] Ludwig Marcus (1798 – 1843), Orientalist, wie Heine Mitglied des „Vereins für Kultur und Wissenschaft der Juden“ in Berlin, starb in Paris. 1844 verfasste Heine den Nachruf:] „Ludwig Marcus. Denkworte“, 1854 die „Spätere Note“.