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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 7
(2006), Heft 2
Bernhard Jussen: Die Macht des Königs. Herrschaft in Europa vom Frühmittelalter bis in die Neuzeit, C. H. Beck Verlag, München 2005, 478 S., 22. Abb., ISBN 3-406-53230-6, 38 €
26 Aufsätze, vereint in dem Beckschen Band „Die Macht des Königs“ sollen summarisch Auskunft erteilen, welche Facetten königliche Macht zu schleifen weiß. Aufgefächert liegen somit die Jahrhunderte vor dem Leser: die Endzeit des weströmischen Imperiums, der Beginn Merowingischer Herrschaft, das Königtum der Karolinger, die Ottonen, Herrschertum im östlichen Europa, in Byzanz.... bis hin zu der Epoche königlicher Ambitionen der Großherzöge Philipp und Karl von Burgund und schließlich der Prunkbauten-verstiegenen und doch historienbedachten Politik des Barock, zuletzt das europäische Phänomen der konstitutionellen Monarchie.

Daß Ludwig XIV., hierbei als Souverän entlarvt wird, der letztendlich nicht absolut war, paßt genau in das Konzept, denn bei aller chronologischen Anordnung der Themen sucht der Herausgeber durch deren Vielfalt das geneigte Publikum wenn nicht zu verblüffen, so doch nachhaltig darauf aufmerksam zu machen, daß bei dieser Materie die beeindruckende Vielfalt „res mutandas“ schafft, und keine Aussicht auf einen Stillstand in diesem besonderen Zweig der Geschichtsbetrachtung jemals auch nur in Aussicht gestellt werden kann.
Und so wissen die Autoren vom Entstehen und vom Untergang politischer Welten zu berichten, von königlicher Selbstdarstellung genauso wie von Verunglimpfung des Monarchen in Nachfolgejahrhunderten, dem Drang der Chronisten, „Wirklichkeiten“ zu formen, um so dem politischen Ritual zur Entfaltung zu verhelfen; sie betrachten die Verquickung von Königtum und Wirtschaft, das politisch-diplomatische Unverständnis der fränkischen Könige gegenüber Normannen und Dänen, analysieren Kaiserkrönungen und Reiseherrschaft, das ewige Spannungsfeld Papst– und Kaisertum, das nunmehr erkannt wird als unausweichlich und ohne Hoffnung auf eine Lösung; das Buch – eine Kompilation unzähliger Gedanken über königliches Wirken in der Geschichte und seine Wirkung auf diese.
Wie der Herausgeber Bernhard Jussen freimütig bekennt, befinden sich die Autoren dieses Sammelwerkes in großer Gesellschaft, denn die letzten Jahrzehnte sind gekennzeichnet durch ein Aufblühen „unablässig königtumszentrierter Forschung“; er definiert das Besondere seines Buches jedoch in dessen Versuch, die gravierenden Änderungen, die dieser Zweig der Geschichtswissenschaft durchlaufen hat, aufzuzeigen oder vielmehr den Leser auf diese aufmerksam zu machen; auch geht es ihm nicht so sehr um die Menschen, sondern um die Strukturen, die „Strategien und rituelle(n) Praktiken [...], symbolische(n) Repräsentationen, semantische(n) Arsenale und Diskurse.“ Diese veränderte Geschichtsbetrachtung fordert dementsprechend eine „radikal veränderte Darstellungsweise“.
Jussen hat sich konsequent dieser Anforderung gestellt – nicht nur, daß er ein Sammelwerk herausgibt, anstelle eines auf ein Thema, eine Epoche, einen Herrscher fixierten Oeuvres eines einzelnen Autors; er läßt vielmehr 25 Autoren die variabelsten Fäden und doch ein umfassendes, alles miteinander verknüpfendes Netzwerk historischer Betrachtung spinnen. Sämtliche Aufsätze entfalten sich ausgehend von einem Quellenzitat, bei dessen Analyse man den Verfasser auf den folgenden Seiten gleichsam beobachten kann.
Das lebendig Überblickhafte, Organische, das der Herausgeber anstrebt, straft jedoch die bisweilen verstiegen anmutende Diktion einzelner Aufsätze Lügen. Da nützt es auch nichts, die Länge der Beiträge auf 20 Seiten jeweils zu reduzieren, denn es ist das angewandte Wort, das einen Aufsatz lang oder kurz erscheinen läßt, nicht die Anzahl der Zeichen. Trotz aller Erkenntnis, daß sich der Blickwinkel, aus dem der moderne Mensch die Welt erfaßt und betrachtet, geändert hat, zieht die sprachliche Realisation bei diesem Vorhaben nicht gleich; noch immer fügt sich die Wissenschaft den längst überkommenen Ansprüchen eines Publikums, das anscheinend bestimmte Themen in einem bestimmten Tonfall erwartet. Nichts für ungut jedoch – Themenvielfalt, Anmerkungsapparat und Literaturverzeichnis zeichnen „Die Macht des Königs“ als ein bemerkenswertes Werk aus – wenn auch nur für das Fachpublikum.
Tanja von Werner