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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 7
(2006), Heft 2
LIED ZUR ERMUTIGUNG II
Lange wurdest du um die türelosen
Mauern der Stadt gejagt.
Du fliehst und streust
die verwirrten Namen der Dinge
hinter dich.
Vertrauen, dieses schwerste
ABC.
Ich mache ein kleines Zeichen
in die Luft,
unsichtbar,
wo die neue Stadt beginnt,
Jerusalem,
die goldene,
aus Nichts.
Hilde Domin gab 1966 das Buch „Doppelinterpretationen. Das zeitgenössische Gedicht zwischen Autor und Leser.“ heraus. 31 Gedichte werden darin ´doppelt interpretiert´, jeweils von der Autorin, dem Autor und von einem Interpreten. Das Buch, von der Kritik begeistert aufgenommen und in seiner Art bis heute einmalig, enthält auch, doppelt interpretiert, das Gedicht „Lied zur Ermutigung II“. Ein Gedicht, betont Domin immer wieder, braucht den Leser. „Das Gedicht, glaube ich, ist ein Gebrauchsartikel eigener Art. Es wird gebraucht, aber es verbraucht sich nicht wie andere Gebrauchsartikel, bei denen jedes Benutzen das Abnutzen in sich schließt. Im Gegenteil, es ist eines jener >Dinge<, die wie der Körper der Liebenden in der Nichtbewahrung recht eigentlich gedeihen. Neu gestaltete Erfahrungen, verfügbar werdende Assoziationen wachsen dem Gedicht unablässig zu und vermehren, vertiefen, und erweitern es, je nach den Notwendigkeiten seiner Gebraucher. Es ist daher ein >magischer Gebrauchsartikel<, etwas wie ein Schuh, der sich jedem Fuß anpasst, der ohne ihn den Weg in das Ungangbare nicht gehen könnte, den Weg zu jenen Augenblicken, in denen der Mensch wirklich identisch ist mit sich selbst.“[1]
Zudem meine ich, dass dieses Gedicht den Dialogcharakter von Lyrik, der für Hilde Domin so zentral war (auch in diesem Zitat erkennbar), in sich selber verwirklicht. Und schließlich: Vielleicht – trotz der Überschrift – ist dies eines der verzweifeltsten Gedichte von Hilde Domin, und eben deshalb stimmt Überschrift.
Eine aussichtslose Situation zu Beginn (Vers 1 und 2), voller Menschenverachtung (täterloses Passiv), die Atemlosigkeit des Gejagten erreicht über die Versgestaltung unmittelbar den Leser des Gedichtes. Hektor auf der Flucht vor Achill – diese Assoziation kommt unwillkürlich – könnte das so erlebt haben. Zugleich ist da noch etwas anderes zu ahnen, zu spüren, eine erste ´kleine´ Antwort: Die Hetzjagd liegt in der Vergangenheit (Präteritum); ewig – wie bei Kafkas Kunstreiterin – währt das Kreisen nicht. Und ein angesprochenes „du“ ist nicht – ganz – allein; wer hier spricht, bleibt unklar.
Die kleine Ermutigung scheint sich in Vers 3 bis 5 ein wenig zu verstärken. Die Stimme wird deutlicher vernehmbar, das „Du“ aktiv. Allerdings: mit einer verzweifelten Aktion; der Gejagte – immer noch atemlos – droht um seine Sprachfähigkeit, damit um sich selbst gebracht zu werden, nein, droht sich selbst darum zu bringen.
Genau daran knüpfen Vers 6 und 7 dialogisch an. Vertrauen braucht Sprache, Sprache braucht Vertrauen, keines ist ohne jeweils das andere möglich, der Mensch ohne beides nicht Mensch. Schwerstarbeit, so mutet es hier an, Vertrauen herzustellen, zu geben, entgegenzubringen, die Worte dafür zu finden, ihnen zuzuhören und darauf zu vertrauen. Zur Gestaltung dieser Verse möchte ich Hilde Domin selbst zu Wort kommen lassen – besser ist das nicht zu sagen: „Als Atemfigur wäre das Gedicht eine Sanduhr, mit enger Taille: der Atemengpass am Ende des ersten Teils. Ein Sonderfall unter meinen Gedichten. Ich sehe fast mit Unbehagen, wie der Atem stranguliert wird und so spät sich löst, obwohl dies der Anlage entspricht.“[2] Einerseits: Der Atem wird ´stranguliert´; andererseits: Er löst sich; Vertrauen wird benannt, ist also möglich.
Wie, davon sprechen – in Fortsetzung des Gesprächs – die Verse 8 bis 14. Ein „Ich“ – von Anfang an da, vielleicht identisch mit dem „Du“ – spricht und handelt. Was wie Schwerstarbeit anmutete, scheint jetzt – so die Antwort – das Selbstverständlichste und Leichteste der Welt zu sein. Vertrauen erwächst aus der einfachsten, allerkleinsten Geste; zugleich einer ungesicherten, stets gefährdeten, nicht nur „unsichtbar“, auch „in die Luft“ gemacht. Wie stark gefährdet, das zeigt nochmals der letzte Vers. Nach der Epiphanie [3] des Hoffnungs- und Vertrauensbildes – „Jerusalem,/ die goldene“ (Stadt) – am Schluss nochmals ein „aus Nichts“.
Damit nimmt der Schluss des Gedichtes den Dialog mit dem Anfang auf. Aus dem ´Nichts´, wie die Epiphanie des Vertrauens, grundlos, unsichtbar wie das ´kleine Zeichen´, kam auch die Menschenhatz. Das Gedicht entsteht aus der, ist die Kommunikation zwischen Unvereinbarem. Lässt der Leser sich darauf ein, zieht er sich den ´magischen Schuh´ an und macht sich auf den ´Weg in das Ungangbare´, kann er im Nachempfinden, Nacherleben dieser Spannung ein wenig ´vereinbarer´ mit sich selbst werden, in der ´Nichtbewahrung recht eigentlich gedeihen´. Ich selbst bin das gejagte, sich selber jagende, das sprachzerstörende, sprach- und vertrauenlose ´Du´, das Vertrauen schaffende, vertrauende ´Ich´, komme, das Gedicht lesend, mit mir über das Unvereinbarste, d.h. über mich, ins Gespräch, begegne mir selbst. „Lyrik“, sagt Hilde Domin, „lädt uns ein zu der einfachsten und schwierigsten aller Begegnungen, der Begegnung mit uns selber.“[4]
Hilde Domin ist am 22. Februar im Alter von 96 Jahren gestorben. „Unterricht“ ist der Titel eines der letzten Gedichte in ihrem ersten Gedichtband „Nur eine Rose als Stütze“ (1957). Es beginnt:
„Jeder der geht / belehrt uns ein wenig über uns selber.“
Das „Wir“, mit dem die vorletzte Strophe beginnt, schloss sie als Lebende noch mit ein; jetzt gehört sie endgültig zu den ´uns ein wenig Belehrenden´.
Wir, deren Worte sich verfehlen,
wir vergessen es.
Und sie?
Sie können die Lehre
nicht wiederholen.
Dein Tod oder meiner
der nächste Unterricht:
so hell, so deutlich,
dass es gleich dunkel wird.
Manfred Jobst
Anmerkungen
[1] Wozu Lyrik heute. Dichtung und Leser in der
gesteuerten Gesellschaft. München
(Piper), 4. Aufl. 1981, S. 16 f.
[2] Doppelinterpretationen, Frankfurt u. Hamburg, Fischer
Bücherei, 1969, S.146.
[3] Hilde Domin spricht vom „Ephiphaniecharakter“ der
„Wahrheit“ des Gedichtes, die „nicht
deduziert“ wird „wie in der Philosophie“, sondern „sie
erscheint.“ Wozu Lyrik heute, S. 62.
[4] Ebd., S. 14.