Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 7 (2006), Heft 2


 

Novalis‘ Naturbetrachtungen in den Lehrlingen zu Sais

von Renate Vonessen

Der Erstentwurf zu den “Lehrlingen zu Sais” datiert aus der Zeit, die Friedrich von Hardenberg in Freiberg verbrachte, wo er im Herbst 1797 ein Zusatzstudium an der Bergakademie aufgenommen hatte. Ein entscheidender Hinweis darauf findet sich in seinem  ausführlichen Brief vom 24. Februar 1798 an August Wilhelm Schlegel, der das Manuskript der später sogenannten Fragmentsammlung “Blüthenstaub” begleitet, und worin er darum bittet, bei einer Veröffentlichung unter den Text die Unterschrift Novalis zu setzen. Zur Erklärung fügt er hinzu: “welcher Name ein alter Geschlechtsname von mir ist und nicht ganz unpassend.” Diese knappe Anmerkung wird durch den Kontext des Briefes genauer erläutert.  Neben den Fragmenten “Blüthenstaub”  kündigt er noch weitere Arbeiten an: “ ‚logologische Fragmente‘ , ‚Poetizismen‘, und einen Anfang unter dem Titel ‚Der Lehrling zu Sais‘  –  ebenfalls Fragmente  –  nur alle in Beziehung auf  Natur.”  Die Fragmente unter dem Titel “Der Lehrling zu Sais” stehen also in engstem Zusammenhang mit Hardenbergs naturwissenschaftlichen Studien, die er, wie viele Zeugnisse belegen, mit höchstem Interesse und großem Erfolg betrieb. Um so aufschlußreicher sind die Bemerkungen, die er gegenüber Schlegel in demselben Brief darüber macht. . . Ich will “Sie von der Besorgnis befreien, daß ich hier zu lauter  a + b  werde. Ich bin vielmehr wahrhaft entschlossen, die Mathematik künftig sehr verächtlich zu behandeln, weil sie mich wie einen ABC-Schützen behandelt. Mit der Chemie ist die Gefahr größer  –  jedoch hat mich meine alte Neigung zum Absoluten auch diesmal glücklich aus dem Strudel der Empirie gerettet, und ich schwebe jetzt und vielleicht auf immer in lichtern, eigentümlichern Sphären” (IV, 251).

Den Namen “Novalis” setzt Hardenberg für seine “eigentümlichere Sphäre”, im ganz wörtlichen Sinne also für das, was seiner innersten Natur entspricht: er sieht in ihm sein wahres, zu sich selbst befreites Ich verkörpert. Auch der Ausdruck “ich schwebe jetzt” ist, wie viele Belege zeigen, ein Schlüsselwort für diesen Prozeß der Selbsterfahrung, und wir finden ihn vor allem im Zusammenhang mit seiner kritischen Lektüre von Fichtes Wissenschaftslehre. Dort lautet eine Notiz “Über die Natur des Schwebens.”: “Frey seyn ist die Tendenz des Ich  –  das Vermögen frey zu sein ist die productive Imagination  –  Harmonie ist die Bedingung ihrer Thätigkeit  –  des Schwebens, zwischen  Entgegengesetzten” (II 266).

Offenbar wurde für Hardenberg die Freiberger Zeit, die ihn von seinem vertrauten Freundeskreis entfernte und in der er mit seinen wahren Fragen allein war, eine Epoche der wichtigsten Entscheidungen. Je intensiver er sich hier mit den praktischen Dingen seines Berufes beschäftigte, desto deutlicher wurde ihm sein eigentlicher Weg. So steht die Fragmentsammlung “Blüthenstaub”, die er in dieser Zeit fertigstellte,  beispielhaft für seine künftigen philosophischen Reflexionen, der Titel “Der Lehrling zu Sais”  kündigt seine dichterischen Anfänge an. Wobei in Wahrheit Philosophie und Dichtung für ihn zusammengehören. Deren ursprüngliche Verbindung wiederherzustellen, sieht Novalis als seine Aufgabe an. Darauf weist er am Schluß seines Briefes an A.W. Schlegel hin: “Künftig treib ich nichts als Poesie  –  die Wissenschaften müssen alle poetisiert werden  –  von dieser realen, wissenschaftlichen Poesie hoffe ich recht viel mit Ihnen zu reden. Ein Hauptgedanke dazu ist die Idee der Religion in meinen Fragmenten”. . . (IV, 252): Das sind gewaltige Pläne und Novalis weiß, daß sie der Zeit der Reife bedürfen, wie eine selbstkritische Bemerkung, auch in diesem Brief,  zeigt: ,,. . .ich bitt‘ mir von neuem Ihr Urteil über meinen Mystizismus aus, der noch ein sehr unreifes Wesen ist”  (IV, 252).

Die weitere Entwicklungsgeschichte des Textes unter dem Titel “Der Lehrling zu Sais” ist recht kompliziert. Erst zwei Jahre nach diesem ersten Anfang spricht Novalis von den “Lehrlingen” im Plural und letztlich bleibt der Roman Fragment.  Aber auf diese textkritischen Probleme will ich hier nicht weiter eingehen. Vielmehr geht es mir um die Frage, was Novalis veranlaßte, in einer Zeit intensivster praktischer und systematischer Naturstudien, seine wesentlichen Erfahrungen und Erkenntnisse in ein dichterisches Werk einzufügen, dessen eigentlicher Mittelpunkt schließlich das Märchen von “Hyazinth und Rosenblüt”  wird. Der Roman vollendet sich also in der für Novalis höchsten poetischen Form,  wie er es in seinem großen Enzyklopädieentwurf, dem sog. Allgemeinen Brouillon, in einer Reihe von Fragmenten ausführt.  Dazu jetzt nur der Kernsatz, der für die “Lehrlinge”  unmittelbar von Bedeutung ist: “Das echte Märchen muß zugleich prophetische Darstellung  –  idealische Darstellung  –  absolut notwendige Darstellung sein. Der echte Märchendichter ist ein Seher der Zukunft. . .  Mit der Zeit muß die Geschichte Märchen werden  –  sie wird wieder, wie sie anfing” ( III 781).

Der Titel “Der Lehrling zu Sais”, an dem Novalis, bis auf die spätere Pluralbildung  “die Lehrlinge” festhält, ist tatsächlich schon eine wesentliche Voraussetzung für das Verständnis dieses Werkes. Sicher konnte er, wie in der Literatur oft nachgewiesen, manche Anregung zu diesem Titel in seiner Zeit finden, z.B. bei Schiller oder in einschlägiger Literatur über ägyptische Religion, insbesondere den Isiskult. Ebenso war sicher die damalige Entdeckung der Literatur Indiens und seiner ältesten Sprache, des  Sanskrit, für ihn von Bedeutung. Dennoch sind das alles nur Einzelelemente, die den eigentlichen Geist dieser Dichtung nicht fassen können. Im übrigen gilt hier wie generell bei Novalis, daß ihm alle Studien “wegweisend” wurden, um das eigene Denken voranzubringen. Alles Fremde verwandelt sich bei ihm in ein wahrhaft Eigenes und Selbständiges. Wenn von Vorbildern die Rede ist, die Novalis zuinnerst, nicht nur beim Entwurf zu dieser Dichtung,  bestimmten,  dann ist wohl am ehesten an Platon zu denken, dem er, durch die ausführliche Philosophiegeschichte Tiedemanns vermittelt, begegnete, und der, zusammen mit Plotin, sein eigentlicher Lehrer wurde. ,,Platons Ideen  –  Bewohner der Denkkraft  –  des inneren Himmels. (Jede Hineinsteigung  –  Blick ins Innre  –  ist zugleich Aufsteigung,  – Blick nach dem Wahrhaft Äußeren.)” So notiert er im Blick auf die Fragmentsammlung  “Blüthenstaub”  (III 434).

In beeindruckender Anschaulichkeit personifiziert Novalis hier in einer offenen Definitionskette die Ideen Platons: sie sind “Bewohner der Denkkraft,” wirken also in allem Denken,  zugleich sind sie “ Bewohner des inneren Himmels”, gleich Gestirnen also, sind sie Leitbilder und Orientierung schlechthin.

Solche Gedanken sind auch für die Lehrlinge grundlegend. Die Schule zu “Sais”,  ist in den Lehrlingen so konzipiert,  wie wir es bei Platon, vor allem im Timaios, formuliert finden.

Dort erzählt Kritias “eine gar seltsame, aber durchaus wahre Sage” vom weisesten unter den Sieben, Solon, der auch der größte Dichter ist. Solon reiste nach Sais in Ägypten, um sich von kundigen Priestern belehren zu lassen und vor allem, um sie über die ältesten Zeiten zu befragen, die in schriftlichen Zeugnissen in den Tempeln zu Sais aufbewahrt sind, die aber von den Griechen, deren Gedächtnis nicht soweit zurückreicht, nicht verstanden werden.

Die Entzifferung einer geheimnisvollen Schrift, und die Kunde von urältesten Zeiten, das ist das Thema der Lehrlinge. Doch geht es nicht nur um die Aufzeichnungen aus ältester Zeit, sondern überhaupt um jene Ursprache, die sich in diesen Schriften spiegelt, und die mit der Ursprungsprache der Welt übereinstimmt. Die Natur selbst ist ursprünglich Sprache und Schriftzug. Doch weder diese Sprache noch ihre Zeichen sind der gegenwärtigen Zeit mehr begreiflich. Sie zu entschlüsseln sind die Lehrlinge zu Sais berufen,  indem sie den Erscheinungen der Natur in ihren feinsten Verästelungen folgen.

Der erste Teil  –  die Exposition des Romans  –  entwickelt dieses Hauptthema in zahlreichen Variationen aus der Perspektive eines Lehrlings: “Mannigfache Wege gehen die Menschen. Wer sie verfolgt und vergleicht, wird wunderliche Figuren entstehen sehn;  Figuren, die zu jener großen Chiffrenschrift zu gehören scheinen, die man überall . . .  erblickt”.  Zwar “ahndet man den Schlüssel dieser Wunderschrift,  die Sprachlehre derselben”,  aber “die Ahndung will sich selbst in keine feste Formen fügen, und scheint kein höherer Schlüssel werden zu wollen.”  Denn ein “Alkahest”  –   d.h. ein Mittel, das alle Konturen und Gestaltungen wieder auflöst,  “scheint über die Sinne der Menschen ausgegossen zu sein” (I 79).

Die Lehrlinge suchen in allen Erscheinungen nach dem Sinn dieser “Chiffrenschrift” des Ursprungs. Es ist eine “heilige Schrift” und ein “Akkord aus des Weltalls Symphonie”.  So vielfältig diese Bezeichnungen sind,  so verschieden sind auch die Wege, denen die Lehrlinge folgen, um ihren Auftrag zu erfüllen.  Sie zeichnen gleichsam die verschiedensten Erscheinungen der Natur auf je ihre Weise nach, und im Nachvollzug der sonderbarsten Figuren suchen sie das Geheimnis dieser Schrift zu entziffern.  Der Lehrling, aus dessen Perspektive dem Leser die Schule in Sais geschildert wird; scheint selbst an all den mannigfachen Tätigkeiten kaum teilzunehmen. Er fühlt sich  “ungeschickter als die Andern”, der Lehrer ist ihm eher fremd, doch durchaus gewogen. Ihn freuen all die wunderlichen Dinge, doch sagt er von sich: “mich führt alles in mich selbst zurück”. Das Äußere scheint ihm nur Hülle zu sein, versammelt “um ein göttlich Wunderbild”, und dieses “liegt ihm immer in Gedanken.” Ihm ist, als sollten all die äußeren Figuren ihm den Weg zeigen, “wo in tiefem Schlaf die Jungfrau steht”, nach der sein Geist sich sehnt. Dieses innerste Geheimnis wagt er niemandem, auch dem Lehrer nicht, anzuvertrauen. Nur einmal glaubt er von diesem unverbrüchlichen Geheimnis sprechen zu dürfen, als nämlich unter den Lehrlingen ein geheimnisvolles Kind auftaucht, dem alles sich auf‘s Wunderbarste erschließt. Doch schickt es der Lehrer, zusammen mit einem merkwürdig stillen und ungeschickten Lehrling bald fort. In Gegenwart dieses Kindes schien dem Lehrling alles “heller innerlich” zu werden. “Sicherlich hätte ich mehr in mir erfahren, wäre es länger geblieben.” So weiß er nicht, wie lange er in Sais bleiben wird. Doch scheint ihm zugleich, er bliebe immer da, denn innig dringt sich ihm ein Glaube auf: “einst find ich hier, was mich beständig rührt: sie ist zugegen”.

Diese höchst paradoxen Gedanken, daß das “göttliche Wunderbild”, nach dem er sich sehnt, und das er sucht, schon zugegen sei, und daß er nicht weiß,  wie lange er bleiben soll, aber doch innigst glaubt, daß er immer bleiben wird,  werden bis zum Schluß des ersten  Kapitels in immer neuen Variationen durchgespielt. Kernthema ist die Ahndung des Jünglings, daß in ihm selbst der Schlüssel aller Geheimnisse, auch der der verlorenen und verstummten Sprache, liegt. Jedoch kann er darüber noch nicht sprechen. Die Zunge ist noch nicht frei, “der Busen noch nicht offen.” Schließlich folgt er der Anweisung des Lehrers: “Auch ich will also meine Figur beschreiben, und wenn kein Sterblicher, nach jener Inschrift dort, den Schleier hebt, so müssen wir Unsterbliche zu werden suchen; wer ihn nicht heben will, ist kein echter Lehrling zu Sais” (I 82).

Wie lautet diese Inschrift  –  wie vollzieht sich die Figur des Lehrlings? Wenn wir die Antwort jetzt in der Literatur zu Sais und zum Isiskult suchen wollten, entspräche das sicher nicht der Intention von Novalis. Er selbst führt den Leser ja in diesem Roman. Und wie der Lehrling sein Ziel ahnt,  aber den Weg noch nicht weiß, so soll sich auch der Leser den Weisungen des Textes anvertrauen. Der Schlüssel liegt im Roman selbst. Und zwar, wie wir sehen werden,  im Märchen von “Hyazinth und Rosenblüt”.

Erst dort ist wieder von jenem “göttlichen Wunderbild” die Rede, nach dem sich der Lehrling sehnt. In der Bildsprache des Märchens offenbart sich das Geheimnis,  für das der Lehrling keine Worte hat. Gerade in dieser innersten Verknüpfung zwischen Einleitungskapitel und Märchen zeigt sich die Einheit des Romanentwurfs, der, obwohl er Fragment blieb, ein Ganzes ist: Novalis erneuert in ihm den uralten Urspungsmythos von der Vollkommenheit der Welt im Anfang, vor aller Zeit, indem er ihn wieder, in ganz neuer Gestalt, erzählt.

Der zweite Teil des Romans mit der Überschrift “Die Natur” verfolgt zunächst in großen Zügen die Idee der “Geschichte der Welt als Menschheitsgeschichte”. Dabei ist auffallend, daß Novalis zwar vielfach auf altüberlieferte Naturansichten anspielt  –  die auch in der Sekundärliteratur wie in einem großen und sehr gelehrten Ratespiel aufgeschlüsselt werden  –  jedoch keinen Naturforscher mit Namen kennt. Offenbar geht es ihm um das Beispielhafte,  das heißt vor allem, um eine Art Vergegenwärtigung dieser Lehren, die er nicht, wozu wir heute neigen, in eine Geschichte des Fortschreitens der Naturerkenntnisse einfügt, sondern als symbolische Möglichkeiten der Naturbegegnung aufzeigt, an denen auch wir noch teilhaben können, weil sie auf Grundformen der Naturwahrnehmung verweisen.

Ausgangspunkt seiner geschichtlichen Betrachtungen ist die Feststellung, daß ursprünglich Inneres und Äußeres im Gleichgewicht standen. Die ältesten Zeiten sind ein Abglanz der “Goldnen Zeit”, in der die Natur den Menschen Freundin, Trösterin, Priesterin und Wundertäterin war, noch unter ihnen wohnte und ein himmlischer Umgang mit ihr die “Menschen zu Unsterblichen machte” (86). Zusammenfassend sagt er: “daß gerade die erhabensten Fragen” zuerst die Aufmerksamkeit unsrer “Altväter” beschäftigten, und “ihre Gedanken von den Dingen der Welt . . . als eine Selbstabbildung des damaligen Zustandes der irdischen Natur zu betrachten sind.” Zu diesen ersten Anfängen gehört auch, daß die Dichtkunst das “liebste Werkzeug der eigentlichen Naturfreunde” war, und Naturforscher und Dichter sich immer durch  “Eine Sprache wie Ein Volk” gezeigt haben.

Doch dieser Gleichklang bleibt nicht über die Zeiten hin bestehen. Die allmähliche Fortentwicklung der Naturbeobachtung in immer weitergehende Zergliederungen und Zerspaltungen, vergleicht Novalis “mit den Brechungen des Lichtstrahls”. Nicht anders als dieser hat sich unser Inneres allmählich  in so “mannigfaltige Kräfte zerspaltet”.

Doch gelingt es späterhin nicht mehr, diese Zerspaltungen in ihre ursprüngliche Einheit zurückzuführen. Novalis sieht darin einen krankhaften Zustand: “Vielleicht ist es nur krankhafte Anlage der späteren Menschen, wenn sie das Vermögen verlieren, diese zerstreuten Farben ihres Geistes wieder zu mischen und nach Belieben den alten einfachen Naturstand herzustellen, oder neue, mannigfache Verbindungen unter ihnen zu bewirken.” Der Vergleich zwischen den Fortschritten in der Naturerkenntnis mit den Zerspaltungen des Lichts, verweist symbolisch auf die Natur der Vernunft: ihre Fähigkeit zur Analyse und ihre Kraft, Getrenntes wieder zu vereinen. In diesem Sinne ist die Vernunft das im Menschen einwohnende göttliche Licht; die Schwächung der einenden, zusammenfügenden Kraft der Vernunft, das heißt ihrer Wahrnehmungskraft für die Wahrheit,  ist Zeichen ihrer Schwächung für die Wahrnehmung des Göttlichen.

Die Schilderung des späteren Zustands der Menschheit und ihres gewandelten Umgangs mit der Natur, wird nun in eine ganz andere Sprachform gekleidet als die Betrachtungen in der Einleitung. Der Leser wird Teilnehmer eines Gesprächs, das teils direkt, teils indirekt, wiedergegeben wird, und wo im Gegensatz zum ersten Kapitel, alle Redner jeweils ihre Sicht vortragen, ohne sich um ein gemeinsames Ziel zu bekümmern. Sie stehen isoliert mit ihren jeweiligen Meinungen. Diesem Teil könnte man geradezu einen Zwischentitel geben, der durch einen Begriff aus dem ersten Kapitel vorgegeben ist: Die Wissenschaft als Alkahest. d. h. die Wissenschaft als Auflösung und Zerspaltung jeder Gemeinsamkeit. Die widersprüchlichsten Ansichten werden vorgetragen und immer entschiedener als unumstößliches Wissen ausgegeben. Bei allen Gegensätzen läßt sich allerdings eine Gemeinsamkeit feststellen: alle Redner sehen in der Natur die Feindin des Menschen. Notwendig muß der Mensch also gegen sie kämpfen, um sich gegen sie behaupten zu können. So gilt der Naturforscher z.B. als “edler Held”, der einen beständigen “Zerstörungskrieg” gegen die Natur führt, um sie schließlich endgültig zu unterwerfen. So wird er ihr Herr und hat Macht über sie. Macht euch die Erde untertan! scheint die gemeinsame Parole.

All diese Reden und Gegenreden enthalten auch wieder deutliche Anspielungen auf verschiedene Naturlehren der neueren Zeit. Dennoch meidet Novalis auch hier jede Nennung von Namen, er geht auch nicht detailliert auf Einzelheiten ein. Wiederum geht es ihm um den Gleichnischarakter der Naturansichten. Nicht nur hat jeder je zu seiner Zeit daran teil, sondern sie haben, als mögliche Ansichten, Gültigkeit über die Zeiten hinweg. Sie werden hier dargestellt als Verirrungen, die sich aus ganz bestimmten Denkvoraussetzungen ergeben. Z.B. denen der Aufklärung, die die Natur nicht mehr als göttlich geschaffene anerkennt. Es geht also auch hier mehr darum, zu erkennen, wie weit man an solchen Gedanken teilhat,  als zu erraten, auf welchen Autor die jeweilige Theorie anspielt. Schließlich finden all diese Wechselreden in einem  “ernsten Mann” einen energischen Gegenredner, der all die vorgetragenen natur­feindlichen Gedanken auf einen Nenner bringt: “Erkennen sie in der Natur nicht den treuen Abdruck ihrer selbst? . . .  Sie wissen nicht, daß ihre Natur ein Gedankenspiel, eine wüste Phantasie ihres Traumes ist. Jawohl ist sie ihnen ein entsetzliches Tier, eine seltsame abenteuerliche Larve ihrer Begierden. Der wachende Mensch sieht ohne Schaudern diese Brut seiner regellosen Einbildungskraft, denn er weiß,  daß es nichtige Gespenster seiner Schwäche sind . . . Einklang strebt sein Inneres zu verkünden . . . Er wird in die Unendlichkeit hinaus stets einiger mit sich selbst und seiner Schöpfung um sich her sein, und mit jedem Schritte die ewige Allwirksamkeit einer hohen sittlichen Weltordnung, der Veste seines Ichs, immer heller hervortreten sehen” (I 90). 

Mit diesen Gedanken greift Novalis das Kernthema des ersten Kapitels wieder auf. Der ‚ernste Mann‘ verweist damit indirekt auf die Prinzipien der Schule zu Sais, in der keine Theorien über die Natur entwickelt werden, vielmehr alle ehrfürchtig fragende Schüler der Natur sind und sich von ihr führen und belehren lassen. In seinen Schlußbemerkungen entwirft der “ernste Mann” ein Gegenbild zu den vorgetragenen Meinungen und zeigt den Weg einer künftigen Wiederherstellung des Einklangs mit der Natur.

“Der Sinn der Welt ist die Vernunft: um derentwillen ist sie da, und wenn sie erst der Kampfplatz einer kindlichen, aufblühenden Vernunft ist, so wird sie einst zum göttlichen Bilde ihrer Tätigkeit. . .  Bis dahin ehre sie der Mensch, als Sinnbild seines Gemüts, das sich mit ihm in unbestimmbare Stufen veredelt. Wer also zur  Kenntnis der Natur gelangen will, über seinen sittlichen Sinn. . .  Sittliches Handeln ist jener große und einzige Versuch,  in welchem alle Rätsel der mannig­faltigsten Erscheinungen sich lösen”(90).

In der älteren Novalisliteratur wurden die Ansichten des “ernsten Mannes” auf Fichte bezogen. In Wahrheit entsprechen sie Novalis eigensten Gedanken, in der Gegenposition gegen Fichte, und wir finden unter dem Stichwort “Ansicht der Welt durch den Moralsinn” im “Allgemeinen Brouillon” eine Weiterführung dieser Gedanken unter ganz verschiedenen Aspekten (III 447). Diese Zusammenhänge werden in der neueren Novalisliteratur inzwischen auch so gesehen.

Novalis selbst mischt sich also hier in das Gespräch als kompetenter Naturwissenschaftler ein. Seine Voraussetzungen sind allerdings gänzlich andere als die seiner Zunftgenossen, die in der Natur nur eine Feindin, “eine furchtbare Mühle des Todes” sehen. Er verweist mit Entschiedenheit auf den Mißbrauch der Vernunft in der neuzeitlichen Wissenschaft. Für diese ist die Vernunft nur noch ein Mittel unendlicher Zergliederungen und ein Instrument der Herrschaft und Machtausübung. Sie sieht in der Vernunft nicht mehr den “Sinn der Welt”, das Bild des Göttlichen. Das aber bedeutet, daß sie ihre allerersten Voraussetzungen nicht mehr begreift, sich selbst und ihr Handeln verkennt. Wer zur wirklichen Kenntnis der Natur wieder gelangen will, so betont Novalis, muß den “sittlichen Sinn” üben. Diese Übung hat allerdings zur Voraussetzung den Glauben an den göttlichen Geist der Natur und die Liebe zur Natur. Glauben und Liebe sind aber die Kräfte, die in der Schule zu Sais wirken. Die einleitenden Aphorismen in Novalis‘ Staatsschrift, die diesen Titel trägt, könnten auch als Inschrift über der Schule zu Sais gedacht werden. Glauben und Liebe sind für Novalis das universale Prinzip des echten Verstehens.

So tritt auch unmittelbar nach der Rede des “ernsten Mannes” der Lehrling wieder auf. Der “ernste Mann” hat die Grenzen der sich allmächtig dünkenden Wissenschaft aufgezeigt, nun wird der eigentliche Sinn der Schule zu Sais offenbar. Zwei Welten treffen hier aufeinander, die gleichnishaft für einen je ganz anderen Zugang zur Natur stehen. Durch die Rede des “ernsten Mannes” ist schon deutlich geworden, daß der zerstörerisch denkenden Wissenschaft etwas Wesentliches fehlt: der Glaube.

Kurz, aber deutlich äußert sich Novalis dazu in seinen philosophischen Studien aus dem Frühsommer 1796: “Wissenschaft ist nur Eine Hälfte. Glauben ist die Andre”(II 257). Im “Allgemeinen Brouillon” hat er diesen Gedanken dann weitergeführt und begründet. Doch hier soll der Weg des Lehrlings weiter verfolgt werden. “Mit Bangigkeit” hatte der Lehrling die sich “kreuzenden Stimmen” des Dialogs verfolgt. Jede schien ihm “Recht zu haben”,  denn jeder der Sprecher argumentierte ja innerhalb seines Systems und seiner Voraussetzungen absolut folgerichtig. Deshalb ist der Lehrling auch “sonderbar verwirrt.”

Doch “allmählich legt sich der innere Aufruhr, und über die dunkeln sich aneinander brechenden Wogen scheint ein Geist des Friedens heraufzuschweben, dessen Ankunft sich durch neuen Mut und überschauende Heiterkeit in der Seele des Jünglings ankündigt” (I 91).  Der Lehrling war konfrontiert mit einer ihm zutiefst fremden, naturfeindlichen Gesinnung. Doch sind die Kräfte seiner Seele stärker. Er hat den Mut, im “Geist des Friedens” den besseren Weg zu erkennen. Dennoch bleibt er in tiefer Nachdenklichkeit versunken. Er sieht zwar an seiner tiefen Verwirrung, daß bei aller scheinbaren Richtigkeit der vorgebrachten Meinungen, das Ganze nicht stimmen kann, doch sieht er noch nicht,  wie er sich aus diesem  Labyrinth der vorgetragenen Meinungen befreien könnte.

Da reißt ihn “ein munterer Geselle” aus seinen Grübeleien und belehrt ihn, daß er im Nachsinnen über alles, was er gehört hat, zu keiner Lösung kommen werde. “Du bist auf ganz verkehrtem Wege. So wirst du keine Fortschritte machen.” Der Geist der Natur verschließt sich dem, der sich ihr nicht mit allen Sinnen öffnet. Wie eine “unsichtbare Geliebte” umgibt er dich, so ruft er ihm zu. “Du hast noch nicht geliebt”, die Liebe würde deine Sinne öffnen. Und, um ihn ins Rechte zu führen, erzählt er ihm ein Märchen.

Das Märchen ist, bei allem Ernst, von einer wunderbaren, kindlichen Heiterkeit. Eigentlich müßte man es einfach vorlesen. Doch setze ich voraus, daß es hier bekannt ist, und so folge ich nur den Grundzügen dieses Märchens, das der Schlüssel zu diesem Roman ist.

Der bildhübsche Knabe Hyazinth liebt das ebenso schöne Mädchen Rosenblüt zum Entzücken aller Blumen und Tiere. Doch eines Tages kommt ein Mann “aus fremden Landen” und Hyazinth lauscht gebannt seinen Erzählungen und folgt ihm auf geheimnisvollen Wegen in die Tiefen der Erde. Der Fremde hinterläßt ein rätselhaftes Buch und fortan ist Hyazinth wie verwandelt. Mürrisch zieht er sich in die Einsamkeit zurück, bis eines Tages “die alte wunderliche Frau im Walde” ihm sagt, wie er gesund werden könnte. Das Buch des Fremden hat sie ins Feuer geworfen und schickt ihn in die Welt hinaus. Wohin er soll, weiß er nicht und weiß es doch. Es drängt ihn fort, die “alten Zeiten” muß er suchen gehen, er muß dahin, wo die “Mutter der Dinge wohnt, die verschleierte Jungfrau.”  Überall fragt er nach der Göttin, nirgends in den rauhen wilden Ländern, die er durchwandert, erhält er Bescheid. Doch schließlich “wie er wandelte, so veränderte sich auch sein Gemüt . . . er wurde sanfter und das gewaltige Treiben in ihm allgemach zu einem leisen aber starken Zuge, in den sich sein ganzes Gemüt auflöste.” Nun wird auch die Gegend lieblicher. Eines Tages begegnet er “einem kristallnen Quell und einer Menge Blumen”   –   plötzlich vermag er ihre Sprache zu verstehen und sie weisen ihm den Weg zu der gesuchten Wohnung. Unter himmlischen Wohlgerüchen entschlummert er   –   und hier gibt das Märchen ausdrücklich einen Grund an, weil nämlich “nur der Traum in das Allerheiligste führen durfte”. Er hebt den Schleier in dieser zwar nie gesehenen, ihm doch so bekannt dünkenden Herrlichkeit, und  “Rosenblütchen sank in seine Arme”.  Er ist zu Hause   –   alles Fremde ist gebannt. Der Schlußsatz lautet dann: “Hyazinth lebte nachher noch lange mit Rosenblütchen unter seinen frohen Eltern und Gespielen, und unzählige Enkel dankten der alten wunderlichen Frau für ihren Rat und ihr Feuer; denn damals bekamen die Menschen so viel Kinder, als sie wollten”.  –

Das ist ein Bild der Harmonie der “goldnen Zeit”. Der nächste Satz, der sich an das Märchen anschließt lautet dann: “Die Lehrlinge umarmten sich und gingen fort.” Kein Wort mehr also von dem leidenden Jüngling. Vielmehr wird deutlich, daß nicht nur er allein, sondern alle Lehrlinge der Märchenerzählung zuhörten, und mit ihnen natürlich auch der Leser.

Gleichnishaft erzählt das Märchen in seiner Sprache nochmals die Geschichte der Menschen und ihrer Naturerfahrung, so wie Novalis sie im zweiten Kapitel entworfen hat. Die kindliche Liebe zwischen Hyazinth und Rosenblüt steht für die ältesten Zeiten, in denen liebend alle eine Sprache sprachen. Der fremde Mann und sein rätselhaftes Buch, das niemand versteht, deutet auf all die Irrwege der Naturentfremdung, den Verlust der gemeinsamen Sprache und die Feindseligkeiten im Umgang mit der Natur, deren Zeuge der Lehrling in den Gesprächen über die Natur  war. Hyazinth wird krank, so wie der Lehrling trübselig und verwirrt ist, und wie die Menschen krank genannt werden, die “die zerstreuten Farben ihres Geistes” nicht mehr zu mischen und nach Belieben den “alten einfachen Naturstand” herzustellen vermögen, und so auch ihr Inneres in mannigfaltige Kräfte gespaltet bleibt (82 f). Erst nachdem die weise Frau das Buch ins Feuer warf und Hyazinth sich auf den Weg durch die Fremde macht,  beginnt seine Heilung. Seine Weltenwanderung ist ein Prozeß der Selbstfindung, der sich in der Erfahrung der Liebe vollendet. In der Liebe begegnet er dem innersten, besten Kern seiner selbst, die Liebe ist das vollkommenste Gleichnis der Harmonie. Die Übereinstimmung mit dem geliebten Du ist Symbol der Übereinstimmung des Menschen mit seiner eigensten ursprünglichen Natur und durch sie mit der Welt. Deutlich spricht diese Idee der vierte Aphorismus der Vorrede in ,,Glauben und Liebe” aus: ,,Was man liebt, findet man überall, und sieht überall Ähnlichkeiten. Je größer die Liebe, desto weiter und mannigfaltiger diese ähnliche Welt. Meine Geliebte ist die Abbreviatur des Universums, das Universum die Elongatur meiner Geliebten” (II 485).

Diese Erkenntnis hat der Lehrling hier im Roman durch die Erzählung des Märchens gewonnen; er hat den rechten Weg aus dem Labyrinth der Verirrungen gefunden. Erst im Märchen zeigte sich ihm die Lösung aller Rätsel und die Erlösung von allen Leiden. Nun kann er den Weg zur  Natur im rechten Sinne gehen.

So bildet das Märchen Höhe- und Wendepunkt des Romans. Die dem Märchen folgenden Gespräche sind in einem ganz neuen Ton gehalten: das Märchen hat den einzig wahren Weg gewiesen, daß die Natur nur aus dem Geist der Liebe verstanden werden kann. Erstmals spricht nun auch die Natur selbst in den “tausendfaltigen Naturen”, die in den Sälen zu Sais versammelt sind. Zwar waren die Lehrlinge und ihr Lehrer, durch ihre Sehnsucht geführt, schon auf dem richtigen Weg, um durch die mannigfaltigsten Naturerscheinungen das Geheimnis der ursprünglichen Sprache zu entziffern, aber das Geheimnis selbst konnten sie in Worte noch nicht fassen. Nun, wo es offenbar ist, können auch die “Naturen” sich wieder verständlich machen, die Menschen, die im rechten Geist stehen, hören auf sie und folgen ihnen.

Jetzt beginnt ein vielstimmiges Naturgespräch: “Ihre inneren Kräfte spielten gegen einander. Sie strebten in die Freiheit, in ihre alten Verhältnisse zurück. Wenige standen auf ihrem eigentlichen Platze . . . die übrigen klagten: ‚oh! daß der Mensch die innre Musik der Natur verstände und einen Sinn für äußre Harmonie hätte. Aber er weiß ja kaum, daß wir zusammengehören, und keins ohne das andre bestehen kann. Er kann nichts liegen lassen, tyrannisch trennt er uns . . . wie glücklich könnte er sein, wenn er mit uns freundlich umginge, und auch in unsern Bund träte, wie ehemals in der goldnen Zeit. . . In jener Zeit verstand er uns, wie wir ihn verstanden. Seine Begierde, Gott zu werden, hat ihn von uns getrennt.  . . ” 

Die Gespräche, die am nächsten Tag in der Schule zu Sais beginnen, sind wie ein Echo auf diese “Naturstimmen”.  Das Märchen hat am Beispiel des Lebensweges von Hyazinth gleichnishaft den Weg gewiesen. Die Natur erscheint in einem neuen Licht,  die mannigfaltigen bunten Brechungen der Farben fügen sich wieder in einem Sinn zusammen.

Wer nun spricht, ist ein wahrhaft Suchender und sehnt sich, wie Hyazinth, nach Heilung und freundlicher Versöhnung mit der Natur. In einer solchen Gesprächsrunde hat dann auch der Dichter Stimmrecht: “Nur die Dichter haben gefühlt, was die Natur den Menschen sein kann”, sagt ein schöner Jüngling. Er nur hat das tiefer sehende Auge, das die wunderbare Sympathie aller Erscheinungen mit dem menschlichen Herzen wahrnimmt. Ihre bildliche Sprache hält man für eine Übertreibung, aber sie sind es, die in dieser Sprache den Zauber der Natursprache ahnen.

Manch andere noch tragen zu diesem Gespräch bei. Doch am Schluß hat wieder der Dichter das Wort: Sie allein verstehen, daß die Erscheinungen der Natur “nur ein Geheimnis der Liebenden, Mysterien der höheren Menschheit sein sollten.” Nochmals klingt in seiner Rede das “Geheimnis des liebenden Wiedersehens”  zwischen Hyazinth und Rosenblüt an:  “Man kann nicht heimlich genug mit der Natur umgehen, nicht zart genug von ihr reden, nicht ungestört und aufmerksam genug sie beschauen.”  Der Dichter fühlt “sich in ihr wie am Busen einer züchtigen Braut und vertraut auch nur dieser seine erlangten  Einsichten . . . Glücklich dieser Liebling der Natur, dem sie gestattet sie in ihrer Zweiheit und in ihrer Einheit zu betrachten” (105 f). . .

Der Roman, in dessen Mittelpunkt die “höchste poetische Form”, ein Märchen, steht, ist ja das Werk eines Dichters und alle wahren Einsichten über die Natur werden ihm in den Mund gelegt. So gibt Novalis in den  “Lehrlingen zu Sais” eine Antwort auf das durch die Aufklärung bestimmte Denken nicht nur seiner Zeit, und zeigt die Folgen einer Wissenschaft, die ohne Liebe denkt. Die “Poetisierung der Wissenschaft” ist keine weltflüchtige, “romantische” Idee, sondern prophetischer Entwurf für ein Denken, das die Welt aus ihren selbstzerstörerischen Tendenzen befreien könnte. Das Märchen setzt den Glauben an die ursprüngliche Vollkommenheit der Welt voraus, und stellt sie, im Augenblick des Hörens, wieder her. So könnte von ihm der Heilungsprozeß ausgehen,  so wie es Novalis am Beispiel von Hyazinth zeigte. Doch die Frage ist, ob die “Lehrlinge zu Sais”  überhaupt gelesen werden. Darauf lasse ich einen großen Verehrer von Novalis, nämlich E.T.A. Hoffmann, antworten. In seiner kleinen, köstlichen Geschichte mit dem Titel “Der Musikfeind” wird ein Knabe geschildert  –  Hoffmann denkt wohl an sich selbst  –  der wegen seines feinen musikalischen Gehörs bei den üblichen Musikveranstaltungen davonläuft und deshalb für roh und unmusikalisch gehalten wird. Nur seine Tante und der bedeutende Musiker Kreisler glauben fest an sein Talent. Folgendermaßen endet diese Geschichte: 

Neulich sagte Kreisler, als ich ihm meine musikalische Unbeholfenheit klagte, ich sei mit jenem Lehrling in dem Tempel zu Sais zu vergleichen, der, ungeschickt scheinend, im Vergleich der andern Schüler, doch den wunderbaren Stein fand, den die andern mit allem Fleiß vergeblich suchten. Ich verstand ihn nicht, weil ich Novalis‘ Schriften nicht gelesen, auf die er mich verwies. Ich habe heute in die Leihbibliothek geschickt, werde das Buch aber wohl nicht erhalten, da es herrlich sein soll, und also stark gelesen wird.  –   Doch nein; eben erhalte ich wirklich Novalis‘ Schriften,  zwei Bändchen, und der Bibliothekar läßt mir sagen, mit dergleichen könne er immer aufwarten, da es stets zu Hause sei; nur habe er den Novalis nicht gleich finden können, da er ihn ganz und gar als ein Buch, nach dem niemals gefragt würde,  zurückgestellt.  –  Nun will ich doch gleich sehen, was es mit den Lehrlingen zu Sais für eine Bewandtnis hat.

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