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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 7
(2006), Heft 1
Lavendelschlacke
abgerichtete Grimassen
Star eines Augenblicks
grüngrau
Und wir
nichts mehr
nur noch
der Auswurf
abgelebter Sätze
Exkrerimente
überholter
Floskeln
Während der Blick
gestochen ungestochen
durch alle Räume geht
ob nicht
derdie
schon andere
erscheint
ob nicht
derdie
das retten
könnte - - -
Ein Titel wie eine blühende Panzerfaust: „Lavendelschlacke“. Andreas Drescher schickt sein Gedicht in eine Umlaufbahn aus Blüten und Schutt. Nicht einmal Asche, weich, warm und regenerationsfähig, sondern Schlacke: letzter, ausgekochter Rest. Da kreisen zunächst sich scheinbar gegenseitig ausgrenzende Gestirne: Dieses lichte, violette und vielstimmige Blühen des Lavendels. Südeuropa schickt seine klischierten und zugleich tatsächlichen Idyllen als lavendelgetränkte, starkduftende und romantisierende Bildbotschaften. Und dann die Schlacke, die als Schutt und Halde und ausgekotzte, kleingebackne Restmenge globaler, industrieller Produktion ausgestossen wird und die Wiedereinverleibung in unsere empfindsame Erdmutter zum Entsorgungsproblem und schier unbewältigbaren Schrecken macht. Das wettert, knirscht und kracht im Gebälk.
Auf der schwarzen Seite entsprechen die in Weiss gestochenen Wörter dem gleissenden Lichtband, das sich als mäanderndes Polarlicht wortparallel verlaufend durch die Nacht windet. Nachdem das Schauen ein erstes Mal hülsenhaft leer und blind zugleich aufflackert und Andy Warhols Minutenberühmtheit für alle doppelbödig anklingt, schnürt Andreas Drescher abgelebte Sätze und überholte Floskeln an den schlackigen Teil des Titels, kennzeichnet die Schlacke als Restmüll der Sprache. Was sich da alles aus Mündern herausstülpt und tagesaktuell verdünnt und verbreitet, was da alles aus bereits gestorbenen und trotzdem noch diffus vor sich hin denkenden Gehirnen herausschreibt, von der Kapitalfixiertheit und den medial beschleunigten Eitelkeiten der Gegenwart erschlagen, das treibt seine kräftigen Bilder in diesem Gedicht.
Die Ausschüttung toter, kremierter Sprache findet im Sehen ihr Gefäss. Es ist nichts als ein einsamer Blick, der sucht und durch die unbestimmten Räume wandert, ob da nicht etwas hervortreten möchte, das Rettung verspricht. Sprache kann als ausgebrannte, nicht mehr entflammbare, in sich und mit sich verschmolzne Masse nichts mehr zur Sprache bringen. Das Vertrauen auf chimärenhafte Rettung – Rettung? was für ein Wort – ist auf das Schauen gerichtet. Ein angenehm verwohnter und verstaubter Geschmack, der ganz zuletzt auftritt und nach Rettung fragt. Die Todes- und gleichzeitigen Auferstehungsbilder der Grünewalds, Altdorfers und Friedrichs huschen durch die längst vergessne Hintertür des Gedächtnis’ in unseren durch Bilderinflation bildentleerten und durch Geschwätzigkeit entsprachlichten Vorstellungsraum. Aus unendlicher Zeitenferne brechen ein paar wenige, uns fast völlig entwöhnte Bildfragmente durch. Retten? Nur ein winziges, unscheinbares Wort gegen Ende des Gedichts, das plötzlich wieder aufflammen lässt, was längst gestorben schien, auch wenn verloren ging, was überhaupt zu retten wäre.