Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 7 (2006), Heft 2


 

Grete Salus: Ein Engel war nicht dort. Ein Leben wider den Schatten von Auschwitz. Forum Verlag, Leipzig 2005, ISBN 3-931801-52-7, 168 Seiten, 12,80 €

Dieses Buch beinhaltet dreierlei:

Im Anhang werden die im Text genannten KZs beschrieben und die genannten Personen in Kurzbiografien vorgestellt.

Berichte von Überlebenden der Konzentrationslager gibt es mittlerweile in großer Zahl; so entsetzlich es ist - die Inhalte sind ähnlich, weil die industrielle Menschen-Vernichtung eben gleichartiges Leid hervorbringt und auch gleichartiges Schicksal hervorbringen will.

Was ist nun das besondere an diesem Bericht Grete Salus'? - Im Gegensatz zu den meisten Publikationen in den letzten 10 bis 15 Jahren hat sie ihren Bericht bereits 1945 verfasst, unmittelbar nach der Befreiung. "Ich schrieb Tag und Nacht. Neben mir lag griffbereit ein Laib Brot, da wir immer von einem ganzen Laib Brot geschwärmt hatten, den wir einmal haben würden. ... Überall suchte ich Vergessen und fand nur schmerzliche Erinnerungen. Allein wanderte ich durch die Straßen Prags, versuchte Freunde aufzufinden, fand aber keine, denn sie lebten nicht mehr. Ich fand keinen Trost." (S. 7 f)

Es bietet sich an, diesen Bericht mit dem Gisela Spier-Cohens "Weggerissen. Erinnerungen an Theresienstadt" zu vergleichen, der 40 Jahre später aufgeschrieben wurde und in Kürze im Jonas-Verlag im Rahmen der "Marburger Beiträge zur Kulturforschung, Archivschriften, Heft 6," erscheinen wird. Gisela Spier-Cohen brachte ihre Bericht ab 1994 zu Papier. Er erzählt von den  traumatischen Erinnerungen des Kindes und des jungen Mädchens - bei der Befreiung ist sie erst 16 Jahre alt.

Grete Salus wird 1910 in Bröhmisch-Trübau geboren, studiert Tanz bei Mary Wigmann in Dresden, heiratet den Arzt Fritz Salus und zieht nach Prag. Bis zum Einmarsch der Deutschen lebt sie offenbar in bürgerlichen, einigermaßen gesicherten Verhältnissen. Der Versuch, angesichts der Bedrohung nach Indien auszuwandern, scheitert.

Gisela Spier-Cohen, geboren 1928, stammt aus dem ländlichen Judentum in Momberg, im Altkreis Marburg. Die Familie ist dort seit mehreren Generationen ansässig. Ihr Vater betrieb im Winter eine Mazzebäckerei, im Sommer ein Hotel in Bad Wildungen. 1939 misslingt der Versuch der Familie, in die USA auszuwandern. Insgesamt aber leidet die Familie bis zur Deportation keine materielle Not.

Beide Frauen sind etwa zur selben Zeit, im Sommer 1942, mit ihren Angehörigen (Grete Salus mit ihrem Mann, Gisela Spier-Cohen mit Eltern und Bruder) nach Theresienstadt deportiert, im Herbst 1944 nach Auschwitz und von dort zur Sklavenarbeit verschleppt worden - die eine nach Oederan, die andere nach Freiberg in Sachsen. Beide Rüstungsbetriebe waren Außenlager von Flossenbürg. Der Ehemann Grete Salus' wird ebenso wie die Eltern von Gisela Spier-Cohen unmittelbar nach der Ankunft in Auschwitz vergast.

Die Erinnerungen Grete Salus' sind im Wesentlichen chronologisch geordnet, durchdrungen aber von Reflexionen. Diese kreisen um das eine Thema, das sie auch im Vorwort zu einer Ausgabe 1981 noch einmal hervorhebt: "Wie machtvoll ist der Herdeninstinkt, das Nichtdenken und das kritiklose Hinnehmen von klingenden Parolen, die Menschen in den tiefsten Abgrund des Verbrechens hinabdrücken können?" (S. 17) Und sie reflektiert, welche Mechanismen es einem Menschen ermöglichen, das Grauenhafte zu überleben.

Gerade diese Reflexionen, die so unmittelbar nach dem Erleben niedergeschrieben werden, machen das Besondere dieses Berichts aus. Wie es in den Konzentrationslagern zuging, ist aus vielen Berichten, Filmdokumenten oder filmischen Rekonstruktionen bekannt. Was ein solches Lager aus Menschen macht, tritt häufig hinter einem eher voyeuristischen Interesse zurück.

Fassungslos registriert Grete Salus im Nachhinein, dass sie (wie auch Gisela Spier-Cohen und ihre Eltern) noch im Oktober 1944 völlig ahnungslos und fast frohgemut von Theresienstadt nach Auschwitz  "in den Tod hineingingen", dass manche freiwillig ihren Angehörigen nach Auschwitz folgten. Fassungslos ist sie, dass niemand sie informiert, gewarnt hat, sie deshalb den Peinigern keine Mühe machten, obwohl der Ghettoleitung ein genauer Bericht über die Vernichtungslager vorlag. Genauso fassungslos beschreibt sie das Verhalten, das Menschen entwickeln, um selbst im Fürchterlichsten sich einzurichten, zurechtzukommen; sie beschreibt, wo man Trost zu finden meint, eine kleine Nische, etwas Hoffnung. Haltung und Heroismus ja, wenn unmittelbare Gefahr droht; im "Alltagstrott" eines Lagers lebt man weiter in einer gewissen "Zufriedenheit", sucht seine Stellung, etwas Einfluss, eine eigene Bedeutung, eine kleine Nische, einen winzigen privaten Raum.

Ebenso hellsichtig beschreibt die Autorin, wie Menschen zu Verbrechern werden. "Ein süßes, zartes Frauengesicht - verzerrt zu lustvollem Genießen an den Qualen Hilfloser, Ausgelieferter. Das ausgeglichene Gesicht einer Matrone - aufgerissen von tobender Gier nach noch mehr Schmerzzufügen. Ein ruhiges, edles Gesicht - grausam kalt wird es bei jedem Flehen gepeinigter, gehetzter Menschen. ... Ich habe Angst vor Menschen. Ich habe vor nichts solche Angst wie vor Menschen. Wie gut oder wie böse sie werden können, dafür gibt es kein Maß, keine Basis, keine Sicherheit. ... Die ganze Bosheit, die ihnen innewohnte, hätte sich unter andren Umständen höchstens in Tratsch, Übervorteilen, Tyrannei im Familienkreise und dergleichen ausgelebt." (S. 41) - Von dieser Verwandlung nimmt sie sich selbst nicht aus, und daran, so weiß sie beim Schreiben, wird sie ihr ganzes Leben tragen. "Ein jeder von uns hat etwas getan, was an seiner Menschenwürde zumindest rührte. ... Du und ich, wir haben nichts Böses getan, wir haben keinen unserer Kameraden geschädigt. Oftmals haben wir auch einen Sieg über uns selbst errungen. Aber es scheint uns wenig, erschreckend wenig, was wir vermochten - unzulänglich. Wir wissen, daß man andere Maße anlegen muss, das alles wissen wir, und doch macht es uns traurig, dieses Wissen." (S. 55)

Vielleicht sind die eingestreuten dichterischen Texte, eine Art rhythmische Prosa, ein Mittel, mit diesem Wissen zu leben - Sprache, die der Seele Ausdruck jenseits des rationalen Diskurses ermöglicht. Diese Texte  zeigen, wie wichtig gerade Gedichte sind, um mit ihrer gebundenen Sprache und ihrer Verdichtung Grauen verdeutlichen zu können.

Mut machen Grete Salus die wenigen Menschen, denen sie vertrauen kann, die ihr helfen. Eine Freundin steht ihr all die Monate bei, hindert sie, Übereiltes zu begehen. Besonders anrührend ist die Hilfsbereitschaft einer einfachen "arischen" Arbeiterin in der Maschinenfabrik in Oederan, die ihr Essen zusteckt, wo sie kann, und damit unter Einsatz des eigenen Lebens zum Überleben der Versklavten beiträgt.

Fast makaber ist dann der abschließende Bericht von der Rückkehr nach Theresienstadt kurz vor Kriegsende. Dort war die Welt noch "in Ordnung": Es gibt Seife zum Waschen, Tischdecken, Besteck, "genügend" Essen, vertraute Gesichter. Für die Gefangenen in Theresienstadt waren umgekehrt die "Rückkehrer" Anlass zur Hoffnung, dass auch die anderen Deportierten zurückkehren würden.

Am 8. Mai 1945 wird Theresienstadt befreit, Grete Salus gelingt, sich nach Prag durchzuschlagen.

Ergänzt wird dieser Bericht durch ein Schreiben, dass Grete Salus 1959 an ihre Tochter richtet, in dem sie ihr von der Nachkriegszeit erzählt, vom zweiten Ehemann, dem Vater ihrer Tochter, und der Unmöglichkeit, mit diesem, der ebenfalls aus dem Konzentrationslager kam, auf Dauer zusammenzuleben. Sie berichtet, wie sie 1949 auf Initiative ihres Bruders, der bereits 1938 ausgewandert war, nach Israel übersiedelt und dort Fuß fasst. Sie arbeitet als Tanzpädagogin, einige Fotos zeigen ihre Arbeiten.

In Israel ist die Autorin auch 1996 gestorben.

Während die äußeren Erlebnisse ähnlich sind, so hat doch Gisela Spier-Cohen als Kind die Grausamkeiten der Lager, die Trennung vom Bruder und den Eltern, die furchtbare Gewisssheit, dass die Eltern vergast worden sind, mit viel größerer Unmittelbarkeit erlitten und beschrieben. - Theresienstadt erlebt sie (darin Ruth Klüger ähnlich) fast als einen "Schonraum" mit einem Sport- und Erziehungsprogramm - ihr kommt zugute, was Grete Salus erklärt: Man hat versucht, vor allem die Kinder zu retten, ihnen das Überleben zu ermöglichen und Erziehung zu vermitteln. Das bedeutet aber umgekehrt, dass Ältere zurückstehen müssen. So leidet Gisela Spier-Cohen am meisten unter der Demütigung und dem Elend ihrer Eltern, nicht an eigenem Mangel. Um so härter trifft sie die Brutalität von Auschwitz, die sie dann mit großer Eindringlichkeit völlig unprätenziös schildert. Ihr Trauma ist, dass sie von ihren Angehörigen "weggerissen" wurde, ihr der Segen der Eltern fehlt, dass sie ihre Heimat und damit ihre Muttersprache verloren  hat - wer sollte mit ihr Deutsch sprechen, im Lager (die meisten Deutschsprachigen in den Lagern waren 1944 bereits verhungert oder ermordet), in Israel oder den USA, wohin sie nach 1945 übersiedelt? So konnten ihre Erinnerungen auch nur sprachlich überarbeitet publiziert werden.

Die beiden Berichte ergänzen sich, zeigen auf, was über das Faktische hinaus am Menschen zerstört wurde. Gerade auf dem Hintergrund dieser Berichte wird deutlich, wie wenig eine "Entschädigung" oder eine kleine Rente ausrichten kann, wie schäbig das Feilschen um die Summen auf die Betroffenen wirken muss.

Bemerkenswert ist, wie es jeweils zur Veröffentlichung gekommen ist.

Grete Salus hat ihren Bericht nach Israel mitgenommen. Dort traf sie zufällig Karl Graf Spreti, den sie noch den dreißiger Jahren aus Prag kannte. (Graf Spreti, vor 1933 Anhänger der nationalkonservativen Bayrischen Volkspartei, nach 1945 eins der Gründungsmitglieder der CSU, wurde einer breiten Öffentlichkeit durch seine Ermordung in Guatemala 1970 bekannt.) Diesem gab sie ihre Aufzeichnungen, und er sorgte dafür, dass diese 1958 von der "Bundeszentrale für Heimatdienst" (heute: "Bundeszentrale für politische Bildung") veröffentlicht wurden. Zur Enttäuschung der Autorin war die Resonanz eher gering, die Reaktionen beschränkten sich vor allem auf eine Verteidigung des eigenen Nichtwissens oder der eigenen Untätigkeit.

Der Versuch, den Bericht im "Verlag der Nationen" in der DDR herauszubringen, scheitert. Die Begründung: "Der Verlag hat eine ganze Anzahl Werke ähnlicher Thematik bereits herausgegeben und eine weitere Anzahl in seinen Plänen bis 1962 fest verankert. Dazu kommt, dass, dem politischen Grundauftrag des Verlags entsprechend, uns erheblich mehr daran liegt, die Wurzeln des Faschismus und des Kapitalismus bloszulegen, das heißt, sich mehr mit dem Wesen als nur der Erscheinung zu befassen." (S.9)

Erst 1981 folgt eine Neuausgabe unter dem Titel "Niemand, nichts - ein Jude: Theresienstadt, Auschwitz, Oederan" im Verlag Darmstädter Blätter. Aber auch diese Publikation fand wohl kein größeres Echo, sie wird derzeit nur einmal antiquarisch angeboten.

Etwas ärgerlich sind die abschließenden 25 Seiten der heutigen Ausgabe, in der breit erzählt wird, wie und warum die oben unter 3. Genannten auf das Buch Grete Salus' gestoßen sind, wie sie mit der Autorin, ihrer Übersetzerin ins Ivrith und ihrer Tochter Kontakt aufnehmen, wie sie die im Bericht genannten Orte aufsuchen und welche persönliche Betroffenheit der Text bei ihnen ausgelöst hat. Dazu wird die Auseinandersetzung in der DDR mit dem Judentum oberflächlich angesprochen, ein Bezug zu den "Freunden in Israel" angemerkt - mehr nicht. Ein kurzer Hinweis hätte es auch getan.

Vermisst habe ich dagegen eine fundierte Auseinandersetzung mit der Publikationsgeschichte - welche Beziehung bestanden zwischen Grete und Fritz Salus und Graf Spreti in Prag? Haben dessen Beziehungen zu Indien ihnen Hoffnung gemacht, dorthin auszuwandern? Wie ist es Graf Spreti gelungen, Grete Salus' Bericht bei der Bundeszentrale unterzubringen? Gab es weitere Kontakte zwischen beiden? Eine Beziehung zwischen dem Anhänger einer Partei, die immerhin der NSDAP mit zur Macht verholfen hat, und jüdischen Akademikern in Prag erscheint aus heutiger Sicht ungewöhnlich. - Wie kommt es 1981 in dem Darmstädter Verlag zu einer Neuauflage? Rolf Hochhuth soll den Bericht für sein Drama "Der Stellvertreter" ausgewertet haben - hat er Kontakt zur Autorin gesucht? Eine Antwort auf diese Fragen würde ein Licht auf die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit zwischen 1956 und 1990 werfen, die diesen Bericht sinnvoll abrunden würden.

Gisela Spier-Cohen hat dagegen zunächst nur im Rahmen der Marburger "Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit" auf Anregung von Dr. Höck ihren Bericht herausgegeben. Erst vor wenigen Jahren hat sie weitere Ergänzungen zu Papier gebracht, die jetzt in einer wissenschaftlichen Reihe mit einem wissenschaftlichen Kommentar erscheinen werden. - Die Erinnerungen Überlebender sind endgültig in der Wissenschaft angekommen.

Wer wissen möchte, wie Menschen ein Konzentrationslager erleben, was ein Konzentrationslager mit einem Menschen macht, sollte diese beiden Bücher lesen. Die Nachworte kann man sich ja sparen.

Regina Neumann

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