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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 7
(2006), Heft 2
Der Filmemacher Michael Wulfes lebt seit vielen Jahren in München. Aufgewachsen ist er in Marburg. Seinen engen Bezug zu dieser Stadt hat er nicht verloren, eine Erinnerung an seine Jugendzeit „schlummerte“ in ihm. Jetzt hat er sie aus dem „Dornröschenschlaf“ erweckt und einen beeindruckenden Film gedreht, „...kommen die Beatles nach Marburg – kommen sie nicht?“ Er hat Material aus alten Filmberichten verwendet und „Nicht-Vorhandenes“ inszeniert. Ca. drei Jahre hat er mit Unterstützung der Oberhessischen Presse recherchiert. Es haben sich Zeitzeugen gefunden, die bereitwillig und mit viel Freude von ihren Erinnerungen an die Beatles-Zeit in Marburg berichten.

Vor der Pfarrkirche mit Robert Kratzt als Ferdinand Kilian jr.
Im Jahre 1966 verbreitete Ferdi Kilian, der Sohn eines Frisörs in Marburg, Nähe Hauptbahnhof, die Nachricht, dass die Beatles nach Marburg kommen würden. Offenbar, so genau weiß man es nicht, hatte ein junger Mann aus Göttingen, zum Fransen abschneiden an seinem Beatles-Schopf im Frisörsalon erschienen, erwähnt, dass die Gruppe in seiner Heimatstadt auftreten würde. Dabei hatte er durchblicken lassen, dass es durchaus möglich wäre, einen Abstecher der Beatles nach Marburg zu organisieren. Ferdi war entzückt, dem begeisterten Beatles-Fan müssen die Augen geleuchtet haben, ein Traum könnte sich verwirklichen.
Ferdi machte sich an die Arbeit und beantragte für den bevorstehenden Auftritt die damaligen `Stadtsäle`. Der amtierende Oberbürgermeister Gassmann zeigte sich etwas besorgt, denn er hatte gehört, dass bei ähnlichen Veranstaltungen die Fans außer Rand und Band geraten waren vor lauter Freude, und dass so manches Mobiliar dabei zu Bruch gegangen war. Er tröstete sich jedoch damit, dass die alten `Stadtsäle` sowieso demnächst abgerissen werden sollten. Ferdi Kilian ließ sich unterdessen feine Eintrittskärtchen, in mehreren Farben für die verschiedenen Sitzreihen, drucken, die er in einem edlen Diplomatenköfferchen mit sich führte und stolz herumzeigte.
Wiedersehens-, Wiedererkennungsfreude, Klatschen, die Zuschauer im Cineplex reagieren spontan, als im Film in ruhigen, sehr beeindruckenden Bildern das alte Gemäuer in der Gutenbergstraße, Ecke Universitätsstraße, zu sehen ist; bewegend zeigte sich auch für die Anwesenden der Blick auf die alten, einfachen, hölzernen Stuhlreihen und die schmale Bühne mit ihrem schlichten dunklen, gekräuselten Vorhang, man roch ihn förmlich, den Vorhang, ein muffiger, altvertrauter Duft.

Kameramann Volker Tittel, Regisseur Michael Wulfes, Tonmann
Silvio Reichenbach
in der Marburger Oberstadt
Ferdi Kilian fuhr damals einen hellen Ford. Wann immer es die Jahreszeit zuließ, kurvte er mit seinem Wagen gerne durch die Oberstadt (damals für jeden Marburger Autofahrer erlaubt), den linken Arm lässig aufgestützt am offenen Fenster, mit dem rechten Arm lenkend, jovial grüßend, seine markante Hornbrille auf der Nase. Er liebte es auch, durch die Landschaft zu fahren, irgendwo zu halten, die angenehme Jahreszeit zu genießen, vor sich hin zu träumen.
M. Wulfes filmte sommerliche, verträumte Bilder aus der Umgebung und der Stadt Marburg, sanft wird der Zuschauer hinüber geleitet in das Marburg der 60er Jahre. Die Zuschauer finden sich in die damalige Zeit versetzt, Rührung und Begeisterung mischen sich.
Er hat einen Darsteller für Ferdi Kilian gefunden, die Hornbrille, die Ferdi stets trug, macht die Ähnlichkeit perfekt. Ebenso wurde ein Ford-Besitzer aufgetan, der sich bereit erklärte, sein Liebhaberstück für Filmzwecke zur Verfügung zu stellen.
In Interviews erzählen Zeitzeugen von ihren Begegnungen mit Ferdi und auch dessen autoritärem Vater. Ferdi war zum Frisörberuf gezwungen worden, er hatte ganz andere Träume, er sah sich eher als Künstler, was für einer auch immer, auf jeden Fall einer mit viel Phantasie. Nun sah er für sich die Chance, einen Traum wahr werden zu lassen.. Die Nachricht von dem bevorstehenden sensationellen Ereignis verbreitete sich rasch. Eine Eintrittskarte kostete 40 „Mark“, sehr viel Geld damals; es wurde gespart, geborgt, sogar das Konto überzogen, zu derZeit war das eher unüblich. Das Beatles-Fieber bei der Jugend in der Stadt und Umgebung wuchs. Der Film zeigt Bilder des damaligen ´Club E´ am Steinweg, wo sich die jungen Leute tummelten und nach Beatles-Musik tanzten. Die Cineplexbesucher lachten und klatschten, als sie sich selbst oder Freunde von damals wiedererkannten.

Die Bühne des Marburger Schauspiels ersetzt die abgerissenen
Stadtsäle.
Auf der Bühne Schauspieler Robert Kratz als Ferdinand Kilian jr.
Einer der interviewten Zeitzeugen erinnert sich während des Gesprächs über Ferdi an eine andere Geschichte aus seiner Jugendzeit und erzählt sie gerne. Es ist ein kleiner Rückblick in die Zeit, als Marburg noch sehr provinziell war und Frankfurt - ja, das war die Großstadt, in die man besser nicht fuhr, weil sie nun mal so groß war. Er träumte von der großen Stadt, traute sich jedoch nicht hin, denn es wurde berichtet, dass es dort Ampeln gab und sehr breite, mehrspurige Straßen mit ungeheuer vielen Autos. Die Vorstellung, solch eine breite Straße bei grüner Ampel zu überqueren und vielleicht nicht schnell genug sein zu können - um schließlich im Gewühle der Autos überfahren zu werden - lieber blieb man in Marburg. Sicherer war es doch, sich am Wochenende eine Bahnsteigkarte zu kaufen (gibt es heute nicht mehr) um auf dem Bahnsteig hin und her spazierend den abfahrenden Zügen hinterher zu träumen. Die notwendigen Groschen dafür wurden während der Woche fleißig gespart.
Eine andere Szene zeigt den „wichtigsten Polizisten von Marburg“: Der Polizist trug einen weißen Hut und einen weißen, langen Mantel, er stand täglich auf seinem leicht erhobenen Podest am Fuße der Untergasse, Kreuzung Rudolphsplatz, und dirigierte den Verkehr, Arme hoch, Arme auseinander ..., die Zuschauer schauten sehr vergnügt dieser Episode zu. Es kam schon mal vor (das kann der Film allerdings nicht zeigen, dies ist eine kleine Anmerkung aus eigener Erfahrung der Verfasserin dieses Berichtes, eine klammheimliche Zeitzeugin), dass eine charmante Frau mit ihrem blauen VW-Bus dieses Podestchen rammte, und der Polizist in seinem weißen, langen Mantel einen ansehnlichen Hüpfer machen musste, um der Gefahr auszuweichen.
Der Film erzählt etwas, das gar nicht passiert ist. Poesie kann das. Und poetische Szenen spielen sich ab vor Beginn der Aufführung. Menschen, die sich gar nicht kennen, lächeln sich zu. Alte Bekannte sprechen sich an: „Hallo, du bist auch da, wie schön ... weißt du noch ...“, Nach der Aufführung im Foyer sieht man entspannte, nachdenkliche, weiche Züge in den Gesichtern der Besucher des Films, jugendliches Glitzern in den Augen, für ein paar Stunden.
Im März 2006 ist dieser Film noch einmal in Arte zu sehen, im September in der ARD.
Wir bedanken uns bei Michael Wulfes für die Überlassung der Bilder.
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