![]()
Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 7
(2006), Heft 1
Ferdinand Fellmann: Das Paar. Eine erotische Rechtfertigung des Menschen, Parerga Verlag, Berlin 2005, 338 Seiten, ISBN 3-937262-24-5, 14,80 €
Dass Philosophieprofessoren keineswegs nur langweilige Bücher schreiben müssen, wie kürzlich Ferdinand Fellmann in einer für die Deutsche Zeiftschrift für Philosophie verfassten Buchrezension moniert hat, beweist Fellmann selbst mit seinem Buch Das Paar. Eine erotische Rechtfertigung des Menschen. Dies dürfte nicht allein der behandelten Thematik zu verdanken sein, die ja bereits für sich verlockend klingt. Der gewichtigere Grund für die Brisanz des Buches liegt wohl darin, dass Fellmann im Rückgriff auf eine innerhalb des philosophischen Diskurses vernachlässigte Kategorie, nämlich die der Paarliebe, die Philosophische Anthropologie neu zu begründen (oder zumindest zu ergänzen) sucht. In der Gegenwart haben – nicht zuletzt angesichts der Herausforderung durch die Gentechnologie – anthropologische Fragen wieder an Attraktivität gewonnen. Umso interessanter ist der Versuch, das allmählich ins Wanken geratende Menschenbild durch die Heranziehung einer „menschlich-allzumenschlichen" Form der intersubjektiven Beziehung zu stabilisieren, die trotz ihrer eigenen Bedrohtheit im Zeitalter der Sexindustrie und der sog. „Singles-Gesellschaft" als anthropologisches Radikal und Medial fungieren soll. „Der Mensch ist das unbekannte Wesen. Noch unbekannter ist das Paar." (S. 17) Daher gilt es, unter dem Aspekt der erotischen Beziehung eine Anthropologie des Paares zu entwerfen.

Der Eros, in der griechischen Mythologie als Mittler zwischen den Göttern und den Menschen vorgestellt, übt auch innerhalb des Fellmann'schen Gedankenganges eine Vermittlungsfunktion aus: Sein Schema, begriffen als Artikulationsform des menschlichen Begehrens, dient als Leitfaden der Untersuchung des menschlichen „In-der-Welt-Seins", das sich zwischen den Extremen der Individualität und des Sozialen, der Subjektivität und Objektivität abspielt. „Das Projekt einer erotischen Rechtfertigung des Menschen ist der Versuch, innerweltliche Wege der Versöhnung zwischen Individuum und Gesellschaft [auch zwischen Subjekt und Objekt, D. S.] aufzuzeigen." (S. 19) In diesem Zitat kommt Fellmanns Anliegen deutlich zum Ausdruck: Mit Hilfe einer symbolträchtigen Figur wie derjenigen des Eros soll die Rechtfertigung des menschlichen Wesens geschehen, wobei der Rechtfertigungsbegriff, der eigentlich dem theologisch-religiösen Diskurs entstammt, hier in einer säkularisierten Form verwendet wird. Die an der im biblischen Sündenfallmythos erzählten „Urszene" der Paarwerdung abgelesenen Symbole sollen, gleichsam diesseits des Paradieses, ihre Veranschaulichung in der erotischen Beziehung zwischen Mann und Frau erfahren. Philosophische Anthropologie erscheint somit in Gestalt einer „Rechtfertigungslehre" (S. 63) – die Stelle des biblischen Gottes nimmt allerdings Eros (ein anderer „Gott"?) ein, der die Paarliebe repräsentiert. „Die Paarliebe ist die einzige Form der Rechtfertigung, die ganz auf Gegenseitigkeit beruht. In der geschlechtlichen Vereinigung ist jeder Objekt und Subjekt zugleich: So lautet die Lehre von der erotischen Rechtfertigung des Menschen." (Ebd.)
Nachdem in dem mit Projekt überschriebenen hinführenden Teil des Buches der anthropologische Ausgangspunkt markiert und die Grundbegriffe der Rechtfertigung und des Schemas eingeführt worden sind, wird in den Teilen 1 bis 3 unter dem Gesichtspunkt des Eros und der Paarliebe das Verhältnis des Menschen zu seinesgleichen, zu sich selbst und zur Welt beleuchtet, womit auch die Begriffe der Intersubjektivität, der Individualität und der Objektivität in ein neues Licht rücken. Zunächst wird im ersten Teil Der Mensch unter Menschen die Sonderstellung der Paarbeziehung gegenüber anderen mehr oder minder funktionalen Beziehungsformen herausgestellt und die erotische Paarliebe als Medium der Vergesellschaftung erörtert. Fellmann geht so weit zu behaupten, dass der Prozess der Menschwerdung in dem Moment eingesetzt habe, als sich das erste Paar von der tierischen Horde abgespalten hat. Dies wäre gewissermaßen die urgeschichtliche Lesart des Mythos von Adam und Eva. „Mit der Aussonderung aus der anonymen Horde entsteht das Paar als jene Urbeziehung, die durch eine Kraft zusammengehalten wird, die es in der Horde nicht gab – den Eros. In der Horde regiert der Sexualinstinkt, in der Paarbeziehung wird daraus die erotische Liebe, die Exklusivität beansprucht. So wenig empirische Kenntnis wir über die Menschwerdung besitzen, für die Philosophische Anthropologie bietet sich die Paarbeziehung als das neue Prinzip an, das den Übergang von der Natur zur Kultur erklärt." (S. 85 f.) Die beiden Pole des Individuums und der Gesellschaft entstehen aus dem Paar: Das Individuum ist eine Funktion der Paarbindung, die Gesellschaft die Gesamtheit möglicher Paarbeziehungen. Eine kühne These!
War der Begriff der Kommunikation – etwa bei Jürgen Habermas – dazu bestimmt, die Schranken der isolierten Subjektivität zu überwinden, so bekommt dieser Begriff durch die Freilegung seiner erotischen Komponente einen tieferen Sinn: Kommunikation wird von nun an als Zustand oder Geschehen, nicht als Handeln begriffen, das sich nicht auf einzelne Inhalte beschränkt, sondern das den anderen Menschen in seiner Ganzheit betrifft. Der geliebte Andere wird in seiner individuellen Eigenart akzeptiert und zur gesellschaftsfähigen Person gemacht. „Kommunikation als Anerkennung der Verschiedenheit der Personen in der Gleichheit des Verlangens" (S. 132) – dies kann nicht der Diskurs, sondern nur der Eros als „Kraft gegenseitiger Bestätigung" gewährleisten. Im Anschluss an seine kommunikationstheoretische Erörterung des Eros verdeutlicht Fellmann die spezifische Struktur der erotischen Kommunikation am Beispiel der Verführung. Erneut erhält die biblische Sündenfallerzählung eine paradigmatische Bedeutung: Die Verführung Adams durch Eva, durch die Darreichung des Apfels (eines sexuell konnotierten Gegenstands!) bzw. durch das Versprechen der Schlange (ebenfalls sexuell konnotiert!), wird semiotisch rekonstruiert, wobei die Schlange zum eigentlichen Bedeutungsträger, zum Interpretanten(wissen) wird. „Durch die Verführungskunst der Schlange wird das explizit gemacht, was alle Liebenden zusammenhält: der Glaube an die Unendlichkeit des kommunikativen Prozesses, der mit der leidenschaftlichen Begierde beginnt und sich in gelassener Zuneigung fortsetzt." (S. 143) In diesem Zusammenhang plädiert Fellmann für die Rehabilitierung der Rhetorik als „Instrument der Verführung", welche die erotische Rechtfertigung zu einer Stilfrage macht: „Sie artikuliert und hebt ins Bewusstsein, was den Paaren heute schwer fällt: Eine eigene Sprache der Liebe zu finden, die das Begehren in einer kreativen Weise zum Ausdruck bringt." (S. 147 f.)
Als nächsten Schritt unternimmt Fellmann im zweiten Teil Der Mensch bei sich selbst eine Rekonstruktion des Aufbaus des Selbstverständnises und -verhältnisses des Individuums nach dem Schema des Eros. Ausgehend von der Problematik der personalen Identität legt er in Auseinandersetzung mit der Willensmetaphysik Arthur Schopenhauers und den psychoanalytischen Theorien Sigmund Freuds und Heinz Kohuts eine tiefere Schicht der Identitätsbildung frei, nämlich den „Willen zum Leben", der in seiner Interpretation, von metaphysischen Konnotationen weitgehend gereinigt, als erotische Liebe verstanden wird. Um die Individualität aus der Paarliebe abzuleiten, fordert Fellmann die Loslösung von Freuds Orientierung an der infantilen Sexualität bzw. von Kohuts Privilegierung der Mutter-Kind-Beziehung, auch wenn diese ontogenetisch gesehen das Primäre sein mag, und schlägt stattdessen vor, sich bei der Rekonstruktion der Identitätsgenese an der sexuellen Partnerorientierung der Erwachsenen zu halten. Im Unterschied zur Mutter als dem primären Selbstobjekt bleibt der Partner als Referenzsubjekt auf Dauer erhalten. Fellmann verfolgt des Weiteren die Analyse der Bedeutung der Paarbeziehung für die Ausbildung der Subjektivität als eines „offenen Systems nach dem Muster intersubjektiver Repräsentation" anhand von basisanthropologischen Kategorien wie Nacktheit, Scham und Verhüllung (S. 172 ff.). Er profitiert dabei erneut von der semiotischen Deutung der alttestamentarischen Sündenfallerzählung, und zwar jenes Aspekts derselben, in dem die Dialektik von Verhüllung und Enthüllung symbolisch fassbar wird: im Motiv des Feigenblatts. „Das Feigenblatt ist Ausdruck des Bewusstseins der [geschlechtlichen] Differenz, die mit dem Sündenfall in das personale System des Individuums einwandert." (S. 174) Mit diesem Bewusstsein geht notwendig das Gefühl der Scham einher – ein weiteres Indiz für das abweichende Verhalten der Menschen gegenüber Tieren, denn diese schützen ja ihr Geschlecht nicht vor den Blicken Anderer. Da sich der Mensch in seiner Nacktheit im bestimmten Sinne bloßgestellt und daher bedroht fühlt, bedarf es der Verhüllung seiner Geschlechtsteile, wenngleich – und darin liegt das dialektische Moment – die Verdeckung wiederum Neugier und damit Lust weckt. „Das Feigenblatt fungiert somit als Mittel, die Verletztlichkeit zu minimieren, ohne auf die Begierde zu verzichten." (S. 180) In der erotischen Beziehung weicht die anfängliche Scham letztlich einem Selbstwertgefühl, denn mit dem Anblick ihrer nackten Körper lernen die Partner mit der Differenz umzugehen; sie akzeptieren sich gegenseitig, ohne dass sich einer dem Blick des anderen schutzlos ausgeliefert zu fühlen braucht. Die Verlegung der Libido in den Anblick des Anderen, der somit zu einem „lebendigen Spiegel" wird, hilft laut Fellmann zusätzlich, den (sekundären) Narzissmus zu überwinden, der das (erwachsene) Individuum in seiner Ignoranz des Anderen auf sich selbst zurückwirft.
Die emotionale Übereinstimmung zwischen den Partnern reicht jedoch nicht aus, um im „Paradigma" der Paarbeziehung bzw. der erotischen Liebe ein Medium der Bedeutungsbildung wieder zu erkennen. Dazu bedarf es nach Fellmanns Worten einer „formalen Artikulation", in der sich das Selbstverhältnis der Liebenden zeigt, nämlich jener bildlichen Repräsentation, für die sich der Terminus Selbstbild anbietet. In der Ausrichtung auf den Anderen innerhalb der Paarbeziehung gewinnt das Bild, das sich der Einzelne von sich selbst macht, allererst an Konturen. Das Modell der Rollenzuteilung reicht nach Fellmann nicht aus, um zu einem adäquaten Selbstbild zu kommen – es reicht höchstens dazu aus, „Vor-bilder" zu schaffen, an denen man sich zwecks des Einfügens in eine soziale Ordnung orientiert. Dagegen hat die Selbstbildformung ihre Bestätigung wie ihr Korrektiv im Blick des geliebten Anderen. Das Selbstbild wird primär als Körperbild erfahren: „Das Körperbild bewegt sich durch den Eros zwischen der Realität der Sexualfunktion und der Idealität der Vorbilder und Typen, die jeder erfüllen möchte." (S. 194) Die Selbstbildmodellierung in der Paarbeziehung verläuft nun in zwei Richtungen: einmal als Projektion eines Bildes vom Anderen, das seinem eigenen Selbstbild gerecht wird, dann, im Gegenzug, als Integration seiner Erwartungen in unser eigenes Selbstbild. Ersteres ist die Gewähr dafür, dass unsere Erwartungen erfüllt werden, Letzteres verhindert wiederum, dass wir zum Spielball der Bedürfnisse des Anderen werden. Fellmann benennt den Vorgang der gegenseitigen Formung der Selbstbilder Interpoiesis. „Die Interpoiesis zeigt: Der Mensch wird nicht durch sein Bild gerechtfertigt, er wird im Bild gerechtfertigt, das in der Zweierbeziehung entsteht." (S. 206) Trotz der Wichtigkeit der Präsenz des Anderen bei der Formung von Selbstbildern darf der Andere nicht zum „Urbild" des Selbst stilisiert werden. Vielmehr ist die Interpoiesis ein offener Prozess, in dem das Ergebnis oft selbst die Liebenden überrascht.
Im dritten Hauptteil seines Buches Der Mensch in der Welt geht der Autor der Frage nach, ob und in welcher Weise die Ableitung des menschlichen Verhältnisses zur Welt aus dem Eros möglich sei. Zur Beantwortung dieser Frage muss hinter die wissenschaftstheoretische Ebene auf die Ebene der unbewussten Voraussetzungen zurückgegriffen werden, deren Freilegung in die Domäne der Philosophischen Anthropologie fällt. Auch hier ist es Eros, dessen Schema Aufschluss über den (theoretischen) Objektivierungsprozess geben soll. Der Leitbegriff ist zunächst Weltoffenheit, denn es zeigt sich, dass sich dem menschlichen Wesen im Gegensatz zum tierischen durch die Erfahrung der fremden Subjektivität in der Paarliebe die Welt als offener Horizont präsentiert, innerhalb dessen (zumindest im relativen Sinne) freie Standpunktwahl und Wechsel zwischen verschiedenen Erscheinungswelten möglich ist. Das Tier ist in seine Umwelt eingeschlossen, der Mensch dagegen transzendiert seine (unmittelbare) Umwelt in Richtung eines kulturübergreifenden Weltverständnisses, was auch Einverständnis mit anderen impliziert. Die Umwelttranszendenz wird durch eine affektive Erwartungshaltung möglich, die fast in jede Wissensform eingeht. Ihre Wurzel dürfte diese Haltung wohl in der Sexualität haben, denn die sexuelle Neugierde erhält sich auch über die momentane Bedürfnisbefriedigung hinaus. Fellmann interpretiert die Weltoffenheit sogar als „Ausweitung der sexuellen Neugierde" (S. 225). Im Unterschied zu den rein rationalistisch eingestellten Kommunikationstheoretikern findet er in der Neugierde die anthropologische Reaktionsbasis der verständigungsorientierten Kommunikation.
Im Laufe seiner anthropologischen Hinterfragung der theoretischen Einstellung stößt Fellmann auf zwei weitere Phänomene, die der lebensweltlichen Schicht der erotischen Liebe entspringen: „Das Schema des Eros erzeugt eine Disposition, die sich psychologisch als Interesse und logisch als Überzeugung beschreiben lässt." (S. 246) Logos und Eros hängen enger miteinander zusammen, als man zunächst denken könnte. Für Fellmann hat auch das Erkenntnisinteresse seinen Ursprung im Eros. Interesse ist jedoch nicht mit bloßer Neugierde gleichzusetzen, wie man sie rudimentär bei jungen Tieren und etwas komplexer bei Kindern antrifft, zumal sie nur von kurzer Dauer und recht oberflächlich ist – seine Entwicklung zu einer dauerhaften Disposition setzt erst mit der Pubertät ein und kommt mit der Sexualität der Erwachsenen zum Durchbruch. Die sexuelle Partnerorientierung führt zu einer zeitlichen Ausdehnung und Intensivierung des Interesses. Dadurch wird das Bewusstsein des Individuums aus seiner Selbstbegrenzung befreit und sein Zentrum in die Beziehung zum Anderen verlegt. Das Schema des Eros ermöglicht ferner die Übertragung der erotischen Erfahrung auf Gegenstände, die nicht unmittelbar etwas mit Sexualität zu tun haben, also auf Dinge der Außenwelt, weswegen Fellmann so weit gehen kann, den Begriff der Welt auf die erotische Struktur des Lebens zurückzuführen. Das „erotische Weltverständnis" wird schließlich durch den Begriff der Überzeugung komplettiert, der nicht nur kognitiver Natur ist, sondern auch pragmatische Merkmale aufweist – er impliziert Handlungsbereitschaft und den Bezug auf andere Menschen. Nach Fellmann reicht auch er in die Tiefen der erotischen Kommunikation hinein. Das gegenseitige Vertrauen der Liebenden bildet die Basis, auf der sich der Geltungsanspruch von Überzeugungen entwickelt. Ein Mensch ist davon überzeugt, die richtige Person zu lieben; selbst für den Fall, dass er sich geirrt hat, ändert sich nichts am Tatbestand, dass es sich um eine erotisch gerechtfertigte Überzeugung gehandelt hat. Fellmann fordert von einer wissenschaftstheoretischen Betrachtung, dass sie den erotischen Untergrund der Überzeugungen nicht einfach ignoriert, sondern aus seiner Anerkennung Rückschlüsse für den Umgang des Wissenschaftlers mit seinem Forschungsgegenstand zieht: „So wie die Liebenden sich gegenseitig als Partner respektieren müssen, um gut miteinander auszukommen, so hat auch der Naturforscher die Aufgabe, an die Natur so heranzugehen, als ob es sich um einen Partner handele." (S. 261) Das Erkennen der Natur gilt es daher nach dem Muster der Paarbindung als strukturelle Kopplung zu begreifen.
Der abschließende Teil des Buches (Prospekt) hat u. a. geschichts- und kulturphilosophische Perspektiven der Paarbetrachtung zum Inhalt. Es wird in Grundzügen die Geschichtlichkeit des Eros skizziert. Stand bisher die transzendentale Dimension des Schemas des Eros im Blickpunkt, so rückt jetzt seine narrative Dimension in den Mittelpunkt des Interesses. Der Doppelsinn von ‚Geschichte' – historischer Ablauf und Erzählung – lässt sich an jeder Paarbeziehung ablesen: Sie ist sowohl in einen allgemeinen welt- und sozialgeschichtlichen Kontext eingebettet als auch narrativ struktuiert (sie läuft in der Regel nach dem Muster: Anfang-Mitte-Ende ab). „Liebesgeschichten sind nach wie vor Variationen der einen Geschichte des Ausgleichs der Verschiedenheit der Geschlechter, die unendlich ist." (S. 266) Die Geschichtlichkeit des Eros weist im Unterschied zur (angeblichen) Fortschrittlichkeit des Logos eine zyklische Struktur auf – Fellmann spricht daher von der „ewigen Wiederkehr des Eros". Es ist jedoch nicht eine mechanische Wiederholung ein und desselben triebgesteuerten Verhaltens zwischen Mann und Frau, die dem Eros zu Grunde liegt – vielmehr muss man den historischen Blick für die sozialen und kulturellen Überformungen der Triebe, Begierden und Gefühle schärfen, die unabhängig von den Naturformen auch symbolischen Charakter annehmen. Das darf wiederum nicht dazu führen, das natürliche (rein geschlechtliche) Moment zu unterschlagen. Von den ersten künstlerisch-religiösen Verklärungen des Erotischen in der Antike bis zu den „Epizyklen" des postmodernen Eros mit seiner Medialisierung, Ökonomisierung, aber auch Demokratisierung der geschlechtlichen Lust lässt sich nach Fellmann die Geschlechtlichkeit als historische „Reaktionsbasis" ausmachen, von der aus sich immer von neuem die Dialektik von Natur und Kultur entfaltet. „Auch in den höchst entwickelten Kulturformen bleibt die Faszination, die das andere Geschlecht biologisch auf den Menschen ausübt. [...] Die Wiederkehr des Eros wird trotz aller Fortschritte immer den Erfahrungshorizont des geschichtlichen Menschen prägen." (S. 272 f.)
Nach der Unterstreichung der Eigenart des Menschen als Paarwesen und der Herausarbeitung der Nähe bzw. Distanz der Anthropologie des Paares zu anderen theoretischen Formen der Erörterung der Paarbeziehung wie z. B. der Soziologie der Ehe wagt Fellmann einen Ausblick auf die angeblich „notwendige Ergänzung" des Paares, welcher seine anthropologische Untersuchung vervollständigen soll: der Ausblick auf das Kind! Die Nachkommenschaft ist zwar nicht eine notwendige Konsequenz der Paarbeziehung, aber im Kind findet Eros eine zusätzliche Erfüllung. Durch seine Anwesenheit verkörpert das Kind geradezu den Eros in seiner Vermittlungsfunktion: „Das Kind wird zum beobachtenden Dritten, der dem Paar einen Spiegel vorhält." (S. 325) Das dreigliedrige Schema des Eros (Mann-Frau-Liebesbeziehung) wird nun zur Realität, mit der sich das Paar nolens volens auseinandersetzen muss. Im Bewusstsein der gemeinsamen Elternschaft bildet sich eine Überzeugung vom Wert des Lebens, der sich im Kind konkretisiert. Mit geradezu metaphysisch anmutender Emphase lässt Fellmann verkünden: „Das Kind macht den Eros in seiner Vergänglichkeit zu einer zeitlichen Form der Überzeitlichkeit, die seine innere Form prägt, zu der die Idee des Kindes als konkrete Verkörperung gehört." (S. 326) Die Fixierung auf die Gegenwart des Partners weicht dem Blick auf eine offene Zukunft, die im Kind repräsentiert wird. „Die Liebe erschöpft sich nicht im Augenblick der Dyade, sie entfaltet sich erst im offenen Horizont der Nachkommenschaft. In diesem Sinn repräsentiert das Kind die Freiheit des Paares, in einer Welt der Unfreiheiten Zeichen der Hoffnung auf bessere Zeiten zu setzen." (S. 312) Wird also im Kind der Eros zum Telos? —
Ferdinand Fellmann ist mit seinem Buch der Versuch gelungen, Interesse für ein bislang innerhalb der Philosophischen Anthropologie unterbewertetes Thema zu wecken. Kein Wunder, dass die Philosophen mit so einem Thema ihre Probleme haben – Liebe zur Weisheit ist ihre Stärke, nicht die Liebe zum anderen Geschlecht. Doch lassen sich, wie Fellmann letztlich zeigt, selbst innerhalb der Philosophiegeschichte Stationen einer Auseinandersetzung mit dem Eros aufweisen. Immer wieder bewegt sich der Autor zwischen verschiedenen Theoremen und entwickelt seine Terminologie (Rechtfertigung, Schema, Selbstbild, Interesse, Überzeugung usw.), indem er ein reiches Textmaterial auswertet, ohne sich dabei in Details zu verlieren (dafür spricht auch der Verzicht auf den üblichen „wissenschaftlichen" Apparat wie die Anmerkungen, was zur Lesbarkeit des Textes beiträgt). Mangel an philosophiehistorischen Kenntnissen kann man ihm nicht vorwerfen – allenfalls die Tendenz zu einem gewissen Eklektizismus, der sich zwar bei diversen Denkrichtungen bedient, aber bei fast jedem Autor einen gewissen Makel ausmacht, zu dessen Behebung er sich nun berufen fühlt. Dabei zeichnen sich doch, nicht zuletzt durch die Art der verwendeten Begrifflichkeit, bereits Lineamente einer eigenständigen Theorie ab, zu deren systematischen Formulierung es jedoch einer konsequenteren Vernetzung der Begriffe selbst bedurft hätte. So fällt einem philosophisch geschulten Blick der historische Akzent stärker auf als der systematische. Doch vielleicht lässt Fellmann diesem Buch irgendwann ein weiteres folgen, in dem er den systematischen Anspruch einlösen wird. Als durchaus positiv ist neben der Beachtung der philosophieinternen Diskussion die Auseinandersetzung mit der nicht im engeren Sinne philosophischen Literatur zu bewerten, weil damit außerphilosophische Impulse verwertet werden können, welche einer in ihrer eigenen Reflexion eingekapselten Philosophie unvermeidlich verloren gehen. Gerade bei so einem Thema wie der Paarbeziehung sind Anregungen aus Disziplinen wie der Biologie, insbesondere der Verhaltensforschung, der Psychologie, Soziologie, Ethnologie, Kultur- und Sozialgeschichte, Kunstwissenschaft und -geschichte o. dgl. willkommen; die theoretische Basis wird durch Ergebnisse aus der empirischen Forschung gefestigt. Fellmann konnte in dieser Hinsicht aus der Vorarbeit solcher Forscher wie Jakob von Uexküll, Konrad Lorenz, Sigmund Freud, Heinz Kohut, George Herbert Mead, Bronislaw Malinowski u. a. Gewinn ziehen.
Über die Verwertung der philosophischen und spezialwissenschaftlichen Literatur hinaus hat er sich aber auch darum bemüht, seiner Idee der erotischen Rechtfertigung des Menschen durch die Interpretation religiöser Symbole und Mythen eine tiefere Dimension zu verleihen. Dass die Mythen der „Paarentstehung", allen voran die biblische Erzählung vom Sündenfall, vor dem anthropologsichen Hintergrund an Bedeutung gewinnen, mag allerdings etwas befremdlich wirken. Schließlich hat das Anliegen einer Philosophischen Anthropologie einen emanzipatorischen Charakter, während in den religiösen Weltanschauungen das Menschenbild restriktive Züge aufweist – der Mensch ist meistens nur das Produkt einer Laune von göttlichen Mächten. Es müsste daher die „Begründungsrichtung" zwischen Anthropologie und Religion geklärt werden: Ist die Philosophische Anthropologie bloß die säkularisierte Version einer Erzählung über den numinosen Ursprung des menschlichen Geschlechts oder, im Gegenteil, die Mythologie nur eine „verkappte" Form einer anthropologischen Überlegung, die erst auf den Kopf gestellt werden muss? Soll z. B. die Sündenfallerzählung als „Paradigma" für die Anthropologie fungieren oder gilt es, den Mythos von Adam und Eva von der Anthropologie des Paares her als semiotisches Vexierbild zu deuten? Seine Bestrebung, dem Rechtfertigungsbegriff, also einem aus der Religion herkommenden Topos, eine innerweltliche Wendung zu geben, zeugt von einer eigentümlichen Unentschiedenheit Fellmanns gegenüber der Beantwortung dieser und ähnlicher Fragen. Das Verhältnis der Anthropologie zur Religion müsste näher bestimmt werden. Zur Vermeidung von möglichen Missverständnissen sei jedoch ausdrücklich hervorgehoben, dass es bei Fellmanns Aufwertung des Eros keineswegs um eine Rehabilitierung neuheidnischer Glorifizierungen der geschlechtlichen Ekstase geht, zumal er sich selbst von solchen Interpretationen distanziert (etwa aus S. 19 oder S. 70). Seine Lehre vom Eros als dem Symbol für die zwischengeschlechtliche Beziehung mündet nicht in einen unreflektierten Erotismus.
Systematisch relevanter als der Hinweis auf die Vermengung religiöser und anthropologischer Motive scheint mir das Überdenken des prinzipiellen Anspruchs zu sein, den Fellmann mit seiner Anthropologie des Paares in Absetzung von bislang stärker (inter)subjektivistisch und objektivistisch orientierten Theorien vertritt. Lag bisher der Wertakzent immer auf einem der Pole der Beziehung, entweder auf dem Subjekt oder dem Objekt, dem Individuum oder der Gesellschaft, verschiebt sich jener Akzent in Fellmanns Theorie von den verbundenen Gliedern auf die Verbindung selbst. Aber nicht nach Art der funktionalistischen Theoreme! Aus der sexuellen Partnerorientierung als einem triebgeleiteten Geschehen wird mittels der Dialektik von Nähe und Distanz, Verhüllung und Enthüllung eine relativ stabile intersubjektive Bindung, aus der sich laut Fellmann alle anderen sozialen Bindungen ableiten lassen, die ferner das Selbstverständnis der darin involvierten Individuen prägt und die als Hintergrundmotivation auch in den Prozeduren der Welterkenntnis ihre unterschwellige Wirkung entfaltet. Nicht auf die Entitäten, sondern auf die Relation bzw. die Art der Relation kommt es an: Das Individuum, ein per definitionem „Unableitbares", entsteht aus dem Paar, die Gesellschaft wird zu einem „Paarnetzwerk". Dies sind attraktive Gedanken, zu deren vollen Bestätigung es jedoch auch der begrifflichen Arbeit an einzelnen Phänomenen bedarf, damit es nicht bloß bei den abstrakten Ankündigungen eines „Programms" bleibt. Man müsste vielleicht – der Konsequenz halber – diese Gedanken weiter radikalisieren, beispielsweise den Gedanken von der „abgeleiteten" Subjektivität nach dem Modell der Selbstbeziehung denken – das Ich als ein Anderer, was keineswegs als Zeichen der Entfremdung oder der Schizophrenie missverstanden werden darf (man denke an die Freud'sche Vorstellung von den Beziehungen zwischen Ich, Über-Ich und Es, die in die persönliche (Nicht-?)Identität eingehen). Um aber beim Paar als dem Ausgangspunkt zu bleiben, so gibt die Art der Beziehung Anlass zum Nachdenken. Trotz aller kulturellen Überformungen und Sublimierungen bleibt in jeder Paarbeziehung ein natürliches, irreduzibles Moment enthalten, der Geschlechtstrieb, der doch allererst den Anstoss zu dieser Beziehung gibt. Damit kommt ein Moment der Unfreiheit, der Gebundenheit (ich möchte nicht sagen: des Determinismus) ins Spiel, eine Schattenseite des Eros, die Fellmann nicht ausreichend behandelt, auch wenn er sich der dunklen Seite der Macht des Eros durchaus bewusst ist, wie zumindest einige Stellen in seinem Buch andeuten. Dass die Lust zur Last werden kann, zeigt nicht zuletzt der gesellschaftlich aufgebaute erotische Leistungsdruck, der seit den Tagen der „sexuellen Revolution" auf den Individuen lastet. Vielleicht ist gerade die Paarbindung der Spiegel, in dem sich der Mensch der Zerbrechlichkeit seiner Freiheit bewusst wird. Eine Beschäftigung mit der Thematik der erotischen Liebe wird daher an einer Auseinandersetzung mit der Macht der Triebe nicht vorbeigehen können.
Aller Anfang ist schwer – so auch in einer Theorie, in der etwas Neues gewagt wird. Dieser Tatsache eingedenk sollte man trotz aller möglichen methodischen, inhaltlichen und sonstigen Bedenken, die man vielleicht aus eigener Standpunktabhängigkeit und Voreingenommenheit gegenüber dem behandelten Thema äußern wird, die Leistung Fellmanns zu würdigen wissen. Es handelt sich wohl um den ersten Versuch, die erotische Paarbeziehung zu einem effektiven Gesichtspunkt der anthropologischen Überlegung zu etablieren. Fellmann skizziert in seinem Buch ein theoretisches Programm, dessen Umfang den Rahmen bloß einer Publikation sprengt; es ist daher verständlich, dass sich bei der Absteckung eines neuen Gebiets Lücken finden werden, die bei einer Weiterführung des Ansatzes aber ausgefüllt werden könnten. Es bleibt zu hoffen, dass sich im Anschluss an Fellmanns Buch eine philosophische Diskussion entwickeln wird, in der sich unterschiedliche, auch gegensätzlich ausgerichtete Theorien begegnen werden, um die Tragweite eines am Paar-Modell orientierten (Inter-)Subjektivitätsbegriffs zu prüfen. In diesem Sinne hofft auch der Rezensent, dass er mit seiner Besprechung des Fellmann'schen Buches das Interesse an einer solchen Diskussion wecken konnte.
Damir Smiljanic
Diesen Artikel als PDF-Datei herunterladen