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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 7
(2006), Heft 1
Mozarts Musik würde ich gern hier jetzt ´sprechen´ lassen, den letzten Satz - „Rondeau. Presto – Menuetto. Cantabile – Tempo primo“ - seines Klavierkonzertes in Es-Dur, KV 271, das sog. „Jeune-homme-Konzert“. An dem Verwirrspiel mit diesem Namen hätte Mozart seine helle Freude gehabt, und er ist vielleicht sogar selbst dessen Urheber – mit einer Verballhornung. Drei Briefzeugnisse gibt es. Am 5. April 1788 im Brief aus Paris an den Vater: „Mad: me jenomé ist auch hier.“ Am 11. September 1788 ebenfalls aus Paris: „ich werde 3 Concert, das für die jenomy, litzau ... um pares geld geben“. Auf die erste Erwähnung hatte Mozarts Vater aus Salzburg am 12. April 1788 reagiert: „Mache von mir und der Nannerl unsere Empf: ... an Md:me genomai.“ Zur Erläuterung: „litzau“, das ist die Gräfin Lützow; könnte es also sein, dass Wolfgang Amadeus Mozart mit den Namen spielt. Noch in Alfred Einsteins Ausgabe des Köchel-Verzeichnisses steht: „ Mademoiselle Jeunehomme war eine berühmte französische Klavierspielerin“. Vor zwei Jahren „gelang dem Musikhistoriker Michael Lorenz durch Forschungen im Wiener Stadtarchiv der Nachweis, dass es sich bei der Auftraggeberin von KV 271 um die Tochter des mit Mozart bekannten Ballettmeisters Jean Georges Noverre handelt. Sie war sowohl Tänzerin als auch eine tüchtige Klavierspielerin; ihr Name ist Victoire Jenamy “(Prof. Dr. Gerhard Allrogen im Beiheft zur Einspielung des Klavierkonzertes mit Christian Zacharias, MDG) . Mozart, der Sprach-Spieler, auf den ein ernster Mozart-Forscher hereinfällt.
Kritischer (nicht was diesen Namen angeht) war da schon Stefan Zweig, der sich über den ´Infantilismus und die leidenschaftliche Koprolalie´ Mozarts Gedanken macht. Stefan Zweig besaß die Originale der meisten der Bäsle- Briefe (das ´Bäsle´: Mozarts Kusine Maria Anna Thekla Mozart); 1931 schickt er Sigmund Freud einen Abdruck (von einem der Briefe) und schreibt dazu: „Sie als Kenner der Höhen und Tiefen werden beiliegenden Privatdruck, den ich nur einem engsten Kreise übermittle, hoffentlich als nicht ganz überflüssig empfinden: jene neun Briefe des einundzwanzigjährigen MOZART, von denen ich hier einen in extenso publiciere, werfen ein psychologisch sehr merkwürdiges Licht auf seine Erotik, die, stärker als die irgend eines anderen bedeutenden Menschen, Infantilismus und leidenschaftliche Koprolalie zeigen. Es wäre eigentlich eine interessante Studie für einen Ihrer Schüler, denn durchgängig alle Briefe kreisen um das gleiche Thema.“(abgedruckt in: Wolfgang Hildesheimer: „Mozart“. Frankfurt (suhrkamp taschenbuch) 1980, S. 118.) So viel ich weiß, hat kein Freud-Schüler eine solche ´Studie´ verfasst – wer weiß, welche ´Koprolalie-Therapie´ er vorgeschlagen hätte; ein gewisses, durchaus wohlwollendes, wenn auch von oben herab – Verständnis hätte man für den ´Patienten´ Wolfgang Amadeus Mozart vielleicht immerhin gehabt.
Obwohl, diese ´Koprolalie´ ist nicht ganz ohne: „Die Koprolalie, kurz Kot- oder Fäkaliensprache, bezeichnet eine fortgesetzte Neigung, beim Sprechen Ausdrücke und Bilder der Verdauungsvorgänge zu verwenden. Koprolalie ist auch als neurologisch-psychiatrisches Symptom bekannt. Eine besondere, ja geradezu kennzeichnende Bedeutung hat die Koprolalie beim Tourette-Syndrom, wo sie als komplexe vokale Ticstörung erscheint, die sich darin äußert, dass der Betroffene plötzlich - ohne erkennbaren Grund oder Zweck sowie willkürlich unbeeinflussbar - sozial unangebrachte oder obszöne Wörter in regelrechten Salven von sich gibt (z.B. "Scheiße, Scheiße, Drecksack, Ficksau, piss dich, kack dich, Scheiße, Scheiße"). Es ist daher hier sehr wichtig, dass die Umwelt zur Kenntnis nimmt und berücksichtigt, dass vom Tourette-Syndrom Betroffene nichts dafür können, sie erleben dies als impulsiven Zwang, dem sie machtlos ausgeliefert sind.“ (zitiert (gekürzt) aus Wikipedia)
Und so was, „durchgängig“, in den Bäsle-Briefen?. Immerhin: „nichts dafür können ... impulsiven Zwang ... machtlos ausgeliefert“. Schauen wir uns einen Bäsle-Brief an (vom 5. November 1777, aus Mannheim) [4 Aus. Mozarts Briefe.Ausgewählt, eingeleitet und kommentiert von Wolfgang Hildesheimer: Frankfurt (Insel Taschenbuch) 1980, S. 35 ff.]
„Allerliebstes bäsle häsle!
Ich habe dero mir so werthes schreiben richtig erhalten
falten, und daraus ersehen drehen, dass der H: vetter
retter, die fr: baaß, has, und sie wie, recht wohl auf
sind hind, wir sind auch gottlob und danck recht gesund
hund. Ich habe heüt den brief schief, von meinem Papa
haha, auch richtig in meine klauen bekommen strommen. Ich
hoffe, sie werden auch meinen brief trief, welchen ich
ihnen aus Mannheim geschrieben, erhalten haben schaben,
desto besser, besser desto! Nun aber etwas gescheüdes, mir
ist sehr leid, dass der H: Praelat Salat schon wieder vom
schlag getroffen worden ist sist. doch hoffe ich mit der
hülfe Gottes spottes, wird es von keinen folgen seyn
schwein. sie schreiben mir stier, dass sie ihr verbrechen,
welches sie mir vor meiner abreise von ogspurg voran
haben, halten werden, und das bald kalt; Nu, dass wird
mich gewiß reüen. sie schreiben noch ferners, ja sie
lassen sich heraus, sie geben sich blos, sie lassen sich
verlauten, sie machen mir zu wissen, sie erklären sich,
sie deüten mir an, sie benachrichtigen mir, sie machen mir
kund, sie geben deütlich am tage, sie verlangen, sie
begehren, sie wünschen, sie wollen, sie mögen, sie
befehlen, dass ich ihnen auch mein Portrait schicken soll
schroll. Eh bien, ich werde es ihnen gewis schicken
schlicken. Oui, par ma la foi, ich scheiss dir auf
d´nasen, so, rinds dir auf d´koi, appropos. Haben sie den
spuni cuni fait auch? - - - was? - - ob sie mich noch
immer lieb haben - - das glaub ich! desto besser, besser
desto! Ja, so geht es auf dieser welt, der eine hat den
beutel, der andere hat das geld; mit wem halten sie es? -
- mit mir, nicht wahr? - - das glaub ich! iezt ists noch
ärger. appropos. möchten sie nicht bald wieder zum H:
Gold=schmied gehen?
- - - - - - - - - aber was thun dort? - - was? - - nichts!
- - um den Spuni Cuni fait fragen halt, sonst weiter
nichts. sonst nichts? - - - Nu Nu; schon recht Es leben
alle, die, die – die - - die - - - wie heist es weiter? -
- iezt wünsch ich eine gute nacht, scheissen sie ins beet
daß es kracht; schlafens gesund, reckens den arsch zum
mund; ich gehe izt nach schlaraffen, und thue ein wenig
schlaffen. Morgen werden wir uns gescheüt sprechen
brechen. ich sage ihnen eine sache menge zu haben, sie
glauben es nicht gar können; aber hören sie morgen es
schon werden. leben sie wohl unterdessen, ach Mein arsch
brennt mich wie feüer! Was muß das nicht bedeüten! - -
vielleicht will dreck heraus? – ja, ja, dreck, ich kenne
dich, sehe dich, und schmecke dich - - und - - was ist
das? - - ists möglich! - - ihr götter1 - - Mein ohr,
betrügst du mich nicht? - - Nein, es ist schon so - -
welch langer, trauriger ton! - - heüt den schreiben fünfte
ich dieses. gestern habe ich mit der gestrengen fr:
Churfürstin gesprochen, und Morgen als den 6: ten werde
ich in der grossen galla=accademie spiellen; und werde ich
extra in Cabinet, wie mir die fürstin=chur selbst gesagt
hat wieder spiellen. Nun, was recht gescheütes!
1 : es wird ein brief, oder es werden briefe an mich in
ihre hände kommen, wo ich sie bitte daß - - was? - - ja,
kein fuchs ist kein haaß, ja das - - Nun, wo bin ich den
geblieben? - - ja, recht, beym kommen; - - ja ja, sie
werden kommen - - ja, wer? – wer wird kommen - - ja, izt
fällts mir ein. briefe, briefe werden kommen - - aber was
für briefe? - - je nu, briefe an mich halt, die bitte ich
mir gewis zu schicken; ich werden ihnen schon nachricht
geben wo ich von Mannheim weiteres hin gehe, iezt Numero
2. ich bitte sie, warum nicht? – ich bitte sie,
allerliebster fex, warum nicht? - - daß wenn sie ohnedem
an die Mad: Tavernier nach München schreiben, ein
Compliment von mir an die 2 Mad: selles freysinger
schreiben, warum nicht? - - Curios! warum nicht? - - und
die Jüngere, nämlich die frl: Josepha bitte ich halt recht
um verzeyhung, warum nicht? – warum sollte ich sie nicht
um verzeyhung bitten? - - Curios! – ich wüste nicht warum
nicht? - - ich bitte sie halt recht sehr um verzeyhung,
daß ich ihr bishero die versprochene sonata noch nicht
geschickt habe, aber ich werde sie, so bald es möglich ist
übersenden. warum nicht? - - was - - warum nicht? - -
warum soll ich sie nicht schicken? – warum soll ich sie
nicht übersenden? - - warum nicht? - - Curios! ich wüste
nicht warum nicht? - - Nu, also, diesen gefallen werden
sie mir thun; - - warum nicht? - - warum sollen sie mirs
nicht thum? - - warum nicht, Curios! ich thue ihnens ja
auch, wenn sie wollen, warum nicht? - - warum soll ich es
ihnen nicht thun? - - Curios! warum nicht - - ich wüste
nicht warum nicht? - - vergessen sie auch nicht von mir
ein Compliment an Papa und mama von die 2 frl: zu
entrichten, denn das ist grob gefehlt, wenn man vatter und
Mutter vergessen thut seyn müssen lassen haben. ich werde
hernach wenn die Sonata fertig ist, - selbe ihnen
zuschicken, und einen brief darzu; und sie werden die güte
haben, selben nach München zu schicken. Nun muss ich
schliessen, und das thut mich verdriessen. Herr vetter,
gehen wir geschwind zum hl: kreüz, und shauen wir ob noh
wer auf ist? - - wir halten und nicht auf, nichts als
anleiten, sonst nichts. iezt muß ich ihnen eine trauerige
geschichte erzehlen, die sich jetzt den augenblick
ereignet hat. wie ich an besten an dem brief schreibe, so
höre ich etwas auf der gasse. ich höre auf zu schreiben -
- stehe auf, gehe zum fenster - - und – höre nichts mehr -
- ich seze mich wieder, fange abermahl an zu schreiben - -
ich schreibe kaum 10 worte so höre ich wieder etwas - -
ich stehe wieder auf - - wie ich aufstehe, so höre ich nur
noch etwas ganz schwach - - aber ich schmecke so was
angebrandtes - - wo ich hingehe, so stinckt es. wenn ich
zum fenster hinaus sehe so verliert sich der geruch, sehe
ich wieder herein, so nimmt der geruch wieder zu - -
endlich sagt Meine Mama zu mir: was wette ich, du hast
einen gehen lassen? - - ich glaube nicht Mama. ja ja. es
ist gewis so. ich mache die Probe, thue den ersten finger
im arsch, und dann zur Nase, und - - Ecce Provatum est;
die Mama hatte recht. Nun leben sie recht wohl, ich küsse
sie 10000mahl und bin wie allzeit der alte junge
Sauschwanz.
Wolfgang Amade Rosenkranz
Von uns zwey Reisenden tausend Com=
Plimenten an H: vetter u. fr: baaß.
an alle meine gute freünd heünt
Meinen gruß fuß; addio fex hex
333 bis ins grab, wen ichs leben hab.
Miehmann nednet 5 rebotco 7771."
Koprolalie „durchgängig“? Da gibt es Reimspiele, Synonymenspiele, das Spiel mit Satzverdrehungen, das Spiel mit sich dumm stellen, Stottern, mit Alltagsgespräch-Wiederholungen, mit Briefschreibkonventionen. Ein ungeheurer Spaß, das zu lesen; solche Briefe müssste unsereins schreiben können dürfen wollen. Da ist einer ganz bei sich und bei der Brief-Leserin/Empfängerin, voller Vertrauen in seine Kreativität und in deren Akzeptanz beim Gegenüber; die Leserin ist anwesende Gesprächspartnerin, und der Schreiber/ Sprecher kann sich voller Ausgelassenheit regelrecht überpurzeln.(Hinweisen möchte ich auf die klugen, differenzierten, sensiblen Analysen von Hanns-Josef Ortheil: auch dieser Brief ein kleiner Schritt in der Emanzipation vom Vater, von dessen ´Nutzen-Denken und Lebensplanung für Wolfgang; Hanns-Josef Ortheil: Mozart. Im Innern seiner Sprachen. München (Piper) 1991. Eine Neuauflage wäre schön.)
Der gestrenge Herr Zweig – im Verbund mit Freud (und einem Freud-Schüler) – hebt den analytischen, durchaus auch in Moral getauchten Zeigefinger ... während Mozart ... was für ein Charakter!
„Der gesunde Mensch hat wenig Charakter - so lässt sich das Fazit der Überlegungen von Perls und Goodman zum Problem des Charakters formulieren.
´Selbsteroberung wird sozial geschätzt als ´Charakter´. Ein Mann von Charakter gibt der ´Schwäche´ nicht nach (tatsächlich ist diese Schwäche der spontane Eros, der alle Schöpfung vollbringt) ... die antisexuelle Gesellschaft, die ihre Moral auf dem Charakter aufbaut – vielleicht etwas mehr in den vorhergehenden Jahrhunderten als heute – führt alle Errungenschaften auf Unterdrückung und Selbstkontrolle zurück. Und bestimmte Aspekte der Zivilisation haben wir wahrscheinlich dem Charakter zu verdanken, nämlich die unendlich leere Fassade, die bloße Quantität, das imponierende Äußere; denn das sind die stets benötigten Beweise der Herrschaft über Mensch und Natur, sie sind Beweise der Potenz. Aber Anmut, Wärme, Kraft, Ausgewogenheit, Heiterkeit, Tragödie: Sie bleiben den Menschen mit Charakter unzugänglich.´“ (aus: Hans Peter Dreitzel: Gestalt und Prozess. Eine psychotherapeutische Diagnostik oder: Der gesunde Mensch hat wenig Charakter. Edition Humanistische Psychologie 2004, S. 28; Dreitzel zitiert (seine Übersetzung) aus. Perls/ Hefferline/ Goodmann: Gestalt Therapy, Excitement and Growth in Human Personality.)
Damit bin ich wieder beim Anfang, bei Mozarts Musik, beim 3. Satz des ´Jeune-homme-Konzertes´. Je öfter ich sie höre, um so mehr stellt sich das Bild ein eines - mit Ausgelassenheit und Methode - sich Überpurzelns und Hinterherrennens (`Presto´!): der Noten, der Töne, der Pianistenfinger, des Pianisten und Orchesters (Mozart hat dieses Konzert selbst gespielt, ich hätte ihm gern mal zugesehen und zugehört). Eine verspielte, unbändige, anarchistische Lust, alles zu sprengen, und ein spielerisches, unangestrengtes, souveränes Zusammenhalten und Gestalten: aus beidem erwächst diese Musik voller ´Anmut, Wärme, Kraft, Ausgewogenheit, Heiterkeit und Tragödie´, deren Geheimnis damit nur eben mal angetippt ist.