Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 7 (2006), Heft 3


 

Die „International Conference on Global Ethics“ (Gent/Belgien, 27.-29. April 2006)

Ein Tagungsbericht

von Josef Bordat

Vom 27. bis 29. April 2006 fand an der Universität Gent/Belgien eine Tagung zu „Global Ethics“ statt, ein Thema, das für ein Gelingen der Globalisierung, d. h. für eine gelungene „Transformation der Kultur“ von größter Bedeutung ist. Globale Ethik bzw. Ethiken zu kennen und ihre Rechtfertigungsmodelle nachzuvollziehen macht es möglich, die unterschiedlichen Ansätze zu beurteilen und rational begründete von unbegründeten Moralvorstellungen zu trennen. Dazu sind die Ansätze zunächst hinreichend zu untersuchen und geeignete Evaluationsmethoden zu entwickeln. Deshalb lautete der vollständige Titel der Tagung: „What is Global Ethics and how to research it?“

In der Tat eine große Frage, die das gastgebende Center for Ethics & Value Inquiry (CEVI) von der Universität Gent den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus den USA, Australien und Europa vorgelegt hatte. Um Antworten bemühten sich neben einigen Nachwuchsphilosophen, -soziologen, -ethnologen und -theologen auch namhafte Forscherinnen und Forscher wie Christien van den Anker (University of the West of Engeland), Rebecca Todd Peters (Elon University North Carolina), Ronald Commers (Center for Ethics and Value Inquiry CEVI, Ghent University) und Edward Spence (Centre for Applied Philosophy and Public Ethics CAPPE, Canberra), um nur einige wenige zu nennen.

Es zeichnete sich ab, dass das Thema nicht nur hinsichtlich der Methoden disziplinspezifisch behandelt wird, sondern auch unter verschiedenen erkenntnisleitenden Fragestellungen, ohne Chance auf Einigung. Doch das war ja durchaus so vorgesehen: „The aim of the conference is to create a forum where various approaches and issues in researching Global Ethics are discussed.“[1] Insoweit ist Zeit und Raum gewesen für universalistische und relativistische, empirische und analytische, feministische, institutionalistische, christliche und jüdische Ansätze, für die Goldene Regel und das positive Recht, für Konfuzius und Martin Buber, für Peter Singer und Jürgen Habermas, für Rawls und Kant.

Was genau diskutiert wurde, lässt sich wie folgt zusammenfassen:

Zum einen wurde häufig gefragt, was denn der Unterschied von globaler zu „regionaler“ bzw. „lokaler“ Ethik sei. Es gibt – darin bestand Einvernehmen – kulturell geprägte Regionalethiken, die sich durchaus grundlegend widersprechen (bekannt ist der Gegensatz von angelsächsischem Utilitarismus und der deontologischen Gesinnungsethik kontinentaler, genauer: kantischer Provenienz). Wie sich die Sicht auf das Handeln und dessen Beurteilung (nach Intention bzw. Motiv oder nach der Folge) in der „globalen Ethik“ vereinheitlichen lassen könnte, ist dagegen nicht klar. Ich sehe hier wegen des grundsätzlich unterschiedlichen Zugangs große Schwierigkeiten. Problematische Konsequenzen dieser kulturell-historischen Differenz finden sich nicht nur im Menschen- und Weltbild wieder (man denke an die Bioethikdebatte, in der angelsächsische Ethiker die Frage nach dem Mensch-Sein und dessen Beginn viel pragmatischer beantworten als ihre kontinentaleuropäischen Kollegen), sondern auch in den unterschiedlichen Rechtssystemen, die ja auf unterschiedlichen (Rechts-)Ethiken beruhen. Ganz praktische Probleme ergeben sich etwa beim IStGH, den die USA u.a. auch deshalb ablehnen, weil das Verfahren nach dem Römischen Statut der anglo-amerikanischen Jurisprudenz fremd ist (keine Geschworenen-Jury, kein Kreuzverhör, etc.).

Dann wurde besprochen, wie sich die politischen, sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen der Globalisierung und ein globaler Ethikansatz wechselseitig bedingen. Braucht es eine Ethik unter den Bedingungen der Globalisierung (oder besser: eine Ethik der Globalisierung) statt eine globale Ethik? Was nach Begriffsklauberei klingt, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als entscheidende Frage nach Ursache und Wirkung im Verhältnis von Globalisierung und Ethik. Was bestimmt und beeinflusst was? Die Globalisierung (als „unabänderliches Naturphänomen“) die Ethik (das wäre eine neokonservativ-marktliberale Sicht) oder umgekehrt die Ethik die Art und Weise der Globalisierung (das wäre eine globalisierungskritische Sicht, die sich von der Ethik Regulative erhofft, welche uns die Globalisierung „besser“, also humaner, fairer, etc. gestalten lässt).

Ferner wurde die Vereinbarkeit ethischer Ansätze unterschiedlicher religiöser und kultureller Hintergründe thematisiert. Zum einen wurden Methoden eines Diskurses angeführt, um zu einer einheitlichen Sicht zu gelangen, zumindest prinzipiell (Universalismus), also es wurde etwa auf die weltweit bekannte Goldene Regel verwiesen und weitere Ansätze des Dialogs in Anerkennung des Anderen (des „Du“, um mit Buber zu sprechen) genannt, zum anderen wurde dieser Dialog-Möglichkeit grundsätzlich jede Realisierungschance abgesprochen (Relativismus). Diese Debatte war erwartungsgemäß sehr heterogen. Die Frage, welche Bedeutung die Religion hat, zeichnete sich rasch als Schlüsselfrage ab. Während einige (etwa Carol Gold) eine Bedeutung negierten bzw. Religion als Teil der Lösung (dass Religion bzw. deren Missbrauch Teil des Problems ist, scheint unbestritten) gänzlich ablehnen, verwiesen andere auf die faktisch große Bedeutung der Religion. Todd-Peters sprach davon, dass etwa 85% aller Menschen auf die eine oder andere Weise religiös sind. Insoweit kann man Religion nicht ausblenden, man muss sie in den Diskurs einbringen und „mitnehmen“. Am besten gelingt dies meiner Ansicht nach durch säkularisierbare und vernünftige Formeln, die zugleich religiös und religionsübergreifend sind, also etwa die Goldene Regel.

Insgesamt hat der Kongress den Teilnehmerinnen und Teilnehmern eine Erweiterung des häufig sehr engen methodischen Blickfelds ermöglicht und gezeigt, dass die disparaten inhaltlichen Ansätze nur schwerlich miteinander vereinbar sind. Der Kongress, zu dem ebenfalls Menschen aus verschiedenen kulturellen Kontexten gekommen waren, stellte auf diese Weise eine Autoapplikation des Themas dar. So wurde leidenschaftliche für die eigene Position gestritten, ohne – und das kann Leitbild sein für den globalen Dialog auf allen Ebenen – die Meinung des Anderen nicht schon abzulehnen, weil sie nicht die eigene ist, sondern sie mit rationalen Gründen zu widerlegen versuchen. Es zeigte sich, wie wichtig die argumentative und friedliche Form des Diskurses ist und wie wichtig dabei die allgemeine Atmosphäre ist. In Gent war sie gut.

[1] http://www.cevi-globalethics.be/page.php?LAN=E&FILE=subject&ID=265&PAGE=1

Diesen Artikel als PDF-Datei herunterladen

[Zurück zur Startseite]