Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 7 (2006), Heft 1


 

Selbstverschuldetes Verschwinden

Arm und Reich, jenes Pulitzer gekrönte Meisterwerk Diamonds von 1997, beschäftigte sich seiner Zeit mit der Frage, warum die Geschichte auf den verschiedenen Kontinenten den Verlauf nahm, den sie nahm. Nun sind wir weiter, die hinreichende Antwort liegt vor, klimatische und geographische Besonderheiten sind als Ursache lokalisiert.

Doch welcher Teufel steckt im Detail? Was bestimmte die Geschichte der Wikinger auf Grönland? Was wurde den Anasazi in Kalifornien zum Verhängnis, was den Maya auf Yucatán? Warum blieben von einst mächtigen Nationen nur verlassene Siedlungen in der Davis-Straße oder vom Dschungel überwucherte Tempel? Diesen Fragen spürt Diamond in seinem neu erschienenen Buch, Kollaps – Warum Gesellschaften überleben oder untergehen, nach. Der englische Titel How Societies Choose to Fail or Succeed scheint allerdings adäquater, drückt er doch Diamonds Anliegen besser aus. Denn Kollaps stellt den Menschen als Akteur in den Mittelpunkt, der als handelndes Wesen Lehren aus der Vergangenheit ziehen und so dem fast unausweichlichen Zusammenbruch der menschlichen Zivilisation entgehen kann. Pessimismus und Hoffnung fungieren durch das gesamte Buch hinweg als Leitmotive. Pessimismus alleine ließe sich aber auch nicht mehr verkaufen.

Fünf Faktoren haben nach Diamond Einfluss auf den Zusammenbruch von Gesellschaften. Umweltschäden, Klimaveränderungen, feindliche Nachbarn und freundliche Handelspartner sind manchmal entscheidend, manchmal nicht. Der fünfte Faktor, die Reaktion der Menschen auf ihre Umweltprobleme, ist jedoch immer von Bedeutung.

Vier dieser Punkte zeichnen auch für den Zusammenbruch der südlichen Maya-Reiche verantwortlich (freundliche Handelspartner hatten die Maya zwar, bezogen aber nur Luxusgüter von ihnen). Nachdem 1839 die verlassenen Maya-Städte von John Stephens und Frederick Catherwood, der eine Anwalt der andere Zeichner, wieder entdeckt wurden, setzte eine umfangreiche Untersuchung über das Rätsel, warum die Maya im regenreichen Süden verschwanden und im trockeneren Norden überlebten, ein.

Diamond schlägt eine ebenso detaillierte wie komplizierte Lösung vor: Von Norden nach Süden gehend, aber mit ansteigendem karstigen Oberflächengelände, verzeichnet Yucatán mehr Regenschläge, die insgesamt sehr unregelmäßig über ein Kalenderjahr verteilt zu Boden gehen. Damit geht ein Absinken des Grundwasserspiegels von Nord nach Süd einher. Die ökologischen Verhältnisse prädestinieren den proteinarmen Mais als Primärnahrungsquelle, der aufgrund von klimatischen Verhältnissen auf Yucatán eine geringe Anbauproduktivität aufweist und zudem aufgrund der Luftfeuchtigkeit nur höchstens ein Jahr lagerungsfähig ist. Auch tierische Proteine sind aufgrund der ökologischen Gegebenheit nicht in ausreichenden Mengen vorhanden. Nachdem die Maya die fruchtbaren Täler besiedelt hatten und die Landwirtschaft durch kürzere Brachzeiten und doppelte Ernten an ihre Grenzen führten, besiedelte das Volk auch die umliegenden Berghänge. Rodung und anschließende Erosion ließen die Hänge jedoch für die Landwirtschaft unbrauchbar werden. Durch den Regen gelang der nun saure Gebirgsboden in die Talsohlen und führte so zum Absinken der landwirtschaftlichen Produktivität, die ihrerseits aber eine ansteigende Bevölkerungszahl hinreichend ernähren sollte. Nach Diamond hängt das Scheitern von Gesellschaften an ihren Umweltproblemen seinerseits an vier unscharfen Kategorien: mangelnde Voraussicht eines grundlegenden Umweltproblems, mangelnde Wahrnehmung eines bereits existenten Problems, rational negatives Verhalten gegenüber einem erkannten Problem (Maya) und viertens eine falsche Lösung des Problems. Als in den Jahren 750-950 n. Chr. immer längere und trockenere Dürreperioden den Süden heimsuchten, kam es zu Kriegen zwischen den einzelnen Königen und Adligen sowie Aufständen und Bürgerkriegen innerhalb verschiedener Reiche. So brachen nacheinander immer mehr Städte und Reiche zusammen, bis schließlich 99% der Bevölkerung gestorben waren.

Diamond begnügt sich aber nicht mit dem Aufbereiten von Vergangenem, sondern hat auch den Ehrgeiz, Aussagen zum heutigen Zustand von Gesellschaften zu treffen. So sehr seine Betrachtungen zu älteren Gesellschaften als scharfsinnige Analysen in Kontrast zu bisher geltenden Theorien geschätzt werden, so deutlich müssen seine Spekulationen über heutige Verhältnisse als naiv bezeichnet werden. Fangen historische Erklärungen oft mit Hinweisen auf Arbeiten Dritter an, so setzen Diamonds Betrachtungen zu heutigen ökologischen Problemen oft mit „Wie mir meine Freunde erzählten...“ oder „Ich habe gehört, dass...“ ein.  Aber die Stützung auf Aussagen seiner umweltbewussten Freunde, die als Umweltschützer bei Chevron-Texaco natürlich in jenen Bereichen arbeiten, wo ökologische Bewirtschaftung ökonomisch erfolgreich ist, verzerrt sein Realitätsbild in mancher Hinsicht reichlich. So wird dann auch Chevron als das umweltfreundliche Unternehmen gepriesen, dessen Vorbild anderen Konzernen ein Stern am umweltsündigen Himmel sein sollte, ist der Ölgigant doch verantwortlich für die außerordentlich lobenswerte Einrichtung eines Naturschutzreservates, um das von ihm bewirtschaftete Gebiet auf Papua-Neuguinea herum. Zwar wird der Graben zwischen authentischem Umweltbewusstsein und schlichtem wirtschaftlichen Handeln beschrieben, aber nicht wirklich erkannt und auf die gesellschaftlich wirtschaftliche Ebene reflektiert. Dass Chevron schon lange mit großen Umweltskandalen in Verbindung gebracht wird, scheint an Diamond völlig vorbei gegangen zu sein. So z.B. die Zwischenfälle in Escravos und all den anderen Orten im Niger Delta, wo Chevrons Sicherheitsdienst sogar mit militärischen Mitteln gegen Einwohner geschädigter ökologischer Gebiete vorgeht. Ebenso übersehen wird Bianca Jagger, die immerhin den Alternativen Nobelpreis 2004 u.a. aufgrund ihres Kampfes gegen Chevrons Umweltpraktiken im ecuadorianischen Regenwald erhielt.

Auch die Stellen, an denen explizit eine Angleichung nach Unten gefordert wird, um die heutigen ökologischen Probleme im Hinblick auf die dennoch berechtigten Wohlstandsansprüche der Dritten Welt in den Griff zu bekommen, mutet nicht gerade durchdacht an. Einige Vergleiche sind zudem sehr gewagt, so z.B. wenn Finnland trotz seiner Orientierung am Dritten Reich als moralischer Gewinner des Winterkrieges gilt. Oder es wird je nach Bedarf schlicht beschönigt oder vermiest, wie bei den üblichen Vermischungen von Absolut- und Pro-Kopf-Angaben.

Dass Umweltprobleme beim Untergang von Gesellschaften eine Rolle spielen können, wird wohl niemand ernsthaft bestreiten wollen. Dass sie aber so initial fungieren, wie von Diamond postuliert, schon. Die meisten Umweltprobleme sind vielmehr Folge eines gesellschaftlichen Selbstverständnisses dass der Reziprozität von Natur-Mensch-Prozessen nicht gewahr geworden ist. Die Frage ist somit nicht, mit welchen konkreten Maßnahmen die Japaner zur Tokugawazeit das Abholzen verhinderten, sondern warum sich in einigen Gesellschaften überhaupt Maßnahmen gegen Umweltzerstörung und für nachhaltige Bewirtschaftung durchsetzten und in anderen nicht. Warum konnten die Bewohner der Osterinsel oder die Süd-Maya nicht ebenso erfolgreich sein? Die einfache Erklärung, die uns Diamond als Bewirtschaftung von Unten oder als Bewirtschaftung von Oben verkauft und nichts anderes meint, als dass ein Reich zersplittert war und ein anderes nicht, greift zu kurz. Weltbildrationalisierungsprozesse sollten dabei nicht unberücksichtigt bleiben. Schließlich ist die Praxis der nachhaltigen, regenerierenden Bewirtschaftung nicht mit der Praxis eines Regenerationsritus identisch.

So interessant die einzelnen Darstellungen als Thema auch gewählt sein mögen, so kompensierend langatmig ist der Stil. Gespickt mit Wiederholungen und penetrant ausführlichem Geplänkel verliert der Leser zuweilen die Geduld. Zumal, wenn einem auch die anderen Bücher Diamonds bekannt sind und sich so die Déjàvus noch stärker häufen. Nur erwähnt seien, dass wir auf 700 Seiten nicht eine direkte Quellenangabe finden, ganz zu Schweigen davon, dass von dem im Text verstreut aufzufindenden Namen kein Personenregister existiert, und schließlich auch keine Statistiken, die seine früheren Werke durchzogen und ihnen eine besondere Anschaulichkeit verliehen. Da tröstet es auch nicht, dass wenigstens Karten über die betreffenden Gebiete und relevanten Orte jedem Kapitel vorangestellt sind.

Das gelegentliche Lesen in den einzelnen Zusammenbruchsstudien ist interessant. Doch wer lieber ein ganzes Buch lesen möchte, der nehme sich Diamonds frühere Veröffentlichungen vor.

Sebastian Rinas (Berlin)

Jared Diamond: Kollaps – Warum Gesellschaften überleben oder untergehen. S. Fischer, Frankfurt a. M. 2005, 702 S., 22,90 €

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